(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XV 1929 Heft 1"

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




TTTrnrrrvTFvm 



INTERNATIONALE 
ZEITSCHRIFT FÜR 
PSYCHOANALYSE 

XV. BAND 
1929 



Internationale Zeitschrift 
für Psychoanalyse 

Offizielles Organ der 

Internationalen Psydioanalytisdien Vereinigung 

Herausgegeben von 

Sigm. Freud 



Unter Mitwirkung von 
Girindrashekhar Böse A. A. Brill Paul Federn Ernest Jones J. W. Kannabidi 

Kalkutta New York Wien London Moskau 

Rene Laforgue J. H. W. van Ophuijsen Philipp Sarasin Ernst Simmel 

Paris Haag Basel Berlin 

redigiert von 

M. Eitingon S. Ferenczi Sändor Radö 

Berlin Budapest Berlin 



XV. Band 
1929 



Internationaler Psychoanalytisdier Verlag 

Leipzig / Wien / Zürich 



ALLE RECHTE VORBEHALTEN 



COPYRIGHT 1929 BY „INTERNATIONALER 
PSYCHOANALYTISCHER VERLAG, GES. M. B. H.", WIEN 



Drude: Elbemühl, Wien, IIL, Rüdengasse 11 






1— WHMW 




Internationale Zeitschrift 
für Psychoanalyse 

Herausgegeben von Sigm. Freud 
XV. Band 1929 Heft 1 



Ein Nachtrag zu Freuds „Gesdiidite einer 
infantilen Neurose" 

Von 

Ruth Mack Brunswick 

New York 

Gegenwärtiger Erkrankungszustand 

Im Oktober 1926 suchte der Patient, den wir aus der „Geschichte 
einer infantilen Neurose"' als „ Wolfsmann" kennen gelernt haben, Professor 
Freud wieder auf. Er hatte Freud seit der Beendigung seiner zweiten 
Analyse im Jahre 1920 von Zeit zu Zeit aufgesucht. Gewisse Umstände, 
die ich nun kurz berichten will, hatten in die Lebensweise des Wolfsmannes 
schwerwiegende Veränderungen gebracht. Der frühere Millionär verdiente 
jetzt kaum den Lebensunterhalt für sich und seine kränkliche Frau. Trotz- 
dem war es ihm bis zum Sommer 1926 leidlich gegangen. Zu dieser Zeit 
traten aber Symptome auf, die ihn bewogen, Freud zu konsultieren. 
Damals wurde ihm vorgeschlagen, zu mir zu kommen, wenn er sich 
analysebedürftig fühle. So erschien er zu Beginn des Oktobers I926 in 
meiner Ordination. 

Er litt an einer hypochondrischen Wahnidee. Er beklagte sich, daß er 
das Opfer einer durch Elektrolyse hervorgerufenen Entstellung der Nase 
geworden sei; die Behandlung war gegen verstopfte Talgdrüsen der Nase 
angewendet worden. Nach seinen Angaben zeigte sich diese Entstellung 

1) Gesammelte Schriften, Band VIII. Die erste Behandlung durch Freud endete 
einige Wochen vor Ausbruch des Weltkrieges mit der Rückkehr des „Wolfsmannes" 
m seine Heimat. Ende 1919 kam er wieder nach Wien, wo er bei Freud eine neuer- 
liche Analyse von einigen Monaten durchmachte. 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XV/i , 



als Narbe, Loch oder Vertiefung in dem Narbengewebe. Die Form der 
Nase war verdorben. Ich möchte gleich bemerken, daß überhaupt nichts 
an der schmalen, echt russischen Stumpfnase des Patienten zu sehen war. 
Obwohl der Patient von der Auffälligkeit der Entstellung überzeugt war, 
hatte er doch Einsicht genug, seine psychische Reaktion für abnorm zu 
halten. Darum hatte er, nachdem alle dermatologischen Hilfsmöglichkeiten 
erschöpft waren, Freud aufgesucht. Wenn schon für seine Nase nichts 
getan werden könne, so müsse wenigstens etwas für seinen Seelenzustand 
geschehen, gleichgültig, ob die Ursache eine reale oder eingebildete sei. 
Zuerst schien es, als ob diese verständige und logische Äußerung den aus 
der früheren Analyse gewonnenen Einsichten zu verdanken sei. Doch 
zeigte sich später, daß diese Einsicht nur zum Teil das Motiv der gegen- 
wärtigen Analyse bildete. Andererseits wiederum lag in dieser Einsicht 
zweifellos das Atypische an dem Fall; ansonsten hätte er sich gewiß der 
Analyse unzugänglich erwiesen. 

Er war in größter Verzweiflung. Da man ihm gesagt hatte, daß nichts 
für seine Nase getan werden könne, weil nichts an der Nase vorliege, 
fühlte er sich außerstande, in so einem verstümmelten Zustande, wie er es 
nannte, weiterzuleben. Er brachte wieder die Klage vor, die er schon in 
allen seinen früheren Krankheitszuständen ausgesprochen hatte: als Kind, 
wenn er seine Hosen beschmutzte und glaubte, an Dysenterie zu leiden, 
als junger Mann, als er eine Gonorrhöe akquiriert hatte, und schließlich 
in vielen Situationen seiner Analyse bei Freud. Diese Klage, die den 
Kern seiner pathologischen Mutteridentifizierung enthielt, lautete: „So kann 
ich nicht mehr leben." Der „Schleier" seiner früheren Krankheit um- 
hüllte ihn jetzt gänzlich. Er vernachlässigte seine täglichen Beschäftigungen 
und seine Arbeit, weil ihn ausschließlich der Zustand seiner Nase in 
Anspruch nahm. Auf der Straße beschaute er sich in jeder Auslage; er 
trug einen Taschenspiegel bei sich, den er alle paar Minuten hervorzog, 
um sich darin zu betrachten. Er mußte die Nase pudern, einen Augenblick 
später aber sie wieder genau ansehen und dazu den Puder entfernen. Dann 
mußte er die Poren untersuchen, um zu sehen, ob sie sich erweitert 
hätten, um das vermeintliche Loch in seiner Nase im maximal erweiterten 
Zustand zu erwischen. Dann mußte er wieder seine Nase pudern, den 
Spiegel weglegen und einen Moment später begann der ganze Vorgang von 
neuem. Der kleine Spiegel in seiner Tasche bildete den Mittelpunkt seines 
Lebensinhakes und sein Schicksal hing davon ab, was er ihm zeigen 

werde. 

Das Mädchen, das ihm in meiner Wohnung die Türe öffnete, fürchtete 
sich vor ihm, weil er immer, wie sie sagte, wie ein Verrückter an ihr 



wnmmm 



Ein Nachtrag zu Freuds „Gesdiichte einer infantilen Neurose" 3 

vorbei zum langen Spiegel in dem schlecht beleuchteten Vorraum stürzte. 
Er setzte sich nie nieder und wartete nicht, wie die anderen Patienten, 
bis er zur Behandlung geholt wurde; er ging ununterbrochen im Meinen 
Vorraum auf und ab, nahm seinen Spiegel heraus und studierte seine 
Nase bald in dieser, bald in jener Beleuchtung. In diesem Zustand begann 
der Patient bei mir die Analyse. 

Ich möchte den Leser ersuchen, seine Erinnerung aufzufrischen und 
die Geschichte des Patienten, die Freud unter dem Titel „Aus der 
Geschichte einer infantilen Neurose" publizierte, wieder zu lesen. In der 
Freud sehen Analyse kam das ganze infantile Material zum Vorschein, 
in meiner Analyse kam nichts Neues hinzu. Die Quelle der neuen Er- 
krankung bildete ein ungelöster Übertragungsrest, der nach vierzehn 
Jahren unter dem Druck besonderer Umstände die Basis für eine neue 
Erkrankung abgab. 

II 

Die Vorgänge in den Jahren I920 bis I923 

Bevor ich eine genaue Beschreibung der neuerlichen Erkrankung und 
Behandlung gebe, müssen gewisse Details aus dem Leben des Patienten 
während und nach seiner Analyse bei Freud berichtet werden. 

Es sei daran erinnert, daß der Wolfsmann sehr reich war und daß er 
sein Vermögen vom Vater geerbt hatte; dieser starb, als der Patient 21 Jahre 
alt war, zwei Jahre nach seiner gonorrhoischen Infektion und zwei Jahre 
vor der Analyse bei Freud. Es sei ferner daran erinnert, daß der Patient in 
seiner Einstellung zum Gelde sehr neurotisch war. Er beschuldigte häufig 
und, wie er selbst zugab, ohne jede Berechtigung seine Mutter, daß sie ihn 
um seine Erbschaft betrüge. Er war protzig und sprach dem Geld eine 
ungebührliche Macht und Bedeutung zu. Sogar der Tod seiner Schwester 
war ihm willkommen, weil er durch ihn Universalerbe seines Vaters wurde. 
Er war außerordentlich verschwenderisch in seinen persönlichen Bedürfnissen, 
besonders in seiner Kleidung. 

Die russische Revolution und das bolschewistische Regime brachten 
eine umfassende Änderung. Der Wolfsmann und seine Familie verloren 
ihr ganzes mobiles Vermögen und ihren ganzen Grundbesitz. Der Patient 
machte sehr harte Zeilen mit, in denen er weder Geld noch Arbeit hatte. 
Schließlich fand er eine kleine Anstellung in Wien. 

Ende ig 19 war er von Rußland gekommen und war wieder zu Freud 
für wenige Monate Analyse zurückgekehrt, mit der Absicht, seine hysterische 
Obstipation aufzuklären, was auch gelang. Er meinte augenscheinlich, daß 



Ruth Madt Brunswidc 



ex imstande sein werde, für diese wenigen Monate Analyse zu bezahlen; 
niit was für Mitteln, ist allerdings schwer zu sagen. Jedenfalls war er 
schließlich dazu nicht in der Lage. ^ ■ ^^^A 

Nach Ablauf dieser Analyse hatte der Wolfsmann aber gar kern Geld 
und keine Arbeit; seine Frau war krank und er befand sich m einer 
verzweifelten Lage. Freud veranstaltete eine Geldsammlung für semen 
früheren Patienten, der der Theorie der Analyse so wertvolle Dienste ge- 
leistet hatte, und wiederholte diese Sammlung jedes Frühjahr durch sechs 
Jahre. Dieses Geld ermöglichte es dem Patienten, die Spitalsrechnungen 
seiner Frau zu bezahlen, seine Frau aufs Land zu schicken und sich selbst 
fallweise kurze Ferien zu gönnen., • „ „, . i 

Anfangs 1922 kam ein Bekannter des Patienten von Rußland nach 
Wien und brachte ihm, was vom Familienschmuck übriggeblieben war. 
Der Schmuck war angeblich Tausende von Dollars wert; aber als man 
.päter einmal versuchte, ihn zu verkaufen, zeigte es sich, daß sein Wert 
in paar hundert Dollar nicht überstieg. Der Patient sprach mit niemandem 
außer mit seiner Frau über den Schmuck; sie, nach Frauenart, riet ihm 
sofort Freud von dem Schmuck nichts zu erzählen, weil er, wie sie sagte, 
seinen Wert sicher überschätzen und sich dann weigern würde, weiterhin 
zu helfen. Das Halsband und die Ohrringe wären sein ganzes Kapital; 
wenn er gezwungen wäre, sie zu verkaufen und von diesem Geld zu leben, 
würde er dann gar keinen Rückhalt mehr haben. So hielt er den Besitz 
des Schmuckes vollkommen geheim. In seiner Angst, Freuds Hilfe zu 
verlieren, fiel es ihm gar nicht ein, daß Freud doch nie daran gedacht 
hätte, den Patienten sein kleines Kapital aufbrauchen zu lassen. Er befolgte 
den Rat seiner Frau, weil dieser, wie er zugab, auch seinem inneren 
Gefühl entsprach. Von diesem Zeitpunkt an erwartete er die Geldspende 
Freuds immer ungeduldiger. Er war immer neugierig, wie ho^h das 
nächste Geschenk sein werde, - der gesammelte Betrag wechselte jährlich. 
_ wie man es verwenden werde usw. Es entwickelte sich nun bei dem 
Patienten, der bis dahin zwanghaft ehrlich gewesen war, ein bemerkens- 
werter Mangel an Ehrlichkeit. Er begann Geldangelegenheiten vor semer 
Frau zu verheimlichen; in der Inflationsperiode spekulierte er, der immer 
so vorsichtig gewesen war, und verlor beträchtliche Beträge. In allen Geld- 
sachen zeigte sich bei ihm eine gewisse Unredlichkeit, die trotz seiner 
früheren neurotischen Einstellung zum Geld nie dagewesen war. 

Trotzdem befand sich der Patient ganz wohl. Der Mann, der einst mit 
seinem eigenen Arzt nach Wien gekommen und nicht einmal imstande 
gewesen war, sich selbst anzukleiden, bemühte sich nun redlich um jede 
irgend erreichbare Arbeit und erhielt, so gut er es konnte, seine kränkliche 



Ein Nachtrag zu Freuds „Gesdiidite einer infantilen Neurose" 



und vom Leben enttäuschte Frau. Seine Interessen und sein Ehrgeiz waren 
jetzt im Vergleich zu seiner Jugend beschränkt. Scheinbar bezahlte er 
damit für seine frühere Krankheit und Heilung. Trotzdem malte er weiter 
und im Sommer 1933 verfertigte er ein Selbstporträt; dabei mußte er 
viel Zeit damit zubringen, sich selbst im Spiegel anzuschauen. 

Im April 1922 wurde an Freud die erste kleine Mundoperation vor- 
genommen. Als der WoJfsmann ihn vor dem Sommer aufsuchte, um seine 
Unterstützung zu bekommen, erschrak er über Freuds Aussehen. Dennoch 
dachte er wenig darüber nach und ging auf Ferien. Am Land begann er 
beim Anblick obszöner Bilder zu masturbieren. Er übertrieb dies nicht 
und wurde durch das Auftreten dieses Symptoms nicht besonders gestört. 
Seine Frau war oft krank und dem Verkehr abgeneigt. Als er im Herbst 
nach Wien zurückkehrte, wurde Freud wieder operiert. Zu dieser Zeit 
war der Ernst seiner Erkrankung uns allen, auch dem Wolfsmann, bekannt. 



III 

Krankengesdiidite 

Ich will nun versuchen, die gegenwärtige Krankheitsgeschichte des 
Patienten mit seinen eigenen Worten so kurz als möglich wiederzugeben, 
wie er sie sofort nach Abschluß unserer Analyse im Februar 1927 für 
mich niedergeschrieben hatte. 

Im November 1923 kam die Mutter des Patienten aus Rußland. Als 
er sie am Bahnhof abholte, bemerkte er eine schwarze Warze auf ihrer 
Nase. Auf Befragen erzählte sie ihm, sie sei schon bei verschiedenen Ärzten 
gewesen ; die meisten hätten zur Entfernung der Warze geraten. Doch 
waren sich die Ärzte nicht klar über die Natur der Warze, da sie auf merk- 
würdige Art bisweilen verschwand und wiederkam. Manchmal war sie da 
und manchmal wieder nicht. Die Mutter hatte die Operation verweigert 
und war nun sehr froh über ihren Entschluß. Doch merkte der Patient, 
daß sie etwas hypochondrisch geworden war; so fürchtete sie sich vor 
Luftzug, Staub und Infektionen aller Art. 

Anfangs 1924 begann der Patient an seinen Zähnen zu leiden, die bis 
1931 tadellos gewesen waren. In diesem Jahre mußten ihm zum ersten- 
mal zwei Zähne entfernt werden. Nun wollte das Schicksal, daß der Zahn- 
arzt, der die Extraktion vornahm und der dem Patienten auch prophezeite, 
daß er alle Zähne verlieren werde, weil er so kräftig aufbeiße, Dr. Wolf 
hießr Wegen dieser Prophezeiung ging der Patient nicht mehr zu diesem 
Zahnarzt, sondern suchte eine Menge anderer Zahnärzte auf, war aber mit 



Ruth Mack Brunswick 



keinem vollkommen zufrieden. Einmal wurde er bei der Behandlung eines 
infizierten Wurzelkanals ohnmächtig. Von Zeit zu Zeit zeigten sich kleine 
Eiterbläschen an seinem Zahnfleisch. 

Gerade in dieser Zeit erfolgte eine Veränderung in dem Bureau, in dem 
der Patient arbeitete, durch die er seine bisherige unabhängige Stellung 
verlor und zu einem sehr rüden und uneinsichtigen Chef versetzt wurde. 

Das Hauptsymptom der Krankheit zeigte sich im Februar 1924, als der 
Patient begann, sich über seine Nase sonderbare Gedanken zu machen. 
Er war seit jeher mit seiner schmalen Stumpfnase unzufrieden gewesen; 
man hatte ihn auch in der Schule damit geneckt und „Mops" genannt. 
Im Pubertätsalter hatte ein Nasenkatarrh einen Ausschlag auf Nase und 
Oberlippe verursacht, der mit Salben behandelt werden mußte. Diese wurden 
von demselben Arzt verschrieben, der ihn dann bei einem anderen Katarrh, 
bei der Gonorrhöe, behandelte. Während seiner Analyse bei Freud 
stand der Patient wegen verstopfter Talgdrüsen in Behandlung eines be- 
kannten Wiener Dermatologen, Prof. X. Die Nase des Patienten war also 
schon immer Gegenstand seines Nachdenkens und seines Mißvergnügens 

gewesen. 

In den Jahren nach dem Krieg hatten die Anforderungen des täglichen 
Lebens ihn zu sehr beansprucht, um ihm zu erlauben, sich viel um sein 
Äußeres zu kümmern; ja, um diese Zeit war er sogar stolz auf seine Nase — 
wohl wegen des häufigen Kontakts mit Juden. Es fiel ihm immer ein, 
daß er besonders glücklich sei, eine Nase ohne jeden Schönheitsfehler zu 
besitzen. Manche Leute hätten Warzen, — seine eigene Frau hatte seit 
Jahren eine Warze auf der Nase, — andere Male oder Pusteln. Doch seine 
Gedanken gingen weiter. Wie schrecklich wäre es z.B., wenn er eine 
Warze auf der Nase hätte. 

Er fing nun an. seine Nase auf verstopfte Talgdrüsen hin zu unter- 
suchen, und brachte es ungefähr einen Monat später zustande, einige 
Nasenporen zu finden, die „wie kleine schwarze Punkte" (wahrscheinlich 
Mitesser) hervorstanden. Dies verursachte ihm ein gewisses Unbehagen, und 
er beschloß, wieder zu Prof. X. zu gehen, da er sich an dessen frühere 
erfolgreiche Behandlung erinnerte. Doch scheint dies mehr ein Gedanke 
als ein wirklicher Plan gewesen zu sein, denn der Patient traf keine 
Anstalt, wirklich hinzugehen. Im Mai kehrte die Mutter des Patienten 
nach Bußland zurück. Vierzehn Tage später bemerkte er ein kleines 
Wimmerl in der Mitte seiner Nase, das „sehr merkwürdig aussah und 
nicht verschwinden wollte". Das Wimmerl wurde hart und der Patient 
erinnerte sich, daß eine Tante eine ähnliche Affektion gehabt hatte, die 
nie vergangen war. 



Ein Naditrag zu Freuds „Gesdiidite einer infantilen Neurose" 



Die hysterische Ohstipation, die, wie erinnerlich, der Zwangsneurose 
vorgelagert war, trat wieder auf. Das Symptom war Gegenstand der vier- 
monatigen Analyse bei Freud von November 1919 bis zum Februar 1920 
gewesen. Mit Ausnahme von seltenen Anfällen während anderer Er- 
krankungen war der Patient sechs Jahre davon frei geblieben. Als die 
Obstipation wieder auftrat, verspürte er auch eine auffallende Müdigkeit, 
Er ging zur Krankenkasse und verlangte eine stärkende Bäderkur. Zu 
diesem Zweck mußte er sich von dem Kassenarzt untersuchen lassen, der 
Fichten nadelbäder und kalte Umschläge auf den Bauch verordnete. Gegen 
diese hatte der Patient Bedenken, da er sich ebenso wie seine Mutter vor 
Verkühlung fürchtete. Wie gewöhnlich, gingen seine Befürchtungen in 
Erfüllung: zu Pfingsten mußte er sich mit einer Influenza zu Bett legen. 
(Man wird bemerken, daß sich der Patient, der am Weihnachtstag geboren 
war, immer die hohen Feiertage, sei es zur Produktion von Symptomen, 
sei es für andere wichtige Aktionen, aussuchte. , Ich erwähnte einmal, daß 
er trotz seines leidenschaftlichen Naturells nie übermäßig masturbiert habe. 
Er erwiderte: „Das stimmt. Natürlich onanierte ich nur an den großen 
Feiertagen.") 

Der Patient litt den ganzen Winter hindurch an einem leichten Husten; 
er war nun überzeugt, daß sich seine Influenza infolge der Verordnung 
des Arztes zu einer Lungenentzündung entwickeln müsse. Das geschah 
aber nicht. Als er kurze Zeit darnach diesen Arzt wieder aufsuchte (er 
kehrte immer wieder von Zeit zu Zeit zu dem Arzt oder Zahnarzt zurück, 
mit dem er nicht zufrieden war), ereignete sich ein merkwürdiger Vorfall. 
Der Patient erinnerte sich, daß sich der Arzt beim letzten Besuche über 
sein eigenes Nierenleiden beklagt hatte. Als er nun bei diesem Arzt saß, 
den er sehr gern hatte, und mit ihm sprach, dachte er bei sich: „Wie 
angenehm, daß ich, der Patient, eigentlich gesund bin, während er, der 
Arzt, ernstlich krank ist." 

Seine Befriedigung darüber schien aber Strafe zu verlangen. Er kam 
nach Hause, legte sich nieder, um ein bißchen auszuruhen und fuhr 
unwillkürlich mit der Hand über die Nase. Er spürte das harte Wimmerl 
unter der Haut und kratzte es heraus. Dann ging er zu einem Spiegel 
und beschaute seine Nase. An Stelle des Wimmerls war jetzt ein tiefes 
Loch. Von dem Moment an beschäftigte er sich hauptsächlich mit dem 
Gedanken: wird das Loch zuheilen, und wann? Er war jetzt gezwungen, 
alle paar Minuten in seinen Taschenspiegel zu schauen, wahrscheinlich 
um den Fortschritt der Heilung zu kontrollieren. Doch das Loch heilte 
nicht ganz zu; und daß es nicht heilte, verbitterte ihm das Leben. Er 
schaute immer wieder in seinen Spiegel, trotz allem voll Hoffnung, daß 



Ruth Made Brunswidc 



in ein paar Monaten wieder alles gut sein würde. Von jetzt an konnte er 
sich über gar nichts mehr freuen ; er begann auch das Gefühl ^u haben, 
daß jeder das Loch in seiner Nase anschaue. 

Schließlich suchte der Patient knapp vor den Sommerferien Prof. X. auf, 
merkwürdigerweise nicht wegen des Loches in der Nase, sondern wegen 
der verstopften Talgdrüsen, die zu finden ihm doch noch gelungen war. 
Prof. X., der den Patienten seit dem Krieg und nach dem Verlust seines 
Vermögens nicht gesehen hatte, war sehr freundlich. Er machte den 
Patienten aufmerksam, daß die Nase eine Zeitlang rot bleibe, wenn man 
die Talgdrüsen eröffne, was aber ganz leicht sei. Dann nahm er ein 
Instrument und öffnete einige der Talgdrüsen. Für die übrigen verschrieb 
er verschiedene Medikamente, eine Flüssigkeit und eine Salbe. (Mit zwölf 
Jahren hatte der Patient eine Salbe für einen ähnlichen Zustand erhalten.) 

Die Warnung von Prof. X. erwies sich als berechtigt: Die Nase des 
Patienten blieb für einige Tage so rot, daß er seinen Besuch bei X. fast 
bereute. Seine Frau wollte von den Medizinen nichts wissen und warf 
sie weg — vielleicht nicht ganz gegen den Willen des Patienten. 

Plötzlich, am Tag vor seiner Abreise aufs Land, begann der Patient 
ohne ersichtlichen Grund zu fürchten, der Zahn, der ihm einige Monate 
früher zu schaffen gemacht hatte, könnte ihm den Urlaub verderben. Ei 
ging zum Zahnarzt und erlaubte ihm, den Zahn zu extrahieren. Wie sich 
später zeigte, war es ein falscher gewesen. Am nächsten Tag bereute der 
Patient sehr, daß er den Zahnarzt aufgesucht hatte, da er sicher war, 
daß eigentlich ein anderer Zahn nicht in Ordnung sei. Hinzu kam noch, 
daß ihm sein Husten Sorgen machte. 

Dennoch verlief der Landaufenthalt befriedigend. Der Patient malte 
fleißig und dachte auch immer weniger über seine Nase und seine Zähne 
nach. Tatsächlich wurde er ohne reale Ursache selten hypochondrisch in 
Bezug auf seine Zähne. Nur wenn ein Grund da war, wurde sein Miß- 
trauen gegen den behandelnden Zahnarzt manifest. (Professor Freud 
sagte mir, daß diese spätere Unzufriedenheit mit den Zahnärzten und 
sein Mißtrauen gegen sie eine genaue Wiederholung seiner früheren Ein- 
stellung gegen seine Schneider war. So ging er in seiner ersten Analyse 
von Schneider zu Schneider, wobei er abwechselnd bat und Geschenke 
gab, dann wieder wütend war, Szenen machte, immer etwas schlecht fand, 
und dabei immer eine Zeitlang einem Schneider treu blieb, obwohl er 
mit ihm unzufrieden war.) 

Herbst und Winter 1924/25 blieben ohne Zwischenfälle. Wenn der 
Patient, der sein Nasensymptom fast vergessen hatte, seine Nase wieder in 
einem Spiegel besah, konnte er nicht einmal die Stelle finden, wo das 



,ii^iii^ji.^Ktj\m 



wmmmmmm 



Ein Nachtrag zu Freuds „Gesdiidite einer infantilen Neurose' 



Loch gewesen war. Mit einem Gefühl der Erleichterung betrachtete er 
diese Angelegenheit als der Vergangenheit angehörig. 

Während dieser Zeit traten gewisse Veränderungen in seinem Sexual- 
leben auf. Er kehrte zu seiner früheren Gewohnheit zurück, Frauen auf 
der Straße nachzugehen. Der Leser der „Geschichte einer infantilen Neurose" 
wird sich erinnern, daß der Patient verschiedentlich Beziehungen sexueller 
Natur mit Frauen aus den niederen Ständen unterhalten hatte. Er be- 
gleitete jetzt häufig Prostituierte in ihre Wohnung, seine Beziehung zu 
ihnen beschränkte sich dabei aus Angst vor Geschlechtskrankheit auf 
Masturbation in ihrer Gegenwart. Die Masturbation hatte im Sommer 1935 
damit begonnen, daß der Patient beim Anblick obszöner Bilder onanierte. 
Seine Beziehungen zu den Prostituierten waren ein weiterer Schritt in 
dieser Richtung. 

Das krankhafte Interesse des Patienten für seine Nase hatte vom 
Februar 1924 bis ungefähr zum Ende des Sommers gedauert; im ganzen 
also sechs Monate. 

Am Ostertag 1935 traten die Nasensymptome wieder auf. Als der 
Patient mit seiner Frau in einem Park saß, spürte er plötzlich einen 
Schmerz in der Nase. Er bat seine Frau um ihren Taschenspiegel, 
betrachtete sich darin und bemerkte ein großes schmerzhaftes Wimmerl 
auf der rechten Seite seiner Nase. Trotz seiner Größe und Schmerz- 
haftigkeit schien es ein gewöhnliches Wimmerl zu sein und machte dem 
Patienten weiter keine Sorge. So erwartete er, daß es bald verschwinden 
werde, und ließ mehrere Wochen verstreichen, vvährend welcher Zeit das 
Wimmerl sich bald besserte, bald wieder eiterte. (Die Warze seiner Mutter 
war in ähnlicher Weise bald sichtbar gewesen, bald verschwunden.) Als 
Pfingsten kam, begann der Wolfsmann die Geduld zu verlieren. Am 
Pfingstsonntag ging er mit seiner Frau ins Kino zum Film „Die weiße 
Schwester". Der Film erinnerte ihn an seine eigene Schwester, die seit 
so vielen Jahren tot war. Sie hatte kurz vor ihrem Selbstmord ebenso 
wie er darüber geklagt, daß sie nicht schön genug sei. Es fiel ihm 
auch ein, wie oft sie sich über die Wimmerln in ihrem Gesicht auf- 
geregt hatte. Er kam sehr deprimiert nach Hause. Am nächsten Tag suchte 
er den Dermatologen der Krankenkasse auf. (Es ist auffällig, daß er zu 
dieser Zeit den Dermatologen wechselte.) Der Kassenarzt sagte ihm, das 
Wimmerl sei gar nichts Besonderes, es werde mit der Zeit vergehen. Doch 
als der Patient zwei Wochen später ganz ungebessert zu ihm kam, meinte 
er, daß das Wimmerl eine infizierte Talgdrüse sein müsse. Auf die Frage 
des Patienten, ob es von selbst verschwinden werde oder ob man etwas 
dafür tun solle, verneinte der Arzt beides. 



lo 



Ruth Mack Brunswick 



Nun wurde der Patient von großer Verzweiflung erfaßt. Er fragte, ob 
denn das möglich sei, daß es gar keine Behandlung für so eine Krankheit 
gäbe, und ob er denn verurteilt sei, sein ganzes Leben mit so einem Ding 
auf seiner Nase herumzulaufen. Der Arzt sah ihn gleichgültig an und 
wiederholte, daß man nichts tun könne. In diesem Moment hatte der 
Patient das Gefühl, daß die Welt aus den Angeln gehoben werde. Sein 
ganzer Lebensbau stürzte zusammen. Das war sein Ende; so verstümmelt 
konnte er nicht weiter leben. 

Vom Krankenkassenarzt stürzte er zu Prof. X., der ihn freundlich 
empfing und ihn beruhigte; es sei da leicht zu helfen. Er werde sofort 
die Talgdrüse entfernen. Mit einem Instrument drückte er auf die infizierte 
Stelle auf der Nase des Patienten. Der Patient schrie auf und Blut floß 
an der Stelle, wo die Talgdrüse gewesen war. In der Analyse zeigte sich 
dann, daß der Patient, als er sein Blut unter der Hand des Arztes 
fließen sah, in einen ekstatischen Zustand geriet. Er atmete tief auf und 
war kaum imstande, seine Freude zu meistern. Zwei Stunden früher 
war er vor dem Selbstmord gestanden, jetzt hatte ein Wunder ihn von 
der Vernichtung errettet. 

Aber einige Tage später, als das getrocknete Blut mit dem Schorf von 
der Wunde abgefallen war, bemerkte er zu seinem Entsetzen eine kleine 
rote Erhebung an der Stelle, wo die Wunde gewesen war. Diese ganze 
Stelle sah etwas geschwollen aus. Nun tauchte die Frage auf: Wird die 
Schwellung zurückgehen ? Oder hatte der Krankenkassenarzt recht mit seiner 
Bemerkung, daß es gegen so etwas keine Hilfe gibt? 

Zu der Zeit veranlaßte das Auftreten von kleinen Eiterbläschen am 
Gaumen den Patienten, seinen Zahnarzt aufzusuchen. Als dieser die Bläschen 
für ganz unwichtig hielt, glaubte er, doch noch ein anderes Urteil ein- 
holen zu müssen. Schon seit einiger Zeit hatte er nur noch wenig 
Vertrauen zu seinem Zahnarzt. Er ging jetzt zu einem anderen, den ihm 
ein Bekannter im Bureau empfohlen hatte. Der neue Zahnarzt erklärte, 
wie immer der früher extrahierte Zahn gewesen sein möge, es sei 
doch noch ein wirklich kranker Zahn im Mund verblieben. Diesen Zahn 
machte er für alle Unannehmlichkeiten des Patienten verantwortlich, auch 
für das Wimmerl auf seiner Nase. Der Zahn sei so arg infiziert, daß, 
wenn er nicht sofort extrahiert werde, die Gefahr bestehe, daß sich der 
Eiter auf jedes Organ des Körpers schlagen könne und dann eine allgemeine 
Sepsis entstehe. Wenn dieser Zahn gleich zu Beginn gezogen worden wäre, 
hätte der Patient keine Schererei mehr mit dem Wimmerl oder mit der 
eiternden Talgdrüse gehabt. Da diese Ansicht mit der des Patienten über- 
einstimmte, ließ er den Zahn sofort entfernen. 



,4-.u. f wjjii.w.M.j^.)jjj. .iMjm ^wwaw 



Ein Nachtrag zu Freuds „Gescfaidite einer infantilen Neurose" 



11 



Er machte nun den früheren Zahnarzt für alle Unannehmlichkeiten 
verantwortlich. Aber nach der Extraktion des Zahnes wandte sich sein 
Interesse wieder seiner Nase zu, die ihm so sehr anzuschwellen schien, 
daß sie ihrer früheren Form gar nicht mehr ähnelte. Den ganzen Tag 
lang sah der Patient die geschwollene Stelle an und quälte sich mit dem 
Gedanken, daß „seine Nase nicht mehr so ist, wie sie war.' Er ging 
wieder zu Prof. X., der ihm versicherte, daß alles in Ordnung sei. Diese 
Äußerung beruhigte ihn aber keineswegs, er erschrak sogar sehr. Die Schwellung 
seiner Nase hatte so zugenommen, daß die eine Hälfte deutlich von der 
anderen abstach. Außerdem schwoll sie irnmer noch weiter an; er war beim 
Gedanken an eine weitere Zunahme der Schwellung so entsetzt, daß er 
wieder zu Prof. X. ging. Diese häufigen Besuche interessierten den 
Dermatologen nicht mehr. Er kehrte dem Patienten den Rücken, schaute 
beim Fenster hinaus und überließ den Patienten ganz seinem Assistenten. 
„Vom Schicksal verfolgt und von der Medizin verlassen", ersann der Patient 
nun einen neuen Plan, um die Aufmerksamkeit von Prof. X. auf sich zu 
lenken. Er beschloß, Prof. X. mit seiner Frau aufzusuchen, da er sich 
allein nicht mehr hintraute. Seine Frau hatte, wie erinnerlich, eine Warze 
auf der Spitze ihrer Nase. Prof. X., außerordentlich liebenswürdig, entfernte 
die Warze sofort. Als ihn aber der Patient mit seiher gewöhnlichen Frage 
anging, was mit seiner Nase werden solle, wurde er ärgerlich. Er sagte 
schließlich, daß der Patient an Gefäßektasien leide und daß man diese 
wie eine Warze am besten mit Elektrolyse behandle. Er fügte noch hinzu, 
daß der Patient in wenigen Tagen zur elektrolytischen Behandlung 
kommen könne. 

Einerseits war der Patient unzufrieden, weil er eine neue Krankheit 
hatte, andererseits schöpfte er wieder Hoffnung, geheilt zu werden. Aber 
er zweifelte an der Diagnose. Da er sich des Alkohols vollkommen 
enthielt, verstand er nicht, wie er eine Gefäßerweiterung habe akquirieren 
können, eine Krankheit, an der zumeist Trinker leiden. Außerdem war 
er zu jung dazu. Seine Frau riet ihm, vor dem Sommerurlaub nicht mehr 
zu Prof. X. zu gehen. „Er hat jetzt eine Wut auf dich", sagte sie, „und 
tut dir vielleicht etwas an, worüber du dich dein ganzes Leben kränken 
wirst." Beide hatten das Gefühl, daß Prof. X. den armen russischen 
Flüchtling ganz anders als den reichen russischen Patienten Freuds behandle. 

Anfangs August besuchte der Patient den Bekannten, der ihm den 
neuen Zahnarzt empfohlen hatte. Der Patient fragte ihn, ob er an seiner 
Nase etwas Besonderes bemerken könne ; sein Freund betrachtete ihn genau 
und meinte, er könne wohl die Stelle, wo die Drüse entfernt worden sei, 
nicht sehen, aber es käme ihm vor, daß eine Seite der Nase ein bißchen 



12 



Ruth Madi Brunswick 



geschwollen sei. Diese Bemerkung versetzte den Patienten in große Auf- 
regung. Er dachte nun, daß sich seine Gefäßerweiterung nicht gebessert 
habe, und es sei zwecklos, die elektrolytische Behandlung bis zum Herbst 
aufzuschieben. Er verlor die Geduld und beschloß, sich der von X. 
empfohlenen Behandlung zu unterziehen. Doch, wie gewöhnlich, wollte er 
noch- eine andere Meinung zur Kontrolle hören. Er konsultierte daher 
einen anderen Dermatologen, der bemerkenswerterweise seine Ordination 
in der Nähe von Freuds Wohnung hat. 

Dieser bestätigte X.s Diagnose und fügte bei, daß die verstopften Talg- 
drüsen sehr geschickt entfernt worden seien. Er bezeichnete die 
Elektrolyse als harmlos, aber ungeeignet für dieses Leiden, und empfahl 
Diathermie. Er war sehr freundlich und verlangte vom Patienten das 
für einen Besuch übliche Honorar, da er über dessen finanzielle Situation 
nicht orientiert war. Der Patient hatte ihn gewählt, indem er im Telephon- 
buch nach Dermatologen suchte, und ließ sich bei der Entscheidung 
sichtlich durch die Lage seiner Wohnung bestimmen. Der Patient, der 
bei X. nichts bezahlte, war sehr stolz, wieder „wie ein Gentleman" gezahlt 
zu haben. 

Er war jetzt wieder ganz beruhigt über X.s Urteil, der bisher zweifellos 
das Richtige getan hatte, und dem man daher wohl auch vertrauen konnte, 
wenn er Elektrolyse der Diathermie vorzog. Außerdem verreiste der 
Anhänger der Diathermie an dem der Ordination folgenden Tage; daher 
kam seine Behandlung nicht in Frage. Der Patient aber wollte die 
ganze Sache vor seinem eigenen Urlaub in Ordnung bringen. Er ging zu 
Prof. X., der, wie er erfuhr, die Stadt am nächsten Tag für den Sommer 
verlassen wollte. Voll Vertrauen und Zuversicht ließ sich der Patient mit 
Elektrolyse von X. behandeln, der, wie ihm schien, ungewöhnlich freundlich 
war. Als er heimkam, rief seine Frau: „Um Gottes willen, was hast du 
mit deiner Nase gemacht?" Die Behandlung hatte einige Male hinter- 
lassen, die den Patienten aber gar nicht weiter beunruhigten. Die Meinung 
des anderen Dermatologen über X. und sein Zuspruch hatten sein seelisches 
Gleichgewicht so sehr wiederhergestellt, daß er sich wieder einmal voll- 
kommen auf der Höhe der Situation fühlte. Er hatte auch ein merk- 
würdiges Gefühl, als ob er durch den zweiten Dermatologen mit dem 
ersten versöhnt worden sei. 

Drei Tage später ging der Patient mit seiner Frau aufs Land. Der 
Urlaub verlief befriedigend. Obwohl er sich in Gedanken mit seiner Nase 
beschäftigte und ihm die Narben nach der elektrolytischen Behandlung 
zu denken gaben, genoß er doch seine Ferien. Er malte, machte Ausflüge 
und fühlte sich im allgemeinen wohl. Als er im Herbst in die Stadt 



V.li.nKAli.UJ 



Ein Naditrag zu Freuds „Gesdiidite einer infantilen Neurose" 



13 



zurückkehrte, war er scheinbar ganz normal, nur betrachtete er öfter als 
notwendig die Narben auf seiner Nase. 

Sein Interesse wandte sich jetzt wieder seinen Zähnen zu. Der letzte 
Zahnarzt hatte fünf Füllungen gemacht und wollte eine neue Krone 
machen, die wie er sagte, sehr notwendig sei. Aber der Patient, der dem 
Urteil des Zahnarztes mißtraute, hatte sich geweigert, die Krone anfertigen 
zu lassen, bevor er die Meinung eines anderen Zahnarztes eingeholt hatte. 
Dieser wieder meinte, die Krone sei ganz überflüssig, doch müßten sechs 
neue Füllungen gemacht werden. Da fünf neue Füllungen gerade zwei 
Monate früher gemacht worden waren, begann der Patient auch diesem 
Zahnarzt zu mißtrauen und ging wieder zu einem andern. Der zuletzt 
befragte erklärte, daß die neue Krone nicht unbedingt nötig sei, es müßten 
aber zwei, nicht sechs neue Füllungen gemacht werden. Da die Meinung 
des zweiten Zahnarztes über die Krone mit der des dritten übereinstimmte, 
beschloß der Patient, zum zweiten Zahnarzt zurückzukehren, obwohl ihn 
dort sechs neue Füllungen erwarteten. Aber jetzt verweigerte der Kranken- 
kassenzahnarzt die Bewilligung für so große zahnärztliche Arbeiten, indem 
er noch hinzufügte, es sei jammerschade, so schöne Zähne durch so viele 
Plomben zu verderben. Er bat dann den Patienten, diese Bemerkung 
niemandem mitzuteilen. Dies berührte den Patienten so sonderbar (wahr- 
scheinlich wegen der darin enthaltenen homosexuellen Bewunderung), daß 
er es dem Freund weitererzählte, der sich damals über seine Nase geäußert 
hatte. Der Freund empfahl ihm einen Zahnarzt, einen Mann von 
besonderer Urteilskraft und Erfahrung, imstande, das Werk von allen 
anderen zu überprüfen. Dieser Mann, der einer der ersten Zahnärzte war, 
hieß — Dr. Wolf! 

Dieser zweite Dr. Wolf billigte die Leistungen des letzten Zahnarztes, 
zu dem der Patient, trotz seiner Unzufriedenheit, deswegen zurückkehrte. 
Der Zahnarzt sagte ihm jetzt, wie einer aus der langen Reihe der früheren, 
daß er zu stark aufbeiße und wahrscheinlich bald nicht nur alle Plomben, 
sondern auch alle Zähne verlieren werde. 

Bis Weihnachten 1925 fühlte sich der Patient, der jetzt im Bureau 
Schwierigkeiten hatte, wohl, abgesehen von der Sorge, wann die Narben 
auf seiner Nase vergehen würden. Aber zu Beginn des Jahres 1926 trat 
das Nasensymptom wieder in den Vordergrund und nahm seine Gedanken 
immer mehr in Anspruch. Als Ostern kam, spielte der Spiegel wieder eine 
große Rolle, und der Patient zweifelte, ob die Narben, die jetzt fast ein 
Jahr da waren, überhaupt je verschwinden würden. 

Der Sommer 1926 brachte seine Symptome zur vollen Entwicklung. 
Am 16. Juni suchte er Freud auf und bekam die alljährlich für ihn 



H 



Ruth Mack Brunswick 



gesammelte Geldspende. Er erwähnte natürlich nichts von seinen 
Symptomen. Zwei Tage früher hatte er den Krankenkassenarzt aufgesucht, 
bei dem er in letzter Zeit häufig wegen zunehmenden heftigen Herz- 
klopfens gewesen war. Er hatte in einem Zeitungsartikel gelesen, daß 
Lebertran schlecht fürs Herz sei. Da er aus unbekannter Ursache zwei 
Jahre lang Lebertran genommen hatte, fürchtete er, sein Herz geschädigt 
zu haben. Der Arzt konstatierte eine Herzneurose. 

Plötzlich, am nächsten Tag, — es war der 15. Juni, — beschloß er, 
zu dem Dermatologen zu gehen, dessen Worte ihn so getröstet hatten. 
Er führte seine Absicht gleich aus. Der Dermatologe konnte absolut nichts 
von einer Narbe an der Stelle der entfernten Talgdrüse finden; anderer- 
seits erklärte er, daß dort, wo die Elektrolyse appliziert worden war, — 
er hatte Diathermie empfohlen, — Narben sichtbar seien. Auf die Be- 
merkung des Patienten, daß solche Narben mit der Zeit verschwinden 
müßten, erwiderte er, daß Narben niemals verschwinden und durch keiner- 
lei Behandlung zu entfernen seien. Wie konnte man so etwas mit Elek- 
trolyse behandeln? Sei der Patient wirklich zu einem richtigen Dermato- 
logen gegangen? Dies scheine sicher nicht die Arbeit eines Spezialisten 
zu sein. 

Bei den Worten „Narben verschwinden niemals" bemächtigte sich ein 
fürchterliches Gefühl des Patienten. Er verfiel in eine so bodenlose Ver- 
zweiflung, wie er sie in keiner seiner früheren Erkrankungen durchge- 
macht hatte. Es gab also keinen Ausweg, kein Entrinnen. Die Worte des 
Dermatologen tönten ihm immerfort in den Ohren: „Narben verschwinden 
niemals." Es blieb ihm nur eine Beschäftigung, und auch diese war ohne 
Trost: beständig in seinen Taschenspiegel zu schauen und festzustellen, 
wie verunstaltet er sei. Er trennte sich fortan nicht mehr von seinem 
kleinen Taschenspiegel. Im Laufe der Zeit ging er wieder zu dem Derma- 
tologen, flehte um seine Hilfe und bestand darauf, daß es, wenn schon 
keine Heilung, so doch eine mildernde Therapie geben müsse. Der Arzt 
antwortete, eine Behandlung gäbe es nicht und es sei auch keine nötig. 
Auf der Nase, auf die auch eine Primadonna stolz sein könne, sei nur 
ein feiner weißer Strich sichtbar. Er versuchte den Patienten zu beruhigen 
und riet ihm, seine Gedanken von der Nase abzulenken, da diese offen- 
sichtlich zu einer fixen Idee geworden sei. 

Aber jetzt hatten seine Worte gar keine Wirkung beim Patienten. Er 
empfand sie nur als ein einem verstümmelten Bettler hingeworfenes Almosen. 
(Es sei hier auf die „Geschichte einer infantilen Neurose" verwiesen, in 
der gezeigt wird, daß das Mitleid mit Bettlern, und besonders mit dem 
taubstummen Diener, auf das Mitleid mit dem kastrierten Vater auf Grund 



Ein Naditrag zu Freuds „Gesdiidite einer infantilen Neurose" 



15 



narzißtischer Identifizierung zurückgeht.) Er ging zu einem dritten Derma- 
tologen, der die Nase des Patienten ganz in Ordnung fand. In seiner 
äußersten Verzweiflung verfolgte den Patienten immer nur ein Gedanke: 
Wie konnte sich Prof. X., der berühmte Dermatologe, eines solchen nicht 
gutzumachenden Versehens gegen ihn schuldig machen? War es nur ein 
schrecklicher Zufall, war es Nachlässigkeit oder mehr sogar, vielleicht 
unbevyußte Absicht ? Und, so gingen die Gedanken dieses analytisch 
besonders geschulten und klugen Patienten weiter, wo endet das Unbe- 
wußte und beginnt das Bewußte? Der Patient haßte Prof. X. von ganzem 
Herzen als seinen Todfeind. 




IV 
Der Verlauf der jetzigen Analyse 

Dies war also die Geschichte der Erkrankung, die den Patienten zu 
mir brachte. Ich muß gestehen, daß es mir im Anfang schwer fiel, zu 
glauben, daß ich den Wolfsmann aus der „Geschichte einer infantilen 
Neurose" vor mir hätte, der nach Professor Freuds späteren Schilderungen 
ein anständiger, zwanghaft ehrlicher und gewissenhafter Mensch war, zu- 
verlässig in jeder Beziehung. Der Mann, der bei mir erschien, hatte sich 
aller möglichen kleineren Unehrenhaftigkeiten schuldig gemacht, er ver- 
heimlichte einem Wohltäter gegenüber den Besitz von Geld, dem gegen- 
über aufrichtig zu sein er allen Grund hatte. Am auffallendsten war es, 
daß er von seiner eigenen Unehrenhaftigkeit gar keine Ahnung hatte. Es 
schien ihm ganz ohne Bedeutung zu sein, wenn er Geldgeschenke annahm, 
die unter falschen Voraussetzungen gegeben waren — und dies in Anbe- 
tracht der Tatsache, daß er die Juwelen mit Tausenden von Dollars 
bewertete. 

In der Analyse verstellte er sich zunächst. Er weigerte sieh, über seine 
Nase oder seine Erlebnisse mit den Dermatologen zu sprechen. Jede Er- 
wähnung Freuds wurde mit einem eigentümlichen Lächeln übergangen. 
Er sprach viel über die Wunder der Analyse als Wissenschaft, die Ge- 
nauigkeit meiner Technik, die zu beurteilen er sich sofort für befähigt hielt, 
über das Gefühl der Sicherheit, in meinen Händen zu sein, wie gütig ich 
sei, ihn ohne Bezahlung zu behandeln, und ähnliche Liebenswürdigkeiten 
mehr. Wenn ich durch den Warteraum vor Beginn seiner Stunde durch- 
ging, sah ich ihn auf und ab gehen und bald in den großen Spiegel, 
bald in seinen Taschenspiegel schauen. Aber wenn ich auf dieses Verhalten 
hinwies, begegnete er mir mit großer Entschiedenheit: es seien andere 
Dinge zu besprechen als seine Nase, und solange diese nicht erledigt seien, 



36 



Ruth Mack Brunswidc 



— wozu er ein paar Wochen brauche, — werde er seine Aufmerksam- 
keit nichts anderem zuwenden. Als schließlich die Nase zur Besprechung 
kam, lernte ich die Unnachgiebigkeit des Patienten in all ihren Varianten 
kennen. Und auch da zeigte sich seine Absperrung. Da er seit jeher, 
wahrscheinlich infolge seines Narzißmus, der Suggestion völlig unzugäng- 
lich, war, beschloß er nun, sich hinter dieser Unzugänglichkeit zu ver- 
schanzen ; und ein Charakterzug, der sonst für die Genauigkeit einer Analyse 
von größtem Wert ist, wurde hier zum Hauptwiderstand. 

Sein erster Traum ist eine Variante des berühmten Wolfstraumes, viele 
andere sind bloße Wiederholungen davon. Dabei zeigt sich eine amüsante 
Veränderung: die Wölfe, die früher immer weiß waren, sind jetzt immer 
grau. Als der Patient Freud aufsuchte, hatte er mehr als einmal Gelegen- 
heit, den großen, grauen Polizeihund Freuds zu sehen, der wie ein ge- 
zähmter Wolf aussieht. Daß sein erster Traum wieder ein Wolfstraum ist, 
sieht der Patient als eine Bestätigung seiner Ansicht an, daß alle seine 
Schwierigkeiten aus der Beziehung zu seinem Vater stammen; aus diesem 
Grunde sei er froh, nunmehr bei einer Frau in Behandlung zu stehen. 
Diese Einstellung zeigt den Versuch, dem Vater auszuweichen; im übrigen 
ist seine Meinung in gewissem Ausmaße auch richtig. Denn es ist für 
ihn jetzt wirklich sicherer, bei einer Frau in Analyse zu sein, weil er so 
die homosexuelle Übertragung meidet, die zu diesem Zeitpunkt offenbar 
so stark war, daß sie die Kur eher gehindert als gefördert hätte. Der Ver- 
lauf der Behandlung schien diese Anschauung zu bestätigen. 

Es ist vielleicht überflüssig, die Tatsache wieder in Erinnerung zu 
bringen, daß der im Alter von vier Jahren geträumte Wolfstraum den 
Kern der passiven Einstellung des Patienten dem Vater gegenüber ent- 
hält, die in seiner Koitusbeobachtung im Alter von anderthalb Jahren und 
in der Identifizierung mit der Mutter ihren Ursprung hat. 

Im Zusammenhang mit wiederholten Bemerkungen des Patienten über 
die unentgeltliche Behandlung bringt er einen Traum, in dem er den 
Besitz des Schmuckes verrät: 

Er steht am Vorderteil eines Schiffes und trägt eine Tasche mit Juwelen — 
die Ohrringe seiner Frau und ihren Taschenspiegel aus Silber. Er lehnt sich 
an die Reeling, zerbricht dabei den Spiegel und denkt, daß er jetzt sieben 
Jahre Unglück haben ivird 

Im Russischen nennt man das Vorderteil des Schiftes seine Nase, und 
das ist ja gerade der Punkt, von dem das Unglück des Patienten seinen 
Ausgang nimmt. Der Spiegel, der in seiner Symptomatik eine so große 
Rolle spielt, ist auch vorhanden. Und die Tatsache, daß er seiner Frau 
gehört, steht damit im Zusammenhang, daß sich der Patient zuerst den 



tmmmm 



t^amm 



Ein Nachtrag zu Freuds „Gesdiitfate einer infantilen Neurose' 



17 



Spiegel seiner Frau entlehnte, um seine Nase zu untersuchen, und im 
weiteren Verlaufe gewissermaßen eine Gewohnheit der Frauen übernahm, 
häufig in den Spiegel zu schauen. Dazu kommt noch, daß man beim 
Zerbrechen eines Spiegels auch das Spiegelbild zerbricht. So wird auch 
das Gesicht des Patienten gleichzeitig mit dem Spiegel beschädigt. 

Die Absicht des Traumes war, zu verraten, daß der Patient die Juwelen 
besitze, unter denen sich wirklich die Ohrringe aus dem Traum befinden. 
Die sieben Jahre bedeuten die Jahre seit seiner Analyse bei Freud; während 
eines Teiles dieser Zeit wurde der Schmuck verheimlicht. Der Patient 
deutete aus freien Stücken die Zahl der Jahre, doch stellte er jede Unehren- 
haftigkeit in Abrede. Er gab zu, daß es besser gewesen wäre, sofort vom 
Schmuck zu reden, weil ihm dann, wie er sagte, leichter zumute gewesen 
wäre. Aber Frauen — er meinte seine Frau — seien immer so: miß- 
trauisch und argwöhnisch und immer voll Angst, etwas zu verlieren. Es 
war ja seine Frau, die ihn zur Verheimlichung des Schmuckes verleitet 
hatte. 

Ich befand mich wieder an einem Punkt, an dem sich der Patient 
vollkommen unzugänglich zeigte; es bedurfte nur kurzer Zeit, um zu er- 
kennen, daß seine Skrupellosigkeit ebenso wie sein Unvermögen, sie zu 
erkennen, Zeichen einer weitgehenden Charakterveränderung waren. Außer 
seinem Scharfsinn und seiner analytischen Einsicht hatte mein Patient 
wenig mit dem alten Wolfsmann gemeinsam, der, wie man sich erinnern 
wird, die Frauen, so besonders seine Mutter, beherrscht hat. Mein Patient 
stand ganz unter der Kontrolle seiner Frau; sie kaufte seine Kleider, be- 
krittelte seine Ärzte und verwaltete sein Geld. Die Passivität, die früher 
nur dem Vater gegenüber bestand und auch hier unter dem Bild der 
Aktivität aufgetreten war, war jetzt frei geworden und hatte sich ebenso 
der homosexuellen wie der heterosexuellen Beziehungen bemächtigt. Auch 
sonst hatte sich manches in seinem Verhalten geändert. Es fielen kleine 
Unzukömmlichkeiten vor; der Patient war nachlässiger in seiner Arbeit 
und verließ, wann es ihm paßte, sein Bureau. Wenn er ertappt wurde, 
gebrauchte er irgendeine Entschuldigung. 

Diese vielleicht an und für sich nicht so auffallenden Symptome stehen 
zum früheren Charakter des Patienten in solchem Gegensatz, daß man sie 
als ein Zeichen einer Charakterveränderung auffassen muß, die nicht minder 
tiefgehend ist, als die des Dreieinhalb] ährigen gewesen war. 

Ein Anfall von Diarrhöe zu Beginn der Analyse kündigte das wichtige 
Thema des Geldes an. Aber der Patient begnügte sich mit dem Symptom, 
machte jedoch nicht Miene, seine Schulden zu bezahlen. Im Gegenteil, 
es wurde klar, daß die Geldgeschenke Freuds vom Patienten als etwas 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse XV li 2 



18 



Ruth Mack Brunswidk 



aufgefaßt wurden, was ihm gebührte, als Liebesbeweise des Vaters gegen- 
über dem Sohne. Auf diese Weise entschädigt sich der Patient für die 
alte Kränkung, die ihm zuteil wurde, als ihm der Vater die Schwester 
vorzog. Doch gingen mit dieser Einstellung gewisse Größenideen Hand in 
Hand. Der Patient begann mir von der ungewöhnlichen Intensität seiner 
Bezi.ehungen zu Freud zu erzählen. Sie seien, sagte er, weit mehr freund- 
schaftlich als beruflich. Freud hätte sogar so großes persönliches Interesse 
für ihn gehabt, daß er sich hätte verleiten lassen, ihm einen Rat zu 
geben, der sich später als schlecht erwies. Während der Analysenmonate 
1919 und 1930 wollte der Patient nach Rußland zurückkehren, um sein 
Vermögen zu retten. Es sei zwar richtig, daß seine Mutter und sein An- 
walt damals in Rußland waren und, wie man annehmen kann, genügende 
Kortipetenz besaßen, um nach dem Rechten zu sehen; dennoch meinte 
der Patient damals, daß nur er imstande sei, das Familienvei mögen zu 
retten. Freud sagte, daß der Wunsch, nach Hause zu reisen, nur ein 
Widerstand sei: dabei deutete der Patient in zarler Weise an, daß Freuds 
Raischlag nicht durch die tatsächlichen Verhälinisse, sondern durch seine 
Sorge um den Patienten motiviert gewesen sei. So brachie also Freud den 
Patienten dazu, in Wien zu bleiben. Während sich der Patient wohl durch 
das, was er für Freuds Motiv hielt, offenkundig geschmeichelt fühlte, tadelte 
er ihn doch gleichzeitig sehr wegen des Verlustes seines Vermögens. 
Andererseits hatte er Freud nie eines beabsichtigten Unrechts verdächtigt. 
Wahrscheinlich sollten ihm die Vorwürfe, die er Freud in dieser Ange- 
legenheit machte, die Berechtigung geben, Geldunterstützungen von ihm 
anzunehmen. In Wirklichkeit wäie es für den Patienten damals unmög- 
lich gewesen, nach Rußland zurückzukehren. Sein Vater war ein bekannter 
liberaler Führer gewesen und der Patient hätte leicht erschossen werden 
können. 

Eine Zeitlang war meine Beziehung zum Patienten trotz seiner Unzu- 
gänglichkeit an den wichtigsten Stellen oder gerade deswegen sehr gut. 
Er brachte die durchsichtigsten Träume, damit ich meine Geschicklich- 
keit im Deuten zeigen könne; damit wollte er seine Behauptung 
beweisen, daß er bei mir besser als bei Freud aufgehoben sei: die Träume 
in seiner früheren Analyse, sagte er, seien wirr und schwer zu verstehen 
gewesen. Es habe aber auch endlos lange Perioden des Widerstandes ge- 
geben, in denen gar kein Material zutage kam. Dann und wann deutete 
er an, daß er bei mir sicherer sei, weil ich in meinem Verhalten gegen 
ihn objektiver sei als Freud gewesen war. Ich hätte z. B. nie, meinte er, 
den Fehler begangen, ihn an der Rückkehr nach Rußland zu hindern. 
Und dann sei auch Freuds persönlicher Einfluß zu groß gewesen : die 



WllilW— 



Ein Nachtrag zu Freuds »Gesdiidite einer infantilen Neurose" 



19 



ganze Atmosphäre der gegenwärtigen Analyse sei reinlicher als die der 
früheren. Jeder Tag beleuchtete seine Beziehung zu Freud, zu seiner Frau 
oder zu mir von einer neuen Seite. Nur weigerte er sich, über seine Nase 
oder über seine Einsi eilung zu Prof. X. zu reden. Über die Tatsache, daß 
er während seiner ersten Analyse bei X. gewesen war, daß er durch Freud 
dorthin empfohlen worden war, daß X. ein Freund der Familie Freud und 
im selben Alter wie Freud war, und natürlich, wie der Patient selbst sagte, 
nur als ein Ersatz für Freud aufzufassen ist, kamen wir nicht hinaus. 

Da kam mir das Schicksal zu Hilfe. Einige Wochen, nachdem der 
Wolfsmann seine Analyse bei mir begonnen hatte, starb Prof. X. plötzlich 
eines Sonntags nachts. In Wien erscheinen am Montagmorgen keine guten 
Tagesblätter; der Wolfsmann befand sich zur Zeit der Ausgabe der Abend- 
blätter gerade in der Analysenstunde. So war meine erste Frage : Haben 
Sie heute eine Zeitung in der Hand gehabt ? Wie ich erwartete, verneinte 
er dies. Ich sagte dann: Prof. X. ist heute nachts gestorben. Er sprang 
vom Diwan auf, ballte die Fäuste und erhob die Arme mit einer 
dramatischen Gebärde, wie sie einem echten Russen zukam. Mein Gott, 
rief er aus, jetzt kann ich ihn nicht mehr umbringen. 

Damit war der erste Schritt getan. Ich begann damit, daß ich ihn 
ermutigte, über Prof. X. zu sprechen. Er hatte keinen bestimmten Plan 
gehabt, wie er ihn hätte ermorden wollen, aber er hatte doch daran 
gedacht, ihn gerichtlich zu belangen, plötzlich in seiner Ordination zu 
erscheinen und ihm einen Prozeß anzukündigen, um Schadenersatz für 
seine Verstümmelung zu bekommen usw. (Ich verweise auf den quer.u- 
latorisch-paranoischen Zug, der hier auftritt.) Er wollte ihn umbringen, 
hatte ihm tausendmal den Tod gewünscht und hatte vielleicht darüber 
nachgedacht, ihn so zu schädigen, wie X. ihn geschädigt hatte. Aber für 
den ihm zugefügten Schaden gab es seiner Meinung nach nur ein Äquivalent: 
den Tod. 

Ich bemerkte jetzt, daß der Patient selbst gesagt hatte, daß X. ein 
Ersatz für Freud sei und daß infolgedessen diesem feindseligen Gefühl 
gegen X. auch ein solches gegen Freud entsprechen müsse. Das verneinte 
er ganz entschieden. Es gäbe keinen Grund zur Feindseligkeit gegen 
Freud, der ihm immer die größte Zuneigung gezeigt habe. Er betonte 
wieder die durchaus nichtberufliche Art ihrer gegenseitigen Beziehung. Ich 
fragte ihn dann, warum er denn nie, wenn dies der Fall sei, gesellschaftlich 
bei Freud zu sehen sei. Er war gezwungen, zuzugeben, daß er niemals 
mit Freuds Familie zusammengekommen sei, und dieses Eingeständnis 
erschütterte seine ganze Position. Was er als Erklärung zu sagen hatte, war 
aber vage und wohl auch für ihn selbst nicht zufriedenstellend. Seine Argu- 



ao 



Ruth Mack Brunswick 



mente klangen ganz merkwürdig ; sie waren nicht gerade sehr überzeugend 
und zeigten eine erstaunliche Mischung von Phantasie und Tatsachen. 
Man könnte fast sagen, daß sein scharfer, logischer Verstand es ihm 
möglich machte, auch das Unglaublichste irgendwie glaubhaft zu machen. 
So wußte er schließlich auch in dieser Angelegenheit seinen Standpunkt 
zu behaupten. 

So lange er an der doppelten Befriedigung festhielt, einerseits von 
Freud, den er für den Verlust seines Vermögens verantwortlich machte, 
jede mögliche Geldunterstützung anzunehmen, andererseits wieder aus 
diesem Grunde sich von seiner Vorstellung, daß Freud ihn wie einen 
Lieblingssohn behandle, nicht abbringen zu lassen, konnte man an ein 
Weiterkommen in der Behandlung nicht denken. Es war eine undurch- 
dringliche Mauer da, die nicht einmal ein Vordringen zum Hauptsymptom 
des Patienten zuließ. Meine Technik bestand ausschließlich darin, daß ich 
mich bemühte, beim Patienten die Vorstellung, er werde von Freud wie 
ein Lieblingssohn betrachtet und behandelt, anzugreifen und zu unter- 
graben, da es doch klar war, daß sich der Patient durch diese Annahme 
vor ganz anderen Gefühlen schützen wollte. Ich hielt ihm seine gegen- 
wärtige Stellung bei Freud entgegen, so das Fehlen jeglicher gesellschaft- 
lichen oder persönlichen Beziehung zwischen ihnen (ich wußte von Freud 
darüber, daß dies auch den Tatsachen entsprach). Ich erwähnte, daß außer 
dem seinen noch andere Fälle publiziert worden seien, denn auf die 
Publikation seiner Krankheitsgeschichte war er sehr stolz. Er hielt mir 
daraufhin entgegen, daß kein anderer Patient so lange in Behandlung 
gewesen sei. Aber auch dem mußte ich widersprechen. Nun mußte sich 
der Patient in die Defensive bequemen. 

Als Erfolg meiner Angriffe trat in seinen Träumen eine Wandlung ein. 
Im ersten Traum dieser Periode kam eine Frau vor, die in Hosen und 
hohen Stiefeln meisterhaft einen Schlitten kutschierte und dabei Verse in 
vorzüglichem Russisch deklamierte. Der Patient bemerkte, daß die Hosen 
ein bißchen komisch aussahen und nicht so praktisch gearbeitet waren, 
wie sonst Männerhosen. Daß die Deklamation der russischen Verse den 
Spott auf die Spitze trieb, mußte sogar er zugeben; ich war nie imstande 
gewesen, auch nur ein Wort von den russischen Phrasen zu verstehen, 
die der Patient in seine deutschen Sätze zwischendurch einstreute. Der 
nächste Traum war noch deutlicher. Auf der Straße, vor dem Hause von 
Prof. X., der den Patienten analysiert, steht eine alte Zigeunerin. Sie verkauft 
Zeitungen (ich hatte ihm an der Stelle einer Zeitung zuerst von X.s Tod 
berichtet), schwatzt und plappert dabei aufs Geratewohl mit sich selbst — 
niemand hört ihr zu. Zigeunerinnen gelten aber als Lügnerinnen. 



BPwmiwHi 



Ein Nachtrag zu Freuds „Gesdiidite einer infantilen Neurose" 21 



Zweierlei ist hier deutlich: die Verachtung des Patienten für mich und 
sein Wunsch, wieder hei Freud (Prof. X.) in Analyse zu sein. Ich deutete 
dem Patienten, daß er offenhai trotz seiner vielen Komplimente mit der 
Wahl seines Analytikers nicht zufrieden sei und sich zu Freud zurück- 
sehne. Er leugnete; er sagte dann, daß er durch mich der ganzen Vor- 
teile von Freuds Wissen und Erfahrung teilhaftig werde, ohne direkt unter 
seinem Einfluß zu stehen. Als ich fragte, wie denn das möglich sei, 
antwortete er, er sei überzeugt, daß ich ausführlich über seine Behandlung 
mit Freud spreche, um mich von ihm beraten zu lassen. Ich klärte ihn 
auf, daß dies ganz und gar nicht der Fall sei ; ich hätte Freud zu Beginn 
der Analyse wohl um einen Bericht über seine frühere Erkrankung 
gebeten, ihn aber seitdem bei Freud kaum erwähnt. Ebensowenig 
erkundige sich Freud nach ihm. Dies erboste und erschreckte ihn; er 
konnte es nicht glauben, daß Freud für seinen (berühmten) Fall so wenig 
Interesse aufbringe. Er hätte immer gemeint, daß sich Freud wirklich 
ernstlich für ihn interessiere. Freud hätte ihm sogar gesagt, als er ihn zu 

mir schickte, aber als er sich erinnern sollte, was Freud damals 

gesagt habe, ließ ihn sein Gedächtnis im Stich. Er ging nach dieser 
Stunde voll von Wut über Freud weg. Dies kam in einem Traum zum 
Ausdruck, in dem der Vater deutlich kastriert wird. 

Der Vater des Patienten, im Traum ein Professor, der aber gleichzeitig 
einem Bettelmusikanten ähnelt, den der Patient kennt, sitzt an einem Tisch 
und warnt die Anwesenden, vor dem, Patienten nicht über Geldangelegenheiten 
zu reden, da dieser gern spekuliere. Die Nase seines Vaters ist lang und 
krumm,, worüber der Patient sich ivundert. 

Der Musikant hatte in Wirklichkeit versucht, dem Patienten alte Noten 
zu verkaufen; er hatte sie zurückgewiesen und dann deswegen Schuld- 
gefühle gehabt. (Ich erinnere an die bereits bekannte Einstellung des 
Patienten zu Bettlern.) Der Musikant hat einen Bart und sieht wie 
Christus aus. Als Assoziation bringt der Patient einen Vorfall, bei dem 
sein Vater als „schmutziger Jude" bezeichnet wurde, was er doch gewiß 
nicht war. 

Der Bettelmusikant, der wie Christus aussieht und der der Vater des 
Patienten und zugleich ein Professor ist, ist offenbar seiner Nase nach ein 
Jude. Da die Nase immer ein Symbol des männlichen Genitales ist, bedeutet 
die Veränderung der Nase des Vaters, die ihn zu einem Juden stempelt, 
soviel wie die Beschneidung = Kastration. Auch hatte ja ein Bettler für 
den Patienten seit jeher die Bedeutung einer kastrierten Person. So kamen 
wir von der Wut gegen den Vater wegen der unvergoltenen Liebe zur 
Kastration des Vaters, und gleich von der Deutung dieses Traumes zu den 



Operationen Freuds und den Reaktionen des Patienten darauf, mit anderen 
Worten zum Todeswunsch gegen den Vater. Ich möchte hervorheben, daß 
der Todeswunsch nicht aus irgend einer männlichen Rivalitätseinstellung, 
sondern aus der unerwiderten Liebe und aus der Abweisung der passiven 
Strebung des Sohnes hervorgeht. 

Man wird sich erinnern, daß der Patient sehr erschrak, als er Freud 
nach seiner Operation wiedersah. Als er damals fortging, fragte er sich, 
ob Freud sterben werde, und wenn, was dann wohl mit ihm geschehen 
werde. Er hoffte auf ein kleines Legat, fürchtete aber, daß dieses kleiner 
ausfallen könnte als die Geldspenden mehrere Jahre zusammengenommen. 
So wäre es also vorteilhafter für ihn, wenn Freud gesund würde. Der 
Patient hatte so viel beim Tod seines eigenen Vaters profitiert, daß man 
sich nicht wundern darf, wenn seine Hoffnungen auf eine Erbschaft seine 
vernünftigen Überlegungen über den Haufen warfen. So kam es auch, 
daß er trotz allem glaubte, daß bei Freuds Tod etwas für ihn abfallen 
werde. 

Aber wenn der Patient das seiner Nase zugefügte Unrecht nur durch 
den Tod für sühnbar hielt, bedeutet dies, daß ihm die Kastration ein 
Äquivalent für den Tod ist. Daraus geht hervor, daß der kastrierte Vater 
für den toten, wahrscheinlich für den vom Sohn erschlagenen, Vater stand. 
Der Mißbrauch des Geldes kommt im Traum in der Bemerkung des 
Vaters über die Spekulationswut des Sohnes vor. Dem liegen tatsächliche 
Verhältnisse zugrunde ; der Patient hatte mit allem, was ihm zur Verfügung 
stand, spekuliert; natürlich wäre eine Erbschaft vom Vater ebensogut 
dazu geeignet gewesen. Mit anderen Worten: der Vater im Traum 
befürchtet, wegen seines Geldes ermordet zu werden. Aus der Christus- 
Ähnlichkeit (Kastration) des Vaters geht hervor, daß der Patient sich 
selbst mit dem kastrierten Vater identifiziert. 

Mit der Aufdeckung des Todeswunsches des Patienten gegen Freud 
ernteten wir die Früchte meines Angriffs gegen den überkompensierenden 
Größenwahn des Patienten. Von da an ging die Analyse weiter; die 
Todeswünsche erschienen nun in allen möglichen Manifestationen. Der 
Vater hatte den Sohn kastriert und deswegen wurde er von ihm getötet. 
In den zahlreichen Träumen vom kastrierten Vater ist der Todeswunsch stets 
erhalten. So weit ging auch der Patient mit. Um ihn zur Einsicht in 
den weiteren Mechanismus der Projektion der eigenen Feindseligkeit auf 
den Vater, die dann vom Sohn als Verfolgung aufgefaßt wurde, zu bringen, 
bedurfte es allerdings weit größerer Anstrengung. 

Ein Traum aus der Mittelschulzeit des Patienten brachte einen Vorfall 
zutage, der sich in seinem dreizehnten Lebensjahr zugetragen hatte und 



Wf)ifiiif'9mmmmmmmm^Kmr^^mammtii^'ii'''^t''mi^immimKmmmmmHmmimmmmmfmmmmm 



Ein Nachtrag zu Freuds „GesAidite einer infantilen Neurose" 



23 



als Vorbild für seine zukünftige Erkrankung diente. Damals hatte er einen 
Nasenkatarrh, der jeder Behandlung hartnäckig widerstand ^^ -^"^ ^^r- 
scheinlich psychogener Natar. Er wurde mit allen moghchen Salben 
behandeh, die eine allgemeine Akne verursachten - wenigstens wurde 
die in der Pubertät so häufige Akne dieser Medikation zugeschrieben 
Dadurch wurde die Aufmerksamkeit des Patienten auf seine Nase und 
seine Haut hingelenkt, die mit Wimmerln so bedeckt waren daß er 
gezwungen war, von der Schule fernzubleiben. Er litt damals auch unter 
einer Rötung der Nase und unter verstopften Talgdrüsen auf der Nase. 
Eine Kaltwasserkur brachte wenig Erfolg. Als er wieder m die Schule 
kam. wu.de er erbarmungslos gehänselt und erhielt den Spitznamen 
Mops«. Als Kind aus reichem Hause und sehr empfindsam, bildete er 
dne willkommene Zielscheibe für den Spott seiner Mitschüler Aber jetzt 
war er so überempfindlich wegen seiner Nase geworden, daß er diese 
Spöttereien, die ihn früher nur belästigten, einfach nicht mehr ertrug. 
Er schloß sich immer mehr ab, las Byron und verwendete viel Sorgfalt 
auf Körperpflege und Kleider. Gerade zu dieser Zeit wurde bekannt daß 
einer seiner Kameraden eine Gonorrhöe akquiriert hatte. Dieser Knabe 
flößte dem Patienten Grauen ein, da er sich vor jeder chronischen 
Erkrankung besonders fürchtete. Er nahm sich fest vor, so eine Krankheit 
niemals zu bekommen. Später akquirierte auch er mit i?'/, Jahren eine 
Gonorrhöe und die Worte des Arztes: „Es ist eine chronische Form 
führten seinen ersten Zusammenbruch herbei. Solange die Krankheit im 
akuten Stadium war, fühlte er sich wohl unglücklich, aber nicht hoff- 
nungslos. Das chronische Stadium aber entmutigte ihn und bot ihm 
Gelegenheit, zwanghaft darüber nachzudenken, ob Gonokkoken im Sekret 
seien oder nicht; wenn sie da wären, wäre er verloren. Es war also eine 
tatsächliche Nasenaffektion schon die Ursache einer früheren Vereinsamung 
und Depression gewesen. Das zweite Trauma, die Gonorrhöe, war ebenso 
real und als eine Affektion direkt am Genitale eine wahre Kastration. 
Aber die dritte Krankheit, die Narbe auf der Nase, war reine Einbildung. 
Die Tatsache, daß der Patient anläßlich seines ersten Besuches bei Prof. X. 
das Loch nicht erwähnte, sondern nur wegen der Talgdrüsen fragte, 
scheint anzudeuten, daß er unbewußt die fiktive Natur seines Leidens 
verspürte. 

Die Identifizierung mit dem kastrierten Vater (teilweise natürlich aus 
Schuldgefühl wegen seiner Todeswünsche) setzt der Patient in einem 
weiteren Traum fort, in dem er Freud eine lange Kratzwunde auf seiner 
Hand zeigt. Freud antwortet etwas, wobei er das Wort „ganz" einigemal 
wiederholt. Dieser beruhigende Traum enthält Freuds Versicherung, daß 



der Patient nicht kastriert ist. Das Thema der Kastration wird im folgenden 
Iraum weiter entwickelt: 

Der Patient liegt auf einem Ruhebett in meinem Behandlungszimmer. 
Plotzhck erscheinen an der Decke des Zimmers ein glänzender Halbmond und 
ein Stern. Der Patient weiß, daß das eine Halluzination ist, und aus Ver- 
zweiflung, weil er fühlt, daß er verrückt wird, wirft er sich mir zu Füßen, 

Mond und Stern, sagt er, bedeuten die Türkei, das Land der Eunuchen. 
üaß er sich mir zu Füßen wirft, erklärt sich aus seiner passiven 
Haltung. ^ 

Von der Kastration des Vaters, der Identifizierung des Patienten mit 
üim und endlich seiner eigenen davon unabhängigen Kastration und der 
daraus folgenden gänzlichen Passivität aus nähern wir uns dem aktuellen 
Material der Verfolgung im folgenden Traum: 

In einer breiten Straße ist eine Mauer mit einer geschlossenen Tür. Links 
von der Tür üt ein großer leerer Kasten, in dem ganze und zerbrochene 
Laden sind. Der Patient steht vor dem Kasten, seine Frau als schattenhafte 
Gestalt hinter ihm. Nahe dem anderen Ende der Mauer steht eine große 
schwerfällige Frau, die so aussieht, wie wenn sie gern um die Mauer herum 
hinter diese gehen wollte. Aber hinter der Mauer üt ein Rudel grauer Wölfe, 
die sich zur Tür drängen und hin und her laufen. Ihre Augen glänzen und 
^s ut klar, daß sie nur darauf lauern, sich auf den Patienten, seine Frau 
und das andere Weib zu stürzen. Der Patient ist entsetzt und furchtet, daß 
es ihnen gelingen wird, durch die Mauer auszubrechen. 

Die große Frau ist eine Verdichtung aus mir und einer anderen Frau 
die tatsächlich sehr groß ist, und von der der Patient wußte, daß sie eine 
feme Narbe auf der Nase hat, durch die sie sich zu seinem größten 
Erstaunen nicht beeinträchtigt fühlt. Daher erscheint sie im Traum 
als eine tapfere Person, die sich weder vor Wölfen noch Narben ängstigt 
— die Nebeneinanderstellung im Traum deutet eine Beziehung der beiden 
Themen an. 

Seine Frau, die schattenhafte Gestalt hinter ihm, ist seine eigene 
Weiblichkeit. Die Tür steht für das Fenster im Original- Wolfstraum. Der 
Kasten wurde von den Bolschewiken ausgeräumt: Die Mutter des Patienten 
berichtete, daß ein Kreuz, das bei seiner Taufe verwendet worden war, 
und das er zu seinem Bedauern mit zehn Jahren verloren hatte, dabei 
wieder gefunden wurde, als man den Kasten aufbrach. Der Kasten erinnert 
den Patienten auch an seine Phantasie vom Zarewitsch, in der dieser in 
einen Raum (den Kasten) eingesperrt und geschlagen wird. In diesem 
Zusammenhang fällt ihm Prof. X. ein; man wird sich erinnern, daß X. 
beim ersten Besuch des Patienten mit großer Sympathie von Alexander III. 



m 



Ein Nachtrag zu Freuds „Gestfaicbte einer infantilen Neurose" 



25 



sprach und dann eine verächtliche Bemerkung über seinen schwächlichen 
Nachfolger Nikolaus II. anschloß. Dies erinnert wieder an Peter den Großen, 
der seinen Sohn Alexej tötete. Auch Gott Vater ließ geschehen, daß sein 
Sohn starb. So wurden also diese beiden Söhne, Christus und Alexej, von 
den Vätern verfolgt und gequält. Beim Worte verfolgt fallen dem 
Patienten die Wölfe im Traum ein, dann weiter Rom (Romulus und 
Remus) und die Verfolgung der ersten Christen. Dann leiten die Wölfe 
zum Wolfstraum, den er mit vier Jahren hatte : damals saßen die Wölfe 
bewegungslos am Baum und schauten das Kind an. Die Analyse ergab, 
daß hier eine Verkehrung ins Gegenteil vorlag, das Kind schaute seine 
Eltern an, nicht die Eltern das Kind. Die glänzenden Augen der Wölfe 
erinnern den Patienten daran, daß er einige Zeit nach dem Traum, den 
er mit vier Jahren hatte, es nicht ertragen konnte, aufmerksam angeschaut 
zu werden. Er geriet in Wut und schrie: „Warum starrst du mich so an? 
Ein aufmerksamer Blick brachte ihm damals sofort den Wolfstraum in 
Erinnerung. Dieses frühe, direkt aus dem Traum hervorgegangene Symptom 
widerlegt vollkommen Ranks Standpunkt, der den Wolfstraum, den der 
Patient mit vier Jahren träumte, in die Zeit seiner Analyse bei Freud 
verlegen will. Meine Frage, ob er tatsächlich den Wolfstraum mit vier 
Jahren gehabt habe, würdigte der Patient keiner Antwort. 

Der Hauptakzent liegt in diesem Traum auf der Verfolgung. Für den 
Patienten war der Wolf immer der Vater gewesen ; nun wollten alle Wölfe 
— alle Väter oder Ärzte — ihn zugrunde richten. Wenn die Türe (das 
Fenster im Originaltraum, durch das man den Koitus beobachten kann) 
aufgeht, werden ihn die Wölfe fressen. 

Jetzt nach der Auflösung der Größenideen des Patienten trat auch der 
Verfolgungswahn viel deutlicher in Erscheinung. Er war viel ausgebreiteter, 
als es eigentlich das eine hypochondrische Symptom hätte erwarten lassen. 
X. habe ihn absichtlich verstümmelt, und jetzt, da er tot sei, bleibe ihm 
keine Möglichkeit zu einer Vergeltung. Alle Zahnärzte hätten ihn miß- 
handelt; und seit er wieder seelisch krank sei, sei auch Freud schlecht zu 
ihm. Die ganze Medizin sei gegen ihn verschworen: seit frühester Jugend 
habe er unter dem Unrecht und der schlechten Behandlung durch seine 
Ärzte leiden müssen. Er verglich seine Leidensgeschichte ständig mit der 
Passion Christi, mit dem ein grausamer Gott, den er in seiner Kindheit 
besonders gefürchtet hatte, ähnlich verfuhr, wie es ihm erging. Die 
Identifizierungen mit Christus und dem Zarewitsch lassen ihn sein großes 
Unglück ermessen, bieten aber auch volle Kompensation: Christus und der 
Zarewitsch stellen ja erhabene Personen vor. Eine ähnliche Kombination 
finden wir in der Vorstellung des Patienten, daß er der Liebling Freuds sei. 



2Ö 



Ruth Ma(k ßrunswidc 



In dieser Zeit verhielt sich der Patient ganz abnorm. Er sah elend und 
vernachlässigt aus und rannte, wie wenn der Teufel ihn verfolge, von 
einem Auslagenfenster zum anderen, um seine Nase zu inspizieren. In der 
Analyse sprach er ganz toll und ohne Zusammenhang mit der Realität 
von seinen Phantasien. Er drohte, mich und Freud zu erschießen, — 
jetzt da X. tot war, — und manche dieser Drohungen klangen ernster 
als die, die man sonst gewöhnlich in Analysen zu hören bekommt. Man 
fühlte, daß er in seiner Verzweiflung zu allem fähig sei. Ich erkannte, 
wie nötig er seine Megalomanie gebraucht hatte, um sich zu schützen; 
er schien jetzt in einem Zustand zu sein, mit dem weder er selbst noch 
auch die Analyse fertig werden konnte. Und als der folgende Traum mit 
seiner guten Vorbedeutung kam, war ich tief erleichtert und erstaunt 
über diesen Umschwung und wußte für ihn keine andere Erklärung als 
daß der Patient schließlich den Weg zur unbewußten Grundlage seines 
Verfolgungswahns doch gefunden hatte : 

Der Patient ist mit seiner Mutter in einem Zimmer, in dem in einer 
Ecke die ganze Wand mit Heiligenbildern bedeckt ist. Die Mutter nimmt die 
Bilder herunter und ivirft sie auf den Boden. Die Bilder zerbrechen in Stücke. 
Der Patient ist erstaunt darüber, daß seine fromme Mutter so etwas tut. 

Die Analyse ergibt, daß die Mutter des Patienten in ihrer Ratlosigkeit 
über die Reizbarkeit und die Ängstlichkeit des Kindes ihn die Geschichte 
Christi lehrte, als er viereinhalb Jahre alt war. Der Erfolg zeigte sich 
darin, daß der Kleine, der bis dahin aus Angst vor bösen Träumen an 
Schlaflosigkeit litt, jetzt auf ein Zeremoniell verfiel, das ihm erlaubte, 
gleich einzuschlafen. Es bestand darin, daß er vor dem Schlafengehen im 
Zimmer herumging, sich bekreuzigte, betete und die Heiligenbilder eins 
nach dem anderen küßte. Mit diesem Zeremoniell begann seine Zwangsneurose. 
Im Traum bin ich die Mutter; meine Rolle steht aber zu der der 
wirklichen Mutter im Gegensatz: statt dem Patienten die Religion zu 
geben, zerstöre ich sie ihm. Ich zerstöre ja jetzt gerade seine Christus- 
Phantasie mit allem, was für ihn damit verbunden ist. 

Am nächsten Tag bringt er einen „verklärten" Wolfstraum: 
Der Patient steht an seinem Fenster und blickt auf eine fViese, hinter der 
sich ein fVald erhebt. Die Sonne fällt durch die Bäume, so daß das Gras 
ganz gesprenkelt aussieht; die Steine auf der Wiese werfen einen sonderbaren, 
malvenfarbigen Schatten. Der Patient schaut besonders die Äste eines Baumes 
an und bewundert es, wie schön sie miteinander verflochten sind. Er kann 
nicht begreifen, daß er diese Landschaft noch nicht gemalt hat. 

Diese Landschaft muß wohl mit dem kindlichen Wolfstraum in Zu- 
sammenhang gebracht werden. Jetzt scheint die Sonne — damals war es 



Ein Nachtrag zu Freuds „Gesdiidite einer infantilen Neurose" 



27 



Nacht, die Zeit also, in der man ängstlich ist. Die Zweige, auf denen 
früher die furchterregenden Wölfe saßen, sind jetzt leer und sind wie ein 
schönes Muster ineinander verflochten (das Elternpaar in der Umarmung). 
Was furchtbar und schrecklich war, ist schön und beruhigend geworden. 
„Er kann nicht begreifen, daß er die Szene noch nicht gemalt hat," be- 
deutet seine bisherige Unfähigkeit, sie zu bewundern. 

Die Versöhnung mit dem, was ihn früher so erschreckte, kann aber 
nur bedeuten, daß er seine Angst vor der Kastration nunmehr überwunden 
hat und jetzt auch vermag, zu bewundern, was andere schön finden — 
eine Liebesszene zwischen Mann und Weib. Solange er sich mit dem 
Weib identifizierte, war er zu einer solchen Bewunderung unfähig: sein 
ganzer Narzißmus sträubte sich gegen die in der weiblichen Rolle ent- 
haltene Kastration. Hat er seine Identifizierung mit der Frau aufgegeben, 
so muß er die Kastration nicht mehr fürchten. 

Wie nicht anders zu erwarten, war der Patient noch nicht ganz so 
weit, als es der Traum zu zeigen schien. Am nächsten Tag brachte er 
einen Traum, in dem er zu meinen Füßen liegt — eine Rückkehr zu seiner 
Passivität. Er ist mit mir in einem Wolkenkratzer, dessen einziger Ausgang 
ein Fenster ist (vgl. den Original- Wolfstraum und den eben berichteten). 
Von diesem. Fenster führt eine Leiter in die unheimliche Tiefe. Um. aus dem. 
Wolkenkratzer herauszukommen, muß er durchs Fenster. Das bedeutet, 
er kann nicht drinnen bleiben und hinausschauen wie in allen bisherigen 
Träumen, er muß seiner Angst Herr werden und hinausgehen. Er erwachte 
in großer Angst und suchte verzweifelt weiter nach einem anderen Ausweg. 

Aber der einzige andere Weg ist der über die Akzeptierung seiner 
eigenen Kastration. Er muß entweder diesen gehen oder muß zurück zu 
der Szene der Kindheit, die für seine passive Einstellung zum Vater patho- 
genetisch wurde. Er beginnt einzusehen, daß alle seine Größenideen, seine 
Angst vor dem Vater und vor allem die nicht gutzumachende Entstellung 
durch den Vater nur seine Passivität decken sollten. In dem Moment, wo 
diese Passivität frei zutage tritt, wird sie, deren Abwehr ja die Produktion 
der Wahnideen hervorrief, für den Patienten unerträglich. So sehr es auch 
den Anschein hatte, gab es in Wirklichkeit doch für ihn keine Wahl 
zwischen der Annahme der weiblichen Rolle und ihrer Ablehnung: wenn 
der Patient fähig gewesen wäre, die weibliche Rolle und die Passivität voll 
zu akzeptieren, hätte er die Erkrankung ersparen können, die ja nur aus 
der Abwehr der weiblichen Rolle entstand. 

Ein zweiter Traum derselben Nacht bringt die Ursache für die Ein- 
schränkung der Sublimierung: Freud, dem er seine Absicht mitteilt, Straf- 
gesetz zu studieren, rät ihm ab und empfiehlt Wirtschaftslehre. 



28 



Ruth Mads Brunswick 



Der Patient, dessen Vater, wie erwähnt, ein russischer Liberaler und in 
Politik und Wirtschaftslehre tätig war, interessierte sich immer besonders 
fürs Strafgesetz (er ist Jurist). Seine ganze erste Analyse hindurch be- 
hauptete er immer, daß Freud ihn bei diesen Ambitionen entmutige, indem 
er ihn aufforderte, sich dem Studium der Nationalökonomie zu widmen, 
für die er sich — offenbar aus Reaktion gegen seinen Vater — gar nicht 
interessierte. Nun wußte ich, daß seine Behauptung über den Rat, den 
Freud ihm gegeben haben sollte, unrichtig war; doch konnte ich den 
Patienten erst anläßlich dieses Traumes von dieser Tatsache überzeugen. 
Seine Unfähigkeit, die Vaterrolle in seinen Sublimierungen einzunehmen, 
hatte ihn veranlaßt, den ihn hemmenden Einfluß auf Freud zu proji- 
zieren. Er durfte selbst keine Wahl treffen und statt dessen trat er gehör 
sam in die Fußstapfen seines Vaters. 

Er spricht jetzt lange von der Notwendigkeit, seine Homosexualität zu 
sublimleren, und von der Schwierigkeit, den richtigen Weg dazu zu finden. 
Er meint, durch die Umstände und sein inneres Unvermögen dazu unfähig 
zu sein. Es ist ja richtig, daß heutzutage die Möglichkeiten für die ihn 
interessierende Arbeit beschränkt sind. Aber er hätte seine freie Zeit, die 
reichlich bemessen war, zum Studium verwenden können. Daran hinderte 
ihn seine Arbeitshemmung. Tatsächlich war er, der einst fleißig studierte, 
seit Jahren nicht mehr imstande, auch nur eine Novelle zu lesen. 

Eine Reihe von nachfolgenden Träumen, die an die vorhergehenden direkt 
anschließen, beleuchten die Vater-Sohn-Beziehung und zeigen den Beginn 
der Befreiung des Sohnes. Der unterwürfige Sohn ist darin dem Patienten, 
der bereits die beginnende Vateridentifizierung zeigt, gegenübergestelh. 

Ein junger Österreicher, der viele Jahre in Rußland gelebt hat und dort 
sein Geld verlor, hesucht den Patienten. Dieser junge Österreicher hat eine 
untergeordnete Stellung in einer BanJc in Wien. Er klagt über Kopfschmerzen 
und der Patient erbittet von seiner Frau ein Pulver, ohne ihr zu sagen, daß 
er es für den Freund braucht; er fürchtet, sie umrde es ihm dann nicht 
geben. Zu seinem Erstaunen gibt sie ihm auch ein Stück Kuchen, das aber für 
beide, ihn und seinen Freund, zu klein ist. 

Offenbar ist der junge Österreicher der Patient selbst während seiner 
Krankheit (Kopfschmerzen). Er wird gegen seine Krankheit mit, einem 
Pulver behandelt. Dann bekommt der (geheilte) Patient offenbar als Be- 
lohnung ein Stück Kuchen — die_ ersehnte Sublimierung. Aber für beide 
reicht es nicht aus, d. h. es ist nur genug für den (geheilten) Patienten. 
Der nächste Traum kommt wieder auf die Kastration des Vaters zurück. 
Der Patient üt bei einem Arzt mit einem vollen, runden Gesicht (wie 
Prof X.) in der Ordination. Er fürchtet, daß er nicht Geld genug in seiner 



I 



Ein Naditrag zu Freuds „Gesdiichte einer infantilen Neurose« 29 



Börse hat, um den Arzt zu bezahlen. Doch sagt dieser, die Rechnung sei sehr 
klein, er sei mit 100.000 Kronen zufrieden. Beim Weggehen will ihn der 
Arzt überreden, alte Musiknoten mitzunehmen. Er lehnt sie aber ab, weil er 
dafür keine Verwendung hat. Aber an der Tür drängt ihm der Arzt einige 
farbige Postkarten auf, die zurückzuweisen er sich nicht getraut. Plötzlich er- 
scheint die Analytikerin des Patienten wie ein Page gekleidet, in einem blau- 
samtenen Anzug mit kurzen Hosen und einem Dreispitz. Trotz ihrer Kleidung, 
die eher knabenhaft als männlich ist, sieht sie ganz weiblich aus. Der Patient 
umarmt sie und setzt sie sich auf sein Knie. 

Die Furcht des Patienten spielt auf eine Tatsache aus dem wirklichen 
Leben an und hat doch gleichzeitig die Bedeutung einer Ironie. Er konnte 
tatsächlich für seine letzte AnalysebeiFreud nichts bezahlen, andererseits hatte er 
seinerzeit als reicher Mann genug gezahlt, um jetzt mit gutem Gewissen 
eine Gratisbehandlung annehmen zu können. Zur Zeit seiner ersten Ana- 
lyse wären loo.ooo Kronen kein Betrag für ihn gewesen. Aber zu Beginn 
des Jahres 1927, als er diesen Traum hatte, hätten 100.000 Goldkronen 
ein Vermögen für den verarmten Russen bedeutet. Er pflegte noch immer 
von Kronen zu sprechen, vielleicht weil die Beträge dadurch so viel größer 
aussahen : Österreich hatte zu dieser Zeit schon Schillingwährung. Er wußte 
auch nicht, ob die 100.000 Kronen im Traum 100.000 Goldkronen oder 
100.000 Papierkronen (= 10 Schilling) bedeuteten. Er war also entweder 
so reich, daß 100.000 Goldkronen nichts für ihn waren, oder die Rechnung 
des Arztes von 10 Schilling war lächerlich klein — wahrscheinlichr weil 
die Behandlung so wenig wert war. In beiden Fällen kann der Patient 
seine Rechnung bezahlen, doch wohl nur infolge der Entwertung entweder 
der Währung oder der Leistung des Arztes. 

Das runde, volle Gesicht des Arztes steht im Gegensatz zu Freuds 
Gesicht, der dem Patienten so mager und krank vorkam. Dieses Detail 
scheint ein Versuch zu sein, die Krankheit des Vaters zu verneinen, ob- 
wohl sonst alles im Traum darauf abzielt, seine Kastration ausdrücklich 
zu betonen und seine Bedeutung zu entwerten. Der Vater ist in Wirklich- 
keit der Bettel musikant (vgl. den Traum auf Seite 21); statt aber die 
Noten verkaufen zu wollen, will er sie dem Patienten geben. Aber 
sie sind zu wertlos ; er lehnt sie ab und läßt sich nur die kolorierten 
(billigen) Karten schenken. Die Postkarten sind Symbole für die Geld- 
geschenke Freuds, die jetzt für den Patienten wertlos geworden sind. Der 
diesem Teil des Traumes zugrunde liegende Gedanke ist klar: kein Ge- 
schenk kann den Patienten für die damit verbundene Passivität ent- 
schädigen. So wurden schließlich die Geschenke ihrer libidinösen Bedeutung 
beraubt ; die Geschenke, deren Erwartung zur Zeit seines vierten Geburts- 



30 



Ruth Mack Brunswldc 



tages, der aufs Weihnachtsfest fiel, den Wolfstraum und die ganze infantile 
Neurose veranlaßten, und die auch in seinem späteren Leben und in seiner 
analytischen Behandlung eine führende Rolle gespielt hatten. 

Der Arzt im Traume ist ein besonders harmloses Individuum: das 
will heißen, er sei kastriert, also so gut wie tot. 

Die Form, in der die Heterosexualität in diesem Traum auftritt, ist 
historisch richtig begründet; denn man wird sich erinnern, daß der Patient 
in früheren Jahren durch seine ältere, immer fürwitzige und aggressive 
Schwester verführt worden war. Die Verführung verstärkte seine latente 
Passivität, mdem sie sie der Frau gegenüber manifest werden ließ So 
hatte mein knabenhaftes Kostüm mehrere Bedeutungen: erstens eine durch 
die Aggression der Schwester historisch begründete, zweitens bedeutet sie 
meine Vaterrolle als Analytiker und drittens entspricht sie in tiefster Schicht 
einem Versuch des Patienten, die Kastration der Frau zu verleugnen und 
ihr einen Penis beizulegen. Im Traum bin ich einer jener Pagen, die auf 
der Bühne immer von Frauen dargestellt werden. So bin ich also weder 
Mann noch Frau, sondern ein Geschöpf sächlichen Geschlechtes. Aber die 
Zuerkennung eines Penis für das weibliche Geschlecht wird sofort abgelöst 
durch den Versuch, die Frau zu erobern, indem er ihre Weiblichkeit ent- 
deckt und sich anschickt, ihr den Hof zu machen. So enthüllt sich eine 
zweite Determinante für ihre Männlichkeit im Traum : der Patient hat 
ihr den Penis zuerkannt, um ihn ihr wieder wegzunehmen, mit anderen 
Worten, er kastriert sie auf Grund seiner Vateridentifizierung, in der 
gleichen Weise wie er früher wünschte, vom Vater kastriert zu werden. 
Man kann hiebei beobachten, daß dies der erste Traum ist, in dem die 
Heterosexualität des Patienten ebenso wie eine positive erotisch gefärbte 
Übertragung sichtbar wird. Ein Stück Identifizierung mit der Frau ist 
zweifellos noch vorhanden; aber im Vordergrund steht jetzt seine männliche 
Rolle. Scheinbar ist die Vateridentifizierung erst jetzt genug erstarkt, um ihn 
instand zu setzen, eine heterosexuelle Übertragung auf mich zu entwickeln. 
Im letzten Traum dieser Analyse geht der Patient mit dem zweiten 
Dermatologen, der sehr lebhaft über venerische Erkrankungen mit ihm debattiert, 
auf der Straße. Der Patient nennt den Namen des Arztes, der seine Gonorrhöe 
mü einem zu starken Mittel behandelt hatte. Beim Hören des Namens sagt 
der Dermatologe: nein, nein, nicht dieser, ein anderer. 

Hier ist der Zusammenhang hergestellt zwischen der jetzigen Erkrankung 
des Patienten und der Gonorrhöe, die den ersten nervösen Zusammenbruch 
des Patienten hervorgerufen hatte. Es sei daran erinnert, daß die Mutter 
des Patienten an einer Unterleibskrankheit gelitten hatte, die mit Blutungen 
und Schmerzen verbunden war, und daß der Patient vielleicht nicht mit 



Ein Nachtrag zu Freuds „Gesdiichte einer infantilen Neurose" 



31 



Unrecht seinen Vater für diesen Zustand verantwortlich machte. Wenn 
der Patient im Traum den Namen des Arztes nennt, der ihn im Gegensatz 
zu seinem langjährigen konservativen Hausarzt so radikal behandelt hatte, 
so meinte er Prof. X. damit, dessen radikale elektrolytische Behandlung 
ihm seiner Meinung nach denselben Schaden zufügte, wie die frühere 
energische Behandlung der Gonorrhöe. Wenn der Dermatologe sagt, „nicht 
dieser, sondern ein anderer", kann er damit nur den Vater meinen, der, 
wenn auch nicht genannt, doch für alle Behandlungen und Krankheiten 
verantwortlich gemacht wurde. Daß Krankheit Kastration bedeutet, ist ja 
ohneweiters klar. 

Erst nach diesem Traum gab der Patient, und zwar sofort, seine Wahn- 
vorstellungen auf. Er konnte jetzt einsehen, daß seinem Nasensymptom 
keine tatsächliche Verunstaltung zugrunde liege, sondern eine Wahnidee, 
die aus seinem unbewußten Wunsch und dessen Abwehr entsprang und 
sich als stärker erwies als sein Realitätssinn. 

Die vollständige Wiederherstellung kam plötzlich auf fast trivial zu 
bezeichnende Art. Er bemerkte auf einmal, daß er wieder Novellen lesen 
und sich auch daran freuen könne. Er stellte fest, daß ihm sein Lieblings- 
vergnügen bis jetzt aus zwei Ursachen versagt gewesen sei: einerseits 
konnte er sich mit dem Helden eines Buches nicht identifizieren, weil 
dieser Held als Geschöpf des Autors ganz dessen Werkzeug ist; anderseits 
hinderte ihn seine Produktionshemraung, sich mit dem Autor zu identi- 
fizieren. So saß er auch hier wie in seiner Psychose zwischen zwei Stühlen 
auf der Erde. " , 

Von da an war er gesund, er konnte malen, Arbeiten in Aussicht 
nehmen und sich seinem Spezialgebiet widmen, und nahm wieder voll 
Interesse teil am Leben, an der Kunst und an der Literatur, wie er es 
früher immer getan hatte. Sein Charakter änderte sich wieder und bildete 
sich ebenso auffällig zum normalen zurück, wie er sich vorher zum ab- 
normen gewandelt hatte. Er war wieder so, wie wir ihn aus Freuds 
Krankengeschichte kennen, scharfsinnig, gewissenhaft und anziehend, voll 
von Interessen und Kenntnissen und mit einem analytischen Verständnis 
und einer analytischen Genauigkeit begabt, daß man seine helle Freude 
daran haben konnte. 

Sein früheres Benehmen konnte er nun nicht mehr begreifen. Die 
Verheimlichung des Schmuckes, die Annahme der jährlichen Geldspende 
und die kleinen Unehrenhaftigkeiten waren ihm nun selbst ein Rätsel. 
Und doch lag ihr Geheimnis in der Bemerkung, die er über seine Frau 
hatte fallen lassen : Frauen sind immer so : mißtrauisch, argwöhnisch und 
ängstlich, etwas zu verlieren. 



32 



Ruth Made Brunswidt 



V 
Diagnose 

Die Diagnose des Falles scheint mir keiner weiteren Beweise zu be- 
dürfen, als die Krankengeschichte sie selbst bietet. Das Bild ist typisch für 
die als hypochondrische Typen der Paranoia bekannten Fälle. Die echte 
Hypochondrie ist keine Neurose; sie reiht sich eher den Psychosen an. Die 
Bezeichnung Hypochondrie ist nicht anwendbar für jene Fälle, wo all- 
gemeine Angst wegen des Gesundheitszustandes als Hauptsymptom auftritt 
wie bei den Angstneurosen; die Hypochondrie fällt auch nicht mit der 
Neurasthenie zusammen. Sie bietet ein charakteristisches Bild, bei dem es 
sich um die alleinige Beschäftigung mit einem Organ, bzw. mehreren 
Organen handelt, aus der Annahme heraus, daß dieses verletzt oder erkrankt 
sei. Das Hauptsymptom des Patienten, das so häufig bei beginnender 
Schizophrenie gefunden wird, ist ein Beispiel für diesen Typus der Hypo- 
chondrie. Bisweilen bildet eine leichte organische Erkrankung die Basis 
für die hypochondrische Idee, die aber gewöhnlich auch ohne reale Grund- 
lage schon vorhanden war. Sie erscheint dann unter dem Bilde eines 
Wahnes. (Bei den nichthypochondrischen Formen der Paranoia kann irgend 
eine Wahnidee den Inhalt des Hauptsymptoms bilden. Der gewöhnliche 
Typus der Paranoia ist der einer monosymptomatischen wahnhaften 
Erkrankung, die nach dem Inhalt der Wahnideen als Verfolgungs-, Eifer- 
suchts- oder hypochondrischer Wahn bezeichnet wird. In ihrer Entstehung 
kann die Paranoia als sogenannte „überwertige Idee" auftreten, diese Idee 
kann die verschiedensten Formen annehmen.) 

Bleuler gibt an, daß er selbst niemals eine hypochondrische Form 
der Paranoia gesehen habe, obwohl sie in den Lehrbüchern beschrieben 
wird. Man muß feststellen, daß, obgleich unser Fall gewiß zur hypo- 
chondrischen Form gehört, die hypochondrische Idee doch nur dazu dient, 
dahinter liegende Verfolgungsideen zu verbergen. So bildet, obwohl die 
äußere Form eine hypochondrische ist, den Inhalt der Psychose doch die 
Verfolgung. Der Patient hielt daran fest, daß seine Nase absichtlich von 
jemandem, der ihn hasse, verdorben worden sei. Die Möglichkeit einer 
unbeabsichtigten Schädigung wurde von diesem analytisch so geschulten 
Patienten sehr geschickt ausgeschaltet durch das Argument: Wer kann 
sagen, wo das unbewußte Handeln' einsetzt und das bewußte aufhört? Und 
er bemerkte noch dazu, daß ein Arzt, der als einer der ersten in seinem 
Fach gelte, doch wohl nicht gut ein so ungeschickter Therapeut sein 
könne. Er fuhr dann fort, sich selbst für die Wut verantwortlich zu 
machen, von der Prof. X. gegen ihn erfaßt sei, denn er habe, wie er sagte. 



I 



Ein Naditrag zu Freuds »Geschichte einer infantilen Neurose" 



33 



durch seine häufigen Besuche und sein beharrliches Fragen X.s Geduld 
erschöpft. Wenn man den latenten Inhalt dieser Idee aufsucht, sieht man, 
wie der Patient darin die Situation der Verfolgung konstruiert, um dann 
sich selbst für die Verfolgung verantwortlich zu machen. Wir wissen, daß 
der Verfolgung seine eigene auf den Verfolger projizierte Feindseligkeit 
zugrunde liegt. Der Wolfsmann entwickelte ein besonderes Geschick in 
der Konstruktion von Situationen, die seinem Mißtrauen Gelegenheit boten, 
«ich zu äußern. Mit zwölf Jahren hatte er von der für seinen Nasenkatarrh 
Terschriebenen Medizin so viel genommen, daß er seinen ganzen Teint 
verdarb; man machte dem Arzt Vorwürfe, daß er dem Patienten eine 
.zu scharfe Salbe" verschrieben habe. Im Verlaufe der Behandlung seiner 
Gonorrhöe wurde er mit der Therapie seines Hausarztes unzufrieden und 
suchte einen anderen Arzt auf, der ihm eine „zu scharfe" Instillation 
verabreichte. Das Urteil des einen Zahnarztes mußte immer durch das 
eines anderen überprüft werden, bis schließlich einer der vielen Zahnärzte 
einen Irrtum beging. Als sich dann der Patient entschloß, sich einen Zahn 
ziehen zu lassen, offenbar unter dem Zwang, einen Zahn verlieren zu 
müssen, wurde ihm ein gesunder Zahn extrahiert, so daß dann eine zweite 
Extraktion nötig war. Professor Freud sagte mir, wie erwähnt, daß das 
Benehmen des Patienten zu dieser Zeit seinen Zahnärzten gegenüber 
genau so war, wie er sich früher zu seinen Schneidern verhielt, die er 
anflehte, beschenkte und beschwor, gut für ihn zu arbeiten, und mit denen 
er dann doch nie zufrieden war. Ich möchte nur erwähnen, daß der 
Schneider nicht nur an und für sich gewöhnlich den Kastrator darstellt, 
sondern daß der Patient auch durch ein Erlebnis seiner Kindheit prä- 
disponiert war, gerade den Schneider für diese Rolle auszuwählen. Wie 
erinnerlich, geht ja der kindliehe Wolfstraum teilweise auf die Erzählung 
des Großvaters zurück, in der ein Schneider dem Wolf den Schwanz ausreißt. 
Die Behauptung des Patienten, daß kein Arzt oder Zahnarzt ihn je 
ordentlich behandelt habe, ist oberflächlich betrachtet bis zu einem gewissen 
Grad gerechtfertigt. Doch wenn man den Patienten auf seinem langen 
Leidensweg von Arzt zu Arzt, von Zahnarzt zu Zahnarzt begleitet, muß 
man zum Schluß kommen, daß er selbst es war, der schlecht behandelt 
werden wollte, und daß er es seinen Ärzten leicht gemacht hat, ihn schlecht 
zu behandeln. Mißtrauen war das erste, was er jeder Behandlung entgegen- 
brachte. Der normale Mensch hört mit der Behandlung auf, wenn er mit 
dem Arzt unzufrieden ist, und würde es sicher nie zulassen, daß ihn 
jemand operiere, den er für seinen Feind hält. Die passive Einstellung 
des Patienten machte ihm aber jeden Bruch mit einem Vaterersatz sehr 
schwer; immer versuchte er erst, den eingebildeten Feind zu besänftigen. 

Int. Zeitschrift f. Psychoanalyse, XV/i 3 



34 Ruth Macfc Brunswick 



Es sei an das passagfere Symptom in der ersten Analyse erinnert, das darin 
bestand, daß der Patient von Zeit zu Zeit das Gesicht dem Analytiker 
zukehrte, ihn sehr freundlich, wie begütigend ansah und dann den Blick 
von ihm zur Stehuhr wendete. Es sollte heißen: Sei gut mit mir. Dieselbe 
Gebärde mit dem gleichen Inhalt tauchte auch im Laufe der Analyse 
bei mir auf. 

Professor X. war natürlich der Hauptverfolger; der Patient hat selbst 
einmal hervorgehoben, daß X. ein Ersatz für Freud sei. Von Seite Freuds 
direkt war die Verfolgung nicht so deutlich. Der Patient machte ihm wohl 
den Verlust seines Geldes in Rußland zum Vorwurf, aber er mußte doch 
lachen bei der Vorstellung, daß Freuds Ratschlag wirklich in böswilliger 
Absicht gegeben worden sein könnte. Er mußte also einen indifferenten, 
aber gleichwertigen symbolischen Verfolger finden, dem er mit gutem 
Gewissen und ernstlich die bösartigsten Absichten zumuten konnte. Außer- 
dem gab es noch viele unbedeutendere Personen, von denen der Patient 
sich hintergangen, benachteiligt und betrogen fühlte. Bemerkenswerterweise 
war er gerade dort, wo er in Wirklichkeit hintergangen wurde, gar nicht 
mißtrauisch. 

Die Hauptanhaltspunkte für die Diagnose Paranoia sind in Kürze 
folgende: 

/) Die hypochondrische Wahnidee, 

2) der Verfolgungswahn, 

j) die narzißtische Regression, die ihren Ausdruck im Größenwahn findet, 

4) das Fehlen von Halluzinationen und das Vorhandensein von Wahnideen, 

/) Beziehungswahn geringen Grades, 

6) das Fehlen jeder Abnahme seiner geistigen Fähigkeiten, 

7) die Charakterveränderung, 

8) der monosymptomatische Charakter der Psychose. Wenn der Patient 
über etwas anderes als seine Nase sprach, schien er ganz gesund. Wenn 
er aber auf seine Nase zu sprechen kam, benahm er sich wie ein richtiger 
Irrsinniger. 

9) Die Ekstase des Patienten, als X. die Talgdrüse entfernte, ist nicht 
gerade typisch psychotisch, aber im wesentlichen doch nicht als neurotisch 
zu bezeichnen. Ein Neurotiker mag seine Kastration wünschen und 
fürchten; aber er wird sie nicht mit solch freudiger Begeisterung über 
sich ergehen lassen. 

Die hypochondrische Wahnidee deckt die Verfolgungsideen und bietet 
damit eine geeignete Form, in der die Erkrankung zum Ausdruck kommen 
kann. Der hier vorhandene Verdichtungsmechanismus erinnert an den 
des Traumes. 



Etn Naditrag zu Freuds „Gesdiidite einer infantilen Neurose" 35 

VI 
Die Mettanismen der PsyAose 

Ich möchte noch einiges über die Mechanismen und über die Symbole 
der Psychose sagen. Die Nase bedeutet natürlich das Genitale; dazu muß 
bemerkt werden, daß der Patient tatsächlich immer glaubte, seine Nase 
und sein Penis seien zu klein geraten. Die Wunde auf der Nase bringt 
er sich zuerst selbst bei, dann verwundet ihn Prof. X. Daß der Patient 
durch seine Selbstkastration nicht befriedigt ist, läßt auf ein Motiv schließen, 
das neben dem gewöhnlichen masochistischen Strafbedürfnis bestehen muß, 
das ja durch die Tat an sich, ohne Rücksicht auf die Person des Täters, 
hätte befriedigt sein müssen. Dieses weitere Motiv ist zweifellos ein 
libidinöses: der Wunsch, die Kastration vom Vater zu erleiden, wobei die 
Kastration als Ausdruck der Liebe des Vaters auf anal-sadistischer Basis 
aufgefaßt wird. Hiezu kommt noch der Wunsch, in eine Frau verwandelt 
zu werden, um vom Vater sexuell befriedigt werden zu können. Ich er- 
innere hier an das halluzinatorische Erlebnis des Patienten in früher 
Kindheit, in dem er vermeinte, sich seinen Finger abgeschnitten zu haben. 

Die ganze Zeit der Psychose hindurch umhüllte den Patienten der 
„Schleier" seiner früheren Krankheit. Durch ihn konnte nichts hindurch. 
Eine etwas dunkle Bemerkung, daß die analytische Stunde oft ein Äqui- 
valent dieses Zustandes der Verschleierung sei, bestätigte die frühere Deutung 
des Zustandes als Mutterleibsphantasie. In diesen Zusammenhang gehört 
auch der Gedanke des Patienten, daß seine Person gewissermaßen zwischen 
Professor Freud und mir vermittle; es sei daran erinnert, daß er eine 
Fülle von Phantasien über vermeintliche Diskussionen zwischen Freud und 
mir über seine Person entwickelte. Er selbst nannte sich unser „Kind" 
und einer seiner Träume brachte ihn neben mir liegend, während Freud 
hinter ihm saß. (Hier ist wieder das Thema des Koitus a tergo zu 
finden.) Im Sinne dieser Mutterleibsphantasie nimmt er am Verkehr der 
Eltern teil. 

Bemerkenswert ist der Unterschied der jetzigen psychotischen und der 
früheren hysterischen Mutteridentifizierung. Früher schien seine weibliche 
Haltung seiner Persönlichkeit nicht völlig eingebaut zu sein; es war klar, 
daß er diese Rolle nur gewissen Personen gegenüber spielte. So konnte er 
durchaus männlich sein, — in seinen Beziehungen zu Frauen, — war 
aber dem Analytiker und anderen Vaterfiguren gegenüber unverkennbar 
weiblich eingestellt. Während seiner Psychose aber bestand diese Zweiheit 
nicht: die weibliche Einstellung hatte von seiner ganzen Person Besitz 
ergriffen, er war völlig in ihr aufgegangen. Er war in diesem Zustand ein 

3* 



36 Ruth Ma(k Brunswidk 



minderwertiger, kleinlicher Mensch, aber die Spaltung in seiner Persön- 
lichkeit war geschwunden. Als ich Dr. Wulff in Berlin, der früher in 
Moskau gelebt hatte, von der Charakterveränderung erzählte, meinte er, 
der den Patienten und beide Eltern behandelt hatte: Jetzt spielt er nicht 
länger mehr die Mutter, jetzt ist er sie bis ins letzte Detail. Diese Be- 
merkung kennzeichnet am besten die Wandlung im Patienten. 

Die Elemente, aus denen diese Mutteridentifizierung hervorgeht, sind 
deutlich. Der Patient begann über seine Nase nachzudenken, nachdem er 
seine Mutter mit einer Warze auf der Nase gesehen hatte. Sein Verhängnis 
wollte, daß seine Frau dieselbe Verunstaltung an derselben Stelle aufwies. 
Seine Schwester hatte unter ihrem schlechten Teint gelitten und war wie 
der Patient über ihr Aussehen beunruhigt. Die Sorge um den Teint ist 
an und für sich eine weibliche Eigenschaft. Seine stereotype Klage: „So 
kann ich nicht weiterleben," hatte er direkt von der Mutter übernommen. 
Die hysterische Angst der Mutter um ihre Gesundheit ist in seiner ganzen 
Kindheit und in seinem späteren Leben auffindbar, so z. B. in der jetzigen 
Erkrankung in der Angst, sich zu erkälten. Die Unentbehrlichkeit in Geld- 
sachen ist überdies zum Teil eine Identifizierung mit der Mutter, der er 
so oft und in so ungerechter Weise vorgeworfen hatte, daß sie ihn um 
seine Erbschaft betrogen habe. 

Vielleicht ist der Höhepunkt der Mutteridentifizierung die Ekstase, die 
der Patient erlebte, als er sein Blut unter der Hand des Dermatologen 
fließen sah. Man erinnere sich nur an die Angst des Patienten vor 
Dysenterie und Blut im Stuhl, die in früher Kindheit auftrat, nachdem 
er mitangehört hatte, wie die Mutter dem Arzte ihre (wahrscheinlich 
vaginalen) Blutungen klagte. Das Kind faßte die Unterleibserkrankung als 
eine Folge des Verkehres mit dem Vater auf. Es war also eine passive 
Koitusphantasie, der die Ekstase entstammte, als X. das Instrument nahm 
und die kleine Drüse entfernte. Auch das Motiv des Gebarens, des Befreit- 
werdens, spielt dabei deutlich mit. 

Am deutlichsten zeigt sich die weibliche Einstellung des Patienten in 
der Gewohnheit, sich immer im Taschenspiegel zu betrachten und seine 
Nase zu pudern. Zuerst borgte er den Spiegel von seiner Frau, dann kaufte 
er eine Puderdose mit festem Puder und Spiegel und benützte sie ganz so 
wie die moderne Frau. 

Wenn die Nasensymptome eine Mutteridentifizierung darstellen, so liegt 
den Zahnsymptomen eine Vateridentifizierung zugrunde, aber eine Identi- 
fizierung mit dem kastrierten Vater. Freuds Operation war eigentlich eine 
Zahnoperation, die ein Kieferchirurg ausführte. So bedeutete die lang- 
dauernde Erkrankung und die daraus folgende allgemeine Unfähigkeit des 



mvarannani 



Ein Nachtrag zu Freuds „Gesdiidite einer infantilen Neurose* 



Patienten in gewissem Sinne eine Kastration Freuds sowohl wie des Vaters. 
Dabei sei noch daran erinnert, daß dem Diener, den der Patient als Kind 
so liebte (s. Geschichte einer infantilen Neurose, Ges. Sehr., Bd. VIII, 
S. 530), die Zunge angeblich herausgeschnitten worden war. 

Die gegenwärtige Charakterveränderung des Patienten ähnelt der seiner 
Kindheit, obwohl sie durchgreifender ist. Er war damals mit dreieinhalb 
Jahren als Folge der Verführung durch seine Schwester und der daraus 
entstandenen Aktivierung seiner Passivität sehr reizbar und aggressiv ge- 
worden und quälte Mensch und Tier. Obwohl hinter diesen Aktionen der 
masochistische Wunsch steckte, vom Vater bestraft zu werden, war doch 
die äußere Form seines Charakters damals eine sadistische. Ein Stück Vater- 
identifizierung war also damals deutlich vorhanden. In der jetzigen Cha- 
rakterveränderung des Patienten finden wir dieselbe Regression auf die 
anale Stufe mit der zugehörigen sadistischen oder masochistischen Kom- 
ponente wie damals; aber die Einstellung des Patienten ist dabei eine 
passive. Er wird mißhandelt und gequält, statt, wie damals, selbst zu quälen. 
Jetzt ist die Lieblingsphantasie, in der er sich auslebt, die von Peter dem 
Großen und seinem Sohn, der vom Vater getötet wurde; und Prof. X. 
teilte ihm direkt die Rolle des Sohnes zu, wenn er in der ersten Ordina- 
tion über den früheren und den jetzigen Zaren spricht! Die Phantasie, 
auf den Penis geschlagen zu werden, erscheint in der Wahnidee, von X. 
an der Nase verstümmelt worden zu sein. Auch darin ist X. der Vater. 
Wie seine Ausbrüche in der Kindheit Versuche darstellten, eine Strafe vom 
Vater zu provozieren, ebenso sind die beharrlichen Besuche bei X. und die 
ewigen Bitten um Behandlung nichts anderes als eine Forderung nach der 
Kastration. 

Dem „unausgesetzten Schwanken" zwischen masochistischer und sadi- 
stischer Einstellung, wie Freud es bezeichnet, liegt, wie Freud an der- 
selben Stelle klarlegt, die Ambivalenz zugrunde, die beim Patienten in 
jeder seiner Beziehungen zum Ausdruck kommt. Dieses Schwanken ist die 
Folge einer starken Bisexualität. 

Die libidinöse Bedeutung des Geschenkes durchzieht wie ein roter Faden 
die Lebensgeschichte des Patienten. Der Wolfstraum, der knapp vor dem 
vierten Weihnachts- (Geburts-) Tag geträumt wurde, enthielt als Leitmotiv 
die Hoffnung auf die Sexualbefriedigung durch den Vater als schönstes 
Weihnachtsgeschenk. Dieses heftige Verlangen nach einem Geschenk vom 
Vater ist der stärkste Ausdruck der Passivität des Sohnes. Mit dem Ge- 
danken an Freuds Tod antizipierte er den Empfang einer Erbschaft. Diese 
Erbschaft, auf die er sich unberechtigterweise Hoffnung machte, hatte be- 
sonders, da Freud ja noch lebte, die Bedeutung eines Geschenkes und er- 



38 Ruth Madt Brunswidt 



weckte in ihm dieselhen Gefühle, wie die Hoffnung auf den Weihnachts- 
abend in seiner Kindheit. Eine ähnliche Rolle spielten die jährlichen Geld- 
spenden, die er von Freud erhielt. Auf Grund der unbewußten passiven 
Einstellung, die von der ersten Analyse her ungelöst zurückgeblieben war, 
waren ihm diese Geschenke eine Quelle libidinöser Befriedigung. Wenn der 
Patient wirklich so vollständig von seiner femininen Einstellung zum Vater 
geheilt gewesen wäre, wie es den Anschein hatte, hätte diese Unterstützung 
nie vermocht, eine solche Bedeutung in seinem Gefühlsleben zu erlangen. 
Noch ein Wort zur Haltung des Patienten zum Verlust seines Ver- 
mögens. Es mag erstaunlich erscheinen, daß er imstande war, sich so 
leicht den Nachkriegsverhältnissen anzupassen, die doch seine Lebensführung 
völlig veränderten. Aber diese Identifizierung gegenüber dem äußeren 
Schicksal ist vielleicht mehr eine Rasseeigentümlichkeit denn ein Zeichen 
psychischer Erkrankung. Wer mit russischen Flüchtlingen zu tun hat, war 
erstaunt über ihre Anpassungsfähigkeit, und niemand, der sie unter den 
neuen Lebensbedingungen sah, hätte ahnen können, wie ganz anders ihr 
früheres Leben war. 

vu 

Probleme des Falles 

Für die Diskussion der Probleme dieses Falles ist es besonders günstig, 
daß zwei Krankengeschichten von einem und demselben Fall vorliegen 
und daß in beiden Fällen die Behandlung offenbar erfolgreich war. Er- 
folgreich heißt bei einer analytischen Behandlung, daß das ganze unbe- 
wußte Material bewußt und die Ursache der Erlirankung klar geworden ist. 

Die zweite Analyse bestätigt in jedem Detail die erste, bringt aber im 
übrigen gar kein neues Material. Wir hatten uns ausschließlich mit einem 
ungelösten Übertragungsrest zu beschäftigen. Natürlich bedeutete dieser 
Rest, daß die Vaterfixierung des Patienten nicht völlig bewältigt worden 
war; scheinbar hatte es sich bei diesem Fixierungsrest nicht darum ge- 
handelt, daß er mit einem unbewußten Material verlötet war, sondern 
darum, daß die Übertragung selbst nicht genügend durchgearbeitet worden 
war. Ich behaupte dies, obwohl dem die Tatsache gegenübersteht, daß der 
Patient viereinhalb Jahre bei Freud in Behandlung stand und danach zwölf 
Jahre gesund war. Wenn alles bei einem Fall aufgedeckt ist, so mag da« 
wohl für den Analytiker, aber nicht für den Patienten genug sein. Der 
Analytiker mag das ganze historische Material in der Hand haben und 
kann doch nicht abschätzen, wieviel „Durcharbeitens" es zur Heilung des 
Patienten bedarf. 



Ein Nachtrag zu Freuds .Geschidite einer inlantilen Neurose" 39 



Ein Umstand unterstützt unsere Annahme, daß der Patient die Be- 
ziehung zum Vater im Verlauf der ersten Analyse nicht erledigte. Es war 
der erste Fall, bei dem der Analytiker einen Termin setzte. Freud nahm 
zu dieser Maßnahme nach vielen Monaten absoluten Stillstandes der Ana- 
lyse Zuflucht, sie erwies sich als erfolgreich, da der Patient daraufhin das 
entscheidende Material brachte. Bis zur Terminsetzung war der Patient 
kaum mehr als für die Analyse vorbereitet worden und nur wenig 
Tatsächliches war geleistet. Nach der Terminsetzung strömte das 
Material aus dem Unbewußten und der Wolfstraum in all seiner tiefen 
Bedeutung wurde aufgeklärt. 

Wenn man daran denkt, wie gerne Patienten ein letztes Stück vom 
Material zurückhalten, und wie sie alles andere gewähren, wenn man ihnen 
nur dieses nicht entreißt, wird man die Wirkung der Terminsetzung ver- 
.tehen können. Vielleicht bringt der Druck, den sie auf den Patienten 
ausübt, tatsächlich alles zum Vorschein; aber ich kann mir gut vorstellen, 
daß ein Patient, der wegen seiner Unzugänglichkeit eine Terminsetzung 
erfordert, meistens auch diese gerade für seine Widerstandszwecke aus- 
nützen wird. Das scheint auch beim Wolfsmann der Fall gewesen zu sein. 
Es wäre ganz zwecklos gewesen, die Analyse länger fortzusetzen, ohne das 
«tärkste Gewaltmittel, das wir haben, anzuwenden — eben die Termin- 
setzung. Der Patient hatte sich in der analytischen Situation zu behaglich 
eingerichtet; es gab kein Mittel gegen diesen Widerstand als gerade die 
Aufhebung der ganzen Situation. Die Terminsetzung hatte zur Folge, daß 
er genügend Material brachte, um geheilt zu werden; aber sie ermög- 
lichte ihm auch, gerade den Kern seiner späteren Psychose zurückzuhalten. 
Mit anderen Worten: seine Bindung an den Vater war zu stark; sie hätte 
jegliche weitere Analyse unmöglich gemacht, andererseits machte sie den 
Patienten in seinen letzten Positionen unangreifbar. 

Warum der Patient eine Paranoia entwickelte, statt neuerdings an seiner 
früheren Neurose zu erkranken, ist schwer zu sagen. Es mag sein, daß 
ihm die erste Analyse die Möglichkeit entzogen hatte, seine Konflikte in 
Form einer gewöhnlichen Neurose zu erledigen. Man könnte auch fragen, 
ab der Patient nicht immer latent paranoisch gewesen sei. Eine Stütze für 
diese Annahme mag man vielleicht in seiner Neigung zur Hypochondrie 
in der Kindheit finden, in seiner Befangenheit und Vereinsamung in der 
Pubertät und der langen Vorgeschichte des Interesses für seine Nase. Dem 
steht die Tatsache gegenüber, daß er niemals Wahnideen bildete und daß 
seine Realitätsprüfung völlig intakt blieb. Der stärkste Einwand gegen die 
Annahme einer bereits präformierten latenten Paranoia liegt in seinem 
Verhalten während der Analyse bei Freud. Denn gewiß ist gerade die 



40 Ruth Mack Bruns-wick 



Übertragung befähigt, alle vorhandenen Mechanismen, besonders solche 
paranoischer Natur, in Erscheinung treten zu lassen. Obwohl Freud selbst 
durch die infantile Zwangsneurose des Patienten an den Fall Schreber 
erinnert wurde, trat in der Analyse bei Freud doch nie ein paranoider 
Mechanismus zutage. 

Ich glaube, daß man für den paranoischen Mechanismus in der neuen 
Erkrankung die außerordentlich tief und dauernd verdrängte Vaterbindung 
verantwortlich machen muß. Zum größten Teil fand diese Fixierung in 
den zahlreichen und verschiedenartigen neurotischen Symptomen seiner 
Kindheit und seines späteren Lebens ihren Ausdruck. Diese Äußerungen 
seiner Femininität waren heilbar. Wir wissen nun, daß die Passivität des 
Mannes auf dreifache Art ihren krankhaften Ausdruck finden kann: als 
Masochismus, als passive Homosexualität und als Paranoia; also in Form 
einer Perversion, einer Neurose und einer Psychose. Der Anteil der Passi- 
vität unseres Patienten, der in der Neurose zum Ausdruck kam, erwies 
sich als heilbar; das zutiefst liegende und unzugänglich gebliebene Stück 
der Femininität des Patienten führte zum Ausbruch der Paranoia. 

Der Verlust des seelischen Gleichgewichtes nach der ersten Analyse geht 
auf die Erkrankung Freuds zurück. Es ist nicht schwer, den Zusammen- 
hang einzusehen. Der drohende Tod einer geliebten Person läßt alle Liebe, 
die man ihr zuwendet, aufblühen. Aber diese Liebe des Patienten zu 
seinem Vater — Freud stellt ja für ihn den Vater dar — bedeutet die 
größte Gefahr für seine Männlichkeit; dieser Liebe freien Lauf lassen, war 
ja verbunden mit der Notwendigkeit der Kastration. Diese Gefahr wehrt 
der Narzißmus des Patienten mit allen Kräften ab: die Liebe wird teils 
verdrängt, teils in Haß verwandelt. Die Folge dieses Hasses ist der Todes- 
wunsch gegen den Vater. So verstärkt Freuds Erkrankung die gefahrvolle 
passive Liebe des Patienten und den damit zusammenhängenden Kastrations- 
wunsch so sehr, daß die Abwehr und Feindseligkeit einen neuen Mecha- 
nismus der Abfuhr nötig macht; und dieser ersteht ihm in Form der 
Projektion. Der Patient befreit sich mit Hilfe der Projektion von einem 
Teil seiner Feindseligkeit, indem er sie einem anderen zuteilt, und schafft 
sich gleichzeitig eine Situation, in der sein eigener Haß gerechtfertigt 
erscheint. 

Ich glaube, daß es der in der ersten Analyse gewonnenen Einsicht zu 
danken ist, daß der Patient sich schließlich doch als zugänglich erwies. 
Dennoch erscheint es mir unwahrscheinlich, daß eine Analyse bei einem 
männlichen Analytiker möglich gewesen wäre. Es ist etwas ganz anderes, 
ob man die Rolle des Verfolgers gegenüber einer weiblichen — • also schon 
kastrierten — paranoischen Patientin einnimmt, oder einem Mann gegen- 



Ein Nachtrag zu Freuds »Gesdiicfate einer infantilen Neurose" 41 



über, für den die Möglichkeit der Kastration noch besteht. Man muß sich 
vergegenwärtigen, daß in der Psychose der Inhalt der Angst als real an- 
genommen wird; der psychotische Patient fürchtet sich wirklich davor, 
daß man ihm seinen Penis abschneidet und nicht vor einer symbolischen 
Handlung von selten des Analytikers. Die Phantasie erhält bei der Psychose 
Realitätswert. Die Situation der Analyse bedeutet damit für den Patienten 
eine zu große Gefahr. In diesem Fall mag das Geschlecht des Analytikers 
tatsächlich eine Rolle spielen. 

Indem man die homosexuelle Übertragung meidet, verzichtet man wohl 
auf eine gewisse Intensität der Übertragung, die oft eine Bedingung des 
therapeutischen Erfolges ist. Der Erfolg der Behandlung wird damit natür- 
lich aufs Spiel gesetzt. Unser Fall stellt in dieser Hinsicht ein ideales 
Kompromiß dar, weil er auf Grund seiner ersten Analyse mit Freud die 
innere Verbindung noch nicht verloren hatte. Für ihn bedeutete die Ana- 
lyse Freud. So war der väterliche Einfluß noch in genügender Stärke 
wirksam, ohne daß er einen höheren Grad erreichte, der wahrscheinlich 
für die Behandlung verhängnisvoll gewesen wäre. Wie man aus der Ana- 
lyse ersehen kann, war meine Rolle eigentlich eine ganz nebensächliche, 
ich hatte ja bloß zwischen Freud und dem Patienten zu vermitteln. 

Zwei Punkte erscheinen mir noch von besonderer Bedeutung: der erste 
ist der Mechanismus der Heilung. Ich habe keine Erklärung für die ent- 
scheidende Veränderung, die im Patienten nach dem Traum von den 
Heiligenbildern (Seite 26) vor sich ging. Ich kann diese Umwandlung nur 
der Tatsache zuschreiben, daß der Patient endlich doch seine Beziehung 
zum Vater durchgearbeitet hatte und sie darum jetzt aufgeben konnte. Die 
analytische Therapie wirkt in zweifacher Weise: erst werden die bisher 
unbewußten Reaktionen bewußt gemacht, dann muß das Durcharbeiten 
des zutage geförderten Materials erfolgen. 

Der zweite Gesichtspunkt betrifft die primäre Bisexualität des Patienten, 
die offenbar zu seiner Erkrankung führte. Seine Männlichkeit fand stets 
die normale Abfuhr, seine Weiblichkeit dagegen mußte verdrängt werden. 
Aber seine Weiblichkeit scheint, wohl konstitutionell bedingt, so stark 
"gewesen zu sein, daß der normale Ödipuskomplex schon bei seiner Ent- 
stehung dem umgekehrten Ödipuskomplex weichen mußte. Die Entwicklung 
eines normalen Ödipuskomplexes hätte von mehr Gesundheit gezeigt, als 
sie der Patient gegenwärtig aufwies. Es erscheint überflüssig, noch darauf 
hinzuweisen, daß ein übertrieben starker positiver Ödipuskomplex 
andererseits oft gerade das Gegenteil verdeckt. Aber vielleicht verlangt 
selbst diese Reaktion eine größere biologische Gesundheit als sie der 
Patient besaß. 



Ruth Ma(k Brunswick 



Es ist nicht möglich, zu sagen, ob der Patient, der jetzt seit anderthalb 
Jahren gesund ist, auch gesund bleiben wird. Ich glaube, daß seine Ge- 
sundheit wohl zum größten Teil vom Ausmaß seiner Sublimierungsfahig- 
keit abhängen wird. 

Literatur 

Psychoanalytische Schriften: 

Freud: Aus der Geschichte einer infantilen Neurose. Ges. Sclir., Band Vltl. 

Freud: Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch beschriebenen 
Fall von Paranoia (Dementia paranoides). Ges. Sehr., Band VIII (und Nachtrag 
hierzu). 

Freud: Mitteilung eines der psychoanalytischen Theorie widersprechenden Falles 
von Paranoia. Ges. Sehr., Band V. 

Freud: Über einige neurotische Mechanismen bei Eifersucht, Paranoia und Homo- 
sexualität. Ges. Sehr., Band V. 

Ferenczi: Über die Rolle der Homosexualität in der Pathogenese der Paranoia. 
Bausteine zur Psychoanalyse, Band I. 

Ferenczi: Reizungen der analen erogenen Zonen als auslösende Ursache der 
Paranoia. Bausteine zur Psychoanalyse, Band H. 

Ferenczi: Einige klinische Beobachtungen bei der Paranoia tmd Paraphrenie. 
Bausteine ziu: Psychoanalyse, Band II. 

Mae der: Psychoanalytische Untersuchvmgen an Dementia-praecox-Kranken. Jahr- 
buch f. Psychoanalyse, igio. 

Mae der: A Gase of Paranoia treated by Analysis. Joum. of Sexology and Psych- 
analysis, N. Y., 1923. 

Bjerre: Zur radikalen Behandlung der chronischen Paranoia. Jahrbuch f. Psycho- 
analyse, 1911. 

Hitschmann: Paranoia, Homosexualität imd Analerotik. Internat. Zeitschr. f. 
PsA., Band I, 1913. 

Hitschmann: Swedenborgs Paranoia. Zentralbl. f. PsA., Band III, 1912/15. 

Morichau Beauchant: Homosexualität und Paranoia. Zentralbl. f. PsA., 
Band 11, 1912. 

De Sauvage-Nolting: Über den Verfolgungswahn beim Weibe. Internat. 
Zeilschr. f. PsA., Band X, 1924. * 

Landauer: Automatismen, Zwangsneurose und Paranoia. Internat. Zeitschr. f. 
PsA., Band XIII, 1927. 

Schilder: Entwurf zu einer Psychiatric auf psychoanalytischer Grundlage. Inter- 
nationale Psychoanalytische Bibliothek, Band XVII. 

Laforgue: Schizonoia. 

Psychiatrische Schriften: 

Bleuler: Lehrbuch der Psychiatrie. III. Auflage, Berlin, igso. 

Bleuler: Aifektivität, Suggestibilität und Paranoia. II. Auflage, 1926. 

Gaupp: Über paranoische Veranlagung und abortive Paranoia. Zentralblatt für 

Nervenheilkunde und Psychiairie, igio. 
Gaupp: Paranoia. Klinische Wochenschrift, 3, 1924. 



r 



Ein Nachtrag zu Freuds »Gesdiidite einer infantilen Neurose* 43 

Gierlich: Über periodische Paranoia. Archiv für Psychiatrie, 1905. 

Kraepelin: Über paranoide Erkrankungen. Zeitschrift, f. Neurologie u. Psych- 
iatrie, Band XI, 1912, S. 615 — 658. 

Jaspers: Eifersuchtswahn. Zeitschrift f. d. ges. Neurologie u. Psychiatrie, I, 1910. 

Kretschmer: Der sensitive Beziehungswahn, Springer, Berlin, 1918. 

Lange: Die Paranoiafrage. F. Deuticke, Wien, 1927. 

M a g n a n : Delire chronique. 

Margulies: Die primäre Bedeutung der Affekte im ersten Stadium der Paranoia. 
Monatsschrift f. Psychiatrie u. Neurologie, 1901, 265. 

Masson: Le delire chronique k Evolution systematique. 1892. 

Freyberg: Ein Fall chronischer Paranoia. Allgem. Z. f. Psychiatrie, Band LVIII. 

Kehr er: Der Fall Arnold. Zeitschrift f. ges. Psychiatrie u. Nervenheilkunde, 1922, 
Band LXXIV, p. 155. 

Syriens et Capgras: Les f olies raisonnantes. 

S^rieux et Capgras: Le delire d'interpr^tation. Paris, Felix Alcan, igoi. 

Jelliffe: Nervous and mental diseases. 

Wechsler: Clinical neurology. 

Mc Dougall: Outline of abnormal psychology. 

B a 1 d w i n : Dictionary of philosophy and psychology : Monomania. Vol. II, Mac- 
millan. 

Schmitz: Problems of paranoia. Hahuemann Monthly, Vol. LIX, 1924. 

Retif: Remarks on the psychology of paranoia. International Clinics, Vol. I, 
March 1925. 

Thompson: Etiology, psycho-pathology and treatment of mental exhauation and 
paranoid states. Mental Science, 75, Jan. 1927. 



Klinische Beiträge zur Paranoiafrage 

n 

Ein Fall von Organprojektion 

Von 

Edward Bibring 

Wien 

I 

Seit Freuds grundlegender Arbeit „Über einen autobiographisch be- 
schriebenen Fall von Paranoia" ist von verschiedenen Autoren eine Reihe 
von Fragen behandelt worden, die sich aus ihr ergaben. Einige der Autoren 
kamen auf Grund bestimmter Entdeckungen dazu, sich mit der Frage des 
für die Paranoia charakteristischen Regressionszuges zu beschäftigen. 

Freud nimmt an, daß die Paranoischen eine Fixierung im Narzißmus 
mitgebracht haben, und „daß der Rückschritt von der sublimierten Homo- 
sexualität bis zum Narzißmus den Betrag der für die Paranoia charakte- 
ristischen Regression angibt". Die paranoische Objektbeziehung ist eine 
narzißtisch homosexuelle, ihre Entstehung wird in die Zeit vor der Objekt- 
wahl, bzw. in die phallische Phase verlegt. Doch hat Freud die Beziehung 
der paranoischen Objektwahl zu den Organisationsstufen und den mög- 
lichen Sexualzielen eigentlich unerörtert gelassen. Ebenso die Frage, ob und 
welche Veränderungen im Verlaufe des Wahns sich darin ergeben können. 

Einige Autoren glaubten nun auf Grund ihrer Beobachtungen hiezu 
Ergänzungen vorbringen zu können. Es ist auffällig, wie oft auf die Rolle 
der Analerotik in der Entstehung und im Bilde der Paranoia hingewiesen 
wird. Schon bei Schreber spielt das Anale im Sinne eines homosexuellen 
Triebzieles eine nicht zu verkennende Rolle. Hitschmann, Ferenczi, 
Nunberg u. a. zeigen in verschiedener Weise auf anale Momente hin, 
ohne jedoch ihre Befunde besonders theoretisch zu verwerten. Dies geschieht 
in bedeutenderem Ausmaße erst bei zwei holländischen Autoren und 
weilgehend bei Abraham. Stärcke fand teils durch genaue klioi- 
sche Beobachtung, teils durch Analyse von Paranoifcern, daß der Inhalt 



IWSWHHW^^^WWBill^— ■gBBMJi^—Wm 



I 



Klinische Beiträge zur Paranoiafrage 45 



des Wahns sehr oft die „anale Verfolgung" sei, d. h. „der Kern des Wahns 
sei die anale Gewalttat". Auf Grund der Übertragungsreaktionen seiner 
Kranken hält es Stärcke für höchst wahrscheinlich, daß anfänglich eine 
unbewußte Identifizierung des geliebten Objektes mit dem Skyballum vor- 
handen war, und daß in dieser Identifizierung der nähere Grund für die 
spezielle Ambivalenz der paranoischen Konstitution gegeben sei. Er glaubt 
daher, die Freud sehe Formel „Regression der sublimierten Homosexualität 
zum Narzißmus" dahin ergänzen zu müssen, daß dieser Narzißmus anal- 
erotischer Herkunft sei. Die Ambivalenz der analen Stufe finde in ihren 
einzelnen Anteilen eine verschiedene Verwendung, der positive werde 
narzißtisch, in Form des Größenwahns, verwendet, der negative „als Ver- 
folgungswahn in die Projektion abgeführt". 

Diesen Eindruck hat Stärcke durch die klinische Beobachtung von 
Paranoikern gewonnen. Unabhängig von ihm ist van O p h u i j s e n auf anderem 
Wege mit Hilfe der Traumdeutung zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. 
Er konnte durch die Analyse von Verfolgungsträumen eine Darstellung des 
vom Skyballum ausgehenden Reizes durch „Verfolger" aufzeigen und unter 
weiterer Heranziehung eines Falles von Halluzinose die Vermutung aus- 
sprechen, daß der paranoische Verfolger einer solchen Genese seinen Ur- 
sprung verdanke. 

Diese Gedankengänge Stärckes und van Ophuijsens hat nun Abraham 
aufgenommen und ergänzt. Abraham konnte („Versuch einer Entwicklungs- 
geschichte der Libido auf Grund der PsA. seelischer Störungen") auf Grund 
klinischer Beobachtung in der anal-sadistischen Phase zwei Stufen fest- 
stellen, eine frühere objektfeindliche mit Vernichtungs- und Abstoßungs- 
tendenzen und eine spätere objektfreundliche, konservative, des Festhaltens 
und des Beherrschens. Diese Strebungen korrespondieren mit einer be- 
stimmten Stufe in der Entwicklung der Objektbeziehungen. Diese machefa 
vom Totalkannibalismus, der sein Objekt verschlingen und damit gänzlich 
einverleiben, aber dadurch auch vernichten will, bis zur genitalen objekt- 
fördernden Strebung eine konstante Entwicklung durch. Die Phase der 
Totaleinverleibung wird von einer Phase der Partialeinverleibung abgelöst, 
d. h. es wird nur ein Teil des Objektes an Stelle des Ganzen geliebt. Die 
Einverleibungstendenz gilt nur diesem Teil, das übrige Objekt wird ge- 
schont. Auf der nächsten Stufe ist die Liebe des Subjektes auch noch 
an einen Teil des Objektes gebunden, doch tritt an Stelle des 
Wunsches nach Einverleibung der nach Beherrschung des Objektes. 
Die Grundlage dafür, daß ein Teil des eigenen Körpers zum Ver- 
treter des Objektes wird, findet Abraham in den Tatsachen der Ein- 
verleibung und der Partialliebe, bzw. der Partialeinverleibung, die ein 



46 Edward Bibiing 



pars pro toto am Objekt zur Voraussetzung hat. Die einverleibende Person 
identifiziert dann einen eigenen Körperteil mit der geliebten Person, was 
als Zeichen besonderer Liebe („wie meinen Augapfel") oder auch ambi- 
valenter Feindseligkeit anzusehen ist (etwa die Gleichsetzung einer Person 
mit dem „Körperteil" Kot). Nach Abraham geschieht die Wiedergewinnung 
der verlorenen Welt durch den Paranoiker mit Zuhilfenahme der Partial- 
einverleibung, sei es der oralen oder der analen. Der Ambivalenzkonflikt 
setzt sich aber fort und führt zur neuerlichen Ausstoßung des introjizierten 
Objektes, entsprechend dem neuen „Niveau seiner psychosexuellen Stufe" 
auf dem analen Wege. „Wir dürfen über diesen Prozeß der Rekonstruktion 
jetzt aussagen, daß der Paranoiker sich einen Teil des Objektes einverleibt. 
Er erleidet dabei ein ähnliches Schicksal wie der Melancholiker, wenn er 
sich das ganze Objekt durch Einverleibung introjiziert hat. Auch er entgeht 
dem Ambivalenzkonflikt nicht. Und so trachtet auch er sich des aufge- 
nommenen Teiles wieder zu entledigen, und das kann auf dem Niveau 
seiner psychosexuellen Entwicklungsstufe wiederum nur auf analem Wege 
gedacht werden. Für den Paranoiker wird also das Liebesobjekt repräsentiert 
durch den Kot, den er nicht ausstoßen kann. Der introjizierte Teil des 
Liebesobjektes will nicht wieder von ihm gehen, so wie beim Melancholiker 
das in toto introjizierte Objekt seine tyrannische Macht ausübt." Dabei 
ist zu vermuten, daß die Introjektion beim Paranoiker vielleicht nicht, 
wie bei der Melancholie, auf oralem, sondern auf analem Wege vor sich geht. 
Die Frage nach dem Ausmaß der Regression beim Paranoiker kann 
Abraham demnach dahin beantworten, daß sie hinsichtlich des Sexualzieles 
zur frühsadistisch-analen Stufe gehe, hinsichtlich der Objekteinstellung zur 
Stufe der partiellen Introjektion (Partialliebe mit Einverleibung). Seither 
hat auch Schilder auf die Rolle der Analerotik beim Wiederaufbau des 
Paranoikers hingewiesen. Es gewinnt so den Anschein, daß der analsadi- 
stischen Sexualstufe eine spezielle Bedeutung für die Paranoia zukommt. 
Sieht man mit Freud in den paranoischen Wahnbildungen „dinglich 
dargestellte, nach außen projizierte Libidobesetzungen" oder „endopsychische 
Wahrnehmungen von Libidovorgängen", so ist es erlaubt, zu erwarten, daß 
sich durch die klinische Beobachtung der Wahnbildungen Anhaltspunkte 
für oder gegen die erwähnten Annahmen werden gewinnen lassen. 

n 

Unter diesem Gesichtspunkt sei der folgende Fall mitgeteilt: 
L B., Erzieherin, 57 Jahre alt, ledig, wird in die Anstalt eingeliefert, weil 
sie um Schutz der Polizei angesucht hat gegen Verfolgungen, denen sie sich 
schon seit geraumer Zeit ausgesetzt fühlt. Sie werde von Männern auf der 



Klinisdie Beiträge zur Paranoiafrage 47 

Strafle verfolgt, sie höre die Stimmen der Verfolger, die sie beleidigen und 
beschimpfen. Sie werde verleumdet, aus ihren Stellungen vertrieben usw. Sie 
sei diesen Verfolgungen schon seit Jahren ausgesetzt, habe aber nichts unter- 
nommen, weil die Männer ihr gedroht hätten, sie werde umgebracht, wenn 
sie etw^as erzähle. Eine Außenanamnese ist nicht zu erheben. 

Patientin ist von untersetzter Statur und gutem Ernährungszustand, zart 
gebaut, neurologisch ohne Befund. Sie hat einen Bruder und eine Mutter, 
die entfernt von ihr leben. Als Mädchen hat sie die übliche Erziehung der 
bürgerlichen Kreise ihrer Zeit genossen und ohne Schwierigkeiten gelernt. Sie 
ist schon seit Jahren in ihrem Beruf tätig und bringt sich durchschnittlich 
gut fort. Mit Männern hat sie bisher keinerlei intime Beziehungen unter- 
halten, ist Virgo. Aus den Berichten der Patientin ist noch folgendes zu ent- 
nehmen: Die Verfolger sind beiderlei Geschlechtes, der Hauptsache nach 
Männer, und zwar Geheimpolizisten. Patientin hört die Stimmen der Ver- 
folger „oft sehr laut". Sie wird in unflätigster Weise beschimpft, die FamUien, 
bei denen sie angestellt ist, werden gegen sie aufgehetzt und gezvinmgen, sie 
zu entlassen. Man bedient sich dazu des Mittels der Verleumdung. Es werde 
ihr verschiedenes in die Schuhe geschoben. Man sage, sie sei unsittlich und 
unrein, verbreite einen Geruch, stinke, beschmutze das Tischtuch, Leintuch, 
die Wäsche, insbesondere aber das Klosett. Dieses sei mit Kot beschmutzt, 
der Spiegel oft mit Kot bedeckt usw. An diesen Dingen, die ihr die Stimmen 
vorwerfen, beteuert die Patientin völlig unschuldig zu ,sein. Die Verfolger 
stellen wohl diese Dinge selbst an oder zwingen andere Leute dazu, um sie 
dann beschuldigen zu können und ihre Entlassung zu bewirken. Die Stimmen 
fordern auch, daß sie etwa den Kot selbst wegwische. Auf die gleiche Weise 
würden verschiedene häusliche Schäden angerichtet, Gläser zerbrochen, Geschirr 
zerschlagen und alles dann ihr zur Last gelegt. Ferner werde ihr von den 
Verfolgern vorgeworfen, die ihr anvertrauten Kinder übermäßig zu schlagen, 
obwohl dies mit einigen Ausnahmen durchaus nicht und gar nicht in diesem 
Ausmaß der Fall gew^esen sei. Einen breiten Raum in den Wahnideen der 
Patientin hat das Strafsystem, dem die Verfolger die Umgebung der Patientin 
untervsrerfen, weil sie sie in ihrer Mitte duldet. Dadurch sollte ebenfalls eine 
Stellungnahme gegen die Patientin erzwungen werden. Als die Patientin in 
einem Spital war, wurde den anderen von den Stimmen zur Strafe verboten 
zu essen, „damit sie auf mich schimpfen . Oder sie mußten eine eigentüm- 
liche Stellung einnehmen, ein Bein aus dem Bett halten, sich aufsetzen, 
komische Haltungen annehmen, „wenn sie nicht schimpften". Die Hausfrauen, 
bei denen sie angestellt war, wurden kurzgehalten, es wurde ihnen befohlen 
sich einzuschränken, besonders im Essen. Häufig wurde das Essen von Mehl- 
speisen verböten. Öfters verlangten die Stimmen die Bestrafung der Patientin, 
etwa: man solle sie schlagen oder ihr etwas ins Essen geben, damit sie 
schlechte Zustände bekomme, wie Kopfweh, Diarrhöe, Verstopfung. Oder es 
wurde ihr untersagt, aufs Klosett zu gehen, sie müsse sich zurückhalten. Auch 
die Umgebung wurde der gleichen Strafe unterworfen. 

Im Mitgeteilten sind anale und sadistische, teilweise auch orale 
Momente auffällig, sowohl in den Beschuldigungen als auch in den Strafen. 
Das Verbot der Defäkation, ferner die auf die Stimmen zurückgeführten 



48 Exiward Bibring 



Obstipationen und Diarrhöen sind scheinbar im Zusammenhang mit dem 
Verbot der Nahrungsaufnahme überhaupt, bzw. spezieller Speisen. 

Eine eigentümliche Rolle spielt im System der Patientin der sog. „Bräutigam". 
Einer von den Verfolgern gehe ihr auf der Straße ständig nach. Sie ent- 
nehme das teils einem Gefühl und teils den Stimmen, die ihr direkt zurufen, 
daß ihr ein Mann ständig nachgehe. Über diesen Verfolger machten die 
anderen wiederholt Bemerkungen. So wurde er von den Stimmen ständig 
,der Bräutigam" genannt. Dies in zweideutiger Weise. Man habe auch sonst 
zweideutige Bemerkungen über ihm gemacht, anscheinend um sie zu necken. 
Man habe über den hinter ihr hergehenden Verfolger so gesprochen, als ob 
es nicht ihm, sondern einem Körperteil gelte, so z. B. habe man ihn wieder- 
holt „der Hintere" genannt. Einige solcher Bemerkungen hätten gelautet: Die 
Leute sollen sehen, daß der Hintere groß ist. Oder: Der Hintere ist stark, 
er ist schön und dick, er gefällt uns, er wird wachsen. Oder: Der Hintere 
hat eine Zigarette im Mund und den Finger im Arsch, er raucht und stinkt. 
Sie habe sich sehr geniert, wenn sie es gehört habe. Auch während des 
Examens zeigt Patientin ein kokett-verschämtes Lachen, nachdem sie sich 
anfänglich überhaupt geweigert hatte, dies zu berichten. 

Aus verschiedenen Angaben der Patientin läßt sich vermutungsweise der 
Ausbruch der Erkrankung spätestens in ihr ig. bis 20. Lebensjahr verlegen. 
Sie schickte aus Anlaß des Jubiläums anonym eine Bibel an den Kaiser. 
Diese Bibel wurde angeblich nach einiger Zeit an das Postamt zurückgeschickt 
und die anonyme Absenderin von den Behörden gesucht. Sie sei darüber 
ungemein erschrocken gewesen. Ungefähr um diese Zeit, vielleicht auch etwas 
früher oder später, — gibt sie an — habe sie häufig an nervösen Zuständen, 
besonders Weinkrämpfen, gelitten. Sie bringt diese „Nervosität" mit dem 
anstrengenden Studium in Zusammenhang, dem sie damals oblag, da sie 
gerade vor dem Lehrerinnenexamen stand. Die Weinkrämpfe seien der Mutter 
aufgefallen. Die Mutter habe nun den Verdacht ausgesprochen, sie, die 
Patientin, habe vielleicht eine Liebschaft, ja, sei vielleicht gravid gewesen, 
hätte eine Abtreibung vorgenommen und verheimliche es. Diesen Verdacht 
jedoch habe die Mutter nicht direkt ihr gegenüber ausgesprochen, sondern 
zu verschiedenen Verwandten geäußert. Die darauf bezüglichen Gespräche 
will Patientin „durch die Tür" gehört haben. Es liegt die Vermutung nahe, 
daß die Kranke schon damals Stimmen gehört hat. Diese Vermutung wird 
durch den weiteren Bericht gestützt, die Polizei, die schon durch die Bibel- 
geschichte auf sie aufmerksam gemacht worden sei, habe nun infolge der 
Verdachtsbeschuldigung der Mutter sie zu beobachten begonnen. Ohne Zweifel 
ist die Idee, die Polizei sei wegen der Bibelgeschichte auf sie aufmerksam 
gemacht worden, selbst schon eine wahnhafte. Die Patientin gibt weiter an, 
daß die Stimmen, die sie noch heute höre und die ganze Zeit über gehört 
habe, von diesen Geheimpolizisten herrühren, die sie einerseits daraufhin 
beobachten, ob der Verdacht der Mutter zu Recht bestehe, die aber anderer- 
seits überzeugt seien, daß sie einen unsittlichen Lebenswandel führe und 
sie nun dafür bestrafen woUen, indem sie gegen sie hetzen. 

Fassen wir die verkürzt wiedergegebene Krankengeschichte zusammen: 
Im Ausgang der Pubertät begeht die Patientin eine auffällige Handlung 



Klinisdie Beiträge zur Paranoiafrage 49 

(Bibelsendung), die angeblich eine vorübergehende Berührung mit den 
Behörden zur Folge hat. Sicherlich ist aber schon dies eine Wahnidee. 
Patientin ist damals anscheinend im Beginn der Erkrankung: sie leidet 
an neurasthenischen Zuständen und Weinkrämpfen, macht scheinbar eine 
Depression durch. Im Anschluß daran (oder im Zusammenhang damit, wenn 
man die Inhalte der Wahnideen in Betracht zieht) fühlt sich Patientin 
von ihrer Mutter und ihren weiteren Verwandten beobachtet. Dies dürfte 
teilweise den Tatsachen entsprochen haben, da ja Patientin durch ihre 
Zustände auffällig wurde. Doch war diese reale Wahrnehmung ohne 
Zweifel mit einer psychotischen Einstellung vermischt. Man kann annehmen, 
daß an dieses Stadium des Sich-beobachtet-Fühlens die verschiedenen Wahn- 
ideen anknüpften und daß sie vielleicht schon damals Stimmen hörte. 
Zumindest besteht die Möglichkeit einer illusionären Verkennung von 
tatsächlich stattgefundenen Gesprächen der Mutter mit Verwandten über 
die Person der Patientin. Das Gefühl, beobachtet zu werden, erstreckt sich 
dann auf einen größeren Kreis von Personen, Polizisten, Geheimdetektiven 
usw. Diese Verfolger sind fast durchwegs männlichen Geschlechts. Patientin 
hört ihre Stimmen, sie wird beschimpft, oft mit den unflätigsten Aus- 
drücken, die auf einen unsittlichen Lebenswandel hindeuten. Anale und 
sadistische Inhalte spielen eine Hauptrolle, _ sie treten in Form von Vor- 
würfen oder Strafen auf. Andererseits fällt aber in vielem der erotische 
Inhalt der Stimmen auf: neben die Feindseligkeit und Verurteilung treten 
eine gewisse Zärtlichkeit und Anzüglichkeit. Dies zeigt sich deutlich in 
den Wortspielen. Patientin wird auf der einen Seite beschimpft; so wird 
das Woi^t „Luther" so ausgesprochen, daß es wie „Luder" klingt. Auf der 
anderen Seite verwandelt sich eine Beschimpfung in einen zärtlichen 
Ausdruck, so wenn etwa das Wort „Diebin" schließlich „Diebi" aus- 
gesprochen wird, was an verschiedene Koseformen erinnert und von der 
Patientin unter schamhaft-kokettem Lachen selbst als solches angesprochen 
wird. Am stärksten zeigt sich wohl das Umschlagen der Feindseligkeit 
in Zärtlichkeit in einem Punkte: Der eine der Verfolger wird von den 
Stimmen ausdrücklich als Bräutigam bezeichnet. Es liegt hier also ein 
Gemisch von erotischem und Verfolgungswahn vor. Am deutlichsten 
vielleicht noch in der Forderung der Stimmen, der „Hintere" solle 
geschlagen werden. 

In diesem Stadium wird die Patientin eingeliefert. Wenn man ihren 
Worten glauben darf, hält dieser Zustand durch lange Jahre unverändert 
an. Sie hat verschiedene Stellen bekleidet, hat sie unter dem Einfluß ihrer 
Wahnideen oft gewechselt, war wegen ihrer nervösen Zustände vorüber- 
gehend in einem Kloster in Pflege. Der Umstand, daß die Stimmen ihr unter 

Int. Zeitsokr. f. Psychoanalyse, XV/i 4 



Todesdrohung verboten, von den Verfolgungen zu sprechen, bewirkte wohl, 
daß die Patientin solange sich einer Internierung entzog. In ihrem 
Benehmen ist, vielleicht außer einem altjüngferlich-gezierten Wesen, nichts 
Auffälliges. Sie ist völlig geordnet, persönlich und sonst ausgezeichnet orien- 
tiert. Die Affekte sind adäquat. Bei Besprechung der sexuellen Anspielungen 
starkes Schamgefühl und kokettes Wesen, Patientin kann erst mit Mühe 
dazu gebracht werden, darüber zu sprechen. Ohne Zweifel hat die Patientin 
trotz der eindringlichen Befragung gerade wegen des starken Schamgefühls 
manches nicht mitgeteilt. Hier zeigt der Fall eine Lücke. Auf Grund der 
Analogie mit anderen Fällen ist zu vermuten, daß sich hinter diesen 
„Zuständen sexuelle Sensationen (vielleicht analer anderer Natur) verbergen, 
die ja fast in keinem Fall von weiblicher Paranoia (Paraphrenie) fehlen. 
Diese Annahme rechtfertigt sich auch durch die heftige Weigerung der 
Patientin, sie „könne es unmöglich sagen". 



in 

Wir können jedenfalls mit großer Wahrscheinlichkeit eine Entwicklung 
im Krankheitsverlauf annehmen. Die Anfangsphase war eine depressiv- 
religiöse. Die Bibelsendung, die gesteigerte Religiosität, die Weinkrämpfe 
sprechen deutlich dafür. Auf Grund der Analogie mit anderen Fällen 
können wir die gesteigerte Religiosität als Ausdruck des infolge einer 
andrängenden Es-Strebung reaktiv gesteigerten Schuldgefühls (Gewissen) 
ansehen. Wir kommen noch darauf zurück. Wir sehen dann die Patientin 
eine Reihe von Wahnideen entwickeln, zunächst Beziehungs- und Beob- 
achtungsideen, vielleicht hörte sie schon damals Stimmen. Der Bezugspunkt 
dieser Wahnideen ist die Mutter, von der sie sich bestimmter verpönter 
Handlungen beschuldigt glaubt. Im weiteren Verlauf sehen wir eine 
doppelte Veränderung auftreten. Erstens im Geschlecht der Verfolger: die 
Mutter gibt ihre Rolle der Beobachterin an die Polizisten weiter; zweitens 
in der Beziehung zu den Objekten: die beobachtenden und kritisierenden 
Stimmen machen dann erotische Anspielungen. Im Zeitpunkt der Einlieferung 
sind die Verfolger fast durchwegs Polizisten und andere Vertreter der 
Behörden, also Männer. Es ist aber deutlich, daß hinter diesen männlichen 
Verfolgern die eigentliche Verfolgerin steht, die auch zeitlich die erste 
war, die Mutter. Sie glaubt sich von der Mutter verschiedener Liebes- 
beziehungen beschuldigt und fühlt sich von ihr kontrolliert. Sie sagt 
einmal ausdrücklich, daß die Geheimpolizisten sie im Auftrag der Mutter 
beobachtet hätten. Die Mutter nimmt also von Anfang an die Rolle der 
verfolgenden Gewissensinstanz ein. 



BP—B 



Klinisdie Beiträge zur Paranoiafrage 5* 

Auch in dem von Freud beschriebenen Fall von weiblicher Paranoia 
spielt die Mutter, bzw. deren Imago die Rolle der Gewissensmacht. Freud 
hat in dieser Arbeit die paranoische Form der Abwehr als eine Etappe in 
dem Konflikt homo- und heterosexueller Strebungen dargestellt. Auf dem 
Wege zum Manne ist das weibliche Wesen behindert durch den verbietenden 
Einfluß der Mutter, die diese Beziehung beim Mädchen stört. Dieser bis 
zu einem gewissen Grade normale Einfluß wird, wo die Ablösung und 
das Selbständigwerden nicht gelingen, zu einem pathogenen Keim. Die 
Unfähigkeit zur Ablösung wird determiniert durch eine starke homosexuelle 
Bindung, die es also letzten Endes ist, die sich, später in der Form des 
„Gewissens", der heterosexuellen Strebung entgegengestellt, so daß das 
Mädchen nicht zum Manne kommt. Aus der heterosexuellen Tendenz 
erwächst dann der Kampf gegen die gleichgeschlechtliche Bindung. Eine 
der Formen der Abwehr dieser Bindung ist, unter bestimmten Bedingungen 
sich realisierend, die paranoische. Die Paranoia stellt also im Konflikt 
zwischen homo- und heterosexuellen Trieben den Versuch dar, sich der 
Homosexualität durch Projektion zu erwehren. Der Kampf stielt sich auf 
dem Boden des regressiv wiederbelebten Ödipuskomplexes ab: die Mutter 
wird zur Repräsentantin der homo-, der Vater der heterosexuellen Tendenz. 
Mit der Realisierung des paranoischen Mechanismus hört aber der Konflikt 
nicht auf. Es kann vielmehr der heterosexuellen Strebung gelingen, sich 
gerade unter diesen abnormen Bedingungen durchzusetzen. Dies geschieht, 
auf dem Boden des Wahns, in der Form, daß die Kranke sich mit ihrer 
Mutter identifiziert und so das Objekt der Mutter, den Vater, gewinnt. 
An Stelle der Identifizierung im Über-Ich tritt eine solche im Ich auf, 
an Stelle der Triebverneinung eine Triebbejahung. Die veränderte Situation 
ist dann durch die Formel auszudrücken: ,Was der Mutter erlaubt ist, 
das ist mir jetzt auch erlaubt'. Mit diesem „von dem neuen (meist) 
regressiv erworbenen Boden her" versuchten Fortschritt muß der Konflikt 
noch nicht beendet sein. Die detaillierte klinische Beobachtung der Ver- 
läufe müßte hier jedenfalls die von Freud angedeuteten Konflikte und 
ihre Entwicklungen feststellen und könnte so zur Phänomenologie und 
Typik der Verläufe viel beitragen.' Immerhin ist der Fortschritt vom 
homo- zum heterosexuellen Objekt, der früher auf unüberwindliche 
Hindernisse stieß, eben nur unter den besonderen Bedingungen des Wahns 
möglich geworden. Freud weist auf eine Analogie mit den Neurotikern 
hin, die einen Fortschritt vom Inzestobjekt auf fremde Objekte selten in 
der Wirklichkeit, regelmäßig aber in der Phantasie zustande bringen. 

i) Vgl. die 1. Mitteilung im vorigen Heft dieser Zeitschrift. 



52 Edward ßibring 



Versuchen wir nun an Hand der Freudschen Ausführungen unseren 
Fall zu betrachten. Schon in den ersten Wahnideen zeigt sich die Mutter 
als verbietende Instanz, die die Beziehung zum Manne stört. Ist es im 
Falle Freuds eine Mutterimago, so hier die Mutter selbst, wodurch der 
Fall an Beweiskraft gewinnt. Diese Rolle der verbietenden Instanz wird 
dann von der Mutter auf die männlichen Verfolger übertragen. Die Mutter 
tritt mit einer bald zu erwähnenden Ausnahme im Inhalt des Wahns 
(Stimmen) fast völlig zurück. Es tritt auch hier ein Wechsel in der Person 
des Verfolgers ein. Die Behauptung Freuds von der homosexuellen 
Beziehung zum Verfolger dürfen wir zunächst auch in diesem Fall als 
erwiesen erachten, was sich in einem anderen jetzt nachzutragenden Stück 
ihres Verhaltens noch deutlicher offenbart. Patientin leidet nach ihren 
Angaben sowohl an menstruellen Störungen als auch an Hämorrhoiden 
und ließ sich seit Jahren mit ziemlicher Regelmäßigkeit von einer Reihe 
von Ärzten, in der letzten Zeit auch von Polizeiärzten, anal untersuchen, mit 
der heimlichen Absicht, konstatieren zu lassen, daß die Beschuldigung 
eines unsittlichen Lebenswandels nicht stichhältig sei. Sie meinte, sie 
würde auf Grund stillschweigenden Einverständnisses („die Ärzte wissen 
schon, was ich will") auf ihre Virginität inspiziert; die erhobenen Befunde 
würden ihrer Mutter mitgeteilt. Patientin sandte sogar eine Liste von 
ca. 50 Ärzten an die Mutter, damit diese bei jenen Erkundigungen ein- 
ziehe und sich so von ihrer Unschuld überzeuge. An diesem Verhalten 
fällt zweierlei auf: Erstens, daß die Mutter noch immer die lebendige 
Gewissensinstanz ist, der Kern des Wahns, um den sich alles dreht; 
zweitens, daß die Patientin, wie aus ihren Worten und ihrem Gehaben 
sich ergibt, hierin eine Art von Sexualersatz findet. Man beachte, daß das 
Vergnügen an analen Untersuchungen bei vielen frigiden Frauen stark aus- 
geprägt ist und oft direkt eingestanden wird. Ferner: daß diese Sexual- 
gewohnheit mit der sexuellen Stufe korrespondiert, auf der sich die Patientin, 
wie man aus den anal-sadistischen Inhalten des Wahns entnehmen kann, 
befindet. Es ist hier also ein Stück direkter abnormer Sexualbefriedigung 
vorhanden, das noch in jüngster Zeit eine Entwicklung erfahren hat: sie 
bevorzugt Polizeiärzte. Man kann füglich darin eine Annäherung an die 
verfolgenden Objekte sehen. Wir kommen auf diese Tatbestände noch zurück. 
Halten wir für unseren Fall die homosexuelle Objektbeziehung fest, so 
ergibt sich eine Vermutung für jene Bibelsendung, die wohl schon zum 
Beginn der Erkrankung gehört. Es ist in der reaktiven Form der Versuch, 
eine heterosexuelle Objektbeziehung herzustellen, aber unter dem Druck 
des „Gewissens in einer der eigentlichen Tendenz so entgegengesetzten 
Form. Man kann diese Handlung als ein Kompromiß zwischen Gewissens- 



Klinisdie Beiträge zur Paranoiafrage 53 



und Triebtendenz oder zwischen homo- und heterosexueller Strebung 
a^sehen^ Dieser Versuch erfährt, ob nun in Wirklichkeit oder im Wahn, 
eine Abweisung. Vielleicht spielt die Polizei tatsächlich eine Rolle dabei. 
Im Wahn führt diese Gemeinsamkeit zur Verknüpfung: Polizei — Mutter. 
Beide stehen der heterosexuellen Beziehung im Wege. 

Fahren wir im Versuch, den Wahnverlauf zu rekonstruieren, fort, so 
hat nach dem ersten Kompromißversuch die Gewissensinstanz (Mutter) 
vorübergehend ein Übergewicht bekommen, um dann neuerdings zu einer 
Kompromißleistung zu führen: Es wird auf dem Boden des Wahns ein 
zweites Mal das heterosexuelle Objekt gefunden, die Mutter wird von 
den kritisierenden und verbietenden Stimmen der Männer abgelöst. Das 
heißt, der Objektwechsel wurde vollzogen, an Stelle des weiblichen Objekts 
traten die männlichen. Doch behielten sie die Gewissensfunktion weiter. 
Eine Erklärung dieses Sachverhalts ist nur dann möglich, wenn man die 
Tatsache des Objektwechsels zunächst von der Tatsache der Persistenz der 
Funktion trennt. Demnach müßte man annehmen, daß also der Objekt- 
wechsel zunächst gelang, daß aber im fortgesetzten Konflikt zwischen den 
beiden, Triebströmungen schließlich eine Kompromißbildung zustande kam. 
Das heterosexuelle Objekt wurde gewonnen, aber ohne adäquates Triebziel. 
Hier müssen wir uns jedoch der Tatsache erinnern, daß erotische Inhalte 
bestimmter Natur einen bedeutenden Raum im Wahn innehaben. -Es wdrd 
also die weitere Annahme notwendig, die sich auf bestimmte Angaben der 
Patientin stützen kann, daß , im Verlaufe der Krankheit ein allmählicher 
oder direkter Durchbruch der erotischen Einstellungen erfolgte. Wir können 
auf Grund der Analogie mit anderen Fällen (über die wir noch berichten 



i) Wir sehen sehr häufig das homosexuelle Objekt als Repräsentanten des 
Gewissens auftreten, was auf die homosexuelle Verankerung wichtiger Anteile des 
Gewissens schließen läßt. Dies wird ja auch aus der einfachen Ödipussituation deut- 
lich, in der der gleichgeschlechtliche Eltemteil das feindselig empfundene Hindernis 
ist. Die eigene Feindseligkeit trägt nachher dazu bei, die vom angefeindeten gleich- 
geschlechtlichen Objekt ausgehenden Verbote besonders zu festigen. Das gleich- 
geschlechtliche Objekt erscheint dann im Wahn als Repräsentant dieser Ge- und 
Verbote. Es wäre vielleicht möglich, diesen Konflikt unabhängig vom Geschlecht 
der Verfolger zu betrachten: dann ergibt er sich als einer zwischen Triebfreiheit 
und triebunterdrückender Gewissensinstanz, also zwischen Es und Über-Ich. Als 
Repräsentanten des Über-Ichs treten dann die Mutter, und in der Folge alle in 
unserer sozialen Ordnung das Gewissen vertretenden Instanzen auf, also Polizisten usw. 
Der erfolgte Triebdurchbruch knüpft sich dann an diese Vertreter der sozialen 
Gewissensinstanzen an und verwandelt sie in Liebhaber. Eine solche Betrachtung 
unabhängig von dem Geschlecht der Verfolger hat viel für sich: sie könnte aber 
nicht allen Beobachtungen gerecht werden. Dieser Betrachtung zufolge können also 
beide Geschlechter sowohl die Gewissensinstanz als auch die erotische Triebtendenz 
vertreten. 



werden) mit größter Wahrscheinlichkeit vermuten, daß dieser Triebdurch- 
bruch im Zusammenhang mit dem Objektwechsel, wenn auch später als 
dieser, erfolgte. Demnach üben die männlichen Verfolger zweierlei Funktionen 
aus: Sie setzen die Gewissensstimmen fort und gewinnen zugleich eine 
erotische Beziehung zur Kranken. Als das hervorstechendste Merkmal dieses 
Durchbruchs müssen wir neben den Erotismen im Inhalt der Stimmen 
den Bräutigam-Verfolger hervorheben. 



IV 

Dieser vor den übrigen ausgezeichnete Verfolger darf unsere Aufmerk- 
samkeit in Anspruch nehmen. Es werden über ihn von den Stimmen 
verschiedene Bemerkungen gemacht, die keinen Zweifel darüber lassen, 
daß hier eine Gleichsetzung des Verfolgers mit einem Körperteil der 
Patientin, dem Gesäß („Hintern"), erfolgt. Man rühmt seine Größe und 
Stärke, es heißt, er werde wachsen, er sei schon dick, er gefalle, er stinke, 
er sollte geschlagen werden. Aus den Berichten der Patientin ergibt sich 
die erotische Bedeutung dieser Anspielungen mit aller Klarheit. Die Frage, 
wie es zu erklären sei, daß der Verfolger eine Art Liebhaber ist, beant- 
wortet sich aus den bisherigen Ausführungen. Wie verhält es sich aber 
mit den Anspielungen auf ein bestimmtes Organ? Es scheint dieser 
Bräutigam zugleich eine Art losgelösten Körperteils darzustellen. Wie hätten 
wir das aber zu verstehen? 

Erinnern wir uns, daß der Gedanke der Projektion eines Inneren in 
die Außenwelt auch in körperlicher Hinsicht, also die Organprojektion, 
der Psychoanalyse nicht fremd ist. Man vergleiche die im Eingang zitierten 
Arbeiten. Man könnte also die Annahme wagen, daß es sich auch hier 
um ein solches projiziertes Organ handle, und daß man in diesem Falle 
die Psychosenarbeit gleichsam in flagranti ertappt hätte. In der psycho- 
analytischen Literatur ist nur ein einziger Fall erwähnt, in dem eine isolierte 
Projektion eines einzelnen Organes näher beobachtet wurde. T a u s k 
konnte („Die Rolle des Beeinflussungsapparates in der Schizophrenie'") 
an einer an Beeinflussungs- und Verfolgungswahn leidenden schizophrenen 
Patientin zeigen, daß der Beeinflussungsapparat ein durch fortgesetzte 
Entstellung unkenntlich gemachtes Projektionsbild des eigenen Genitales, 
bzw. des eigenen total „genitalisierten" Körpers war. Er konnte auf Grund 
bestimmter Beobachtungen auch einige Vermutungen über die Mechanismen 
der fortschreitenden Entstellung aussprechen. Tausk meint, das Genitale 
sei, wohl wegen seiner Erregungen, zu solchen Projektionen besonders 
disponiert. 



I 



Klinisdie Beiträge zur Paranoiafrage 55 



Die intellektuellen Voraussetzungen einer solchen Abspaltung erblickt 
Tausk erstens in jener infantilen Phase, in der Ichgrenzen noch nicht 
existieren, Ich und Außenwelt noch für identisch gehalten werden, und 
zweitens in der Möglichkeit, daß diese Ichgrenzen später (in der Schizo- 
phrenie) wieder ganz oder teilweise aufgehoben werden. Im Falle von 
Tausk war die Ichgrenze nur partiell und nicht total aufgehoben. Die 
libidinöse Parallele zu dieser Ichentwicklungsphase ist zu sehen im Stadium 
des angeborenen (primären) Narzißmus. Es ist dies, abgesehen vom Em- 
bryonalstadium, das Stadiam des Säuglings nach der Geburt. In jener 
Phase der Identität hält das Kind intellektuell „alle Sinnesreize, die es 
erhält, für endogene und immanente". „Die nächste Entwicklungsstufe ist 
dann die der Auswärtsprojektion des Reizes und seine Zuschreibung zu 
einem distanzierten Objekt, also die Distanzierung und Objektivierung 
von Seiten des Intellekts und korrelativ damit die Übertragung der Libido 
in die entdeckte oder vielmehr selbstgeschaffene Außenwelt." In dieser 
entdeckt das Kind seinen eigenen Körper „stückweise" zunächst als Objekt, 
das „auf dem Umwege über die Projektion" libidinös besetzt wird (Projek- 
tionsphase : intellektuell Objektfindung am eigenen Körper, libidinös Objekt- 
wahl "des eigenen Körpers), um schließlich „auf dem Wege der Selbstent- 
deckung" diese „disfecta memhra'' zu einem Ich zusammenzufassen, zum Ich 
zurückzukehren (Identifikationsphase, erworbener = sekundärer Narzißmus). 
Das Motiv zu dieser Verlegung ist das Andrängen der äußeren Reize und die 
Notwendigkeit, sie libidinös und intellektuell zu bewältigen. Die beiden 
Momente, der Narzißmus der Organe und die Notwendigkeit, ihn aufzugeben, 
sowie der intellektuelle Parallelvorgang einer Objektfindung am eigenen 
Körper wie in der Außenwelt sind die beiden Grundlagen, mit deren Hilfe eine 
theoretische Erfassung der Projektion des eigenen Körpers (Genitales) möglich 
wird, wofern man weiter annimmt, daß die Projektion auch für die Abwehr 
von Organlibido dienstbar gemacht werden kann. Es müssen allerdings noch 
zwei weitere Begriffe herangezogen werden. Erstens die Möglichkeit der 
Herstellung eines sekundären Narzißmus in verschiedenem Ausmaß, partiell 
oder total. Voraussetzung solcher Annahme ist eine bewegliche Spannung 
zwischen Objektlibido und narzißtischer Libido, gleichsam Schwankungen 
in einem geschlossenen System, die bald zugunsten des einen, bald des 
anderen Anteils ausfallen und als Grundlage dieser Schwankungen wieder 
die supponierte Tendenz (die bei verschiedenen Individuen ungleich stark 
ausgeprägt sein wird), den ursprünglich narzißtischen Zustand wieder 
herzustellen. Wir führen diese Tendenz im Spezialfall auf eine Fixierung 
im narzißtischen Stadium zurück. Damit ist ausgesprochen eine Tendenz 
zugunsten der narzißtischen Libidounterbringung und eine Schwäche des 




5Ö Edward Bibring 



objektlibidinösen Anteils des Libidosystems. Dieser sekundäre Narzißmus 
baut sich auf den erhalten gebliebenen, für die Lebenserhaltung notwendigen 
Reste des primären Narzißmus auf, bzw. er verstärkt gewisse normaler- 
weise vorhandene geringe Quantitäten eines „physiologischen" sekundären 
Narzißmus. Dieser sekundäre Narzißmus kann sowohl die Körper- 
ais auch die seelische Sphäre betreffen, also die Organ- wie psychische 
Libido. 

Der zweite Begriff, der die weitere Grundlage dieser Theorie ausmacht, 
ist der der Libidostauung. Dies ist, wie der Name schon besagt, ein quanti- 
tativer Begriff und besagt zunächst, daß das Individuum nur begrenzte 
Mengen frei flottierender, nicht gebundener Libido verträgt. Ferner, daß 
bei Überschreitung einer individuell verschiedenen Toleranzgrenze ' eine 
Spannung entsteht, die entweder auf dem Umweg über Angst oder direkt 
zu verschiedenen Maßnahmen zur Abfuhr dieser Spannung führt. Zu diesem 
Zweck stehen dem Individuum verschiedene konstitutions- und erlebnis- 
bedingte Maßnahmen zur Verfügung, die in ihren Auswirkungen, je nachdem, 
ob sie adäquat oder inadäquat sind, die Normalität, die Neurose oder die Psychose 
bedingen. Die in bestimmten Organen untergebrachte Libido ist als gebunden 
zu betrachten. Ein gewisses Quantum von narzißtischer Libido ist nach 
den Anschauungen der Psychoanalyse physiologisch. Aber die Toleranzgrenze 
der Organe für solche „gebundene" Libido ist ebenfalls eine beschränkte. 
Ist nach der Anschauung der Psychoanalyse eine gewisse Besetzung zur 
Intaktheit der Funktion nötig, so wird eine Übersteigerung zur Störung 
Diese Organlibidostauung stellt in allen Fällen einen pathologischen Zustand 
dar. Zu ihrer Abwehr stehen dem Individuum bestimmte Maßnahmen zur 
Verfügung. Zweifellos spielt für die Wahl derselben außer konstitutionellen 
und dispositionellen Momenten eine entscheidende Rolle die Größe der 
Libidostauung und vor allem die Raschheit der Stauungszunahme, bzw. 
des Besetzungsanstiegs. Bei einem überwältigend raschen oder großen An- 
stieg wird das Ich zu Maßnahmen greifen müssen, die nur mit Hilfe 
schwerer und schwerster Einbußen der Intaktheit der Persönlichkeitsstruktur 
eine totale Zerstörung des Ichs verhindern können. Tausk hat an seinem 
speziellen Fall unter Heranziehung ähnlicher eine Skala dieser Veränderungen 
aufgestellt, von der Überbesetzung bis zur Abwehrmaßnahme durch Projektion. 
Er findet der Reihe nach: i) pathologische Libidobesetzung der Organe. 
2) Bewußtwerden der Organfunktion, Veränderungsgefühl, hypochondrische 
Beschwerden. — Freud hat in seiner Schreberarbeit diese Erklärung der 
Genese der Hypochondrie erstmalig gegeben. Nach Freud ist aber die 
Hypchondrie nicht allein der Ausdruck der bis zur Bewußtwerdung 
gesteigerten Organbesetzung, sondern zugleich auch ein Versuch zur 



Klinisdie Beiträge zur Paranoiafrage 57 

intellektuellen Erledigung der Libidostauung. }) Die Abwehr der Stauung 
erfolgt nun nach der Art, daß sich das Ich vom Organ abwendet, daß es 
sich das Organ „entfremdet" (Entfremdungsgefühle). Diese Entfremdung 
hebt die unbewußte Libidoposition nicht auf, sie ist bloß „ein Verleugnen 
derselben, eine Vogelstraußpolitik des Ichs, die sehr leicht ad absurdum 
geführt werden kann und dann durch Einführung anderer oder stärkerer 
Abwehrmaßregeln ersetzt werden muß". Das „Abgezogenwerden" verschiedener 
Körperteile ist der wahnhafte Ausdruck der Totalentfremdung, des Auf- 
gebens der Organe. Auch die nicht seltenen Klagen über das Absterben 
der Organe sind als Ausdruck dieses Zustandes zu deuten und in Analogie 
zu setzen mit den Ideen vom Sterben bestimmter Personen, von denen 
die Libido abgezogen wird. — Neuerdings hat Federn auf die Bedeutung 
der Ichgefühle beim Zustandekommen der Entfremdung hingewiesen. — 
4) In der weiteren Folge kommt es zur Projektion. Diese erfolgt in zwei 
Teilen: „Zunächst wird die Urheberschaft dieser Sensationen, die nun 
unverändert wieder wahrgenommen werden, in die Außenwelt verlegt, zu 
einer fremden, feindlichen Macht. Dann wird der BeeinHussungsapparat 
konstruiert, als Zusammenfassung der nach außen projizierten Gesamtheit 
der krankhaft verhinderten Organe (des ganzen Körpers oder nur einzelner 
dieser Organe)."- Im Apparat ist dann ein Abbild des überbesetzten Organs 
zu sehen. Man kann eine Reihe von Beobachtungen im Sinne der Behaup- 
tungen Tausks deuten: bald ist es eine Photographie der Kranken, die 
sich in den Händen der Verfolger befindet, und an der allerhand Mani- 
pulationen vorgenommen werden, die dann Patientin an ihrem Körper 
empfindet, oder es handelt sich um „Modelle", die nach der Patientin 
angefertigt wurden und die ebenfalls magischen Einwirkungen auf die 
Patientin dienen (vgl. Levi-Brühl, Storch), oder es sind solche Modelle in 
den Apparat eingebaut usw. Die Entstehung der Beeinflussungsmaschine 
erfolgt in der Art, daß an den projizierten Organrepräsentanzen bestimmte 
Entstellungen eintreten, an deren Ende dann an Stelle des projizierten 
Organs oder Körpers der leblose Beeinflussungsapparat steht. Es sind 
also libidöökonomische Momente, die hier zur Entfremdung und 
Projektion führen. Tausk beschränkt daher auch die Spannung auf 
den Konflikt: Narzißmus und Objektlibido, ohne Rücksicht auf das 
Geschlecht des Verfolgers usw. Es ist sozusagen vorstellungslos gedachte 
Organlibido; deren Schicksal Tausk hier behandelt. Er trennt scharf davon 
ab die Schicksale der psychischen Libido, deren Beschreibung er in Freuds 
Darstellung des Paranoiafalles findet. Diese scharfe Trennung läßt sich aber 
nicht einmal am Tauskschen Fall selbst durchführen. Zweifellos bedeutet 
die psychische Erledigung durch Projektion die stärkste Form der Abwehr. 



58 Edward Bibring 



Aber auch der Größenwahn, welcher ebenfalls den Versuch einer psychi- 
schen Bewältigung der narzißtischen (Organ-) Libido bedeutet, wie Freud 
am Schreberfall gezeigt hat, kann sich auf das Einzelorgan erstrecken: 
Wir sehen bei unserem Fall indirekte (den Stimmen in den Mund gelegte) 
„Größenideen" oder Ansätze hiezu sich auf das projizierte Organ beziehen. 
Sie haben besonders die Größe und Schönheit dieses Körperteils zum 
Inhalt. Dies kann man auch sonst beobachten. So hatte eine Patientin, 
welche die Idee entwickelt hatte, ihre Dienstgeberin komme nachts in 
ihr Zimmer, decke sie auf und betrachte ihr Genitale, die Größenidee, 
sie habe das schönste Genitale, andere Frauen, z. B. ihre Schwester, seien 
„oben" schöner, sie sei es aber „unten". Man könnte also zu den Formen 
der Stauungsbewältigung, die Tausk aufzählt, noch die psychische des 
„Organgrößenwahns" hinzufügen, in Analogie zu dem die ganze Persönlich- 
keit umfassenden allgemeinen Größenwahn. Der Organgrößenwahn würde 
in der Reihenfolge Tausks vor der Entfremdung Platz haben. 

Unser Fall unterscheidet sich aber in einigen wesentlichen Zügen von 
dem Falle Tausks. j) Hier liegt vor allem kein Beeinflussungsapparat 
vor, der erst sekundär von den Verfolgern bedient wird, sondern es ist der 
Verfolger selbst, der in den Anspielungen die Rolle eines Körperteiles spielt. 
2) Dort ist es außerdem, in den Hauptstadien, der eigene Körper der 
Patientin, ein narzißtisches Ebenbild, das dann in einen neutralen Apparat 
verwandelt wird. Hier ist der Verfolger, der Mittelpunkt der Anspielungen 
ist, männlichen Geschlechts. Nur in den Anspielungen wird ihm eine 
Reihe von Merkmalen zugeschrieben, die zugleich einem Körperteil der 
Patientin gelten. }) Unser Fall befindet sich auf der anal-sadistischen Stufe, 
dem Inhalte sowie dem projizierten Organ nach; die Kranke Tausks auf 
der genitalen. 

Man könnte einwenden, daß hier eben „nur" eine Anspielung vorliege, 
da ja der Fall auch andere Anspielungen zeigt. Diese bedürfen aber ebenso 
der Erklärung, wie Fehlleistungen, Symbole usw. Ferner mahnen gerade 
Beobachtungen wie die von Tausk, Stärcke, van Ophuijsen u. a. zur Vor- 
sicht. Es scheint, daß tatsächlich die Projektion des eigenen Körpers 
oder einzelner Körperteile bei der paranoiden Schizophrenie eine häufige 
Erscheinung ist. Es sei an jene Fälle erinnert, die sich durch das Auf- 
treten eines Doppelgängers auszeichnen. Es sind meist Leute von gleichem 
Aussehen wie die Patienten, — sei es infolge „zufälliger" Ähnlichkeit 
oder sei es, daß sie sich den Patienten auf irgendeine Weise anähneln, - — 
die sich dann alle Vorteile aneignen, die eigentlich den Patienten zuge- 
kommen wären, die sich seines Glücks, seiner hohen Abkunft, seines 
Ruhmes, seiner Erfolge erfreuen, während sie ihn ins Dunkel stoßen, ihn 



r 



Klinisdie Beiträge zur Paranoiafrage 59 

in die Anstalt bringen und ihm nach dem Lehen trachten.' Rank hat 
das Doppelgängermotiv in der Dichtung und im Mythos behandelt und 
kam zum Resultat, daß die dichlerischen Darstellungen nicht nur die 
Freudsche Auffassung von der narzißtischen Disposition zur Paranoia be- 
stätigen, „sondern sie reduzieren auch in einer von den Geisteskranken 
relativ selten erreichten Anschaulichkeit den Hauptverfolger auf das eigene 
Ich, die ehemals geliebteste Person, gegen die sich nun die Abwehr 
richtet". Auf die übrigen Annahmen Ranks wird in einem anderen Zu- 
sammenhang eingegangen werden. Hier sei nur die eine Auffassung her- 
angezogen, die im Verfolger eine Projektion des eigenen Ichs sieht. Wir 
■wollen also festhalten, daß es sich auch in unserem Fall um die Projek- 
tion einer Organrepräsentanz handelt. Wir sehen aber darüber hinaus das 
projizierte Organ als Liebesobjekt auftreten, und zwar als Liebesobjekt 
männlichen Geschlechts. Wir dürfen vermuten, daß dies schon das Resultat 
eines komplizierten Vorganges ist. 

Besinnen wir uns, daß wir uns auf Grund der Angaben der Patientin 
sowie nach Analogie mit anderen Fällen den Krankheitsverlauf so vor- 
stellen, daß in einer mehr oder weniger genau abgegrenzten Phase die 
Sexualität immer» mehr manifesten Ausdruck in den Inhalten fand, daß 
mit einem Wort die (männlichen) Verfolger einen Funktionswandel durch- 
machten: aus beobachtenden und kritischen Instanzen wurden erotische 
Verfolger. In manchen Fällen kann man diesen Verlauf gut beobachten 
Die Phasen sind getrennt und entwickeln sich nacheinander. Meist bleiben 
aber neben den neuen Formen, Inhalten und Einstellungen die alten in 
irgendeiner Weise noch erhalten. Es ist nun für viele, vielleicht für alle 
Fälle von weiblicher Paranoia charakteristisch, daß der Durchbruch der 
erotischen Verfolgung mit dem Auftreten von Männern parallel geht. Diese 
Tatsache wird indirekt schon von Tausk hervorgehoben: den Apparat 
bedienen immer Männer. Jedoch vermag Tausk hiefür keine Erklärung 

i) In einem von mir beobachteten Fall wollte die Patientin „schon lange" Schau- 
spielerin werden. In der Psychose entwiclielte sie nun die Idee, es gäbe eine Doppel- 
gängerin von ihr, die sei mit Hilfe ihrer, der Patientin, Freunde, Schauspielerin ge- 
worden, habe es zur Berühmtheit gebracht und ernte nun all den Ruhm, der ihr 
der Kranken, gebühre. Daß man ein Talent sich nicht aneignen könne, gilt der 
Patientin nicht als Einwand. Das alles hätte ihr gebührt, sie hätte alles gehabt, aber 
die andere habe sich früher gerührt und verhindere nun, daß Patientin sich jetzt 
noch durchsetze. Die andere verbreite unter den Schauspielern allerlei Gerüchte über 
sie, damit das Ganze nicht aufkomme, und stelle ihr nach. Wir finden bei dieser 
Psychose dieselben Inhalte, wie sie Rank in Dichtwerken fand, und können auch 
seine Erklärung akzeptieren, daß der Paranoiker sein Ich projiziert und letzten 
Endes sich von seinem Ich verfolgt wähnt. Es ist der Kampf zwischen dem primi- 
tiven Narzißmus .des Ich und dem narzißtisch besetzten Ichideal, bzw. der Konflikt 
zwischen primitivem Narzißmus und der auf das Objekt gerichteten Libido. 



6o Edward Bibring 



zu geben. Der Durchbruch der erotischen Einstellungen geht regelmäßig 
mit dem Auftreten von sexuellen, hypochondrischen und Beeinflussungs- 
gefühlen einher. Man könnte auch für den Fall Freuds annehmen, daß 
die Wahnidee mit dem Kästchen, bzw. dem photographischen Apparat, ein 
Initial- oder Rudimentärstadium eines Beeinflussungsapparates darstellt. Die 
Zurückführung des tickenden Geräusches dieses Apparates auf das Klopfen 
der Klitoris zeigt, daß Freud auch hier eine Genitalprojektion im Sinne hatte. 
Der Beeinflussungsapparat stellt das hypochondrische Sensationen verursachende, 
libidobesetzte Organ dar und wird vom Liebesobjekt oder dessen Beauf- 
tragten bedient. Von diesem Gesichtspunkt ausgehend, könnte man sich 
für unseren Fall den zu dieser Sonderstellung des einen Verfolgers führen- 
den Vorgang in der Form denken, daß eine Verschmelzung des projizierten 
Organs mit seinem Objekt eingetreten ist, gleichsam der „Maschine" mit 
der bedienenden Person. Man kann dann darin eine Variante sehen der 
von Tausk aufgezeigten Entwicklung von der Organüberbesetzung über 
die Projektion bis zur Verwandlung des projizierten Organs in eine 
Maschine. Man kann sich vorstellen, daß nach erfolgter Projektion die 
Verbindung mit dem Objekt erhalten bleibt, in dem einen Fall das proji- 
zierte Organ mit Hilfe der von der Traumdeutung her bekannten Mecha- 
nismen fortschreitend in eine leblose Maschine verwandelt wird, die dann 
von den Verfolgern bedient wird, oder aber, daß im anderen Falle keine 
Veränderung des projizierten Körperteiles zur Maschine erfolgt, sondern 
eine Verschmelzung mit dem Objekt zu einer neuen Einheit. Hier ergibt 
sich aber die Frage, wie sich eine solche Annahme rechtfertigen ließe. 

Es wird dazu vor allem wichtig sein, die Beziehung zwischen erogener 
Zone und Objekt zu erörtern. Die ursprüngliche Sonderung beim Kinde 
entspricht nicht der des Erwachsenen. Anfänglich wird, wie Freud 
gezeigt hat, die reizeinstürmende Außenwelt vom primären Narzißmus des 
Kindes negativ gewertet. „Das loh bedarf der Außenwelt nicht, insoferne 
es autoerotisch ist, es bekommt aber Objekte aus ihr infolge der Erlebnisse 
der Icherhaltungstriebe und kann doch nicht umhin, innere Triebreize als 
unlustvoll für eine Zeit zu verspüren. Unter der Herrschaft des Lustprinzips 
vollzieht sich in ihm eine weitere Entwicklung. Es nimmt die dargebotenen 
Objekte, insofern sie Lustquellen sind, in sein Ich auf, introjiziert sich 
dieselben (nach dem Ausdruck Ferenczis) und stößt anderseits von sich 
aus, was ihm im eigenen Innern Unlustanlaß wird. Es wandelt sich so 
aus dem anfänglichen Real-Ich, welches innen und außen nach einem 
guten objektiven Kennzeichen unterschieden hat, in ein purifiziertes Lust-Ich, 
welches den Lustcharakter über jeden anderen setzt. Die Außenwelt 
zerfallt ihm in einen Lustanteil, den es sich einverleibt hat, und einen 



KlinisAe Beiträge zur Paranolafirage 6t 

Rest, der ihm fremd ist. Aus dem eigenen Ich hat es einen Bestandteil 
ausgesondert, den es in die Außenwelt wirft und als feindlich empfindet. 
Nach dieser Umordnung ist die Deckung der beiden Polaritäten Ich — Subjekt 
mit Lust, Außenwelt mit Unlust (von früher her Indifferenz) wieder 
hergestellt. 

Der Säugling wird also vor allem jene Organe als Ichanteile erleben, die 
sich durch Lust- oder ünlustspendung dem Bewußtsein besonders aufdrängen, 
bzw. eine Reizverarbeitung erfordern. Unter diesen Organen spielen die 
Träger der späteren erogenen Zonen eine besondere Rolle. Nach Freud 
erfolgt, wie wir gehört haben, die Zusammenfassung nach dem Prinzip 
der Identität: alle lustvollen Erlebnisse werden miteinander in Beziehung 
gebracht, parallel dazu alle Unlusterlebnisse. Die ersten Einheitsakte erfassen 
also eine Lustwelt und eine ünlustwelt. Mit der ersten identifiziert sich 
der Säugling, sie ist ihm recht, er will sie; die andere lehnt er ab, er 
will sie nicht, er verweigert sozusagen die Identifizierung. Sie ist ihm, 
wenn die Trennung Ich — Objekt schon eingetreten ist, „Außenwelt". Nun 
sind bestimmte Lusterlebnisse für das Kind an bestimmte Organe geknüpft 
und zugleich an bestimmte Eindrücke gebunden, die später der Außenwelt 
zugerechnet werden, an die späteren Objekte oder Teile von ihnen. Es muß 
für das kindliche Bewußtsein die ursprüngliche Verknüpfung zwischen der 
lustvollen Körperempfindung und dem „Objekt", diesen beiden Teilen 
seines „Ichs" in dieser Phase, eine innigere sein, als etwa die zwischen 
den einzelnen Körperanteilen untereinander. In der halluzinierenden Phase 
ergibt sich ja beim Kind zum Körperreiz die halluzinierte Assoziation 
eines bestimmten Stückes Außenwelt. Den Einheitsakt, der das Lust-Ich 
des Kindes gegenüber der Unlust-Außenwelt schafft, müssen wir uns in 
eine Reihe von Akten aufgelöst denken, die kleinere Einheiten herstellten : 
Auf der Basis der Identität Ich — Außenwelt zunächst jene Anteile aus der Fülle 
der Ereignisse, die miteinander „assoziiert" waren, Lustempfindungen und 
— wenn wir die Sprachbezeichnungen für den volldifferenzierten Zustand 
zur Bezeichnung für den sonst schwer wiederzugebenden undifferenzierten 
benützen — die lusterregenden Außenweltreize ; öder aber die Unlustreize 
und die dazugehörigen Unlust empfindungen. Es entstehen also zunächst 
zahlreiche Lusteinheiten und Unlusteinheiten, die jeweils sowohl Ich- als 
auch Außenweltanteile umfassen und die später auseinanderzufallen bestimmt 
sind, wenn auch Objekt und erogene Zone, zweifellos auch nachher in 
einem innigeren Kontakt bleiben als die übrige Außenwelt zum übrigen 
Körper-Ich. Diese Darstellung ist selbstverständlich eine grobe Schematisierung. 
Immerhin muß man formulieren, daß sich um den ursprünglichen Ichkern 
solche Primitivstrukturen, die Innen- und Außenweltanteile enthalten, 



62 Edward Bibring 



gruppieren. Es ist also die Einheit Objekt — erogene Zone eine der ursprüng- 
lichen Einheiten des Kindes, aus den zahllosen Reiz-Empfindungseinheiten 
durch das besondere Lusterlebnis besonders hervorgehoben. Je nach ihrer 
Lust-Unlustnote werden nun, wenn wir die Freudsche These annehmen, 
diese Einheiten mehr zur Außenwelt oder mehr zum Ich gerechnet 
werden. Ähnliche Erwägungen finden wir bei Bernfeld. In seiner 
„Psychologie des Säuglings" bespricht er wiederholt die Verhältnisse. Das 
Körper -Ich entsteht durch Hinzuwachsen der einzelnen Körperpartien um 
den Mund als Körper-Ich-Zentrum. Anscheinend muß der Mund bei 
normaler Entwicklung später diese zentrale Stellung aufgeben. Das Maß, 
mit dem nach ßernfeld der Säugling die Zugehörigkeit zum Ich mißt, ist 
die „Folgsamkeit" der Organe. Folgsam heißt von Anfang an dem Körper- 
tedürfnis folgend. Die Folgsamkeit umfaßt also einen Impuls- und einen 
Befriedigungsanteil. Unter den Organen treten nun einige besonders hervor : 
„Die erogenen Zonen sind kat exochen folgsam, denn sie verschaffen Lust, 
so wie nur die geeignete Berührung stattfindet." Aber auch Teile der Ding- 
welt müssen vom Säugling in einem Folgsamkeitszusammenhang erlebt 
werden ebenso wie die eigenen Körperteile. „Ich glaube, man darf sich die 
Dinge so denken. Das heißt aber, daß die Außenwelt als ein Stück Körper- 
Ich erscheint. Man muß also etwas dieser Art für einen Teil der Außen- 
welt annehmen. Und zwar im wesentlichen für jenen Teil von ihr, der 
Mutter heißt. Sie, Körperteile von ihr, Brust, Mund, Augen, Hände, eine 
Reihe von Handlungen mag sehr wohl vom Körper-Ich ungeschieden sein, 
ihm zugehören. Es entsteht also zunächst ein Körper-Ich, das noch Teile 
der realen Welt enthält, die später neuerdings ausgeschaltet werden." 

In der Schizophrenie finden wir nun — so müssen wir annehmen — 
diese archaischen Mechanismen wiederbelebt.' Der Apparat, den die männ- 



i) Vgl. hiezu die Arbeit von Storch. Storch spricht von einer (magischen) 
Objektivierung von Persönlichkeitsbestandteilen. Besonders aus Strindbergs SeJbst- 
beschreibung führt Storch eine Fülle von Daten an, etwa wie St. die Möbel in seinem 
Zimmer „seinem Leben einverleibt«. (S. 44.) So „identifiziert er sich" mit „Personen, 
die ihm affektiv nahestehen", oder „verliert" an sie „Stücke seines Körpers, seiner 
Seele". Ähnliches auch von anderen Kranken. — Wir finden auch bei Neurotischen, 
z. B. in Träumen, und zwar nicht nur in symbolischer Form, Vorstellungen isolierter 
KöiT>erteile, Genitalien usw. Auch in den Wachträumen werden erogene Zonen meist 
isoliert dargestellt, sowohl die der Objekte wie die des eigenen Körpers. Der übrige 
Körper bleibt völlig im Dunkeln. Von hier führt ein Weg zur Repräsentation des 
gesamten Objekts durch eines seiner erogenen Organe oder deren Ersatzteile. Eine 
Schizophrene fühlte sich von einem Hypnotiseur vergewaltigt, der in einer „Miniatur- 
gestalt von 10 cm Länge" auf den Sesseln war, auf denen sie saß, und so einzudringen 
versuchte, wogegen sie sich durch ausweichende Bewegungen wehrte. — Für die 
Annahmen, die uns die Organprojektionen erklären sollen, finden wir in der Neurologie 
gewisse Anhaltspimkte. Die Lehre vom Körperschema hat zur Annahme geführt, daß 



Klinisdie Beiträge zur Paranoiafrage 63 

liehen Objekte bedienen, ist draußen, weil Objekte sowohl als auch die 
Organerregungen abgewehrt, d. h. hier projiziert werden. Eine schizophrene 
Patientin klagte über Entfremdung bestimmter Körperpartien, z. B. des 
Gesäßes und der Geschlechtsteile. Die Entfremdung des Gesäßes trat etwa 
in dem Momente ein, da der Patientin ein Einlauf gemacht wurde. Sie 
hatte das Gefühl, es löse sich da von ihr ab. Das Gesäß war also der 
durch die Pflegeperson vertretenen Außenwelt näher als dem eigenen 
Körper-Ich der Patientin. Es kann durch Belebung dieser archaischen 
Ichansätze (Partialeinheiten) je nach den Besetzungen eine Erweiterung 
oder Verkleinerung des Ich zustande gebracht werden. Diese Partial- 
einheiten dürften vom Ich her die Grundlage für die 
Identifizierung von Objekten und einzelnen Organen 
abgeben. Von Einfluß sind hier die animistischen Tendenzen beim 
Kinde, das nicht nur die leblosen Gegenstände belebt, sondern auch eigene 
Körperteile als Personen ansieht. Ich erinnere etwa an die Beobachtungen 
Preyers (zitiert bei Bernfeld). t 

Es handelt sich hier also, zusammengefaßt, um eine innigere Verlötung 
von Objekt und erogener Zone auf [animistischer Grundlage sowie um 
Projektions- (bzw. Introjektions-) Vorgänge im Sinne Ferenczis. In der 
Gleichsetzung, bzw. Verschmelzung von Objekt und sexualisiertem Körper- 
teil, wie wir sie in unserem Falle finden, dürfen wir wohl die Wirkung 
des Primärvorganges sehen, den wir in dieser Phase, bzw. Schichte als 
herrschend annehmen müssen. So wird es möglich, daß ein Teil für den 
anderen zu stehen vermag oder für die ganze Einheit, ein Körperteil 
zugleich Objekt und Subjekt bedeutet und umgekehrt das Objekt zugleich 
ein Stück des eigenen Körpers. 



Akzeptieren wir die bisherigen Ausführungen, so ergibt sich, daß die 
Kranke das aus bestimmten Gründen überbesetzte Organ abgetrennt, projiziert 
und mit dem dazugehörigen Objekt verschmolzen hat. Dieser Körperteil 
ist im Gegensatz zur Patientin Tausks, wo es sich um das Genitale 
handelt, das Gesäß. 

„das Schema ganz fraglos ... in Mund, Auge, Ohr, Hand, Fuß u. dgl. gegliedert" 
ist, „also in der Weise, in welcher der Laie den Körper gliedert". (Schilder, S. 84.) 
Und weiter: „Das Körperschema hat auch eine Ausdehnung in zeitlicher Hinsicht. 
Es besteht aus Eindrücken, welche von der Kindheit her gesammelt wurden. Die 
einzelnen Körperschemen sind in einander verwoben." (Hartmann-Schilder, Zeitschrf. 
Neur. 1927.) Der Begriff der Organrepräsentanz kommt dem Begriff des Körper- 
schemas sehr nahe. 



64 Edward Bibring 



Gehen wir nun zu unserer ursprünglichen Problemstellung zurück. 
Unser Fall scheint für die Annahmen Abrahams einen Beweis zu 
liefern. Auch bei Abraham wird ein Teil des eigenen Körpers zum 
Vertreter des Objekts. Der Versuch, die verlorene Welt wiederzugewinnen, 
erfolgt mit Hilfe der Partialeinverleibung, sei es nun der oralen oder der 
analen. Das Objekt wird mit dem Kot identifiziert und der wiedererwachte 
Ambivalenzkonflikt in Form des Verfolgungswahns abgeführt. Die Schwierig- 
keit, daß es sich in unserem Fall um die Gleichung Gesäß = Objekt handelt, 
behebt sich durch den Hinweis auf die aus den Analysen bekannten 
Mechanismen der Verschiebung: die Gleichung müßte demnach lauten 
Kot = Gesäß = Objekt und wir hätten die Möglichkeit, in unserem Fall tat- 
sächlich ein Exempel auf die zunächst vermutungsweise aufgestellten 
Behauptungen Abrahams zu sehen. Wie verhalten sich aber diese zu 
unseren Ausführungen über die Grundlagen dieser speziellen Form von 
Organprojektion? Unsere Erklärung, die das Problem zunächst von der 
Ichseite angeht, kann sehr gut als Ergänzung der Abraham sehen auf- 
gefaßt werden, zumindest steht sie nicht in unverträglichem Widerspruch 
zu ihr. Das Problem liegt hier in der Vereinbarkeit beider Anschauungsweisen. 
Mit der Entwicklung auf organlibidinösem Gebiet geht zweifellos eine 
auf dem Gebiete der Ichentwicklung einher. Nach der psychoanalytischen 
Theorie entspricht eine Fixierung auf libidinösem Gebiet einer solchen in 
der Ichentwicklung oder umgekehrt. Tausk spricht von korrelativen 
Hemmungen beider Prozesse. 

Welche Prozesse dieser Art sind nun beim Abzug der Libido von der 
Außenwelt vor sich gegangen? Fenichel hat in seinem Aufsatz „Die 
Identifizierung diese Frage unter Heranziehung der Vorgänge bei der 
Melancholie zu klären versucht. „Es läßt sich vermuten, daß die diffuse, 
narzißtische Rückziehung der Libido ins Ich (Schizophrenie, Schlafzustand) 
sich von dieser (sc. bei der Melancholie stattfindenden) narzißtischen 
Totalidentifizierung dadurch unterscheidet, daß die Regression bei ihr in 
die erste objektlose Phase statthat, bei dieser in die zweite mit dem Ziele 
der Einverleibung; diese Trennung ist jedoch eine begrifflich schematische . . . 
Die Frage, welches der Mechanismus sei, durch den das Ich sich von der 
Außenwelt ablöse, ist dahin zu beantworten, daß dies eine Regression in 
die primitivste orale Phase sein muß, die immer von Identifizierungs- 
erscheinungen begleitet wird. Die endgültige Beantwortung dieser Frage 
muß der klinischen Beobachtung vorbehalten werden." Danach wäre die 
Entwicklung so zu denken, daß beim Libidoabzug der Schizophrenen eine 
Regression in die früheste orale Phase erfolgt und dann beim Versuch, 
die Außenwelt wiederzugewinnen, eine Progression auf die nächsthöhere 



Kllnisdie Beiträge zur Paranoiafrage 65 

orale, bzw. auf die ältere anale Stufe, also auf die Unterstufe der Partial- 
einverleibung. Man könnte immerhin annehmen, daß die anale Ausstoßung 
die „Exekutive" (Fenichel) der Projektion ist. Mehr als diese vagen 
Vermutungen auszusprechen, ist hier derzeit nicht möglich. Auch unser 
Fall bringt zu diesen Fragen eigentlich keinen entscheidenden Beitrag. 
Die Frage nach der Rolle der Analerotik in der Paranoia ist damit 
nicht entschieden. Es ist von vielen Autoren darauf hingewiesen worden, 
welchen Raum anale Inhalte im Verfolgungswahn einnehmen, und daß 
ihr auch beim Aufbau der paranoischen Welt eine Bedeutung zukomme. 
Hier müssen wir uns daran erinnern, daß im Inhalt des Wahns die ver- 
schiedensten Sexualstufen aufgewiesen werden können. Sehen wir doch in 
unserem Fall orale, anale und sadistische Elemente. Im Fall Tausks ist 
.die genitale Stufe deutlich ausgeprägt. Wir finden auch in anderen Fällen 
ebensowohl die „anale Gewalttat", wie sadistische, masochistische, orale und 
andere Sexualinhalte und -ziele, kurz alle prägenitalen und die genitale 
Stufe vertreten. Man muß also sagen, daß sich aus dem Inhalt 
zunächst kein Schluß ziehen läßt auf eine der Paranoia speziell eigene 
Sexualstufe oder Sexualziele, da man nach dieser Methode eben alle mög- 
lichen Sexualstufen und -ziele finden kann. 

Das sagt zunächst nichts über die Art der Objektbeziehung aus. Wir 
können auch hier den Grundsatz gelten lassen, den Freud in seinen 
drei Abhandlungen zur Sexualtheorie aufgestellt hat, nämlich die Trennung 
von Sexualobjekt und Sexualziel. Die These von der homosexuellen Genese 
der Paranoia würde dann durch die Frage des Triebzieles nicht berührt. 
Doch scheinen die Verhältnisse bei der Paranoia diesen Ausweg nicht 
ganz zu rechtfertigen. Es erhebt sich aber die Frage, ob nicht etwa, da 
ein Objektwechsel auf dem Boden der Paranoia möglich ist, auch eine 
Änderung der Sexualbeziehung, also des Sexualzieles, im Verlaufe, d. h. 
auf dem Boden des Wahns, möglich ist. Ein weiblicher Fall von paranoider 
Schizophrenie, den ich zu beobachten Gelegenheit hatte, scheint eine 
solche Vermutug zu rechtfertigen. Das würde dazu führen, so wie wir 
bei Paranoikern mit Objektwechsel ein ursprüngliches Objekt annehmen, 
auch eine ursprüngliche Triebstruktur anzunehmen, auf der sich der Wahn 
aufbaut und die im Wahnverlauf abgeändert oder vielleicht richtiger über- 
deckt werden kann. Nicht die bloße Inhaltsanalyse, nur genaueste klinische 
Beobachtung der Gesamtverläufe wird imstande sein, zu entscheiden, ob 
diese Vermutungen irgendwie zu Recht bestehen. Besonders ist die Erwartung 
nicht von der Hand zu weisen, mit Hilfe genauer Beobachtungen, vor 
allem jener Fälle von Schizophrenie, in deren Verlauf an bestimmten Stellen 
paranoische Zustandsbilder auftreten (vgl. den Fall Nunbergs), die Bedin- 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XV/i 



^ Edward Bibring 



gungen zu studieren, unter denen sie auftreten, um dadurch den Begriff 
einer p ar an oiat r op e n Triebkonstellation zu gewinnen. Es ist 
gar kein Zweifel möglich, daß dies der vergleichenden speziellen Psychiatrie 

gelingen wird. 

Literatur: 

Abraham: Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido. I. PsA. Verlag, Wien 1924. 
Bernfeld: Psychologie des Säuglings. Springer, Berlin 1925. 
Federn: Narzißmus im Ichgefüge. Diese Zschr. Bd. XIII, 1927, S. 420. 
Fenichel: Die Identifizierung. Diese Zschr. Bd. XII, 1926, S. 509. 

— Organlibidinöse Begleiterscheinungen der Triebabwehr. Diese Zschr. Bd. XIV, 

1928, S. 45. 
Perenczi: Über die RoUe der Homosexualität i. d. Pathogenese der Paranoia. 

Bausteine z. PsA., Bd. I. S. 120. 

— Introjektion u. Übertragung. B. z. PsA., Bd. I. S. 9. ,, r> * tia 

— Reizung d. analen erogenen Zone a. auslösende Ursache d. Paranoia. B. z. PsA., Bd. 11. 

S. 281. , . ^ _ ,, 

Freud: Psa. Bemerkungen zu einem autobiographisch beschriebenen ball von 

Paranoia. Ges. Sehr. Bd. VIII. 

— Mitteilung eines der psa. Theorie widersprechenden Falles von Paranoia. Ores. 

Sehr. Bd. V. 

— Triebe u. Triebschicksale. Ges. Sehr. Bd. V. 

— Zur Einführung d. Narzißmus. Ges. Sehr. Bd. VI. 

Hitschmann: Paranoia, Homosexualität u. Analerotik. Diese Zschr. Bd. 1, 1 915, S. 251 . 
I. H. vanderHoop: Die Projektion u. ihre Inhalte. Diese Zschr. Bd. X, 1924, S. 276. 
Nunberg: Über den katatonen Anfall. Diese Zschr. Bd. VI. 1920. S. 25. 

— Der Verlauf eines Libidokonflikts in einem Fall von Schizophrenie. Diese Zschr. 

Bd. VII, 1921, S. 501. 
VanOphuijsen: Über die Quelle der Empfindungen d. Verfolgtwerdens. Diese 

Zschr., Bd. VI, 1920, S. 120. 
Rank: Der Doppelgänger. Imago, Bd. III, 1914, S. 97. 
Sauvage-Nolting: Über den Verfolgungswahn beim Weibe. Diese Zschr., Bd. X, 

1924, S. 500. 
Schilder: Psychiatrie a. psa. Grundlage. Int. PsA. Verlag. 1925. 

— Psychologie d. Schizophrenie vom psa. Standpunkt. Zeitschr. f. Neur. 112. 

— Das Körperschema. Springer, Berlin 1925. 

Stärcke: Die Umkehrung d. Libidovorzeichens bei Verfolgungswahn. Diese Zschr. 

Bd. V, 1919, S. 285. . 

Storch: Das archaisch-primitive Erleben u. Denken der Schizophrenen. Springer, 

Berlin 1922. 
Tausk: Über die Entstehung d. Beeinflussungsapparates i. d. Schizophrenie. Diese 

Zschr., Bd. V, igig, S. i. 



Sdiizophrenien nadi Entbindungen 

Von 

Gregory Zilboorg 

Bloomindale Hospital, New York 

Vortrag in der „New York Psycho-Analytical-Society" am 24. April X92S 
Am dem englischen Manuskript übersetzt van Rose Hilf er ding 

Es gibt Schizophrenien, die in ausgesprochenem Zusammenhang mit 
der Entbindung stehen. Diese Schizophrenien entwickeln sich sehr langsam, 
zuweilen sogar außerordentlich schleichend, so daß der ätiologische 
Zusammenhang zwischen der Entbindung und der Psychose nicht selten 
durch eine Reihe zufälliger Faktoren verdeckt ist und daher übersehen 
werden kann. 

Solche Schizophrenien kommen nur selten in die Behandlung von 
Psychoanalytikern; gewöhnlich findet man sie in Anstalten unter der 
Diagnose „Paranoider Zustand" oder „Dementia praecox" oder gar 
„Toxische Erschöpfungspsychose". 

Die psychoanalytische Deutung dieser Psychosen bietet eine Reihe 
methodologischer Schwierigkeiten. Die Anamnesen, die man gewöhnlich 
von Freunden oder Angehörigen, gelegentlich vom Geburtshelfer zu hören 
bekommt, sind nicht vollständig genug, außerdem sind diese sogenannten 
„objektiven Anamnesen" von der Subjektivität des Berichterstatters gefärbt 
und die inneren Vorgänge in der Patientin selbst bleiben unbekannt; die 
Patientin ist, wenn überhaupt zugänglich, gleich den meisten Schizo- 
phrenen bezüglich der wichtigsten seelischen Details zurückhaltend und 
verschlossen, so daß auch ihre eigenen Äußerungen nichts unmittelbar 
Verständliches über die innere Natur ihres psychischen Konfliktes aussagen, 
sondern nur Hinweise auf die Vorgänge in den tieferen Schichten ihrer 
Persönlichkeit geben können. Mit anderen Worten: Wenn wir eine Deutung 
solcher Psychosen versuchen, so arbeiten wir nicht init dem sehr beweis- 
kräftigen einwandfreien Material einer regulären und vollsiändigen Analyse, 
sondern sind auf bloße Folgerungen angewiesen. Die nachfolgenden 
Betrachtungen sind daher nur Beispiele und Vermutungen, keine end- 



5* 



gültigen, auf unwiderleglicher wissenschaftlicher Induktion beruhenden 
Lnfulilrungen. Wir mußten in dieser Studie die deduktive Methode 
ausgiebig benutzen; die Prämissen der Schlüsse, zu denen wir gelangten, 
sind den Formulierungen Freuds, Ferenczis, Abrahams, Karen 
Horneys, Helene D e u t s c h', Jones' u.a. über die weibhchen Sexual- 
funktionen entnommen. Doch müssen wir dabei bemerken, daß die psycho- 
analytische Literatur zwar eine Reihe von Beiträgen zum J-^-^--..^- 
narzißtischen Neurosen und Schizophrenien enthält, aber fast mchts über 
Reaktionen auf Entbindungen. Die einzige vollständige Zusammenfassung 
aller Phasen des weiblichen Sexuallebens, die wir besitzen, die von Helene 
Deutsch,' enthält nur allgemeine und mehr gelegentliche Hinweise auf 
die Gemütskrankheiten, die mit Entbindung und Schwangerschaft zusammen- 
hängen; sie beruhen ihrer Ansicht nach auf der Mitwirkung psychischer 
und metabolischer Faktoren. H. Deutsch scheint geneigt die Entstehung 
von Entbindungspsychosen vornehmlich auf zirkulatorische, t-^^e und 
endokrine Veränderungen zurückzuführen, die mit Schwangerschaft, Ent- 
bindung und Stillen verbunden sind. , ^ • ^,r hIp 
In einer früher veröffentlichten Arbeit^ habe ich nachgewiesen, daß die 
psychopathologischen Reaktionen auf Entbindungen sich klinisch in kemer 
Weise von anderen Psychosen unterscheiden, d. h. daß die Post-partum- 
Psychosen durchaus der klinisch als „funktionelle Psychosen bezeichneten 
Gruppe entsprechen und man für sie keine andere physiologische und 
endokrinologische Ätiologie auffinden kann als für die übrigen, nicht mit 
Schwangerschaft und Entbindung zusammenhängenden f-ktionenen 
Psychosen. Außerdem darf ich auf Grund bisher noch nicht veroffenthchter 
Befunde hinzufügen, daß Schwangerschaft und Entbindung, vorzüglich 
letztere, der Ausgangspunkt für ein ganzes System von psychischen Reak- 
tionen sein können, deren manifester pathologischer Ausdruck von Zwangs- 
neurosen bis zu ausgesprochenen Schizophrenien reichen kann Depressions- 
zustände, die mit deutlichen Kindes- und selbstmörderischen Impulsen 
einhergehen, entstehen oft ganz akut und werden sogar von Außenstehenden 
sofort nach der Entbindung bemerkt; Zwangsneurosen entwickeln sich 
langsamer, Schizophrenien am allerlangsamsten. Wir können dann die 
Entstehungsgeschichte der Psychose, die sich bis zum Wochenbett zuruck- 
verfolgen läßt, nur rückblickend rekonstruieren. Es macht den Eindruck, 
als ob jede dieser psychopathok)gischen^^Gru^ ^ als Folge emer 

"^Helene Deutsch: Psychoanalyse der weiblichen Sexualfunktionen. Internat. 

^''T^^f:^;: Sry, „Mangnant Psychoses Related to Childhi«h" in „The 
American Journal of Obstetrics and Gynecology", Februar 1928. 



Schizophrenien nadi Entbindungen 69 

besonderen, für die jeweilige Gruppe charakteristischen triebdynamischen 
Konstellation entwickelt. 

Von allen Entbindungspsychosen lassen sich die Schizophrenien vielleicht 
am leichtesten studieren, wohl weil die Dynamik des Konflikts 'bei ihnen 
durchsichtiger, d. h. weniger entstellt ist, wenngleich die zugrunde liegenden 
Konflikte zuweilen sehr rationalisiert sein können. 

Die richtige Bewertung der dabei wirksamen Faktoren wird uns 
vielleicht erleichtert durch eine kurze Rekapitulierung der psychischen 
Dynamik von Schwangerschaft, Entbindung und Wochenbett. 

Nehmen wir einen hypothetischen Normalfall, so stellen sich die 
wichtigsten mitwirkenden Vorgänge schematisch folgendermaßen dar: 

Das Mädchen gelangt zur Reife des Weibes auf zwei Wegen : einem 
biopsychologischen und einem kulturellen. 

In biopsychologischer Hinsicht verläßt das Mädchen die autoerotische 
Stufe, in der sie sich einen Penis wünscht, indem sie sich schließlich mit 
dem Fehlen desselben abfindet und sich statt des Penis einen Mann (den 
Vater) und von ihm ein Kind wünscht, wobei sie sich mit der Mutter 
identifiziert. -Diese Entwicklung ist nicht nur ihrem Ursprung, sondern 
auch ihrem Wesen nach narzißtisch. Die wirkliche und vollständige 
Erotisierung der Vagina wird vermutlich erst erreicht, wenn der Geschlechts- 
akt vollzogen ist, zuweilen sogar erst nach der Entbindung (Helene 
Deutsch). Mit anderen Worten, die sogenannte phallische Stufe der 
Libidoentwicklung reicht — wenigstens bis zu einem gewissen Grade — 
bis in die erste Zeit des Ehelebens hinein. Da das wirkliche reife Weib- 
tum erst nach der Entstehung der „postambivalenten passiven genitalen 
Einstellung erreicht wird, verheiraten sich viele Frauen, vielleicht die 
Mehrzahl von allen, bevor sie die biopsychologische Reife erreicht 
haben. 

Der kulturelle Weg, auf dem das Mädchen zum Weibe wird, ist 
vielleicht noch unharmonischer. Die Gesellschaft oder die soziale Über- 
lieferung stellt ihre Forderungen an die Frau ohne Rücksicht auf deren 
psychologische Entwicklung : ihre anatomische Geschlechtszugehörigkeit 
genügt ihr bereits als Kriterium ihrer Weiblichkeit. Die introjizierten 
sozialen Forderungen lassen die Frau nach Ehe und Mutterschaft streben; 
je nach Umständen verstärken sie die fundamentalen biopsychologischen 
Tendenzen oder geraten mit ihnen in Konflikt. 

Sobald die Frau schwanger wird, vollzieht sich in ihrer Persönlichkeit 
ein psychologischer Prozeß, der selbst in sehr „normalen Fällen reich 
ist an Konflikten und Gefahren. Gesellschaftlich ist sie fortgeschritten 
zur erwarteten Mutterschaft, vom Standpunkt der Libidoentwicklung 



70 Gregory Zilboorg 



dagegen ist sie auf das Stadium der narzißtischen Stufe zurück- 
gesunken. Denn während der Mann seinen Drang nach „Regression in 
die Mutter"^ durch den Koitus, speziell durch die Ejakulation, befriedigt, 
findet die gleiche Tendenz bei der Frau in der Schwangerschaft nur 
insofern Erfüllung, als in ihr (zumal im Frühstadium) eine vollständige 
Identifizierung zwischen Mutter und Kind besteht. (H. Deutsch, 
loc. cit.) 

Diese Regression auf die ursprüngliche narzißtische Stufe erscheint wie 
ein Ausgangspunkt zu einer neuerlichen Rekapitulation der ganzen 
Ontogenese der weiblichen Libidoentwicklung. So wurde die Oralstufe aufs 
neue durchlebt bei dem Geschlechtsakt und der Befruchtung; sie lebt 
wieder auf nach der Entbindung, wenn die Identifizierung zwischen 
Mutter »und Säugling die Mutter an den Erlebnissen des Säuglings Anteil 
haben läßt. 

Wie wir bereits sagten, besteht im Anfang kein Trennungsstrich zwischen 
Mutter und Kind: Das Kind ist die Mutter selbst; es ist auch ihr 
sexueller Partner oder dessen ihr als nunmehr untrennbarer Teil ihres 
eigenen Körpers einverleibter Penis; es ist ihr Vater, für den der Ehe- 
mann nur das Surrogat bildet; es verkörpert auch den Penis ihres Vaters 
und dessen anales Äquivalent („Anal-Penis", „Anal-Kind ). Zu diesen 
unbewußten Vorstellungen gesellen sich bald noch andere: Das Kind ist 
nicht nur ein undifferenzierter Teil des Ichs der werdenden Mutter, 
sondern wird auch als etwas von ihr Getrenntes oder als narzißtischer 
Zusatz zu dem Ich empfunden (Fäces — Penis — Kind), als „zweites Ich 
(Ferenczi) ; dieser Teil ist etwas zuweilen narzißtisch Geliebtes, das die 
Frau durchaus beibehalten will. Der latent sonst stets vorhandene Penis- 
neid kann zeitweilig schwinden und durch anale Retentionstendenzen 
ersetzt sein, die den Fötus (= Kot = Penis) festhalten wollen. 

Eine höhere Stufe wird erreicht, wenn die Frau die ersten Bewegungen 
des Foetus verspürt. Die Gleichung Penis = Kind wird dadurch sozusagen 
bestätigt; die narzißtische Einstellung zum Kinde wird genitalisiert und 
erreicht die phallische Stufe. Helene Deutsch, die diesen Übergang auf- 
gezeigt hat, ist der Meinung, daß das Kind um diese Zeit seine anale 
Bedeutung verliert. Das mag stimmen, wahrscheinlich hängt aber doch 
die narzißtische Einstellung, die das Kind als den so lange beneideten 
Penis liebt und möglichst lange behalten will, von der Stärke der alten 
analen Retentionstendenzen ab. 

um die gleiche Zeit verstärkt sich auch noch ein anderes wichtiges 



i) Ferenczi, „Versuch einer Genitaltheorie". 



Eleirent: Insofern das Kind den introjizierten Vater repräsentiert, wird es 
zu einem Teil des Ichideals; das Vorhandensein dieser väterlichen Kom- 
ponente erhellt auch aus dem primitiven Glauben, daß der Großvater 
mütterlicherseits in der Person des ersten Enkels wiedergeboren werde. 
Auf diese Art stellt das Kind eine narzißtische Materialisation des Ichideals 
dar (Freud, H. Deutsch). 

Die Vielfältigkeit dieser unbewußten Vorstellungen erzeugt eine außer- 
ordentlich komplizierte Reihe unbewußter Reaktionen gegenüber dem 
Kinde, lange vor dessen Geburt. Die Vorstellung des künftigen Kindes 
kanr daher mit der ganzen Stufenleiter der Gefühle besetzt werden, von 
narzißtischer Liebe . bis zu analsadistischem Haß und von depressiver 
Ambivalenz bis zu jauchzender masochistischer Selbstaufopferung. 

Bei dem Gebärakt durchlebt die Frau eine „masochistische Orgie" 
libidinöser Freude (Groddeck, H. Deutsch), in deren Verlaufe eine 
An2ahl unbewußter Momente stark aktiviert werden. Die Frau erlebt ihre 
eigene Geburt und den Befruchtungsakt von neuem; die infantile, 
sadistische Kastrationsphantasie wird unter großen Schmerzen und Ängsten 
wieder durchlebt; das Trauma der Entwöhnung wird reaktiviert; sobald 
das Kind den Gebärkanal durchbricht, reißt es einen Teil vom Ich der 
Muiter ab und wird zu einem Teil der äußeren Welt. Helene Deutsch 
behauptet, daß „das Kind durch einen Sublimierungsvorgang zum Über- 
ich der Mutter wird und mit ihrem eigenen Ich in heftigen Konflikt 
geraten kann".^ 

Diese kurze Schilderung der unbewußten Bedeutung des Kindes und 
der Geburt ist selbstverständlich sehr schematisch und unvollständig. Wir 
haben nur jene wichtigsten Merkmale herausgegriffen, die einiges Licht 
auf die Dynamik der Fälle werfen können, die wir im Folgenden unter- 
suchen wollen. 

Zwei typische Fälle mögen hier ausführlich wiedergegeben werden:* 

Eine 27jährige Frau wird von ihrem Manne in das Bloomingdale 
Hospital eingeliefert. Er erzählt uns, sie sei schon längere Zeit nicht auf 
dem Posten, aber in letzter Zeit sei sie besonders unruhig, schwer zu 
behandeln und bei ein oder zwei Gelegenheiten sogar tätlich geworden 
(ihre Angriffe richteten sich gegen den Ehemann). Die Patientin war sehr 
schweigsam und im Sprechen gehemmt; sie mußte mehrfach ansetzen 
und ihre lippen einige Sekunden bewegen, ehe sie einen Satz heraus- 

1) Ich verstehe diese Behauptung nicht ganz. Helene Deutsch erklärt sie 
nicht näher. 

2) Diese Fälle hahe ich in den angeführten Zeitschriften von anderem Gesichts- 
punkt aus besprochen. 



72 Gregory Zilboorg 



bekam. Ihr Sensorium war klar. Sie blickte traurig drein und äußerte mit 
großer Überwindung milde Selbstvorwürfe ; sie sagte, sie habe außerorlent- 
lich stark masturbiert. 

Der körperliche Befund war in jeder Hinsicht negativ. 

Väterlicherseits wies ihre Familie eine Reihe halsstarriger und eigen- 
sinniger Individuen auf; ein Onkel war Alkoholiker und verübte im 
Alter von 65 Jahren Selbstmord; der Großvater mütterlicherseits wai ein 
Trinker, eine Tante mütterlicherseits etwas eigenartig und in ihrem Seiual- 
leben sehr frei. 

Die Mutter der Patientin war eigensinnig, dickköpfig und anmaßend; 
als sie sich mit dem Vater der Patientin verheiratete, nahm sie eine um 
zwei oder drei Jahre jüngere Cousine zu sich ins Haus. Sie trank und 
war sexuell frigid. Mit ihrer Cousine stand sie so intim, daß sie ikren 
Gatten fast von Anfang an vernachlässigte. Nach der Geburt der Patientin 
wurde sie grausam gegen die Cousine und pflegte sie zu schlagen; 
trotzdem wollte sie sich nicht von ihr trennen und bestand darauf, daß 
sie weiter in ihrem Zimmer schlief und ihr Mann in einem anderen 
Schlafraum untergebracht wurde. Als die Cousine die grausame Behandlung 
schließlich nicht mehr aushalten konnte und aus dem Hause ging, verließ 
auch die Mutter der Patientin ihren Mann und ihr zweijähriges Töchter- 
chen. Einige Jahre später kehrte sie zu einem kurzen Besuch zurück, um 
ihr Kind zu sehen, ein Ereignis, dessen sich die Patientin noch undeut- 
lich entsinnt. Sie sah die Mutter nur wenige Minuten, da ihr der Verkehr 
mit ihr untersagt war. 

Die Patientin war ein völlig normales Kind und wurde an der Brust 
aufgezogen. Ihre Schuljahre verliefen normal und nach Absolvierung des 
College wurde sie Lehrerin. Als sie acht oder zehn Jahre zählte, verheiratete 
sich ihr Vater wieder. Mit ihrer Stiefmutter stand sie sehr gut, doch hing 
sie vor allem am Vater, unter dessen Einfluß sie stand. Von Natur aus 
war sie schweigsam, zurückhaltend, ruhig und beherrscht, eher etwas 
eigensinnig; nie sprach sie von ihren eigenen Nöten und unternahm gar nicht 
den Versuch, sich auszusprechen. Sie war mäßig religiös und hatte nur 
wenige und oberflächliche Freundschaftsbeziehungen. In Gegenwart von 
Männern verhielt sie sich außerordentlich zurückhaltend und bescheiden. 
Masturbiert hatte sie seit ihrer frühesten Jugend; diese Gewohnheit behielt 
sie auch in der Ehe und während ihrer Schwangerschaft bei. Für junge 
Männer hatte sie kein Interesse; ihr späterer Mann war der erste, dem sie 
gestattete, ihr den Hof zu machen. Diese Werbung dauerte drei Jahre, 
gekannt hatten sich die beiden aber schon über zehn Jahre. Als die Patientin 
25 Jahre alt war, heiratete sie. Nachträglich erinnerte man sich, daß sie 



r' 



Schizophrenien nadi Entbindungen 73 

nur zögernd in die Ehe gewilligt und Hindernisse gesehen hatte, wo keine 
vorhanden waren. Die sexuellen Annäherungen ihres Mannes nahm sie 
sehr widerstrebend hin, ergriff niemals die Initiative und vermied sie, wenn 
sie nur irgend konnte. Sexuelle Befriedigung gewährte ihr bloß die 
Masturbation. Sie wollte kein Kind haben, weil sie behauptete, Kinder 
müßten in Eigenheimen und nicht in Mietwohnungen aufwachsen ; sie 
wolle also warten, bis sie in der Lage wären, ein Haus zu kaufen. Zehn 
Monate nach der Hochzeit, als das Haus gekauft war, wurde sie schwanger. 
Die Schwangerschaft verlief ohne besondere Ereignisse, außer daß sie eine 
gewisse Reizbarkeit gegen ihren Mann zu zeigen begann, ein Zug, der 
sich vorher nicht bemerkbar gemacht hatte. Bei einer Gelegenheit äußerte 
sie ganz trocken, wenn ihre Stiefmutter früher gestorben wäre, hätte sie 
es vorgezogen, unverheiratet zu bleiben und ihrem Vater das Haus zu führen. 
Die Wehen setzten zur richtigen Zeit ein. Sie dauerten zwar dreißig 
Stunden, aber die Entbindung ging ohne Instrumente und ohne 
Komplikationen von statten. Drei Stunden nach der Geburt starb das Kind. 
Die Patientin nahm "den Tod des Kindes ruhig auf und sprach davon 
immer ohne ,iede Gefühlsbetonung. Zehn Tage nach der Entbindung kehrte 
sie nach Hause zurück. Der Ehemann hatte schon in der Klinik bemerkt, 
daß seine Frau düster aussah und ihre Augen ruhelos umherschweiften. 
Fast unmittelbar danach zeigte sie plötzlich großes Interesse an kirchlichen 
Dingen; sie schien immer in Gedanken vertieft, als ob sie Wachträume 
hätte; häufig spannte sich ihr ganzer Körper und sie begann zu zittern. 
Allmählich entwickelte sie milde selbstherabsetzende Ideen. Sie lehnte ein 
zweites Kind mit der Begründung ab, daß sie nicht wisse, welcher Monat 
für die Geburt des Kindes der geeignetste sei. Gelegentlich nahm sie ganz 
starre Stellungen an. Dieser Zustand dauerte acht bis zehn Monate. Eines 
Tages verließ sie das Haus, und als man ihr nachging und sie zurück- 
brachte, sagte sie, sie habe ihre Mutter aufsuchen wollen, die, wie sie 
wisse, 100 Meilen entfernt von ihr wohne; schließlich erklärte sie, 
sie müsse ihren Gatten verlassen. Als er an Influenza daniederlag, kümmerte 
sie sich kaum um ihn. Alle Tage wollte sie mit ihrem Vater telephonieren, 
dessen Wohnort etwa 75 Meilen entfernt lag. Sie war ausgesprochen 
eifersüchtig auf die Aufmerksamkeit, die er seiner Haushälterin erwies. 
Sie las viel in der Bibel, äußerte Beziehungsideen und erschien immer 
tief in Gedanken. Etwa eine Woche vor ihrer Einlieferung ins Krankenhaus 
wurde sie plötzlich (zum erstenmal seit ihrer Heirat) sehr leidenschaftlich 
und wollte durchaus mit ihrem Manne Verkehr haben, der damals mit 
hohem Fieber krank zu Bett lag. Schließlich wurde sie äußerst unruhig, 
sehr theatralisch und nahm zuweilen ganz starre Posen an. Einmal ergriff 



74 Gregory Zilboorg 



sie ihren Mann bei seinem Penis und rief: „Dies ist das einzige, dessent- 
wegen ich dich geliebt habe; ich werde dich töten!" Ein andermal 
schlug sie auf seine Genitalien ein. Daraufhin wurde sie in die Anstalt 
gebracht, wo sie sich in der Folge ganz ruhig verhielt. Freiwillig gab sie 
keine Erklärungen ab, auf Fragen antwortete sie überhaupt nicht oder nur 
ganz ausweichend. Stets behauptete sie, ganz gesund zu sein, ihre Erregung 
sei bloß eine „Verrücktheit" gewesen. Wiederholt bot sie ihrem Manne 
die Scheidung an, wenn er sie haben wolle, „weil ich so verrückt gewesen 
bin". (Ihr Mann blieb die ganze Zeit ihrer Krankheit hindurch rücksichts- 
voll, geduldig und liebevoll.) Sie meinte, sie müsse sich von ihrem Manne 
scheiden lassen, „um ihn glücklich zu machen". Dreizehn Monate nach 
ihrer Einlieferung bot sie noch immer das gleiche Bild; sie bestand jetzt 
darauf, nach Hause zu gehen, und sagte in gleichem Atemzuge, sie liebe 
ihren Mann so innig, daß sie bereit sei, ihn freizugeben und zu ihrem 
Vater zurückzukehren, wenn ihn das glücklich machen könnte. 

Die ungelöste positive Ödipussituation, die Fixierung an die phallische 
Stufe der Sexualentwicklung, der Kastrationskomplex vom Rachetypus 
treten in diesem Falle besonders deutlich hervor. 

Ehe wir uns an eine Deutung der dynamischen Zusammenhänge dieser 
Faktoren wagen, soll uns ein zweiter Fall noch mit einigen charakteristischen 
Daten versehen. 

Es handelt sich um die Frau eines Konzipienten, die mit 35 Jahren 
in das Bloomingdale-Hospital gebracht wurde. Sie halluzinierte offensichtlich 
und sprach sehr viel und unzusammenhängend. Erinnerungsdefekte wies 
sie nicht auf. Ihr Sensorium war klar, doch fehlte ihr jede Krankheits- 
einsicht. 

Körperlich erschien sie etwas unterentwickelt. 

Die Patientin entstammt einer Familie englischer Herkunft. Ihre Mutter 
starb bei einer Entbindung, als die Patientin neun Jahre alt war. Bald 
danach heiratete ihr Vater eine Schwester der Mutter, eine Frau von heftigem 
Temperament, die die Gewohnheit hatte, die Kinder streng zu strafen. 
Eine andere Tante starb im Verlaufe einer Geisteskrankheit, die fünf 
Wochen gedauert hatte. Die ältere Schwester litt an Tuberkulose; die beiden 
anderen Schwestern waren überspannte und unbeständige Charaktere. 

Die Patientin war zwar ein völlig ausgetragenes Kind, wog aber bei 
ihrer Geburt nur wenig über drei Pfund. Man mußte künstliche Atmungs- 
versuche mit ihr anstellen. Mit zwei Jahren begann sie zu laufen und 
bis zu ihrem neunten Jahr blieb sie im Wachstum zurück. Sie machte 
die üblichen Kinderkrankheiten durch, auch ihre Menstruationsgeschichte 
bot nichts Besonderes. Mit ihrer Stiefmutter hatte sie schwere Zeiten. 



Schizophrenien nach Entbindungen 



75 




Als Kind war sie im allgemeinen schwer zu behandeln; sie weinte fast 
nie. In der Schule kam sie gut voran und nach Beendigung der Mittel- 
schule nahm sie einen kunstgewerblichen Kursus und arbeitete als Mode- 
künstlerin bis zu ihrem 25. Jcdire, in dem sie sich nach einer Liebschaft 
von anderthalb Jahren verheiratete. 

Sie war sehr schwärmerisch veranlagt und begeisterte sich sehr leicht. 
Liebesgeschichten hatte sie jedoch nie; in Gegenwart des anderen Ge- 
schlechtes zeigte sie sich stets scheu. Nach ihrer Heirat entdeckte ihr 
Gatte, daß sie fast keine sexuellen Bedürfnisse hatte. Sie neigte zu Miß- 
trauen, ein Charakterzug, der sich bald nach der Hochzeit sehr verstärkte. 

Drei Monate nach • der Eheschließung wurde sie schwanger. Während 
der Schwangerschaft selbst schien sie zufrieden und nach Ablauf der nor- 
malen Zeit gebar sie das Kind. Drei Monate lang nährte sie selbst, dann 
setzte sie das Kind ab, weil ihm die Muttermilch nicht zu bekommen 
schien. Die häusliche Arbeit hatte die Patientin bisher gut und anscheinend 
auch gern verrichtet. Nunmehr aber nahm sie sich eine Haushälterin, der 
sie Haus und Kind übergab, und fand für sich eine Stelle als Mode- 
künstlerin. Sie verbrachte einen großen Teil ihrer Zeit im Geschäft, wo 
sie bis neun oder zehn Uhr abends arbeitete, dann brachte sie sich noch 
Arbeit mit nach Hause und kümmerte sich kaum um ihre Familie. Doch 
machte sie dabei einen durchaus zufriedenen Eindruck. 

Sechs Jahre später wurde sie wieder schwanger. Schwangerschaft und 
Entbindung verliefen ohne Besonderheiten. Am dritten Tage nach der 
Entbindung wurde die Patientin reizbar und suchte ihrer Umgebung zu 
beweisen, daß ihr Gedächtnis klar sei. Ihre Schwester erkannte sie nicht 
als ihre Schwester an; sie hörte die Stimmen „unbekannter Gäste" und 
zweier kleiner Mädchen. Bald verstummte sie völlig und mußte sieben 
Wochen lang mit dem Schlauch gefüttert werden. Langsam erholte sie sich 
wieder, doch machte ihre Geisteskrankheit nach zeitweiligen geringen 
Remissionen wieder weitere Fortschritte. 

Sie tat nur, was die „unbekannten Stimmen in der Luft sie zu tun 
hießen. Schlaflosigkeit stellte sich ein; sie bat einen nur in ihrer Ein- 
bildung existierenden Mann, er möge doch nicht den Baum fällen, an 
den er soeben die Axt setze. Dann begann sie fromme Lieder zu singen, 
sprach von Mormonentum und Telepathie und äußerte: „Jemand hätte mir 
fast mein Kind geraubt. Ich bin berufen, alle Probleme der Welt zu lösen. 
Wenn sie mit ihren Phantasiegestalten sprach, pflegte sie zu sagen: „Ich 
spreche zu meinem Gatten, dem Gatten meiner Seele." Auch sprach sie 
von „reinen Gedanken", „reinen Taten und dem Lande des rechten 
Lebenswandels", in dem sie von nun an leben wolle. „Ich bin gesegneter 



76 Gregory Zilboorg 



als jedes andere menschliche Wesen." „Keine Hochzeitsglocken für dieses 
Menschenwesen (hier nannte sie ihren Mädchennamen). Ich habe meinem 
Vater so armseligen Dank und Liebe gezollt, daß er mich auf reinere 
Weise lieben muß als ich ihn, und ich verdanke Gott, meinem wirklichen 
Vater, so unendlich viel." „Die Liebe ist an diesem Orte zu elektrisch für 
mich. Ich glaube aufrichtig, daß sie versuchen, ihre kleinen, reinen un- 
geborenen Lieblinge ebenso zu lieben wie meines." Und mit dem Blick 
nach oben: „Der Mann da oben auf der Treppe mit der Dornenkrone — 
der allmächtige Gott — liebt alle Schwestern und die kleinen Engelchen, 
die um ihn herumspielen." Wenn man sie bei ihrem Frauennamen rief, 
widersprach sie heftig; Urin und Kot ließ sie unter sich. 

Die Psychose der Patientin entwickelte sich also nicht nach ihrem ersten 
Wochenbett, sondern erst nachdem sie sechs Jahre lang die Rolle des 
Ernährers der FamiUe gespielt hat; diese Rolle nehmen Frauen, die unter 
einem überstarken Kastrationskomplex leiden, nicht selten an (Abraham). 
Dieser Befund ist häufig: Die meisten Psychosen post partum, speziell die 
Schizophrenien, entwickeln sich bei Mehrgebärenden und es besteht eine 
Art Latenzzeit zwischen der ersten Schwangerschaft, die scheinbar folgenlos 
verlief, und der anderen, die verhängnisvoll wurde. Während der Latenz- 
zeit werden entweder antikonzeptionelle Mittel angewendet (meist auf Be- 
treiben der Patientin) oder „es passierte eben nichts", wie die Angehörigen 
uns sagen. 

Wir haben ferner gesehen, daß die beiden angeführten Patientinnen 
sich nur widerstrebend zur Ehe entschlossen, etwas was für Frauen dieses 
Typus ziemlich charakteristisch ist. Sie zögern bis zur Mitte ihres dritten 
Lebens) ahrzehnts, ohne selbst die kleinste Liebesaffäre erlebt zu haben, 
ehe sie sich schließlich ungern zu einem Zugeständnis an die kulturellen 
Forderungen entschließen und heiraten. Diejenigen meiner zu dieser Reihe 
gehörigen Patientinnen, die schon in jüngerem Alter, mit 19 bis 31 Jahren, 
geheiratet haben, erzählen durchwegs, daß sie gegen ihren Willen und 
nur auf Drängen ihrer Eltern sich zur Ehe entschlossen hätten. Die 
meisten der uns bekannten Fälle heirateten erst, nachdem der Mann sie 
lange umworben hatte, und gaben früher oder später zu erkennen, daß die 
Bande, die sie an ihren Vater knüpften, noch nicht gelöst waren. Das 
zeigte sich entweder in dem offenen Eingeständnis, daß sie lieber bei 
dem Vater geblieben wären, oder in der Form der Vateridentifizierung, 
d. h. indem sie in der Familie die Rolle des Mannes spielten. Eine meiner 
Patientinnen äußerte einmal in ihrer vorpsychotischen Zeit, sie möchte 
ihren Mann lieber zum Vater haben, und zu Beginn der Psychose schlug 
sie ihm vor, sie sollten in getrennten Zimmern schlafen und keinen Ver- 



Schizophrenien naA Entbindungen T7 

kebr pflegen, aber doch verheiratet bleiben. Eine andere Patientin wiederum 
wollte nicht wahrhaben, daß ihr Kind von ihrem Manne sei; sie 
behauptete, ihr Vater sei ihr Geburtshelfer und wäre nach der Geburt 
des Kindes in den Adelsstand erhoben worden. 

Wie wir bereits sagten, scheint das Verhältnis zum Vater bei den 
Wochenbettschizophrenien eng mit dem Penisneid zusammenzuhängen. 
Einerseits haben die betreffenden Frauen schon einen Punkt erreicht, in dem 
sie bereit sind, den Wunsch nach dem Penis durch den Wunsch nach 
dem Kinde zu ersetzen, andererseits dagegen sind sie doch nicht imstande, 
auf das Verlangen nach einem Penis völlig zu verzichten. Nun tritt beim 
Mädchen, das seinen Wunsch nach einem Kinde vom Vater ent- 
täuscht sieht, das Gewöhnliche ein, „es wird mit dem Vater auch der 
Kindwunsch aufgegeben und sein Rang wird regressiv — entsprechend 
der bekannten Gleichung — von analen Vorstellungen und dem alten 
Penisverlangen eingenommen. Das Penisverlangen wird hiebei nicht nur 
einfach reaktiviert, sondern es wird verstärkt um die ganze Triebkraft, die 
beim weiblichep Kinde dem Kindwunsch innewohnte".' Alle beobachteten 
Fälle standen unter dem Druck eines schweren Kastrationskomplexes, der 
den Ausgangspunkt ihrer Psychose bildete. Man findet bei ihnen fast sämt- 
liche Merkmale dieses Komplexes: Bei manchen Patientinnen, wie bei 
unserem ersten Falle, beginnt die akute Attacke mit einem impulsiven 
Angriff auf die Geschlechtsorgane des Gatten. Ein Mädchen, das Nonne 
werden und ihr ganzes Leben Gott widmen wollte, aber aus äußeren 
Gründen daran verhindert wurde, zeigte unter Verneinung ihre rachsüchtige 
sadistische Einstellung, indem sie ohne Veranlassung spontan äußerte : „Ich 
habe meinen Mann niemals in seine Geschlechtsorgane geschlagen." Die 
dominierende männliche Einstellung, die Abraham als Ausdruck des 
Kastrationskomplexes sowie als Zeichen einer besonders entwickelten Harn- 
erotik anführt, zeigte sich in einer Reihe von Fällen sehr deutlich. So 
litt eine Patientin, dieselbe, die unter Verneinung ihren Wunsch nach 
Kastration des Mannes enthüllt hatte, ihr ganzes Leben an nächtlichem 
Bettnässen; eine andere hatte bis zu ihrer Schwangerschaft das gleiche 
Leiden. Die bei allen Fällen beobachtete Frigidität erklärt sich ebenfalls 
aus der Aktivität des Kastrationskomplexes. Der Abraham sehen Deutung, 
daß die Frigidität in diesen Fällen eine Folge der rachsüchtigen Einstellung 
gegen den Mann sei, dürfen wir vielleicht noch folgende Erklärungen 
hinzufügen : Verschiedene Beobachter (Abraham und H. Deutsch) 
haben überzeugend dargelegt, daß die Erotisierung der Vagina nicht nur 

i) Karen Horney, „Zur Genese des weiblichen Kastrationskomplexes", Int. 
Z. f. PsA. 192g, S. 20. 



78 Gregory Zilboorg 



aus oralen, sondern auch aus analen Quellen erfolgt. Bei ungelöstem Kastrations- 
komplex wird die anale Besetzung der Vagina beibehalten, sie nimmt 
keinen eigentlich genitalen Charakter an. Überdies muß man sich vor 
Augen halten, daß eine Regression auf die phallische Stufe bzw. eine 
Fixierung an dieselbe,' dem übrigen weiblichen Körper jenes Maß von 
Libido vorenthält, das mit Hilfe der Vorlust den Sexualtrieb steigert. 
Schwächung oder Fehlen dieser Libido trägt zweifellos zur Frigidität bei. 
Der wichtigste Faktor aber ist meines Erachtens der, daß eine der funda- 
mentalsten Wurzeln des Kastrationskomplexes bei Frauen in dem Prozeß 
liegt, daß „die Phase der Mutteridentifizierung weitgehend abgelöst wird 
durch eine solche der Vateridentifizierung mit gleichzeitiger Regression 
auf eine prägenitale Stufe" (Karen Horney). Mit anderen Worten, die 
Frau ist frigid, weil sie ein Mann ist, weil „sie es allein besorgen kann" 
(Abraham), also keinen Mann braucht. Das erklärt auch, warum viele 
unserer Patientinnen nicht bei ihrem Frauennamen genannt sein wollen. 
Sie ziehen es vor, ihren Mädchennamen (den Namen ihres Vaters) bei- 
zubehalten. 

Hier müssen wir eine sehr bemerkenswerte Tatsache feststellen. Die 
Frauen dieses Typus sind zwar ständig frigid, scheinen aber bald nach 
dem Wochenbett, unmittelbar vor Ausbruch ihrer ersten psychotischen 
Symptome, zu vaginaler Sexualität zu erwachen. Fast immer entwickeln 
sie plötzlich eine starke Leidenschaft für ihren Gatten und bestehen 
darauf, mit ihm sexuellen Verkehr zu haben. Wenn der Gatte ihrem 
Drängen nachgibt, scheinen sie ihren ersten Orgasmus zu erleben. Dieses 
plötzliche Erwachen erweist sich jedoch nur als ein vorübergehendes Auf- 
flackern; sehr schnell fällt die Frau in ihre frühere sexuelle Haltung 
zurück und wird ihrem Manne gegenüber reizbar und feindselig. 

Die vorübergehende Zurschaustellung von Liebe und Leidenschaft kann 
man wohl kaum als das Erwachen einer wirklichen Vaginalerotik ansprechen, 
denn diese ist gekennzeichnet durch eine passive, reaktive und rezeptive 
Haltung, während die hier besprochenen Frauentypen zudringlich und 
aggressiv in ihrem Verlangen nach Verkehr sind. Diese Zudringlichkeit 
entspringt offenbar aus unbewußter Rachsucht und Haß. Wahrscheinlich 
ist die plötzliche Zuneigung nur ein überkompensierter Ausdruck des 
Hasses und die Leidenschaft für den Geschlechtsverkehr bloß ein sadisti- 
scher Versuch zur Einverleibung des Penis, der bei der Entbindung verloren 
gegangen ist. Wie eng dieser vorübergehende leidenschaftliche Wunsch 
nach Geschlechtsverkehr mit Haß und Rachsucht zusammenhängt, erhellt 



i) Alle diese FäUe, mit Ausnahme eines einiigen, haben chronisch masturbiert. 



Schizophrenien nadi Entbindungen 79 

schon daraus, daß sich die Frau fast unmittelbar nach einem solchen 
Koitus außerordentlich feindselig gegen ihren Gatten benimmt ; unmittelbar 
nach dem von ihr selbst geforderten Koitus zeigt sie den Drang, ihren 
Mann seiner Genitalorgane zu berauben. Man ist fast versucht, zu sagen, daß 
dieser einzelne Leidenschaftsausbruch bei einer sonst frigiden Frau weniger 
ein Zugeständnis an wreibliche Neigungen ist als eine sadistische Äußerung 
ihres schwersten Leidens, — des Kastrationskomplexes. 

Sowohl die besprochenen wie die übrigen beobachteten Fälle von Fünf- 
undzwanzig] ährigen waren schizoide Persönlichkeiten. Vermutlich ist der 
Kastrationskomplex, zumal der vom Rachetypus, der auf analer Regression 
beruht und der betreffenden Persönlichkeit anale Merkmale aufdrückt, in 
erster Linie für dieses schizoide Bild verantwortlich. Ich kann mich der 
allgemeinen fatalistischen Ansicht über die psychologische Konstitution nicht 
anschließen, sondern bin eher geneigt, die sogenannten konstitutionellen 
Typen vor allem als Folgen der ontogenetischen Libidoentwicklung anzu- 
sehen. 

Halten wir uns nunmehr die Bedeutung sämtlicher angeführter Faktoren 
vor Augen, so wird die Rolle von Schwangerschaft und Entbindung im 
Leben unserer Patientinnen schon verständlicher. 

Zunächst identifizieren sie sich alle mit ihrem Vater; sie brauchen 
keinen Mann und wollen im Leben nicht die Rolle einer Frau über- 
nehmen. Die große Mehrzahl von ihnen entwickelt bald nach dem Aus- 
bruch der Psychose geradezu stürmische homosexuelle Neigungen. Entweder 
sprechen sie ganz offen von ihrer Liebe für andere Frauen in der Anstalt, 
oder sie projizieren ihre Homosexualität und beschuldigen das Krankenhaus, 
daß es sie pervertiert und ihnen „die Liebe zu Männern gestohlen" habe. 

In scheinbarem Widerspruch zu diesen allgemeinen Beobachtungen 
ertragen die Frauen die Schwangerschaft sehr gut; während diese sonst 
häufig mit vielen Symptomen, die die Ambivalenzen gegen das künftige 
Kind verraten, einhergeht (Reizbarkeit, Erbrechen, Speisephobieü usw.), 
verläuft sie bei den hier erörterten Fällen im allgemeinen ohne Besonder- 
heiten. Dieser scheinbare Widerspruch wird verständlich, wenn wir 
bedenken, daß die Frauen zwar bei der Deflorierung „von neuem kastriert" 
worden sind, aber durch die Schwängerung wieder einen Penis erhalten 
haben. Die unbewußte Gleichung Kind ^ Penis wird zum dominierenden 
Faktor für die Frau, deren Lebensideal darin besteht, ein Mann zu sein. 
Infolgedessen gewährt ihr ihr Narzißmus eine ausreichende Befriedigung, 
die noch verstärkt wird durch die soziale Billigung. Sobald jedoch die 
Wehen einsetzen, erleidet die ganze Konstellation von Vorgängen und 
unbewußten Vorstellungen einen furchtbaren Schock. Das Kind (der Penis) 



8o Gregory Zilboorg 



wird gewaltsam aus ihrem Körper herausgetrieben. Zu dem Trauma der 
neuen dramatischen Kastration gesellt sich ein neues und bedeutungsvolles 
hinzu: Der Reaktionstypus der Frau ist anal, besitzergreifend und 
festhaltend; ihr einziger Wunsch ist, „einen Halt zu haben" und „sich 
an etwas klammern zu können", aber nicht zu geben oder loszulassen; 
es widerspricht ihrer ganzen Natur, etwas herzugeben, noch dazu den 
geliebtesten narzißtischen Besitz. Es ist daher durchaus wahrscheinlich, 
daß das Trauma der Niederkunft, das die maximale masochistische 
Reaktion des Gebens verlangt, schließlich eine anal-sadistische Persön- 
lichkeit zum Zusammenbruch bringt. Ein wichtiger Bestandteil des 
Ichs wird durch die Entbindung zu einem Teil der Außenwelt; einerseits 
wird er dadurch etwas Fremdes, und die Frau ist nicht imstande, ihre 
Liebe an ihn zu hängen, andererseits ist er das „zweite Ich", gegen das 
sie seit ihrer Kindheit rachsüchtige Gefühle hegt. Ihre Unfähigkeit, Frau 
zu sein, ihr hartnäckiger Analnarzißmus machen es ihr unmöglich, die 
Oralbesetzung oder die Identifizierung mit der Mutter wiederzubeleben, — 
die beiden Hauptfaktoren, welche ihre Sorgfalt für das Kind bedingen; darum 
findet sie entweder, daß ihre Milch dem Kinde nicht bekommt, oder daß 
sie nicht genug Milch hat. Ihre Rachegefühle gegen das Kind äußern 
sich merkwürdigerweise fast niemals in Form offener kindsmörderischer 
Impulse; statt dessen empfindet sie Gleichgültigkeit oder eine auf unbe- 
wußtem Abscheu beruhende Reizbarkeit. Die Patientinnen sprechen ent- 
weder fast nie von ihrem Kinde oder äußern impulsiv und scheinbar ohne 
Veranlassung: „Laß ihn (den Ehemann) doch sein Kind behalten, wenn 
er Lust hat; ich gehe zu meinem Vater oder meiner Mutter zurück." 
Eine Patientin, bei der die Abneigung gegen das Kind noch stärker war 
als bei den übrigen, pflegte ihm Scheren, Messer und Nadeln in den 
Weg zu legen, indem sie sagte: „Eines Tages muß es doch lernen, wie 
man mit diesen Dingen umgeht, also kann es schon jetzt damit anfangen." 
Diese Gleichgültigkeit oder schwache Aggressivität steht in schlagendem 
Gegensatz zu den kindsmörderischen Impulsen der Wochenbettmelancholien. 
Eine erschöpfende Erklärung dieser Erscheinung ist nicht leicht, doch 
dürfte die folgende einige Wahrscheinlichkeit für sich haben: Bei den 
Depressionen ist die Identifizierung Mutter = Kind nicht gelöst; der Todes- 
trieb, der bei dem Gebärakt frei wird, umfaßt sowohl Mutter als auch Kind ; 
daher gehen Selbstmord und Kindesmord so häufig zusammen einher und 
äußern sich stürmisch und impulsiv; überdies ist der Todestrieb noch 
verstärkt durch' das Schuldgefühl. — Bei den Wochenbettschizophrenien 
fehlt das Schuldgefühl völlig; das Kind hat mehr den Wert eines Phallus. 
Die Patientin fühlt sich bereits bestraft (kastriert); das Phalluskind ist 



Sdiizophrenien nadi Entbindungen 8l 



I 



von ihr losgelöst und ein fremdes Objekt geworden, gleichzeitig ein Beweis 
für ihre anatomische Weiblichkeit. Darum leugnet sie überhaupt, daß es 
ihr Kind sei ; das Kind gehört ihrem Gatten, ihrem Geburtshelfer oder ist 
gar das Jesuskind (unbefleckte Empfängnis = „Ich kann es auch allein 
besorgen"); ihre ganze Reaktion ist gekennzeichnet durch eine Abkehr, 
durch die Leugnung der Wirklichkeit oder eine Rückkehr zur männlichen 
(Vater-) Rolle und einer psychotischen oder durchsichtig sublimierten Homo- 
sexualität. 

Bezeichnenderweise kommt die überwiegende Mehrzahl der nach Ent- 
bindungen einsetzenden Geisteskrankheiten bei Mehrgebärenden und nicht 
bei Erstgebärenden vor. Bei den wenigen Ausnahmen, wie in dem zuerst 
zitierten Falle, findet man reichliche Beweise für das, was Karen H o r n e y 
als „Festhalten an einem wirklichen Liebesverhältnis mit dem Vater" bezeichnet, 
während dies bei den Mehrgebärenden weniger hervortritt; bei ihnen 
tritt meist nach der ersten Entbindung eine lange Periode der 
Geburtenverhinderung ein, wobei sich die Frau in dieser Zeit gewöhnlich 
von den weiblichen häuslichen Interessen zurückzieht. Die Schizophrenie 
bricht gewöhnlich nach der Geburt des zweiten, selten nach der des dritten 
Kindes aus. 

So allgemein und lediglich deduktiv unser Befund und so tastend seine 
Formulierung auch sein mag: Die nachstehenden Schlußfolgerungen dürfen 
doch wohl Anspruch auf Richtigkeit erheben: 

Die Schizophrenien post partum sind analytisch durchaus verständlich. 
Wir haben es bei ihnen mit der Wirkung eines Kastrationskomplexes vom 
Rachetypus zu tun, der in engem Zusammenhang mit dem ungelösten 
Ödipuskomplex und seiner regressiv-analen Folgeerscheinung, der Vater- 
identifizierung, steht. Diese Faktoren bieten eine Reihe von Äußerungs- 
formen, die sich lange vor Ausbruch der Psychose bemerkbar machen. 
Die Entbindung bedeutet den Wendepunkt des Konflikts und die kausale 
Ursache der Geisteskrankheit. Verglichen mit anderen potentiellen Schizo- 
phrenien, ist die Frau, die nach der Entbindung schizophren wird, durch 
ihre Anhänglichkeit an kulturelle Forderungen, die einen Teil ihres Über- 
Ich-Systems ausmachen, länger in der Lage gewesen, der Disharmonie 
zwischen ihrem Ich und ihren Trieben Widerstand zu leisten. Aber sie 
vermag diesen Widerstand doch nicht länger als über 'eine Schwanger- 
schaft hinaus aufrechtzuerhalten, selbst wenn die Schwangerschaft mit 
einer leichten Geburt endet. 

Diese Tatsachen sind für die Probleme der psychoanalytischen Prophy- 
laxe von großer Wichtigkeit. 



Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XV/i. 



Zur Entstehung des Tics 



Von 

Yrjö Kulovesi 

Tampere (Finnland) 

Eine an einem Tic und an Zwangssymptomen leidende Patientin, eine 
junge Studentin, berichtet von einem ersten Zwangsimpuls aus dem 
siebenten Lebensjahre: Sie fühlte beim Lesen der Biblischen Geschichte 
den unwiderstehlichen Zwang, ein Blatt des Buches zu zerreißen, dem sie 
auch nachgab. Auf diesem Blatte stand, sagte sie, „die Geschichte von 
Josef und der Frau des Bonifazius". Als ich sie darauf aufmerksam machte, 
daß der Name unrichtig sei, konnte sie sich des richtigen nicht entsinnen. 
Später fügte sie hinzu, daß die Geschichte der Verführung eigentlich hätte 
umgekehrt sein müssen. In diesem Zusammenhang erzählte sie auch, daß 
sie einmal nachts das lebhafte Gefühl gehabt hätte, daß ein riesengroßer 
Mann neben ihr liege, daß sich aber trotz der dichten Nähe eine große 
Kluft zwischen ihnen befinde. Sie erinnerte sich auch, daß sie — 
ebenfalls ungefähr mit sieben Jahren — im Fieber merkwürdige Angst- 
sensationen gehabt hatte: Die Bilder an den Wänden schienen weit ent- 
fernt zu sein, auch Mutter und Vater schienen ihr sehr weit entfernt. 
Einmal, als sie masernkrank war, rief sie ihren Eltern zu: „Ihr seid zu 
weit entfernt, ich kann nicht zu euch kommen." Gleichzeitig klangen die 
Stimmen der anderen überlaut. 

Schon in diesen Einzelheiten schimmern Ödipuskomplex und Urszene 
durch: Die Patientin identifiziert sich mit der verführenden Frau, hat 
schon Schuldgefühle (darum der Zwang, das Blatt zu zerreißen), und in 
ihren Fieberphantasien fühlt sie ihre Einsamkeit neben den sich von ihr 
entfernenden Eltern und hat dabei Angst. 

Ich will gleich hier einige weitere Symptome nennen, in denen sich 
bei der Patientin im gewöhnlichen Leben außerhalb der Analyse, zum 
Teil schon vor der eigentlichen Krankheit, die Folgen der ürszene zeigten. 

Die Patientin erzählt, daß sie im zwölften Lebensjahre beim Beeren- 
suchen im Walde mit ihrer Mutter zum erstenmal eine Schlange erblickte. 



Zur Entstehung des Tics 83 



w 



(Die Mutter hat später die Angaben der Patientin bestätigt.) Sie wurde 
beim Anblick der Schlange ganz bleich und konnte sich nicht rühren, 
erst nach einer Weile konnte sie auf einen Stein klettern. Fünf Jahre 
später wiederholte sich ein ähnlicher Vorfall in der Schule, als der Lehrer 
zwei präparierte Schlangen auf einem Teller durch die Klasse herum- 
reichen ließ. Sie erschrak damals so, daß sie den folgenden Tag zu Hause 
bleiben mußte. Beim Erzählen dieses Vorganges assoziiert sie unmittelbar, 
daß sie oft von Schlangen träume : Bisweilen hat sie im Traum Schlangen 
im Bett gehabt. Sie erinnert sich, daß sie einmal beim Erwachen aus 
einem solchen Traum laut geschrien hat. Während der Zeit der Analyse 
geschah es einmal, daß sie zu Hause beim Reinigen eines Blumentopfes 
einen Regenwurm in die Hand bekam; sie sprang sofort laut schreiend 
in die Ecke des Zimmers. Sie erzählte, daß sie den Finger, der den Wurm 
berührt hatte, lange nicht betrachten konnte und die Vorstellung hatte, 
sie könnte oder sollte ihn entzweischneiden. Hier mobilisiert sich also 
neben der Furcht vor dem Penis schon ^er Kastrationskomplex. Etwas 
später hatte die Patientin einen Traum, in dem aus dem Kopf einer 
Schlange Blut fließt. Die Schlange liegt zuerst auf der Straße, folgt ihr dann 
aber. Dann heißt es im Traume weiter: 

Ich ging eine große hölzerne Treppe in ein Haus hinauf, bis sie vor einer 
Tür endete. Die Schlange kam. durch die Tür in einen Raum, der einem Vor- 
zimmer glich. Durch dieses gelangte ich in ein Zimmer. Die Schlange mußte 
dort zurückkehren. Ich schrie, weil ich Angst hatte. 

Dazu assoziiert sie Fellatiophantasien und sagt, daß die Chinesen auch 
Schlangen essen. 

Während der Zeit der Analyse verlobte sich die Patientin. Als ihr 
Bräutigam den Koitus von ihr forderte, träumte sie: 

Ich befand mich auf der Treppe. Dort war meine Musiklehrerin. Sie trat 
ins Vorzimmer herein und sagte, daß eine Schlange die Treppe her auf krieche. 
Ich bat sie, schnell hereinzukommen und die Tür zu schließen. Die Schlange 
kam trotzdem ins Vorzimmer. Wir kamen aus dem Vorzimmer heraus und die 
Schlange mit uns. Wir gingen wieder ins Vorzimmer hinein und die Schlange 
folgte uns. Dieses Spiel dauerte eine geraume Zeit. Die Schlange erschien nicht 
mehr als eine natürliche Schlange, sondern wie ein Fisch ohne Schwanz. 

Ganz klär zeigte sich der Sinn der Angst vor der Schlange einmal, als 
die Patientin ihre Hand in die Hosentasche des Bräutigams steckte, den 
erigierten Penis fühlte und mit dem Schrei: „Eine Schlange" in die 
Zimmerecke flüchtete. 

Ein Jahr vor der Analyse spielte die Patientin einmal zu Hause Klavier, 
während ihr Vater hinter ihr stand, um zuzuhören. Plötzlich bekam sie 
sehr starke Angst und mußte schreien. Sie hatte das Gefühl, daß 



84 Yrjö Kulovesi 



der Vater sie mit einem Dolch stechen würde. Aus diesem Anlaß er- 
zählt sie, daß sie auch auf einsamer Landstraße stets Angst bekommt, 
wenn ihr ein Mann begegnet. Sie fürchtet, daß der Mann sie totschießen 
könnte, und fühlt schon die Kugel in ihren Leib eindringen. 

Einmal erblickt sie in der Analyse in meinem Instrumentenschrank 
Scheren und assoziiert dazu ihre Furcht vor allen scharfen und spitzen 
Gegenständen; sie erzählt, daß sie einmal vor Jahren den Zwangsimpuls 
hatte, sich mit einer Schere ins Auge zu stechen, und daß sie — dem 
Impuls folgend — sich auch wirklich mit einer Schere in die Backe 
unterhalb des Auges gestochen hat. Sie erzählt das unter großer Scham, 
sagt auch noch, daß sie auch einen Zwang habe, alle spitzen Gegenstände, 
wie Bleistifte, Nadeln usw., zu zerbrechen. 

Der Vater, vor dem sie beim Klavierspielen solche Angst bekam, ist also 
für ihre unbewußte sadistische Sexualauffassung ein Mörder. Als weitere 
Belege hiefür seien noch einige weitere Träume hinzugefügt: 

Ich ging mit einigen Freundinnen auf der Straße spazieren, ah uns zwei 
Offiziere entgegenkamen. Plötzlich bekam ich vor ihnen Angst. Ich lief weg, 
hatte dabei Angst, umzufallen, und daß mich die Offiziere einholen würden. 
Die Entfernung zwischen uns wurde immer geringer. Ich hatte das Gefühl, 
als oh die beiden einen Mord begangen hätten. Dann wieder war das Begräbnis 
der beiden Offiziere und als Pfarrer fungierte ein bekannter Komödiant, der 
mitten in seiner Grabrede zu lachen begann und darüber auch selbst erschrak. 

Die Analyse ergab, daß die beiden Offiziere den Vater und den Bruder 
der Patientin darstellen. Diese beiden sind schuldig: Die Mutter hatte der 
Patientin nämlich erzählt, daß ihr Vater ein außereheliches Kind habe, 
dessen Mutter zur Prostituierten gesunken ist. Diese Nachricht wirkte, wie 
wir später sehen werden, als Wiederholung einer alten ausschlaggebenden 
Versagung. Der Bruder führt ein sehr freies Leben und hat jede Woche 
leichtsinnige Frauen in seiner Junggesellenwohnung. 

Es ist also schon klar geworden, daß der Koitus im Unbewußten meiner 
Patientin einer blutigen Tat, einem Mord gleichgesetzt wird. Mit dieser 
Gruppe von unbewußten Phantasien hängen viele andere eng zusammen; 
als eine davon haben wir schon erwähnt die aktive Kastrationsphantasie; 
diese wieder war in enger Verbindung mit der gegen den Bruder ge- 
richteten Aggression. Schon im Alter von drei Jahren hat sie den um 
anderthalb Jahre jüngeren Bruder einmal zu ersticken versucht, indem 
sie ihm viel Leichtbier in den Mund goß. Ein anderes Mal zog sie den 
Bruder im Bette mit einem Laken zu sich heran und schlug dann mit 
den Fäusten auf, ihn ein. 

Im folgenden Traume sehen wir wieder ihre Kastrationsphantasie: 

Ein mir fremder Knabe und ich waren zusammen. Jeder von uns hatte 



Zur Entstehung des Tics 85 



einen Truthahn. fVir zankten uns, warum, uueiß ich nicht. Ich versuchte meinen 
Truthahn zu veranlassen, seinen Gegner aufzufressen, der Knabe dagegen seinen, 
den meinigen zu fressen. Beide Truthähne fielen über einander her. Sie sahen 
schrecklich aus und veru)andelten sich in krokodilartige Reptilien. Sie tvaren 
nicht ivie Schlangen, sondern in der Körpermitte aufgebläht. Ick stieß meinen 
Truthahn mit dem Fuß, daß er dem. anderen ins Maul sprang. Der fraß ihn 
auf, so daß nur Hautfetzen übrig blieben. 

Der Traum ist für ihre oralsadistische Einstellung charakteristisch. 

Ehe wir jetzt in die Schilderung der Symptome eintreten, sei noch ge- 
stattet, einige wichtige Ereignisse aus der Zeit vor ihrer Erkrankung mit- 
zuteilen. Zuerst sei die Onanie der Patientin erwähnt. Sie erinnert, daß, 
als sie 7 Jahre alt war, ein älteres Mädchen sie und eine gleichaltrige 
Kameradin das Onanieren gelehrt hat, und zwar das Reiben der Genitalien 
an einer Holzstange eines Zaunes. Später übte sie die Onanie auf ähnliche 
Weise aus, indem sie die Genitalien an der Bettdecke, Tischkante u. dgl. 
rieb, aber auch durch Reizung des Kitzlers mit den Fingern. Von der 
Vagina hatte sie keine Ahnung, wußte selbst noch zur Zeit der Analyse 
nicht Bescheid. Die Onaniephantasien waren sehr lebhaft. Schon als Kind 
ist die Patientin, nach ihrem eigenen Bericht, oft nur deshalb sehr früh- 
zeitig zu Bett gegangen, um sich ihren „Schmutzromanen recht unge- 
stört hingeben zu können. In diesen Phantasien wurde die Heldin gewöhn^ 
lieh ein Opfer des Mädchenhandels. Die Patientin kletterte auch heimlich 
auf den Boden des Hauses, um sich dort ganz nackt auszuziehen und in 
diesem Zustand zu phantasieren, daß sie „mit einem Knaben zusammen 
sei . Sie fürchtete damals auch, durch diese Onanie ein Kind zu be- 
kommen. Von dem Vorgang der Geburt hatte sie die Vorstellung, daß der 
Magen des Weibes entzweigehe, um dem Kind den Weg nach außen zu ermög- 
lichen. Vor der Geburt hatte sie dieselbe Angst wie vor dem Koitus; auch 
die Geburt war für sie ein furchtbar blutiges Trauma. 

Auch bei der ersten Menstruation hatte sie Angst. Schon mit zwölf 
Jahren wurde sie, völlig unerwartet, durch sie überrascht. Sie erschrak 
grenzenlos und schrie: „Ich bin zerrissen. 

Als sie später in der Pubertätszeit ernstlich gegen die Onanie anzu- 
kämpfen begann, kam der Zwangsimpuls über sie, Gegenstände, wie 
Blumenknospen, Eier, Tassenhenkel, kugelähnliche Zieraten an ihrem Hart- 
gummikamm, den Rumpf ihrer Geige usw., zu zerdrücken. Es fällt ihr 
schwer, von diesen Zwängen zu erzählen. Bei der Erzählung bedeckt sie 
die Augen mit den Händen und schämt sich sehr. Ihrer Erzählung zufolge 
empfand sie jedesmal nach solchen Geschehnissen tiefe Reue. Diese Zwänge 
waren also bei ihr Onanieäquivalente. Sie selbst hielt sie nicht für so 
schwer, „weil sie vor ihnen fliehen konnte". Schwerer war dann später 




86 Yrjö Kulovesl 



die wirkliche Krankheit mit ihren Symptomen, „welche sie immer in sich 
als eine Art Spannung fühlte . 

Sie weiß weiter zu berichten, daß sie in ihrer frühesten Kindheit bis 
zum dritten Lebensjahre ein dickes und pralles Kind gewesen sei, was eine 
Photographie aus dieser Zeit auch bestätigt. Im dritten Lebensjahr verlor 
sie dann plötzlich ihre Eßlust und magerte stark ab. Diese Magerkeit hat sie 
dann durch ihr ganzes Leben behalten; die Eßlust ist immer schwach 
geblieben. 

Ihre früheste Kindheit verlebte sie in einem Haus mit den verschieden- 
artigsten Menschen. Es war ein Haus am Rande der Stadt, einige seiner 
Bewohner hatten einen sehr schlechten Ruf. Über diese wurde im Hause 
laut und lärmend gesprochen. Davon einige Beispiele: Im Hause wohnte 
ein Mädchen mit einem unehelichen Kind. Weil die Patientin das wußte, 
fürchtete sie, daß man vom Onanieren ein Kind bekommen könnte. Weiter 
gab es eine Witwe mit liederlichem Lebenswandel und endlich noch einen 
älteren Mann im Hause, der wegen Verführung von Knaben ins Gefängnis 
wandern mußte. Von diesem Manne stellte sie sich vor, daß er mit seinen 
Opfern onaniert habe. Sie hörte oft, wie ihre Mutter mit anderen Er- 
wachsenen über diese Leute schalt, und mußte in ihrem Schuldgefühl die 
Anklage als gegen sich selbst gerichtet annehmen. Von dieser Zeit ab war 
sie bis zu den obersten Klassen der Schule sehr menschenscheu. In ihrer 
Erinnerung läuft sie voll Angst vor einem Luther-Bildnis davon, das sie 
für das Bild Gottes hielt. Dieselbe Angst hatte sie vor der Polizei., Wenn 
sie Einkäufe machen ging und einen Schutzmann auf der Straße stehen 
sah, mußte sie umkehren. Ihre Menschenscheu verschlimmerte sich während 
der ersten Schuljahre. Durch eine strenge Lehrerin wurde ihr die Schule 
vollends zur Marter. Ihren Schulweg wagte sie lange Zeit nicht durch 
belebte Straßen zu nehmen, sondern ging durch stille Seitenstraßen. 

In der sechsten Klasse des Mädchenlyzeums trat eine plötzliche und 
gründliche Änderung ihres ganzen Wesens ein. Eines Abends kam sie mit 
einer Kameradin auf der Straße in die Gesellschaft zweier gleichaltriger 
Knaben, die sich für sie sehr interessierten. Das befriedigte ihren starken 
Narzißmus außerordentlich. Die Folge dieses Erlebnisses war, daß sie nun 
eine ehrgeizige Tänzerin wurde und jede Gelegenheit suchte, um mit 
jungen Männern in der Stadt und in ihrer Umgebung umherzustreifen. 
Von dieser Zeit an hat sie auch regelmäßig ein Tagebuch geführt, das 
getreulich die Geschichte aller ihrer Liebeleien enthält. Es war ihr das 
alles wie eine Verwirklichung ihrer früheren Phantasien und Tagträume. 
Bei diesen Streifzügen durch Stadt und Wald konnte sie sowohl ihren 
Narzißmus befriedigen als auch zum Teil ihre Dirnenphantasien in die 



Zur Entstehung des Tics 87 



Wirklichkeit umsetzen. Die realen Handlungen gingen jedoch nie weiter 
als bis zu leidenschaftlichen Küssen. — So hatte sich das früher so scheue 
Mädchen plötzlich zum Gegenteil verändert. Eine Versagung in einem 
solchen Freundschaftsverhältnis wurde der Anlaß zur manifesten Er- 
krankung. Der junge Mann reizte mit seinen Küssen ihren Trieb aufs 
äußerste. Als die Liebe am heißesten war, ließ er sie wissen, daß an 
Heirat und Ehe nicht zu denken wäre, weil er krank sei, — und verließ 
sie. Das Mädchen vermutete eine venerische Krankheit als Ursache, wartete 
aber dennoch trotz aller Hoffnungslosigkeit auf seine Rückkehr. In dieser 
kritischen Zeit mußte sie dann noch von der Mutter die erwähnte Er- 
zählung hören, daß ihr Vater ein uneheliches Kind gezeugt hätte. 

Die Patientin arbeitete damals im väterlichen Geschäft. Sie hatte das 
Gefühl, als ob alle Angestellten von der Tat des Vaters wüßten. Sie bildete 
sich ein, daß alle Leute sie deshalb ansähen. Auf die doppelte Versagung 
antwortete sie mit extremem Haß sowohl gegen ihren Vater als auch 
gegen den Geliebten. In dieser Zeit wurde sie manifest krank und arbeitsunfähig. 
Ihre Krankheit äußerte sich als Tic. Sie bekam Zuckungen in den 
Muskeln von Gesicht, Hals und Schultern. Während der Gesichtszuckungen 
gleicht ihre Mimik den saueren Zügen eines weinenden Kindes; oft wird 
dabei ein leiser Ton hörbar. Außer dem Tic hatte sie schon von Beginn 
der Krankheit an den Zwang zu schreien. Dieser wurde beinahe uner- 
träglich, wenn sie in Theater, Kino oder Kirche still und ruhig sitzen 
und schauen mußte. Sie mußte dann all ihre Kräfte aufs äußerste an- 
spannen, um gegen den Zwang anzukämpfen. Einen Grund für das Schreien 
wußte sie nicht, doch erzählte sie, daß sie manchmal dabei auch Phan- 
tasien habe, z. B. hätte sie einmal in einem Buch gelesen, wie ein Mann 
den Angstschrei seines Weibes in der Todesstunde schilderte. Bei dem Ge- 
danken an diese Schilderung hat sie den Zwang, auf dieselbe Weise zu 
schreien. Wenn sie gegen den Schreizwang ankämpft, werden die Tic- 
zuckungen schlimmer. Nach ihrer Aussage fühlt sie eine Erleichterung im 
Schreizwange, wenn sie den Ticzuckungen etwas mehr nachgibt. 

Als während der Analysezeit der Schreizwang eines Nachts besonders 
schwer wurde, ging sie in das elterliche Schlafzimmer, um dort „ein 
Pulver zu suchen". Im Schlafzimmer angelangt, jagte sie die Mutter aus 
dem- Zimmer heraus, weil diese „die Sache immer noch schlimmer mache". 
Dann schlüpfte sie selbst ins Bett neben dem Vater und schlief ruhig ein. 

Als in der Analyse die Angst vor dem Koitus behandelt wurde, wurde 
der Zwang zu schreien immer stärker. Im letzten Teil der Analyse, als 
in der Patientin der Wunsch nach dem Koitus besonders lebhaft wurde 
und dabei die Furcht davor mobilisiert war, äußerte sich dieser Zwang 



r 



88 Yrjö KuLovesi 



am allerstärksten. Erst nachdem diese Situation gründlich durchanalysiert 
wurde, verschwand der Schreizwang und gleichzeitig mit ihm der Tic. 

Zu diesem „gründlichen Durchanalysieren" gehörte auch die Analyse 
der Urszene. Ich erwähne dazu folgenden Traum, der wahrscheinlich eine 
Darstellung der Urszene enthält: 

Ich ivar mit einem Fräulein in einem Zimmer. Sie hatte einen Bogen 
Papier in der Hand. Sie suchte auf dem Papier, ivas man aus mir machen 
könnte. Auf der anderen Seite des Bogens ivaren Bilder. Es -waren Bilder von 
mir und die eines anderen Mädchens. Unter jedem ivar eine gedruckte Er- 
klärung. Ich hatte Angst, meine eigenen Bilder zu betrachten. Unter diesen 
Bildern befand sich eines, auf dem eine kupferne Kaffeekanne und zwei Kessel 
abgebildet ivaren. Darunter stand : „Das ist am. schlimmsten in ihrer Krank- 
heit, was glänzt." Plötzlich sah ich, ivie eine helle Lichtwelle über die abge- 
bildeten Gegenstände hinging; ich schrie vor Angst laut auf und bedeckte meine 
Augen mit den Händen. Auf einem Bilde war ich mit offenem Munde dar- 
gestellt. Auf allen Bildern ivar ich bis zur Taille nackt, auf einem ganz nackt. 
Dann uiollten wir schivimmen gehen. Da sahen ivir eine Steinkirche mit einem 
Turm,. Ich blieb stehen, um sie zu betrachten. Das Mädchen, das mit mir war, 
sagte: „Immer betrachtest du diese Kirchen." Dort befand sich eine Menge 
männlicher Kleidungsstücke, und weiter ujeg lagen nackte Jünglinge in der Sonne. 

Zu den Kesseln assoziiert sie, daß der eine von ihnen kleiner war als 
der andere. 

Hier treffen wir also den Schrei als Angstschrei beim Betrachten der 
männlichen Genitalsymbole. Das Lichtphänomen im Traume spricht seiner- 
seits auch für die Urszene; ich verweise dabei auf eine Mitteilung von 
Federn. — Das Kind hat offenbar in der Urszene sein Weinen unter- 
drückt. Das können wir auch aus folgendem Traum ' entnehmen, in dem 
es sich in seiner Angst schlafend stellt: 

Ich war mit meinem Bräutigam auf einem, hohen Hügel, um bei einer Art 
Aufführung zuzusehen; genau kann ich nicht sagen, ivas es ivar. Meine Eltern 
ivaren auch dort. Es ivar etwas Schrecklickes schon vor dem Anfang der Auf- 
führung vor sich gegangen, ich iveiß aber nicht, was. Ich iveiß nur, daß der 
Mann, der das Schreckliche gemacht hatte, sich an einem Baumaste aufhing. 
Am gleichen Baum, dem Manne gegenüber, hing ein Gegenstand ivie ein 
Turm, — ebenso lang ivie der Mann. Dieser Gegenstand hing auch an einem 
Strick wie der Mann. Dann bemerkte ich im Gipfel des Baumes zwei mir 
unbekannte Mädchen, die fast gleich gekleidet ivaren. Ihre Kleidung war aber 
nicht vollständig, sondern glich mehr einem Badekostüm,. Diese Mädchen schienen 
Gefangene des Mannes zu sein. Als sie merkten, daß der Mann ganz still 
hing, zogen sie an dem Galgenstrick. Ich iveiß nicht, warum sie das taten; 
vielleicht taten sie es, um den Strick noch strammer zu ziehen, damit der 
Mann auch sicher sterben solle. Ich kann nicht mehr sagen, ivie es geschah, 
aber plötzlich kletterte der Mann in den Gipfel des Baumes hinauf . Diebeiden 
Mädchen erschraken, preßten sich dicht an den Baumstamm an und stellten 
sich schlafend, um dem Manne vorzuspiegeln, daß sie nicht an dem Strick 



Zur Entstehung des Tics 89 



gezogen hätten. Was weiter in und mit dem Baum, geschehen ist, ist meiner 
Erinnerung entschiounden; aber am Ende des Traumes befand sich dort kein 
Baum, mehr, sondern an seiner Stelle ein See. 

Sie assoziiert dazu, daß sie am Abend vor dem Traum Blinddarm- 
schmerzen gehabt und davon gesprochen habe, sich einmal operieren zu 
lassen. Sie erkennt dann in dem einen Mädchen des Traumes eine 
Freundin, die kurz vorher geheiratet hat und mit der sie viel über sexuelle 
Dinge gesprochen hat. Sie erwähnt weiter, daß sie in ihrer frühesten 
Kindheit mit dem Bruder und den Eltern gemeinsam in einem Räume 
geschlafen hat. Der böse Mann, der im Beginn des Traumes etwas Schreck- 
liches schon getan hat und sich dann an dem Baumast aufhängt, ist der 
Vater. Auch hier sehen wir das schon bekannte Motiv „Vater als Mörder 
Die Patientin äußerte auch einmal, der Vater würde Selbstmord begehen, 
wenn er eine Ahnung davon hätte, daß sie, die Tochter, von seinem 
unehelichen Kind wisse. — Der „Baum" ist das bekannte „Schau"symbol 
(Freud). — Wir können annehmen, daß das unbekannte Mädchen des 
Traumes die Träumerin selbst ist. Die Patientin stellt sich also während 
der Urszene schlafend, weil sie fürchtet, daß der Vater, der so Schreck- 
liches tat, auch ihr etwas Ähnliches antun würde. Hier sehen wir wieder 
Koituswunsch und Angst eng vereint. So ist es mehr als wahrschein- 
lich, daß auch die „Aufführung dieses Traumes die Urszene meint. 

ürszenenfolgen zeigten sich auch sonst in Charakterzügen und Symptomen 
der Patientin. Sie hat immer das Verlangen gehabt. Verbotenes zu sehen 
und zu hören. Schon als kleines Kind in dem erwähnten Haus am Rande 
der Stadt hat sie gerne in der Nähe älterer Leute gespielt und ihre Ohren 
eifrigst nach deren Gesprächen gespitzt; das Spiel war für sie nur Vor- 
wand, um ungestörter die Gespräche zu hören. Auch später, als ihr Bruder 
Frauen mit auf sein Zimmer nahm, versuchte sie eifrig durch die dünne 
Wand zu lauschen. Im Kino, im T h e a t e r, wo sie still sitzen und 
schauen muß, wurde auch der Schreizwang am stärksten. 

Erinnern wir uns nun an das merkwürdige Gefühl der Patientin, das 
sie im Fieber als. Kind hatte, daß nämlich alles sich von ihr entfernte 
und Vater und Mutter ihr sehr weit weg zu sein schienen, so können wir 
darin das Gefühl des verlassenen Kindes bei der Urszene vermuten. Zu 
diesen Fieberphantasien gehörte auch die Sensation, daß die Patientin eine 
tiefe Kluft zwischen sich und den Eltern, besonders zwischen sich und 
dem riesengroßen Mann spürte. Dieses Gefühl entspricht dem Wunsch, 
gerade jetzt dem Vater möglichst nahe zu sein. Diesen Ödipuswunsch 
realisierte sie, als sie während der Analysezeit sich, die Mutter verjagend, 
in das Bett neben dem Vater legte. 



90 Yrjö Kulovesi 



Eine besondere Rolle spielt nun die Reaktion des Kindes auf die Ur- 
szene in Form von Schreien. Während des Traumes von der Kaffee- 
kanne und den Kesseln hat die Patientin wirklich aufgeschrien, 
als sie die Lichtwelle über die Gegenstände laufen sah. In der wirklichen 
Urszene hat sie wahrscheinlich den Impuls, zu schreien oder zu weinen, 
unterdrückt und sich schlafend gestellt. In ihrer Krankheit kämpfte sie 
gegen einen Schreiimpuls an, dessen Äquivalent auch die Ticzuckungen 
waren. Schon oben wurde erwähnt, daß bei Ticzuckungen ihre Mimik den 
Zügen eines weinenden Kindes gleicht. Es ist mehr als wahrscheinlich, 
daß sowohl beim Schreizwange als auch beim Tic das bei der Urszene 
unterdrückte Weinen nachgeholt werden will. Beim Tic sehen wir nur 
die Muskelreflexe des Weinens. 

Wir führen nochmals die wichtigsten Situationen an, in denen das 
unterdrückte Schreien wirklich hervorgekommen ist: 

Erstens bei den Fieberphantasien, in denen die Eltern von ihr wegzu- 
rücken schienen, also bei Mobilisierung der Urszene. Zweitens beim Klavier- 
spiel, als die Patientin das lebhafte Gefühl hatte, daß der Vater sie mit 
dem Dolch stechen werde. Hier entsteht der Schrei also ebenfalls bei 
Aktivierung des in der Urszene mobilisierten Ödipuskomplexes, bei der 
Phantasie einer sadistischen Verbindung mit dem Vater, gleichsam aus 
Angst wegen des lebhaft vorgestellten Schmerzes. (Auch das Kind befreit 
sich durch Schreien und Weinen reflexartig von der übergroßen zentralen 
Anspannung der Angst.) 

In diesem Zusammenhang müssen wir noch feststellen, daß es eine 
solche sadistische Verbindung auch in der Wirklichkeit gab: Der Vater 
hat die Patientin öfter geschlagen. Bei diesen Züchtigungen hat das Kind 
auch Lust empfunden, da sie sie durch absichtlichen Ungehorsam zu pro- 
vozieren pflegte. Ihrerseits hat sie als Kind, wie gesagt, oft den Bruder 
geschlagen und sich auch später immer mit ihm geprügelt. Männer, mit 
denen sie während der Analysenzeit flüchtigere Freundschaften hatte, quälte 
sie in sadistischer Weise. Wie wir schon oben erwähnt haben, hatte sie 
in ganz jungen Jahren eine Zeit durchlebt, in der ihr ursprünglicher 
Sadismus auf Grund ihres Schuldgefühls sich in Masochismus verwandelt 
hatte. Wir erinnern uns an die masochistische Wirkung der körperlichen Strafe. 

Wie schon oben erwähnt, hatte die Patientin -neben der Furcht vor 
Schlangen auch Fellatiophantasien. Als kleines Kind konnte sie schon ihre 
Puppen so leidenschaftlich küssen, daß sie noch heute, wenn sie darauf in 
der Analyse zu sprechen kommt, hinzufügt: „Solch eine Leidenschaft war 
nicht mehr kindlich." In den Liebesverhältnissen während der aktiven 
Phase ihres Lebens befriedigte sie ihre Libido nur durch leidenschaftliches 



Zur Entstehung des Tic8 9* 



Küssen. In ihrem dritten Lebensjahr verlor sie plötzlich ihre Eßlust. Es 
ist anzunehmen, daß auch dieser plötzliche Verlust der Eßlust auf die 
Urszene zurückzuführen ist. 

Die Libido ist demnach weitgehend oralsadistisch fixiert. — Auch das 
Schreien ist eine orale Betätigung. 

Der Schreizwang trat drittens auch dann auf, wenn sie in ihrer Phan- 
tasie den Todesschrei der Frau durchlebte, von dem sie gelesen hatte. Diese 
Todesschreiphantasie mobilisiert ebenfalls die Erinnerung an die Urszene. 

So wie die Patientin sich in die sterbende Frau der Erzählung einfühlte, so 
hatte sie überhaupt leicht die Neigung, sich mit Objekten zu identifizieren, was 
vielleicht mit dem frühen Fixierungspunkt ihrer Krankheit zusammenhängt. 
Bei der Urszene hat sie sich vorwiegend mit der Mutter identifiziert 
(Verlangen nach Nähe des Vaters), aber, wie wir noch sehen werden, später 
auch mit dem Vater. Derselbe Zug zur Identifizierung mit Gesehenem 
zeigte sich später, wenn sie bei der Rückkehr vom Kino selbst zu spielen 
begann und sich ein großes Publikum dazu phantasierte. 

Diesem starken Narzißmus entsprach auch ihre recht stark entwickelte 
aktiv - männliche Einstellung, über die bisher noch zu wenig gesagt 
worden ist. Ihrer Freundin gegenüber pflegte sie den Mann zu spielen und sie 
dabei zu küssen, beim Tanzen mit jungen Mädchen führte stets sie, 
auch im Tanze mit Männern hat sie oft die Führung zu übernehmen 
versucht. Auf ihre körperliche Kraft in den Händen war sie besonders 
stolz. Auch Männern gegenüber trat sie aktiv auf: Nach den Versagungen 
wollte sie sich nicht nur am Vater und am Geliebten, sondern überhaupt 
an allen Männern rächen, in ihren erwähnten Verhältnissen mit jungen 
Männern war sie der aktive Teil und legte es darauf an, die Männer 
sexuell zu reizen. Zu ihrem Bräutigam schließlich wählte sie dann einen 
stillen, gutmütigen Mann, der zeitlebens von seiner Mutter abhängig 
gewesen war. — Das Schwanken zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit 
wird auch durch folgenden Traum illustriert: 

Ich war mit einem Mädchen in einem, Keller. Ich liebte dieses Mädchen. 
Ich fühlte mich wie ein Knabe. Dann verwandelte sich auch das Mädchen in 
einen Knaben und dann ivieder in ein Mädchen. Jemand verbot uns, in den 
Keller zu gehen. Wir versuchten, heimlich hineinzukommen. Ich fühlte mich 
ivieder uiie ein Knabe und Mißte das Mädchen. 

Ihren aktiven Sadismus sehen wir in folgendem Traume ; 

Mein Bräutigam, und eine Freundin, die augenblicklich krank in einem 
Sanatorium liegt, stritten um etwas. Mein Bräutigam versuchte sich zu ver- 
teidigen, aber das Mädchen stieß ihm plötzlich einen Dolch in die Schläfe, 
wo er stecken blieb. Ich erschrak und bekam eine entsetzliche Angst 

In ihrem Unbewußten identifiziert sie sich also nicht nur mit der 



r 



92 Yrjö Kulovesl 



Mutter, sondern auch mit dem Vater, und wird selbst zum Mörder. Hier 
tritt ihre Bisexualität in Erscheinung. 

Im letzten Monat der Analyse träumt sie noch folgenden Traum, wo 
sie schließlich ihren Penismangel weinend konstatiert: 

An meinen Händen trage ich Handschuhe. Der linke Ringfinger tut mir 
xueh. Ich ziehe den Handschuh ah und hemerhe, daß vom, Finger nur noch 
sehr -wenig vorhanden ist. Er ist ganz eingeschrumpft und aus der Spitze 
sickert iVasser heraus. Ich beginne furchtbar zu iveinen. 

Hier stoßen wir also schon auf das wirkliche Weinen, das unserer Ansicht 
nach während der Urszene unterdrückt worden war. 

Betrachten wir jetzt das Gefühl der Unzufriedenheit bei der Patientin 
näher. Bei ihr war dieses Gefühl körperlich lokalisiert, und zwar unter 
der Brust. Näher beschreiben kann sie das Gefühl nicht, sie hat es nur 
dann, wenn sie einem Antrieb nicht nachgeben kann oder sich ärgert. 
Sie erinnert sich sehr deutlich, schon als Kind dieses ünzufriedenheits- 
gefühl unter der Brust gespürt zu haben, wenn sie nicht so lange im 
Hofe spielen durfte, wie sie wollte. 

Das Gefühl, das das Kind unter der Brust fühlte, ist dasselbe, was der 
Volksmund als „Würgen im Halse" bezeichnet. Vielleicht finden wir hier 
Bausteine zur Physiologie und Psychologie des Weinens. Die Mimik des 
Weinens ist ähnlich dem Mienenspiel, das eintritt, wenn man etwas Saueres 
im Munde hat ; das hat schon W u n d t festgestellt. Eine sauere Miene ist 
wie eine Vorbereitung zum Weinen. Bei meiner Patientin war mir dieser 
Zug bei der den Tic begleitenden Mimik schon aufgefallen, bevor die 
Analyse bis zur Urszene vorgedrungen war. — Wir wissen, daß das Kind in 
der ersten Lebensphase eigentlich nur durch dem Mund mit seiner nächsten 
Umgebung, mit der Mutter, verbunden ist; auch die eisten Lust- und 
Unlustgefühle sind die oralen. Das erste Weinen des Kindes beruht — 
wenigstens zum Teil — darauf, daß es Hunger hat; deshalb beruhigt 
die Mutter das Kind auch durch die Darbietung der Brust. In der ersten 
Daseinsphase des Kindes steht also der Geschmackssinn im Mittelpunkte. Die 
Befriedigung des Geschmackes ist Lust, die Nichtbefriedigung Unlust. Kein 
Wunder also, daß das Mienenspiel der Unzufriedenheit bei Menschen 
mit dem bei einer oralen Unzufriedenheit erworbenen Mienenspiel stets 
Ähnlichkeit behält. 

Erwähnt sei auch, daß die Patientin das Gefühl des Ärgers im 
Epigastrium lokalisierte. Das entspricht der Tatsache, daß die Sprache das 
Wort „Hunger" im erweiterten Sinn für „Unbefriedigtsein des Trieb- 
lebens überhaupt gebraucht. 

Als wichtigstes Resultat unserer Analyse sei nochmals wiederholt, daß 



Zur Entstehung des Tics 93 



der Tic in diesem Falle die Muskelreflexe des Weinens darstellte, weiter, 
daß dies Weinen der Fixierung an eine ürszene entsprach, und daß auch 
der Schreizwang die gleiche Fixierung, das in der Urszene unterdrückte 
Schreien und Weinen ausdrückte. 

Nach dreizehnmonatiger Analyse ist die Patientin ruhig, fühlt sich 
gesund, ohne Schreizwang und ohne Tic. 

* 

Wir haben die Analyse des Tics unserer Patientin durchgeführt und dar- 
gestellt, ohne bisher die zur Psychogenese dieser Krankheit bereits vorliegende 
psychoanalytische Literatur heranzuziehen. Nun wollen wir noch unsere 
Resultate mit denen der anderen Autoren an einigen Stellen vergleichen. 

In seiner Arbeit „Psychoanalytische Betrachtungen über den Tic" 
bemerkt Ferenczi in Hinsicht auf einen Fall, daß er bei dem Patienten 
„eine ausgesprochene Hypersensibilität, eine Unfähigkeit, Körperreize ohne 
Abwehraktion zu ertragen, annehmen mußte". Das gleiche gilt für 
meinen Fall. Die Patientin war sehr empfindlich gegen narzißtische 
Kränkungen. Dem entsprach die tiefe Regression. Im Alter der Urszene 
ist „die Hypersensibilität und die Unfähigkeit, Körperreize ohne Abwehr- 
reaktion zu ertragen", noch etwas Normales. Die Patientin war überhaupt 
— ganz wie man es im allgemeinen von den Tickranken behauptet hat — 
stark narzißtisch und infantil. 

Ferenczi schreibt über die im Tic gelegene Triebabfuhr weiter: 

„. . . Die Abfuhr ist eine archaischere Erledigungsart des Reizzuwachses, 
sie steht dem physiologischen Reflex viel näher als die, wenn auch noch 
so primitive, Form der Beherrschung (z. B. die Verdrängung), sie charak- 
terisiert Tiere und Kinder." 

In unserem Falle konnte der Tic auf einen physiologischen Reflex, 
und zwar auf das Weinen, zurückgeführt werden. Es ist leicht 
vorzustellen, daß in anderen Fällen auch andere Reflexe ebenso Basis des 
Tics sein können. Sehr nahe liegt die Annahme, daß das Lachen es ebenso- 
gut sein kann. Weitere psychoanalytische Forschungsarbeit wird mehr 
Licht in diese Sache bringen. 

Ferenczis Hinweise auf die Analogien zwischen Tic und traumatischer 
Neurose, die Auffassung des Tics als nachträgliche allmähliche Abfuhr 
einer unvollkommen bewältigten traumatischen Erregung stimmt völlig 
mit meinem Fall überein, wo das traumatische Erlebnis der Urszene 
eben diesen unvollkommen bewältigten, unterdrückten und nachträglich 
abreagierten Affekt darstellte. 

Wie schon oben erwähnt, hat die Patientin während dieses trauma- 
tischen Erlebens wahrscheinlich das Weinen unterdrückt. Wir konnten an 



94 Yrjö Kulovesl 



Hand einer Traumanalyse annehmen, daß sie sich in ihrer Angst vor dem 
Vater schlafend gestellt hat. Nun hat Ferenczi auf das Vorkommen 
von Flexibilitas cerea beim Tic hingewiesen und in diesem Zusammenhange 
an die „Vaterhypnose" gedacht. Dem entspricht, daß in meinem Falle die 
Angst vor dem Vater dies „Sich-totstellen" verursachte. Von den 
späteren Autoren haben — im Anschluß an Karl Abraham — Vilma 
K o V d c s, Helene Deutsch und Melanie Klein die Objekt- 
relationen der Tickranken mehr beachtet als Ferenczi. So hat 
Helene Deutsch bei einem Falle die besonders starke sadistische 
Einstellung hervorgehoben. Ich zitiere nur Folgendes: 

„Schließlich war eine gegen den Vater gerichtete Aggression der Aus- 
druck stark sadistischer Tendenzen, die sich des Genitales als Werkzeug 
bedienten. In allen Träumen und Phantasien jener Entwicklungsperioden 
fungierte der Penis als Mordinstrument." 

Melanie Klein mißt der Urszene in mindestens drei Fällen eine zentrale 
Bedeutung zu. Es sei auf folgende Äußerung von ihr hingewiesen: 

„Es scheint mir nun einwandfrei nachgewiesen, daß der Tic in der 
im frühen Kindesalter so häufigen , Zappligkeit' seine Grundlage findet, 
diese also ernste Bedeutung verdient. Ob diese diffuse Überbeweglichkeit, 
auch wo sie sich nicht zum Tic entwickelt, immer akustische Koitus- 
beobachtungen zur Voraussetzung hat, müssen weitere Erfahrungen 
entscheiden; jedenfalls waren sie die Grundlage in den drei von mir 
analytisch durchforschten Fällen, in denen sich die Überbeweglichfceit zum 
Tic, resp. zu ticähnlichen Symptomen entwickelte." 

Auch Frau Klein befindet sich hier also in voller Übereinstimmung 
mit meiner Erfahrung. 

In der Tic-Diskussion der Berliner Psychoanalytischen Ver- 
einigung 1921 betonte auch Härnik besonders die schon von 
Ferenczi erwähnte Ähnlichkeit zwischen traumatischer Neurose und 
Tic. — Abraham hat in dieser Diskussion hervorgehoben, daß die 
Objektrelation auch im Tic trotz seines narzißtischen Charakters wirklich 
vorhanden ist, und zwar als eine sadistische und anale. Abraham sagt: 

„Auf Grund meines Beobachtungsmaterials, das ich hier nicht im ein- 
zelnen anführen kann, erscheint mir der Tic als ein Konversionssymptom 
auf der sadistisch-analen Stufe . . . Der Tic steht an der Seite der Zwangs- 
neurose wie die Konversionshysterie neben der Angsthysterie. Er bedeutet 
eine Regression um eine Stufe tiefer als das hysterische Konversionssymptom, 
und ist der Katatonie mehr angenähert als die Hysterie. Er steht, wenn 
man so sagen darf, in der Konversionsreihe, nicht in der Angstreihe." 

In seinem Schlußwort will Abraham noch die Wichtigkeit der Ich- 
regression neben der Libidoregression unterstreichen. Er sagt, daß der Tic- 
kranke bis auf die Stufe „der reflektorischen Abwehr" regrediere. 



Zur Entstehung des Tics 95 



I 



In unserem Falle können wir sagen, daß die Tickranke in ihrer Ich- 
regression auf die Stufe des weinenden Kindes in der Urszene, in ihrer 
Libidoregression jedenfalls auf eine sadistische Stufe zurückgreift. Beide 
Arten der Regression sind freilich nicht scharf zu trennen. Das Weinen 
des Kindes bei der Urszene hängt ja wahrscheinlich schon mit seiner 
sadistischen Sexualauffassung zusammen. Wenn das spätere Leben Ver- 
sagungen bringt, regrediert die Libido zu verdrängten sadistischen Phantasien, 
und die Folge davon ist, daß die Urszene wieder mobilisiert wird. Das in 
der Urszene unterdrückte Weinen erscheint nun in doppelter Rolle in 
der Symptomatik : Tic und Zwang wollen den damals unterlassenen Impuls 
in der Neurose allmählich nachholen ; beide drücken aber auch gleichzeitig 
die gegenteilige Tendenz aus, das Weinen in genauer Wiederholung des 
Urerlebens abermals zu unterdrücken. Das Erleben selbst wird — der 
sadomasochistischen Libidoregression entsprechend — nach wie vor sadistisch 
perzipiert. Hier spielt auch das Schuldgefühl eine Rolle, das schon in 
der frühesten Kindheit den Sadismus in Masochismus verwandelt hat. 
Wichtig ist also jedenfalls, daß die Libido wirklich auf der sadistischen 
Stufe verharrt. Bei meiner Patientin war dies daran kenntlich, daß sie 
ihr ganzes Leben hindurch in ihrem Unbewußten an den Koitus nur in 
Form blutiger Mordphantasien dachte. 

Abraham will, wie schon erwähnt, im Tic ein Konversionssymptom 
sehen. Im Weinen ist — wie nach Freud in jeder Ausdrucksbewegung 
— zweifellos ein Normalvorbild des Konversionssymptoms zu erblicken. 
Jedes Reflexphänomen und jeder Affekt hat ja mit dem Konver- 
sionssymptom die Tendenz gemeinsam, innere Spannungen motorisch 
abzuführen. Der die Spannung verursachende Reiz kann ein äußerer oder 
innerer sein. Beim Tic war der Reiz ursprünglich äußerlich gegeben 
im Schreckerlebnis der Urszene. Er ist später verinnerlicht : Der Vor- 
stellungsinhalt ist verdrängt, behält gerade dadurch im Unbewußten seinen 
Schreckcharakter und wirkt nun von dort her als kontinuierlicher innerer 
Reiz, einem Triebreiz analog, der nach wie vor den gleichen Abfuhrweg 
sucht: das Weinen. In diesem Sinne ist der Tic tatsächlich ein 
Konversionssymptom. 

Abraham sagt noch, daß der Tic als Konversionssymptom wegen 
seiner tieferen Libidoregression der Katatonie näher ist als der Hysterie. 
In dieser Hinsicht verweise ich nur darauf, was von der Beziehung des 
Weinens zur sadistischen und speziell oralen Libidofixierung 
gesagt wurde. 



KASUISTISCHE BEITRÄGE 



Ein Fall von oralem Verfolgungswahn 

Von 

Gustav Bychowski 

Warschau 

Seit wir es in der Hand haben, das Licht psychoanalytischer Erkenntnis 
auf das weite Gebiet der Schizophrenie anzuwenden, sehen wir immer wieder, 
welche unschätzbare Quelle von Tatsachen, Befunden und Zusammenhängen 
sich uns in dieser Psychose offenbart. Sowohl der Aufbau des Ichs wie die 
primitivsten Positionen der Libido können hier in einer unvergleichlichen 
Reinheit gesehen und studiert werden. Insbesondere zeigt es sich, daß die bei 
der Gestaltung der typischen psychotischen Gebilde, wie z. B. der paranoiden 
Ideen, wirksamen Mechanismen durch die in jedem Falle verschieden betonten 
Partialtriebe eine besondere Prägung erhalten. 

Trotzdem ist es nicht häufig, daß bei einem Kranken nur ein einziger 
Partialtrieb gleichsam herauspräpariert erscheint und das ganze Bild beherrscht. 
Es dürfte darum von Interesse sein, den folgenden Fall, wo die Verfolgung 
einen ausschließlich oralen Charakter annimmt, eingehend zu schildern.' Es 
wird sich zeigen, welch komplizierte Mechanismen im Bereiche der oralen 
Stufe vor sich gehen können, vde man geradezu nicht nur von oraler Identi- 
fizierung, sondern von oraler Projektion sprechen kann. Im Anschluß 
an die Erörterung unseres Falles sollen dann einige Bemerkungen über sonstige 
Bedeutung dieser oralen, in das Gesamtgefüge mancher Neurosen eingebetteten 
Mechanismen eingeflochten werden. 

Der Patient, ein 55 jähriger Arbeiter, klagt ausschließlich über mannigfache 
Verfolgungen, denen er von allen Seiten ausgesetzt ist. Alle diese Verfolgungen 
sind im Grunde genommen einander sehr ähnlich. Wir wollen versuchen, 
die Klagen des Patienten in einer gewissen Ordnung darzustellen. 

Die Passanten „ziehen' seinen Kopf zusammen, sie saugen daran und da- 
durch trocknet der Kopf aus, eitert wie eine Wunde. Die Leute verderben 
ihm den Kopf, da sie Hunger haben. Zieht ihm jemand den Kopf zusammen, 
dann spürt er dies im Munde (dabei macht er eine Saugbewegung), ebenso 
wird er geschwächt und trocknet aus in den Händen, man rafft ihm den 
Muskel zusammen. Ein magerer Mensch trocknet einen dicken aus. Ein Passant 

1) Ich beobachtete den Fall auf der psychiatrischen Abteilung von Dr. W i z e 1. 



fmiforn^mmr 



Ein Fall von oralem Verfolgungswahn 



97 



neigt den Kopf nach hinten und zieht auf diese Weise den Patienten zu- 
sammen. Das äußert sich z. B. darin, daß jener einen dicken Nacken be- 
kommt, -während der Nacken des Patienten magerer ■wird. 

Nicht nur die Verfolgung hat einen exquisit oralen Charakter, auch die 
vom Patienten dabei verspürten Sensationen werden von ihm oral beschrieben. 
Er fühlt Hunger in den Händen, denn sie werden schwach, der Kopf ist 
hungrig und deshalb trocknet er aus. 

Auch rein psychische Erscheinungen entstehen auf diesem Wege der oralen 
Verfolgung: Einmal wurde sein Kopf aufgeblasen und leer, da fühlte er, daß 
er das Gedächtnis verliere. 

Die oralen Verfolgungen betreffen in starkem Maße auch die Sexual- 
beziehungen und -Organe. Frauen wollen dick und schön sein und darum 
saugen sie an ihm, raffen ihn mit ihrem Kopf und ihren Zähnen zusammen. 
Sein Glied ist hungrig und darum ist es so klein, das Weib frißt ihm mit 
ihrer Scheide das Glied nebst dem Hoden auf. Man muß mehr essen, damit das 
Glied stärker wird, besonders muß man mehr Milch trinken. Die Milch tut 
gut (er zeigt dabei auf seine Brust). Hat er sich voll gegessen, dann fühlt er 
sich als Mann, sonst ist er ein Weib. Das Weib fühlt sich hungrig wie eine 
Stute im Stall. 

Das Weib wurde aus des Mannes Rippe erschaffen, so nimmt es uns immer 
etwas weg, saugt uns aus, richtet uns zugrunde. „Es mästet sich und ich 
trockne aus." Durch den langjährigen Sexualverkehr trocknet das Weib ihren 
Mann aus. Wenn er eine Frau küßt, dann verkleinert sich ihr Mund, während 
der seine größer wird. Das Weib saugt bloß aus und tuts nicht an sich — 
ist eine Leiche. Dann sagt er aber das Gegenteil: Das Weib hat mehr Fleisch, 
größere, dickere Brüste, darum kann sie den Mann leichter fressen. Eine Dirne 
wird ihn auffressen, noch bevor er sich ihr genähert hat, und ihm sein Glied 
wegfegen, indem sie es mit ihrem Kopf in ihr Zahnfleisch aufnimmt. Sie 
wird ihm diese ganze Kraft rauben, diesen ganzen Muskel am Glied, diese 
Wärme, durch die es groß werden kann. — Auch die Bewegungen der Hände 
haben orale Bedeutung. Wir hören vom Patienten, daß man durch die Hand- 
bewegungen am meisten ausziehen und aussaugen kann. 

Auch der Patient nimmt teil, wenngleich nur unwillkürlich, an oraler Be- 
tätigung, die ihm aber, anders als seinen Verfolgern, schlecht bekommt. Wenn 
er an Verwundeten vorbeigeht und mit den Lippen zieht, dann bekommt er 
in den Mund die Schwellung ihrer kranken Füße und den Eiter ihrer Wun- 
den. Das Sehen zieht die Wunde aus, sie wird sofort kleiner, er aber ver- 
spürt einen schlechten Geschmack im Munde, als würde er an der Wunde 
saugen; sein Zahnfleisch verfault. 

Wie sich dem Patienten die verschiedensten menschlichen Beziehungen 
oral darstellen, dafür noch ein Beispiel: Der Kranke trocknet den Arzt aus, 
er ist dann ein Weib. Der Arzt büßt seine Gesundheit ein, da er sich be- 
müht, den Kranken zu erhalten. 

Wir sahen schon, daß die Handbewegungen an dem oralen Tun teilnehmen. 
Auch andere Organe sind in ihrer Betätigung gleich stark libidinös besetzt. 
Wir erfahren vom Patienten, daß für ihn der Genuß, den er bei mechanischer 
Arbeit verspürt, demjenigen beim Sexualverkehr gleicht, dieser aber derselbe 
ist, den er beim Beißen empfindet. Diesen Genuß empfindet er in den Lippen, 

Int. Zeitschrift f. Psychoanalyse, XVIi 



98 Gustav Bytfaowski 



Zähnen und in der Zunge, am meisten in den Zähnen und in der Zunge, 
als einer Feile. 

Nun kommen wir zu der oralen Darstellung der Beziehung Mutter — Kind, 
die von besonderer Beachtung erscheint und uns die für diese Psychose grund- 
legenden Mechanismen der Identifizierung und Projektion auf oraler Stufe 
vor Augen führt. 

Das Kind ist unschädlich, die Mutter ist es, die es aussaugt und zugrunde 
richtet. Er fühlt dasselbe vsrie ein Kind, und zwar jede Bew^egung der Eltern; 
auch hat er denselben verkleinerten Körper. Ist das Kind nahe bei der Mutter, 
dann spürt es jede ihrer Bewegungen; so ist's auch mit ihm. Mit dieser Be- 
wegung fixiert die Familie das junge Alter des Kindes. Auch er ist noch 
immer im jugendlichen Alter und fühlt sich, wenn er in seiner Familie ist, 
wie ein Kind. „Daß man an mir saugt, dadurch macht man mich einem 
Kinde gleich. Es ist dies die Familie, die mich zugrunde richtet und aus 
mir einen 15 jährigen Knaben macht. Die Mutter ist es, die mich zerbröckelt, 
damit sie große Brüste bekommt und das kleine Kind besser stillen kann. 
Sie richtet mich zugrunde und wird darum immer größer. 

Vermerken wir noch, daß der Patient auch seine Brüste als das Objekt 
der Verfolgung angibt. So sagt er, daß ein Geisteskranker mit Seinem Kopfe 
an seiner (des Patienten) Brust frißt, der andere hat einen dummen Kopf, 
während er selbst dumme Brüste hat. Er spricht von der Schwindsucht 
seiner Brüste. 

Fragen wir nach sonstigen Manifestationen der Oralerotik, so erfahren wir 
folgendes: Cunnilingus hat Patient nie ausgeübt; er küßt gerne, bis auf den 
Mund und die Brüste. Süßigkeiten hat er gerne; er spricht wenig. Würde 
bei einem Kuß auf den Mund das Weib ihm die Zunge in den Mund hinein- 
stecken, dann würde sich ihr Mund dabei wie eine unangenehme Wunde 
ausnehmen. 

Auf die Frage, ob er wohl gerne ein Säugling an der Brust sein möchte, 
antwortet er: nein, denn die Brust ist ekelhaft, sie riecht nach Schweiß, 
schon das kleine Kind fühlt einen Ekel davor und darum will es nicht 
saugen. Soweit der Patient. Fragen wir uns nun nach den Mechanismen, die 
diesem oralen Verfolgungswahn zugrunde liegen, so stoßen wir vor allem auf 
die deutlichen Hinweise betreffend der Identifizierung mit der Mutter. Die 
Libido des Patienten erscheint fixiert auf der oralen Stufe, wobei der orale 
Sadismus eine besonders große Rolle spielt. Entsprechend dieser Fixierung 
scheint das Ich, das ganze Persönlichkeitsbewußtsein zum Teil auf der Stufe 
eines saugenden Kindes verankert zu sein, und es ist bedeutsam, daß sich 
dies auch in dem Körpergefühl des Patienten kundgibt (er hat denselben ver- 
kleinerten Körper). Nun aber bezieht sich das, was der Patient von sich aus- 
sagt und was den Inhalt seiner Verfolgungen ausmacht, dem Sinne nach 
eigentlich auf die Mutter. Sie ist es ja die vom Kinde „ausgesaugt" wird. 
Die Einwirkungen der Mitmenschen, die der Patient an seinem Körper er- 
fährt, sind alle insgesamt nur Veränderungen, die die mütterliche Brust beim 
Stillen des Rindes erleidet, und so können wir unsere Angabe über die Identi- 
fizierung mit der Mutter dahin präzisieren, daß der Kranke sich mit der 
mütterlichen Brust identifiziert; wir sehen, wie wörtlich diese Formulie- 
rung zu fassen ist. 



Ein Fall von oralem Verfolgungswahn 



99 



In dieser Identifizierung liegt aber schon die Grundlage zu einer Trieb- 
umkehr und zur Projektion. Denn ist der Patient die mütterliche Brust selbst, 
dann kann er das Objekt derjenigen sadistisch oralen Triebregungen werden, 
deren Subjekt er von Anfang an gewesen und die bei ihm in einer beson- 
deren Stärke vorhanden waren. Diese Umkehr scheint nie vollständig voll- 
zogen zu sein, und so kann es geschehen, daß auch Patient an anderen saugt 
(wenn auch nur an ihren Wunden), oder daß er es im Munde spürt, wenn 
ihm jemand den Kopf „auszieht". Es scheinen sich hier Spuren des Kampfes 
des kleinen Kindes mit der Mutter als Milchspenderin erhalten zu haben. 
Bekommt schon der Patient ausnahmsweise etw^as, dann ist es nur etwas 
Schlechtes, Minderwertiges, ja sogar Schädliches. AUes Gute wird ihm im 
Gegenteil entzogen. 

Die Projektion der eigenen mächtigen, nicht genug bewältigten Trieb- 
tendenzen geht so weit, daß der Patient den Verfolgern nicht nur das Saugen, 
sondern dessen Begleittätigkeit zuschreibt; wir hören von ihm, daß man durch 
die Handbewegungen am meisten abziehen und aussaugen kann. Man glaubt 
da geradezu das kleine Kind zu sehen, das mit den Händen an der Brust 
zieht und ihren Inhalt auszupressen versucht. Das ganze Triebbild — wenn 
man es so nennen darf — des Patienten in einer gewissen Entwicklungsstufe 
erscheint projiziert auf die Umgebung. 

Man glaubt eine gigantische Wiederholung der zur Zeit des Saugens er- 
lebten Versagungen und Reaktionen vor sich zu sehen. Das vorhandene Mate- 
rial zwingt uns die Annahme auf, daß diese oralen Versagungen (vielleicht 
nicht nur die Entwöhnung allein) vom Patienten folgendermaßen verarbeitet 
wurden: Die Brust als Liebesobjekt introjizierte er und identifizierte sich mit 
ihr; dieser Prozeß muß ihm aber nicht restlos gelungen sein, sondern er 
vollzog sich sozusagen kontinuierlich, so daß der Patient jede neuerliche Weg- 
nahme als ein Attentat auf sich selbst, auf die inzwischen zu seinem Ich 
gewordene Brust, beziehungsweise Milch empfand. So wurde die Mutter aus 
der Spenderin zur Berauberin, hiermit zur Feindin. 

Diese Grundsituation scheint sich im schizophrenen Prozeß wörtlich wieder- 
holt zu haben. Und da erhebt sich die Frage nach dem Mechanismus der 
Auslösung dieser alten Reaktionen. Zugleich bedarf noch zweierlei einer Erör- 
terung. Es ist dies zunächst die Ausdehnung der Verfolgungen auf die ge- 
samte Umgebung, sodann die Ausdehnung der Oralsprache und Oralwahnideen 
auch auf die Sexualbeziehungen. 

Lassen wir zunächst die erste Frage beiseite und wenden uns zu der 
letzten, und da wird es von Bedeutung sein, auf die Klage des Patienten hin- 
zuweisen, die in seinem letzten an mich gerichteten Brief enthalten ist. 

Patient klagt u. a. darüber, daß ihn Frauen nicht lieben wollen. Die Ver- 
mutung liegt nahe, daß es eine Liebeversagung war, die in ihm die Erinnerung 
an jene erste orale Versagung wachrief. Seine Auffassung vom Sexual verkehr 
zeigt, daß er ihn auch als einen Kampf auf oraler Stufe auffaßt, wobei dem 
Weibe das absolute Übergewicht zukommt. Auch hier projiziert er auf das 
Weib die ganze Vehemenz seiner eigenen oral-kannibalistischen Triebtendenzen. 
Der Zusammenhang zwischen Brust, Milch und Penis erhellt ohne weiteres 
aus den oben angeführten Äußerungen. Wenn der Patient von seinem Gliede 
meint, es sei hungrig und darum klein, andererseits aber erklärt, er müsse 

7* 



100 J. H. Sdiultz 



viel Milch zu sich nehmen, damit das Glied stark wird, und sich schließlich 
noch beklagt, daß ihm das Weib die Kraft des Gliedes raubt, dann schließt 
sich die Kette und die Gleichsetzung von Penis und mütterlicher Brust tritt 
deutlich zutage. Man sieht, der Patient kann auch hier seine Introjektion 
und Indentifizierung gleichsam nicht bewältigen, er fühlt sich bedroht von 
einem Verlust, der für ihn ebensogut Kastration wie orale Versagung bedeutet. 
Die Milch wird gleichsam zu einer allgemeinen Lebenssubstanz und der ganze 
Körper gleichsam zu einer Brust, so daß schließlich der ganze Körper den 
gleichen Verfolgungen ausgesetzt erscheint. Ein ähnlicher Prozeß der Ver- 
allgemeinerung vollzieht sich an den Verfolgern, bis die meisten Mitmenschen 
die ursprünglich der Mutter und der Familie zugeteilte Rolle vollziehen. 

Ich vermag nicht zu entscheiden, inwiefern diese Generalisation vielleicht 
einem Bedürfnis der Verdrängung der sich ursprünglich auf die Mutter allein 
beziehenden Vorstellung entspringt — ähnlich einem uns aus der Traum- 
deutung wohlvertrauten Mechanismus. 

Die zuletzt besprochene Auffassung vom Sexualverkehr, die wir eine kanni- 
balistische nennen könnten, dürfte im Unbewußfen so manchen Neurotikers 
eine nicht unbeträchtliche Rolle spielen. So fand ich sie überaus deutlich 
in einem von mir analysierten Falle von schwerer Ejaculatio praecox, wo sie 
sich als eine sehr wichtige Determinante der Grundstörung erwies. Ich führe 
nur ein Traumbeispiel an: „Ich sehe ausgestopfte Tiere an der Wand. Ein 
Hund reicht sie mir, ich wende mich aber mit Ekel ab und sage, ich m.ache 
es allein." Hierzu assoziiert der Patient folgendes: Die Tiere sind Leichen, 
es ist dies der Leib der Mutter, den er sich einverleiben wollte. Jetzt 
fürchtet er, daß sie nun ihn absorbieren wird, es ist dies zugleich die Furcht 
vor der Wiederkehr in den Mutterleib. Während in der Genesungsperiode 
jegliche Spur von oraler Projektion rückgängig gemacht wurde, träumte und 
phantasierte der Patient, daß er dem Weibe genau so einen Penis in den 
Mund hereinsteckt, wie ihm die Mutter die Brust hereinlegte. Er meint, daß 
er nun auf diese Weise die Mutter stille. Die orale Fixierung an die Mutter 
determinierte so seine Sexualstörung mit, indem er unbewußt diese „Nahrung 
(Sperma) als nur der Mutter zukommend ansah und sie anderen Frauen vor- 
enthalten wollte. 

Diese Furcht vor der Einverleibung durch die mütterliche Vagina mag in 
manchen Fällen wie in diesem mit der Angst vor der Wiedergeburt, somit 
mit dem Geburtstrauma zusammenhängen. 



Symptompersistenz aus den ersten vier Lebens- 

wodien? 

Von 

J. H. Schultz 

Berlin 

Es braucht an diesem Orte nicht auseinandergesetzt zu werden, daß die 
Mehrzahl psychoanalytischer Tatsachenfindungen und Prinzipienklärungen lang- 
wierige Einzelbearbeitungen eines nach Möglichkeit umfassenden Materiale« 



Symptompersistenz aus den ersten vier Lebenswodien? 



10t 



zur unerläßlichen Voraussetzung haben. Gelegentlich aber läßt eine Einzel- 
beobachtung bestimmte, prinzipiell wichtige Punkte mit einer so unausweich- 
lichen Deutlichkeit erkennen, daß ihre Veröffentlichung auch neben der Bear- 
beitimg größerer Zusammenhänge berechtigt erscheint. 

Eine solche Beobachtung soll hier kurz mitgeteilt sein. Es handelt sich um 
ein jetzt vierzehnjähriges, in geringem Grade manifest-neurotisches Mädchen, 
dessen Mutter einer Depression wegen seit zwölf Monaten in analytischer 
Bearbeitung steht. Die Kleine hat zwei ältere, unaufiällige Schwestern; ein 
ältester Bruder ist vor längerer Zeit verstorben, von den Kinder-, Jugend- und 
Eheschicksalen, die der Neurose der Mutter zugrunde liegen, blieb sie nach- 
weislich direkt unberührt. Gesundheitlich nahm sie schon bei der Geburt eine 
seltene Sonderstellung ein, indem sie mit einem angeborenen absoluten Pyloro- 
spasmus zur Welt kam, der jede Nahrungsaufnahme unmöglich machte. Mit 
dreieinhalb Wochen wurde sie operiert und gelangte mit vier Wochen zu 
normaler Nahrungsaufnahme, gutem Gewichtsgewinn und störungsfreier körper- 
licher Entwicklung. Die Nahrungsaufnahme wurde niemals eingeschränkt. 
Um so mehr fiel es der durch jahrelange Fürsorgetätigkeit und durch Beobach- 
tungen an den älteren Kindern erfahrenen Mutter auf, daß bei sehr zeitigem 
Beginn geordneten Sprechens mit etwa 18 bis 20 Monaten das Kind deutlich 
ängstliche Unruhe zeigte und von „Hunger" sprach. Im dritten Lebensjahr 
zeigte sie plötzlich eine unerklärliche Verstimmung und sagte: „Gute Muttis 
dürfen ihre Kinder nicht hungern lassen." Es ist im weiteren Lebensverlauf 
eine durch zahlreiche Beobachtungen an diesem Kinde gesicherte Erfahrung, 
daß das gut essende und wohlgenährte Kind auf jede Störung des Wohlbefindens 
stereotyp mit einer „Verhungerungsphobie antwortet. Besonders deutlich trat 
dies hervor, als es einmal eines Appendizitisverdachtes wegen auf Diät gesetzt 
wurde — es war damals zwölf Jahre alt — und ihm auch von der Möglich- 
keit einer Operation gesprochen wurde. Es zeigten sich keinerlei irgendwelche 
ängstliche Reaktionen der Operation w^egen, sondern nur w^ieder ein stereotyp- 
angsthaftes Klagen und Fragen wegen des Verhungerns. Irgendwelche Zeichen 
von „Futterneid oder besonderem Wählerischsein im Essen traten nie hervor; 
die Kleine gönnt ihren Geschwistern und Eltern gerne auch Bevorzugungen 
in der Beköstigung. Notwendig ist zur Auslösung des Symptomes der Zusammen- 
hang mit irgend einem Krankheitsgeschehen oder mit Ärzten. So ist auch 
diese Tochter die einzige, die in oft starke Erregung kommt, wenn die 
Mutter orale Verweigerungstendenzen manifestiert und nicht essen kann, obwohl 
alle drei Schwestern mit ihrer Mutter in ganz besonders naher und zärtlicher 
Beziehung vollen Vertrauens und echter Anteilnahme stehen. Das Kind projiziert 
dann in sehr durchsichtiger Weise auf die Mutter und äußert in starker 
Erregung die Besorgnis, die Mutter könne verhungern. 

Da das Schicksal der Familie vielfachen Sorgen und Belastungen ausgesetzt 
war, kann die Mutter mit Bestimmtheit angeben, daß der angeborene Krankheits- 
zustand dieser Tochter und sein Verlauf nur in der damaligen Aktualität 
Gegenstand von Erörterungen war. Da das Kind nach Abschluß des ersten 
Lebensmonates hinsichtlich seiner Ernährung keinerlei Schwierigkeiten machte 
und auch im sonstigen Familienkreise nichts Dahingehendes geschah, bestand 
auch von anderen Seiten her niemals ein Anlaß, die Frage des Essens irgendwie 
in den Vordergrund zu rücken. Zudem lassen die eigenartigen Beobachtungen 



102 Midiael Josef Eisler 



aus der Zeit des ersten Spracherwerbes einen sehr früh infantilen kontinuierlichen 
Zusammenhang mit der Katastrophe des ersten Monates erkennen. 

Da das Kind sich in einem praktisch ausreichenden psychisch-nervösen 
Gleichgewicht befindet, bestand kein Grund, mit ihm selbst in einen psycho- 
analytischen Kontakt zu treten. Nach der eingehenden charakterologischen 
Schilderung der Mutter sind bisher keine Züge deutlich geworden, die einer 
Fehlentwicklung oder Fehlverarbeitung oraler Tendenzen psychoanalytisch 
zuzuordnen wären. Doch ist damit gewiß nicht behauptet, daß nicht ein- 
gehende psychoanalytische Erforschung hier anderes zeigen würde. 

Wir fassen zusammen: Bei einem manifest nicht deutlich neurotisch ver- 
änderten vierzehnjährigen Mädchen zeigt sich in steter Bereitschaft und mit 
spezifischer Auslösung durch die Situation Krankheit— Arzt ein phobischer 
Komplex, der mit dem Katastrophenerlebnis der ersten vier Lebenswochen 
(Verhungern wegen Pylorospasmus) inhaltlich völlige Deckung zeigt und sich 
bereits in früher Infantilzeit (Sprachbeginn) auffällig bemerkbar macht. Die 
Beobachtung erscheint psychoanalytisch und allgemein kinderpsychologisch 
bemerkenswert. 

Über wahnhafte Selbstanklagen' 

Von 

Michael Josef Eisler 

Primararzt in Budapest 

Man wird als Vertreter der Psychoanalyse nicht selten in die Lage ver- 
setzt, sein Wissen an Fällen zu erproben, die zunächst nicht leicht in eine 
der geläufigen Kategorien eingereiht werden können. Abgesehen davon, daß 
die Erfahrung uns immer w^ieder mahnt, die Systematik der Neurosenformen 
nicht allzu starr zu nehmen, sind wir des öftern gezwungen, mit der Diagnose 
zu warten, bis wir das Erscheinungsbild einer Krankheit näher studiert 
haben. Das ist durchaus kein Mangel, den man uns vorwerfen kann ; bezeugen 
doch selbst gewiegte Psychiater, daß sie in gewissen Fällen meist erst durch 
den Verlauf der Seelenstörung über deren Wesen Aufschluß erhalten. 

Der zu Bericht stehende Fall betrifft einen 2 7 jährigen Mann, dessen 
Neurose unmittelbar vor Abschluß seiner akademischen Studien ausbrach. Die 
Entwicklung des Leidens war, von geringen Vorsymptomen abgesehen, eine 
ziemlich rasche gew^esen. Es machten sich abwechselnd Verstimmtheit und 
Aufregung bemerkbar, denen sich zeitweise Schlafunruhe und Herzklopfen 
anschlössen. Alsbald begann er zu klagen, daß er nicht w^eiterstudieren könne, 
weil er den Lernstoff nicht behalten könne ; er werde darum am Termin 
der letzten Prüfung noch nicht vorbereitet sein. Spät sei er zu der Einsicht 
gelangt, daß er seinen Beruf verfehlt habe. Diese andauernden und oft maß- 
losen Selbstanklagen hinderten ihn keineswegs, die Vorbereitungen zum ab- 
schließenden Examen, wenn auch mit Stockungen, fortzusetzen. Es liegt auf 

1) Vortrag auf der IX. Tagung Ungarischer Psychiater am 9. November 
1926 in Budapest. Die Darstellungsform versuchte dem besonderen Anlaß und der 
vielfach nicht analytisch interessierten oder eingestellten Zuhörerschaft Rechnung zu 
tragen. Eine gewisse Breite der Ausführungen war dadurch unvermeidbar. 



über wahnhafte Selbstanklagen 103 

der Hand, daß sich hierin ein prognostisch nicht ungünstiger Zug kundgab. 

Die Analyse wurde durch ein Ereignis veranlaßt, das mir erwähnenswert 
scheint, weil es einen Beitrag zum Verständis des Falles bildet. Eines Nachts 
wurde ich in Eile zu einem alten, sehr gebrechlichen Mann gerufen, den 
ich zitternd, zähneklappernd und vor Erregung der Sprache nicht mächtig 
vorfand, indes die Familienmitglieder sein Bett händeringend und verzweifelt 
umstanden. Die alarmierenden Erscheinungen schwanden bald ; sie waren, 
wie sich nachher ergab, der pathologische Ausdruck einer stark unterdrückten 
Wut gew^esen. Als rationalen Beweggrund gab man mir an, der alte Herr sei 
des einzigen Sohnes wegen in großer Sorge, da dieser — Anwärter einer 
hochangesehenen Kanzlei — ■ knapp vor Erwerb des Diploms innerlich 
zusammengebrochen war. Dieser Sohn hege nun Zweifel an seiner Eignung 
zum gewählten Beruf, sei darum ängstlich und aufgeregt und quäle jetzt sich 
und die Umgebung mit endlosen Klagen. Der Zustand wäre sicherlich Folge 
eines Liebesverhältnisses, das kurz vorher zu einem Bruch geführt hatte. 
— Im Anschluß an diesen Krankenbesuch forderte mich die Familie auf, meine 
Aufmerksamkeit dem jungen Mann zuzuwenden. 

Mein Eindruck blieb lange unklar. Weder die Vorereignisse noch das 
Wesen der Erkrankung selbst ließen sich rasch erfassen. Vielleicht war auch 
eine gewisse Tendenz zur Verschleierung der Zusammenhänge vorhanden, was 
bei jeder psychischen Störung der Fall ist und als Erfolg des pathologischen 
Verdrängungsprozesses angesehen werden kann. Vor allem beherrschten die 
Selbstanklagen das Feld. Ich werde sie später dem vollen Wortlaut nach 
wiedergeben. Sie waren merkwürdig durch ihre zähe Monotonie, sodann 
durch einen gewissen Zug von Undurchdringlichkeit, der ihnen 
anfänglich anhaftete. Bei aufmerksamem Zuhören konnte man sich nicht des 
Eindrucks erwehren, daß es sich hier um etwas anderes handelte. 
Eine Schwierigkeit erwuchs auch aus dem wenig mitteilsamen, ja verhaltenen 
Wesen des jungen Mannes, der die Grundregel der freien Assoziation zunächst 
überhaupt nicht befolgen konnte. Eine solche Einstellung zur Heilprozedur 
hat einen doppelten Sinn. Sie ist erstens Folge jener völligen Hingabe an das 
Krankheitsgefühl, welches die verfügbare Seelenenergie fast restlos in Anspruch 
nimmt, dann aber ein Zeichen dafür, daß die Fähigkeit und der Wunsch 
zur Selbstkritik vorläufig noch schwach belebbar waren. Wir nennen diesen 
Zug, der die Symptome ungemein verstärkt, einen narzißtischen; die 
heutige Psychiatrie würde ihn mit einem anderen Terminus aus ihrer reichen 
Nomenklatur belegen. 

Es wäre verfehlt, gegen eine derartige Äußerung der Neurose mit irgend 
einer verfrühten Maßnahme aufzutreten. Handelt es sich doch um eine akute 
Erscheinung, die ihre festgelegte Ablaufsdauer hat. Solches wurde mir klar, 
als ich versuchte, auf der vorgeschriebenen Arbeitsweise zu bestehen. Der 
junge Mann sah in der Analyse vorläufig nur ein Beruhigungsmittel. Er 
machte mich zum Mitwisser seiner inneren Nöte, wollte aber von mir offenbar 
das Gegenteil seiner Selbstbeschuldigungen hören. Sein Betragen hiebei war 
merkwürdig und zugleich schwankend. Meine wohlgesinnten Zweifel nahm 
er dankbar entgegen, spürte er jedoch eine Neigung bei mir, ihm mehr oder 
weniger Glauben zu schenken, dann suchte er sich eiligst an Gewährsmänner 
zu erinnern, die ihm das Gegenteil versichert hatten. Den einzig richtigen 



104 Michael Josef Eisler 



Standpunkt konnte er vorläufig mit mir nicht teilen : für mich schienen 
diese seine Selbstvorwürfe inhaltlich' wohl unberechtigt, aber sie hatten 
ihren guten Sinn. Der letztere ließ sich fürs erste nicht ermitteln. Von 
dieser Phase der Behandlung läßt sich in einem summarischen Bericht kaum 
ein klares Bild geben, sicherlich aber war das geduldige Anhören der Sturz- 
bäche jener Klagen das Hauptmoment darin. 

Indessen hob ich einen bedeutsamen Krankheitszug hervor, dessen Er- 
örterung den Patienten näher an die Situation in der Analyse brachte. Die 
positive Übertragung, die ja vom Anfang her wirksam war, konnte hier mit 
einem Male einer tieferen Beeinflussung den Weg bahnen. Der Patient gehörte 
zu den Menschen, die stets auf ihr Ansehen bedacht sind und dem Urteil der 
Gesellschaft über ihre Person ein hohes Gew^icht beimessen. Um so merk- 
würdiger war es, daß der Patient sein Mißgeschick urbi et orbi ver- 
kündete. Hierin gab sich zvvreifellos ein verborgenes Schuldgefühl kund, welches 
durch diese lauten, ja, überlauten Selbstanklagen gleichsam Rechtfertigung oder 
Erleichterung vor sich zu finden suchte. Mit der Aufdeckung eines solchen — 
unbewußten — Strafbedürfhisses ist das Rätsel der Seelenstörung gewiß nicht 
gelöst, aber indem der Analytiker den Finger auf diese geheime Seelenwunde 
legen durfte, gewann er als Vertreter der Außenwelt eine gevsrisse Macht. Es 
zeigte sich später, daß die Annahme, ein starkes Schuldgefühl sei am Zu- 
standekommen der Neurose beteiligt, sehr berechtigt war. Gleichzeitig gelang 
es mir, den Patienten auf eine besondere Zwiespältigkeit in seinem Wesen 
aufmerksam zu machen. Ich legte ihm nahe, daß er mit seinen hartnäckigen 
Klagen wohl ein Gefühl der Minderwertigkeit in die Welt schrie, 
es innerlich aber gewiß verneinte. Ein solcher in sich gespaltener Typ ist 
unter den Neurotikem gar nicht selten und auch schon wissenschaftlich be- 
schrieben w^orden.^ 

Ich versuche nun, einige Charakterzüge zu zeichnen, deren Kenntnis im 
Gesamtbild des Falles nicht fehlen darf. Der junge Mann war eine passive 
Natur, dem es Bedürfnis w^ar, andere um sich bemüht zu wissen, während 
ihm zugleich die Spontaneität fehlte, aus sich selbst tätig herauszutreten. Trotz 
seiner vielseitigen Verpflichtungen, die unter den jungen Leuten seines Standes 
mit einer Art Führerschaft verbunden waren, zog er ein ereignisloses Leben 
vor. Es w^ar daran in erster Reihe sein empfindlich ausgebildetes Rivalitäts- 
gefühl schuld, das auch in den Klagen Ausdruck fand. Er konnte sich nicht 
verzeihen, daß ihm Freunde, denen er als Vorbild galt und die sich im ge- 
sellschaftlichen Verkehr um seine Gunst bewarben, den Rang bei Beendigung 
der Studien abgelaufen hatten. Zurücksetzungen irritierten ihn stark, doch ver- 
rieten dabei seine Beziehungen zur Umwelt eine geringe Gefühlshaftung. Er 
Vfar eine bequeme und dem Wohlleben ergebene Natur. Für geistige An- 
regungen, wofern sie ihm fertig zugebracht virurden, schien er nicht unemp- 
fänglich; ein selbständiger Bildungstrieb ging ihm völlig ab. Solche Charakter- 

i) In der Entwicklung der Psychiatrie gab es eine Epoche, wo man die Inhalte 
der Wahnbildungen als ganz nebensächliche für die Auffassung vom Wesen der Er- 
krankurig hielt. (Vgl. Kehrer-Kretschmer: Die Veranlagung zu seelischen 
Störungen. Berlin 1924.) 

a) W. Reich: Zwei narzißtische Typen. Internat. Zeitschr. für PsA., 1922, 
S. 456. 



über wahnhafte Selbstanklagen I05 

züge haben natürlich im Triebleben eine lange Vorgeschichte, auf die ich 
jetzt nicht eingehen kann. 

Die Schlafunruhe des jungen Mannes, an sich gering, trat hinter den Selbst- 
beschuldigungen weit zurück. Hingegen mußten die Herzbeschwerden als 
nervöses Symptom ernster bewertet werden. Sie hatten einen „traumatischen 
Ursprung und ihr seelischer Hintergrund spielte im Vorbereitungsprozeß der 
Krankheit eine gewisse Rolle. Der junge Mann war im Feld gewesen und 
befand sich bei Ausbruch der Revolution in Rußland. Er versah damals in 
einem verlassenen Dorf der Ukraine den Dienst eines Stationsoffiziers. Seine 
Mannschaften waren an verstreuten Punkten zur Wache bestellt, er selbst 
hauste im Hotel der Ortschaft und schlief nachts hinter gut verschlossenen 
Türen. Er hatte damals den besten Freund verloren, der durch einen 
mörderischen Schuß aus dem Hinterhalt getötet worden war. Einmal nun 
wurde er von zwei betrunkenen Aufständischen förmlich belagert und in dieser 
arg bedrängten Situation fürchtete er schon, ebenfalls vom Schicksal des 
Freundes ereilt zu werden. Seit jener schrecklichen Nacht reagierte er auf 
jedes beunruhigende Erlebnis mit Herzklopfen. Es ist anzunehmen, daß diese 
latente Ängstlichkeit, ein Zeichen seiner untergrabenen psychischen Wider- 
standskraft, in der Struktur der Neurose aufgegangen war. Als die Klagesucht 
überhand nahm, trat auch dieses Symptom zurück. 

Noch fehlen uns die eigentlichen Daten der Krankheitsveranlassung. Sie 
betreffen vor allem die wichtigsten Lebensumstände der Zeit, da die Störung 
eingetreten war und sind für das volle Verständnis des Falles unerläßlich. Es 
ist ein unbestreitbares Verdienst der Psychoanalyse, daß sie diesen „konstella- 
tiven Faktor (Erlebnis und Milieu) vollauf zu würdigen gelehrt hat. Nam- 
hafte Psychiater, wie E. Kretschmer' und F. Kehre r,'^ haben sich ihn 
zu eigen gemacht und seine Wichtigkeit für die Pathogenese einzelner Krank- 
heitsformen anerkannt. In der Konsequenz der Durchführung aber weicht die 
Psychoanalyse von diesen Forschern ab. Es gibt Fälle, bei denen die aktuellen 
Anlässe allein schon das Verständnis der Neurose vermitteln, in anderen spielt 
die Erlebnisschichtung eine Rolle, die sich durch gleichmäßig wieder- 
holte Reaktionen des Charakters auf äußere Eindrücke kundgibt. Im wesent- 
lichen ist dieser Zug bei allen seelischen Erkrankungen vorhanden und es 
ergibt sich für die Tiefenpsychologie die Aufgabe, den organischen Zusammen- 
hang der einander folgenden und innerlich verbundenen Erlebnismomente auf- 
zudecken. Auch im psychischen Geschehen obwaltet ein durchgehendes Gesetz. 
Der Sinn funktionaler Symptome ist einzig aus der Gesamtheit der Lebens- 
daten abzuleiten 

Indem ich nun an die Darstellung der konstellativen Verhältnisse heran- 
trete, muß ich wiederholen, daß sie für die Analyse immer nur in Bruch- 
stücken erreichbar sind, deren deutlicher Zusammenhang sich erst viel später 
erweist. Der summarische Vortrag mag die hiebei geleistete Arbeit wenigstens 
in Umrissen ahnen lassen. 

In erster Linie soll uns die von den Angehörigen bereits erwähnte Liebes- 

1) Der sensitive Beziehungswahn. — Ein Beitrag zur Paranoiafrage und lur 
psychiatrischen Charakterlehre. Berlin 1918. 

2) Archiv f. Psychiatrie u. Nervenkrankheiten, Bd. LXV. — Zeitschr. f. die gas. 
Neurologie und Psychiatrie, Bd. LXXXV. 



106 Midiael Josef Eisler 



affäre beschäftigen. Eine von Ehebanden befreite vorurteilslose Dame der 
Gesellschaft hatte Gefallen an dem jungen Mann gefunden und -wecr seine 
Freundin geworden. Nicht ohne Überraschung erfuhr ich, daß dieser gewandte 
und sicher auftretende Patient im Grunde recht befangen war. Die Werbung 
überließ er dem weiblichen Partner. Nur in einer Hinsicht wies seine unent- 
schlossene erotische Objektwahl einen festgelegten Zug auf: Er nahm unbedenk- 
lich die Rolle des „Nächstfolgenden" auf sich. Seine Freundinnen waren ehe- 
dem die seiner Kameraden gewesen. Das ist kennzeichnend für einen gewissen 
Männertyp, ebenso die Geneigtheit, sich vom Weibe umwerben und nehmen 
zu lassen, also den „Verführten" zu spielen. Grobe Funktionsstörungen in der 
Sphäre des Sexuellen kamen bei ihm niemals vor, nur die seelischen Vor- 
bedingungen waren in der aufgezeigten Richtung eingeengt. Die psychoanaly- 
tische Auflösung dieser gewiß nicht seltenen Gefühlsunterbringungen war nur 
teilweise durchführbar. Für den Kundigen ist es offenbar, daß sich die ent- 
gegengesetzten Affektbindungen an den Vater [eine erotische Fixierung ver- 
lötet mit der Rivalität] hierin kundgaben. Man wird das alsbald leichter ver- 
stehen. Die neue Freundin war dem jungen Mann an Liebeserfahrung und 
Leidenschaftlichkeit überlegen, aber sie wußte seine übrigen Vorzüge, insbe- 
sondere seine Arriviertheit in der Gesellschaft, zu schätzen und wollte deshalb 
seine Frau werden. Sie rechnete hiebei mit gewissen Vorkommnissen in seiner 
Familie, die noch nicht erwähnt wurden und ihren Absichten Vorschub 
leisteten. Eine Verbindung mit ihr hätte ihn materiell unabhängig gemacht 
und daher dem Zwange enthoben, als Gesellschafter beim Vater einzutreten. 
Diese Verlockung war nicht gering, seine Eitelkeit sagte ihm jedoch, daß er 
sich durch eine solche Ehe vor der Welt bloßstellen würde. Es kam zu auf- 
regenden Szenen zwischen beiden, einmal zu einem Selbstmordversuch der 
Freundin. Daß sie ihn nicht umstimmen konnte, hatte übrigens noch einen 
anderen Grund. Bevor der Bruch mit der Geliebten endgültig wurde, lernte 
er ein junges und vornehmes Mädchen kennen, das sich dem hübschen Manne 
werbend näherte und ihm Chancen auf ihre Hand machte. Wiederum standen 
auch hier Momente aus seinem Familienleben der Verwirklichung dieser ver- 
heißungsvollen Aussicht entgegen. Halten wir fest, daß aus beiden so sehr 
verschiedenen Liebesbeziehungen schließlich ein geheimer Groll gegen die 
eigenen Angehörigen in ihm erwuchs. Dies wird uns bald den Schlüssel zum 
Verständnis der Neurose liefern. 

Neben der Liebesgeschichte darf eine Reihe nicht ganz durchsichtig ge- 
machter Vorfälle zu den vorbereitenden Motiven der Neurose gezählt werden. 
Im Hintergrunde war da eine Duellgeschichte, in welche der junge Mann an 
Stelle eines anderen verwickelt worden war und die mit einer Gesichts- 
verletzung ausgegangen war. Es handelte sich um den guten Leumund eines 
Mädchens. Der Streit fand dann seine Fortsetzung vor Gericht. Ein Kamerad 
zeugte gegen ihn und er mußte dann eine ehrenrührige Verurteilung er- 
warten. Das gefürchtete Verfahren wurde zwar später eingestellt, aber die 
gestörte Eigenliebe des Patienten kam noch lange nicht zur Ruhe. Soweit ich 
die Verhältnisse überschauen kann, finde ich hier die flüchtigen Ansätze zur 
Bildung einer Wahnidee vor, die von der Wirklichkeit rechtzeitig korrigiert 
wurde. Immerhin führte das Erlebnis zu einer Beeinträchtigung seines Selbst- 
gefühls und kehrte in den Anklagen wieder: „Warum habe ich mich dem 



über wahnhafte Selbstanklagen lo7 

falschen Kameraden so vertrauensvoll ausgeliefert?" Es mutet fast wie eine 
Liebesenttäuschung an. — Auch die sonstigen Freundschaften des Patienten 
verrieten eine schw^ankende seelische Grundlage; sie waren ambivalent, 
d. h. zwischen offener Neigung und verborgener Haßregung pendelnd. Zu 
den Freunden zählte auch der Schwager seiner Geliebten, der ihm einst ver- 
pflichtet war, sich jedoch später von ihm entfernte. Die wachsenden Erfolge 
dieses Schwagers irritierten jetzt den jungen Mann. Wir können es häufig 
beobachten, daß die stets vorhandenen geheimen Rivalitätsgefühle aufflackern, 
sobald der Mensch seiner inneren Schwäche gewahr wird. Noch richtiger 
läßt sich sagen, daß solche Gefühle an Stelle der regulierenden Selbstkritik 
auftreten und ihren Platz usurpieren. Freundschaften hatten für den Patienten 
immer einen ungemeinen Seelenwert bedeutet, insolange sie seiner Selbstliebe 
schmeichelten; sie spielten bei ihm sicherlich eine größere Rolle als die Liebe 
zum Weibe. Dagegen schlugen sie leicht ins Gegenteil um, wenn er fühlte, 
daß man ihm die "Anerkennung entzog. Es war merkwürdig zu beobachten, 
wie sehr der Patient gerade dem zuletzt erwähnten Freunde gegenüber mit 
verdeckten Haßgefühlen zu kämpfen hatte, die genau besehen durchaus irra- 
tional waren. Erinnern wir uns, daß auch die Selbstanklagen einen ähnlichen 
Zug aufwiesen. Es wird sich zeigen, daß beide Symptome (Haß und Klage- 
sucht) einen dynamischen Zusammenhang haben. 

Es ist an der Zeit, die eigentliche Sprungfeder der Neurose aufzudecken. 
In Anbetracht der narzißtischen Einstellung des Patienten zu allen Lebens- 
aufgaben mußte hier ein tüchtiges Stück Arbeit getan werden, um die Wahr- 
heit an den Tag zu fördern. Handelte es sich doch um tiefgehende Zerwürf- 
nisse in seiner Familie, die der junge Mann lange zu verheimlichen suchte. Sein 
Vater war Inhaber einer sehr einträglichen Ranzlei, die er in einer 40jährigen 
Tätigkeit hochgebracht hatte. In den letzten Jahren, als zwei erwachsene 
Töchter ihre Ausheirat erwarteten, mißglückten einige Geschäftsoperationen 
und das Privatvermögen der Familie ging verloren. Diesen Unternehmungen 
stand der Sohn ferne, er hatte sogar, seinem pessimistischen Hange folgend, 
zur Vorsicht gemahnt. Als die Sache nicht gut ausging und der alte Herr, die 
Zukunft der Familie bedenkend, nicht unberechtigte Vorwürfe gegen sich laut 
werden ließ, verfiel auch der Sohn in dieselbe Tonart. In solchen von ver- 
haltenen Zornregungen begleiteten Auftritten waren jene inneren Konflikte 
gegeben, aus welchen sich die Neurose gestaltete. 

Nun können wir bereits ein zureichendes Bild von der Seelenverfassung 
des Patienten in der Zeit des Krankheitsausbruches entwerfen. Er steht vor 
Abschluß seiner Studien und soll in Bälde den Beruf des Vaters teilen. Dieses 
ganz nahegerückte, ihm so begehrenswerte Ziel hat aber inzwischen seine 
Anziehungskraft verloren. Es ist nicht mehr die ersehnte Nachfolgschaft, 
sondern eine unbequeme Pflicht, welche Arbeit und Verantwortung bedeutet. 
Der Vater ist alt, kann heute oder morgen sterben, und da kein Vermögen 
Mutter und Schwestern sicherstellt, wird ihm die Aufgabe ihrer einstigen Ver- 
sorgung zufallen. So beschwerlich hat er sich sein künftiges Leben doch nicht 
gedacht. Er könnte allen diesen Verpflichtungen ausweichen, wenn er bloß 
das Lernen aufgeben würde. Auch eine Heirat mit jener reichen Freundin 
könnte ihm über alle Zukunftsschwierigkeiten hinweghelfen, nur bezüglich 
ihres Rufes müßte er dann weniger Skrupel haben. Immer wieder taucht der 



^^ Midiael Josef Eisler 



Gedanke auf, vom Studium zurückzutreten, dessen Abschluß ja ein Zusammen- 
arbeiten mit dem Vater bedeutet. Wie leicht könnte geschehen, daß er 
angesichts jeder neuen Unbequemlichkeit im Leben ausfällig gegen ihn sein 
müßte, weil er dem Vater den Verlust des Familienbesitzes und die Schmäle- 
rung ihres Ansehens nie vergessen wird. 

Man sieht, die Empfindungen des jungen Mannes sind auf eine sehr 
harte Probe gestellt. Seelisch unkomplizierte Naturen, die einzig über primi- 
tive Gefühlsreaktionen verfügen, würden sich in solcher Lage unvermeidlich 
zu einer aggressiven Handlung hinreißen lassen. Dieser Ausweg ist hier durch 
ein höher entwickeltes Selbst (Ichideal) verlegt. Zwar besitzt der Kulturmensch 
scharfe und verletzende Worte, die verpönte Rachehandlungen ersetzen könnten, 
aber es gibt Situationen, wo auch die Anwendung dieses Auskunftsmittels 
versagt ist. So wird das von wiederstrebenden Regungen hart bedrängte Indi- 
viduum schließlich Beute der Neurose. 

Ich glaube den Zusammenhang der Symptome in unserem Fall nunmehr 
verständlich gemacht zu haben. Es sind bei dem jungen Mann durch Ver- 
kettung beklagenswerter Erfahrungen anstößige Phantasien gegen den Vater 
geweckt worden, von denen er nichts wissen will und die er unterdrücken 
muß; sie beginnen nun sich gegen seine eigene Person zu richten. An Stelle 
der aggressiven Vorwürfe treten Selbstanklagen, die durch die Wendung 
gegen das eigene Ich jedoch nichts an Heftigkeit und Hartnäckigkeit verloren 
haben. Der Patient wiederholt da einen Prozeß, den der Mensch in seiner 
Entwicklung zur zivilisierten Natur einmal erlernen mußte, als er die ursprüng- 
lichen Aggressionsneigungen durch Verdrängung zu erledigen hatte. Die patho- 
logische Symptombildung bedeutet einen Rückfall auf eine Durchgangsstufe 
der psychischen Entwicklung. Der primäre Affekt gewinnt jetzt die Oberhand, 
läßt sich aber durch andere Seelenmächte, denen die Aufgabe der Hemmung 
obliegt, in seiner Richtung modifizieren. 

Halten wir an diesen Einsichten fest, so werden wir einzelne Formulie- 
rungen der Selbstanklagen besser verstehen. „Selbst wenn ich mein Diplom 
habe, ist mir nicht geholfen; ich weiß ja nicht, wie lange der Vater noch 
leben und mein Ratgeber sein wird ..." In solche Worte verlegt der Patient 
die Aussichtslosigkeit seiner Zukunft. Es ist unverkennbar, daß sich hinter 
diesen Befürchtungen verkappte Todeswünsche gegen den Vater erhalten haben, 
also VorsteUungen, die für das Bewußtsein unerträglich sind. Die Verschleierung 
erfolgt nach zweierlei Mechanismen. Erstens durch den der „Verschiebung 
auf eine andere Person". So wurde z. B. der erwähnte Freund gleichsam zum 
Sündenbock für solche Phantasien. Zweitens wird versucht, das Gewissen 
durch Klagen von deutlichem Gegenwert zu entlasten. „Ich hätte meinem 
Vater glauben sollen, als er mich vor den Freunden warnte, die mich in die 
Duellgeschichte hineingezogen haben." Hier wird die Person des Vaters, 
richtiger ihr Wert absichtlich erhöht. Es würde zu weit führen, eine Paral- 
lele zwischen diesen sich ergänzenden oder aufhebenden Klagen und den 
sog. „zweizeitigen Symptomen" bei der Zwangsneurose zu ziehen, durch welche 
eine verdrängte Regung ungeschehen gemacht werden soll.' Im übrigen nehmen 

Bd "xn"" ^" ^' *'-^'"™"°^' Symptom und Angst. Wien, 1926. S. 56-57. (Ges. Schriften, 



wir mit Genugtuung zur Kenntnis, daß eine der krankhaften Äußerungen 
sozusagen als Versöhnungsversuch aufgefaßt werden kann. Der Patient gibt 
trotz seiner Klagen den Vater für sich nicht auf. Der verdrängte Haß konser- 
viert da die Beziehung zum Liebesobjekt, das der Vater einst war. 

Noch klarer wird uns das Bild dieser Neurose entgegentreten, wenn vnr 
uns bemühen, aus der Geheimsprache der Selbstanklagen ihren un verhüllten 
Sinn herauszuhören. Was sie im Grunde verschweigen, läßt sich in die 
despektierlichen Sätze fassen: „Nur der Vater ist an meinem Unglück schuld. 
Er war so unvorsichtig gewesen, unser Vermögen aufs Spiel zu setzen. Wäre 
er früher gestorben, dann hätten wir nichts verloren. Ich wäre an seiner 
Stelle gewiß weniger leichtsinnig vorgegangen. Jetzt denkt er gar, daß ich 
für ihn eintreten und die Familie erhalten werde. Da gehe ich lieber zu- 
grunde . . . 

Es sind schmerzliche Wahrheiten, die sich der innerlich aufgewühlte 
Mensch zuweilen gestehen müßte, läge das Auskunftsmittel der Neurose nicht 
näher. Als die Klagen des Patienten an Intensität verloren und der Krank- 
heitseinsicht mehr Raum gaben, durfte die Analyse den Versuch wagen, eine 
reparatorische Selbstkritik bei ihm einzuleiten. Ehe ich aber darauf zu sprechen 
komme, möchte ich noch dem Hauptsymptom eine eingehendere Untersuchung 
widmen. Ist es nicht willkürlich, anzunehmen, daß diese Selbstanklagen durch 
Identifizierung mit dem Objekt (Vater) zustande kamen, dem sie 
eigentlich galten ? Nun, den handgreiflichen Beweis für die Berechtigung dieser 
Annahme gab uns schon der eingangs erwähnte Nervenanfall des Vaters. Dieser 
hatte den Sinn der Krankheit des Sohnes, dessen Spitze gegen seine Person 
gerichtet war, nur zu gut erraten und darauf reagiert.' 

So befremdlich auf den ersten Augenblick das Symptom einer krankhaften 
Identifizierung, d. h. einer Verwechslung von Ich und Objekt auch berührt, es 
ist ein psychisches Phänomen, das uns weder ganz unbekannt noch unverständlich 
sein kann. Es gibt feinfühlige, passiv gestimmte Naturen, die uns verraten, 
daß sie ihren Mitmenschen in peinvollen Lebenslagen innerlich gleichsam 
zuvorkommen, daß sie sich statt ihrer schämen, sich beleidigt, betreten, miß- 
handelt fühlen usw. Es geht in ihrer Seele ein plötzlicher und ungewollter 
Wandel vor, der sie zwingt, sich wie der andere zu fühlen. Man 
darf solchen mehr oder minder ungewöhnlichen Affektreaktionen ein gesteigertes 
Interesse entgegenbringen, denn sie bedeuten ein hohes Differenzierungsprodukt 
der Seele und spielen als Bindeglied zwischen dem Einzelnen und der 
Menschenmasse eine hervorragende Rolle. Nicht zuletzt ist es gerade diese 
Fähigkeit, die den Menschen zum Gesellschaftswesen erhoben hat.^ Noch 
klarer läßt sich ihre Bedeutung bei gewissen krankhaften Seelenvorgängen 
erkennen und studieren. Folgendes einfache Beispiel mag das näher beleuchten. 
Ein strebsamer Schüler hat vor der Öffentlichkeit einen Deklamationsvortrag 
abzuhalten, gerät jedoch in Verlegenheit und bleibt in der begonnenen Rede 

i) Eine altchinesische Parabel erzählt von einem heimkehrenden Manne, 
der gerade dazu kommt, wie sein Vater das Enkelkind züchtigt. Er gerät in Zorn, 
ergreift einen Stock und beginnt damit sich selbst zu prügeln. Als ihn der Vater 
deswegen verwundert zu Rede stellt, antwortet er: „Schlägst du meinen Sohn, so 
schlage ich deinen Sohn." 

2) Freud: Massenpsychologie imd Ichanalyse. Ges. Schriften, Bd. VI. 



HO Midiael Josef Eisler 



stecken. Dieses peinliche Erlebnis, dessen er sich in der Rückerinnerung 
sehr schämt, legt sein Selbstgefühl dauernd nieder, aber nur in Situationen', 
die den ursprünglichen Sachverhalt umkehren : So oft er jemand Anderen 
vortragen hört, befällt ihn eine unbeschreibliche Angst, es könnte dem ebenso 
ergehen wie einst ihm selbst. Dieses sehr bemerkenswerte Beispiel einer 
zirkumskripten Neurose beweist übrigens in anschaulicher Weise, daß die 
„nervöse" Identifizierung jedesmal ein konkretes Erlebnis zur Grundlage 
hat, das dann bei entsprechender Affektlage zur Wiederholung gelangt. 
Diese Feststellung befriedigt zugleich unser Kausalbedürfnis, welches auch das 
psychische Geschehen als gesetzmäßig erkennen will.^ 

Wir dürfen also an dem Identifizierungsursprung der Selbstanklagen fest- 
halten und uns nunmehr in die nosologische Bewertung dieses Symptoms 
vertiefen. 

Sehen wir von den geringfügigen Herzbeschwerden ab, so betrifft bei dem 
jungen Mann die Störung einzig seine Arbeitsfähigkeit, welcher die Klagesucht 
gleichsam nur als Attrappe dient, betrifft im Grunde also eine soziale 
Funktion. Diese Arbeitshemmung tritt hier an Stelle der gegen den 
Vater gehegten Aggressionsregungen und hat somit den offenkundigen Charakter 
einer Selbstbestrafung. Es darf dem Patienten kein Erfolg beschieden 
sein; er verdient es seinem eigenen unbewußten Urteil nach nicht, im Leben 
weiterzukommen. Indem er an einen solchen Leidenszustand fixiert wird, 
weicht er einem schwereren Konflikt mit seinem Gewissen aus, der für ihn 
unerträglich wäre. Gleichzeitig umschließt das Symptom aber auch eine 
großartige E r s a t z b e f r i e d i g u n g. Er darf sich nun jeder weiteren Mühe 
und Leistung bezüglich seines künftige» Wohlergehens entschlagen, wofür in 
seinem passiven Naturell die Grundlage vorhanden war. Diese Neigung kann 
unter gewissen Bedingungen verhängnisvoll werden und zum völligen mora- 
lischen oder sozialen Verfall des Individuums führen. Eine solche Doppel- 
wertigkeit des Symptoms, das gleichzeitig Bestrafung und Befriedigung 
darstellt, ist übrigens bei Seelenstörungen regelmäßig nachweisbar. 

Wir werden in unserem Falle die Symptome aber nur durch eine neue 
Annahme gänzlich verständlich machen können, die sehr ins Gewicht fällt, 
weil sie einen folgenschweren Schritt im Abbau der intakten Persönlichkeit 
beinhaltet. Die Selbstanklagen sind durchaus nicht wie ein launenhaftes 
Oberflachenprodukt zu bewerten, das mühelos wegtilgbar ist, vielmehr scheinen 
sie als merklicher Erfolg einer Ich v er an der ung aus der Tiefe der 
Seele gewachsen. Als solche ist nämlich die Gleichsetzung des eigenen Ichs 
mit einem ambivalent behandelten Objekt anzusprechen. Es leuchtet ohne 
weiteres ein, daß die Ichveränderung der primäre Akt in diesem Prozeß 
sein muß, der die übrigen Erscheinungen erst hervorruft. Die psychoana- 
lytische Theorie stellt sich auf Grund vielfach geprüfter Beobachtungen den 
seelischen Apparat im wesentlichen als Hemmungseinrichtung vor, die den 
Triebablauf modifiziert, gleichzeitig aber durch die sie treffenden Anforderungen 
selbst verändert wird. Dieser Hemmungsapparat präsentiert sich uns als das 
Ich, welches der Funktion der äußeren Wahrnehmung entstammt und von 

i) Auch die Religion hat sich in der machtvollen Erl ö s e ri d e e der seelischen 
Werte der Identifizierung bemächtigt. „Qui tollis peccata mundi", bekennt der Fromme. 



über wahnhafte Selbstanklagen 111 



dort sich dauernde Stärkung holt. Unter dem Einfluß der Erlebnisfaktoren, 
insbesondere der ersten Objektbeziehungen (Ödipuskomplex), bildet sich im 
Ich eine Oberschicht, die wir das Über-Ich nennen und das allmählich 
zur Repräsentanz der höchsten Seelenfunktionen (Gewissen, Schuldgefühl) wird. 
Unter normalen Verhältnissen arbeiten Ich und Über-Ich friedvoll zusammen 
und sind für die kritische Beobachtung kaum zu trennen, während bei 
Seelenstörungen eine empfindliche Spannung, zuweilen ein Bruch zwischen 
beiden vorkommt. Wir müssen uns mit diesen allgemeinen Hinweisen 
begnügen,' doch mag der vorliegende Fall als Illustration dieser Annahmen 
dienen. Wir sehen hier, wie der Konflikt zwischen Sohn und Vater, seinen 
Schauplatz nach innen verlegend, sich in den Kampf zwischen Über-Ich und 
Ich umsetzt: In den Selbstanklagen fällt nun das Über-Ich das eigene Ich 
an.. Aus einem äußeren Konflikt ist ein innerlicher geworden. 

Nicht alle neurotischen Symptome zeigen den gleichen Aufbau, doch ist 
als gesetzmäßig anzunehmen, daß die Erlebnisfaktoren einerseits und die 
jeweils spezifische Rückwirkung des seelischen Apparates andererseits zusammen- 
wirken, um eine neurotische Störung hervorzurufen. Alle Fragen der Patho- 
genese seelischer Krankheiten sind im Wirkungsraum dieser zwei Pole zu 
lösen. Die hier gegebene Forschungsdirektive der Psychoanalyse ist übrigens 
im Prinzip bereits von dem berühmten Kliniker Griesinger aufgestellt 
worden: „Jedes Individuum holt sich seine geistigen Wunden auf dem 
Kampfplatz, den ihm die Natur und die äußeren Umstände angewiesen 
haben . . . Jeder hat wieder einen anderen Punkt, an dem er am verletz- 
lichsten ist. ^ 

Die Inanspruchnahme eines weiteren klärenden Begriffes ist nunmehr 
unaufschiebbar geworden, um eine noch immer bestehende Undeutlichkeit in 
der Struktur des Falles wegzuschaffen. Wir fanden als Folge eines scharfen 
inneren Zerwürfnisses die Beziehungen des Patienten zur Außenwelt modifiziert. 
Die Bruchstelle war nicht groß, eigentlich hatte sich nur die Gefühlseinstellung 
zum Vater — und in flüchtigerer Weise auch zu den Freunden — verändert, 
wobei der Vorgang unbewußt blieb, da er mit verpönten Irnpulsen verlötet 
war. Was wir von diesem Prozeß schließlich zu sehen bekamen, war ein 
Richtungswechsel der beteiligten Affekte — mit wahnhaften Vor- 
stellungsinhalten. Es ist nämlich kein Zweifel daran, daß in dem 
scheinbar harmlosen Symptom der Selbstanklagen eine veritable W a h n- 
bildung vorliegt.3 Der Umstand, daß die geäußerten Befürchtungen, Klagen 
und Selbstbeschuldigungen gleichsam noch einen Zug von Wahrscheinlichkeit 
und Glaubwürdigkeit behielten, ändert durchaus nichts an der aufgestellten 
Tatsache. Die Inhalte der Wahnbildungen verraten nicht in allen Fällen 
gleich das verhängnisvolle Abrücken von der Realität, aber die Starre des 
Symptoms und die begleitende Affekthöhe mögen uns zu einer vorsichtigeren 

i) Die ausführlichste Darlegung dieser Probleme findet sich bei Freud: Das 
Ich und das Es. Ges. Schriften, Bd. VI. 

2) Vgl. Kehrer-Kretschner, 1. c, S. 140. 

5) „Über die Genese der Wahnbildungen haben uns einige Analysen gelehrt, daß 
der Wahn wie ein aufgesetzter Fleck dort gefunden wird, wo ursprünglich ein 
Einriß in der Beziehung des Ichs zur Außenwelt entstanden ist." Freud: Neurose 
und Psychose. Ges. Sehr., Bd. V. 



E 



112 Midbael Josef Eisler 



diagnostischen Einschätzung mahnen. In anderen verwandten Fällen kommt 
es zu krasseren Entstellungen und Verbildungen in den Wahninhalten, doch 
auch dann ist der Mechanismus im Aufbau des Symptoms der gleiche. Auf 
Grund dieser Funde hat die Psychoanalyse das Strukturproblem der 
melancholischen Geistesstörung unserem Verständnis näher- 
gebracht.^ Alter und die an vorläufigen Reserven noch nicht erschöpfte 
Vitalität haben es verhindert, daß die zirkulären Affektschwankungen des 
jungen Mannes diesem Ausgange zustrebten. Er blieb sozusagen in den wahn- 
haften Selbstanklagen stecken. Das Festhalten am Wirklichkeits- 
anschein ihrer Inhalte ist übrigens ein Zeichen mehr dafür, daß das 
Leiden seine Reparationsfähigkeit in sich trug. Es ist, als ob das Ich des 
Kranken davor zurückschreckte, den entscheidenden Schritt vom Boden der 
Realität w^eg ins Ungewisse zu wagen. Dies ist wohl auch der Grund, warum 
bei diesem Krankheitstyp auch Spontanheilungen beobachtet werden. 

Ich bin zu tief in das Gehege der Theorie geraten und will nun versuchen, 
die weiteren Daten der Behandlungsvorgänge zusammenzufassen. Es erhebt 
sich die Frage, was von allen diesen Einsichten des Arztes dem Kranken 
eigentlich zu Ohren gelangt. Es ist doch etwa nicht eine Vortragsreihe, die 
wir in der Psychoanalyse abhalten? Die Antwort hierauf ist nicht leicht, 
weil der dynamische Ablauf eines Heilungsprozesses sich nur schwer abstrakt 
darstellen läßt. Natürlich bekommt der Patient nicht Theorien zu hören, 
dafür aber lernt er den von der Neurose vielfach verschobenen inneren 
Zusammenhang seiner Erlebnisse, und wenn ihm das gelungen ist, auch den 
Sinn seiner krankhaften Lebensäußerungen — das sind die Symptome — 
besser zu verstehen. Er kann so sein Inneres neu aufbauen und dabei mit 
Hilfe der in ihm erstarkenden Selbstkritik die notwendige Korrektur an 
seinen früheren, das Leiden veranlassenden Eindrücken vornehmen, also Trieb- 
beherrschung (Verwerfung) statt Triebverdrängung üben. Das ist aber ein 
langer Weg, den unser Patient noch nicht zu Ende gegangen war. Es mußten 
erst jene Seelenmächte mobilisiert sein, welche die günstige Atmosphäre für 
solche Selbstprüfung schaffen, d. h. die Übertragungsmomente mußten zur 
Wirksamkeit gebracht werden. Wir haben einleitend bemerkt, daß die 
Analyse bei ihm zunächst nur als Beruhigungsmittel wirkte: Es fand sich im 
Analytiker jemand, der seine Klagen ernst nahm, obgleich er ihrem Wortlaut 
nicht vollen Glauben schenkte. Die Einstellung der Angehörigen zu ihm war 
längst eine gefühlsmäßig kritische geworden: Man sprach ihm Mut zu, 
während man ihn zugleich vorwurfsvoll behandelte. Es ist das die regel- 
mäßige Haltung der Menschen gegenüber dem „Nervösen". Irgendetwas in 
der analytischen Methode, die sich den Krankheitsmotiven mit prüfendem 
Interesse näherte, schien auch seinen inneren Zweifeln zu begegnen, die alle 
Neurotiker als Folge der zerrissenen Einheit ihres Seelenlebens haben. 
Vergessen wir ferner nicht, daß es hier der eingetretene Gefühlswandel zum 
Vater war, der ihn seiner Selbstsicherheit beraubte. Im vertrauungsvoUen 
Umgang mit dem Analytiker, der einen Vaterersatz bot, durfte er das 
Verlorene allmählich zurückgewinnen. Es ist eine unserer wichtigsten Auf- 

i) Freud: Trauer und Melancholie. Ges. Schriften, Bd. V. — K. Abraham: 
Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido usw. Wien, 1924. 



über wahnhafte Selbstanklagen II3 

gaben, diesen sch^webenden Kontakt fest werden zu lassen, um ihn später für 
unsere Arbeit voll auszunützen. Noch wichtiger ist aber, daß der Analytiker 
die unerledigten Gefühlseinstellungen vom ursprünglichen Objekt auf sich 
lenkt und hier zur triebhaften Wiederholung bringt, um ein konzentriertes 
Licht auf den ganzen Hergang fallen zu lassen und ihn bewußt zu machen. 
Der Weg zur vollständigen Genesung führt einzig über solche Korrekturen, 
die den Höhepunkt der Analye ausmachen. Nicht immer muß es so weit 
kommen. Wenn die Störung lockerer Natur ist oder äußere Umstände bei 
geringem Krankheitswert der Symptome günstig einwirken, 
mag ein früherer und leichterer Erfolg eintreten, der uns einer gründlichen 
Tiefenarbeit enthebt. Das Interesse des Patienten an der Analyse flaut dann 
ab, weil die aktuellen Lebensforderungen bereits kraftvoll einsetzen. In einem 
solchen Fall sind wir mehr Zuschauer als Ablaufsordner des Gesundungs- 
prozesses. Dies traf in vieler Hinsicht bei dem jungen Manne zu, der nach 
einer Behandlungs'dauer von wenig mehr als sechs Monaten zu seinen 
Pflichten zurückkehrte. Die inneren Momente bei dieser Gestaltung der 
Dinge gehören selbstverständlich in die Krankengeschichte. 

Ich habe vorhin angeführt, daß der Patient sein gesunkenes Selbstgefühl 
in Rückwirkung auf das ihm zugewendete Interesse durch den Analjrtiker all- 
mählich wiedergewinnen konnte. Das ist natürlich eine grobe Feststellung, 
die eine ganze Reihe von feinen Seelenvorgängen kennzeichnen soll, die sehr 
schwer detaillierter faßbar sind. Die Lockerung eines — nicht systematisierten 
— Wahngebildes erfolgt unter Einflüssen, die das kranke Ich von vielen 
Seiten treffen ; innere und äußere Bedingungen fließen da zusammen und 
bestimmen das Resultat. Ich will nur noch ein Moment hervorheben. In nicht 
geringem Maße wurden die Bemühungen der Analyse von Außen durch jenes 
Mädchen gefördert, das sich in den jungen Mann verliebt hatte. Gleich zu 
Beginn der Freundschaft vertraute er ihr seine Nöte, Befürchtungen und 
Zweifel an, worauf sie mit wachsender Sympathie antwortete. Ein solches 
Entgegenkommen gab ihm die verlorene Sicherheit mehr und mehr wieder. 
Da andere an ihn glaubten, war er bereit, nun auch an sich zu glauben. 
Das Mädchen hielt ihn zum weiteren Studium an, und es war nicht zuletzt 
ihrem energisch-liebevollen Zuspruch zu verdanken, daß alles nach Wunsch 
ausging. Sie w^ar ihm ja gleichsam als Prämie für den Erfolg in Aussicht 
gestellt. In seinen Gefühlen zu ihr lag jedoch weniger Dankbarkeit und 
männliche Wärme als ein naiver, ja kindlicher Egoismus, der solche Liebes- 
dienste als Selbstverständliches hinnahm. Vielleicht ist es gerade dieser Zug 
seines Wesens, um dessentwillen das Mädchen sich zu ihm hingezogen fühlte. 
Mit Erwerb des Diploms, das ihn auf eigene Füße stellte, war auch die 
Bannkraft der Selbstanklagen gebrochen. Ihre eigensinnig-starre Fortsetzung 
hätte ihn und seine im Grunde eitle Natur nur mehr bloßgestellt. Derartig 
günstig vorgesorgte Selbsregulierungen sind bei den Neurosen vielleicht nicht 
außergewöhnlich. 

Praktisch genommen liegt hier sicherlich ein Heilungseffekt vor. Ich habe 
mir die redlichste Mühe genommen, zu erweisen, daß nicht allein die auf- 
klärende, also rein intellektuelle Leistung der Analyse daran beteiligt war, 
sondern emotionelle Motive die wesentliche Rolle spielten, die teils von der 
Person des Analytikers, teils von günstigen Umständen der Außenwelt aus- 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XV/i 8 



114 Mldiael Josef Elsler: Über walmhafte Selbstanklageo 

gingen. Das ist auch, in theoretischer Hinsicht eine bedeutsame Tatsache. Um 
■eine Wahnbildung zu entwurzeln und schwinden zu lassen, muß das Selbst- 
gefühl des Patienten eine Stärkung erfahren. Der Appell auf Einsicht allein 
genügt keinesfalls. Ich habe dies u. a. auch in der Behandlung eines Falles 
von „sensitivem Beziehungswahn" (Kretschmer) erfahren, wo die korrekteste 
analytische Deutungsarbeit wohl die Selbstkritik wachrief, aber die wieder- 
holte Reproduktion der Wahnvorstellungen nicht völlig unterband. Es standen 
der Analyse eben jene Behelfe nicht zur Verfügung, die dem tiefgeschädigten 
Selbstbewußtsein des Kranken hätten aufhelfen können. Ein aufrichtiges Ver- 
ständnis genügt nicht immer, um die realen Mißhelligkeiten des Lebens gerade 
bei narzißtisch eingeengten Menschen unwirksam zu machen. 

Und nun zum Schluß: Es ist nicht viel mehr als eine „ Symptomanalyse ", 
die ich hier vorgeführt habe. Die eigentlichen Absichten der Psychoanalyse 
reichen natürlich weiter. Es wäre ein müßiger Versuch, wollte ich jetzt auf- 
zeigen, was aus dem überprüften Seelenmaterial noch herausgeholt werden 
kann. Nur auf eine Hauptlinie der vielverzweigten Arbeit, die eine voll- 
ständige Behandlung zu leisten gehabt hätte, möchte ich noch hinweisen. 
Daß der Konflikt mit seinem Vater nicht bloß ein aktueller war, sondern 
im Gefühlsleben des jungen Mannes überhaupt von der Kindheit her dominant 
wirksam war, ist aus dem Mitgeteilten vielleicht schon ersichtlich geworden. 
Die Detailarbeit in der Erforschung dieser Beziehungen war jedoch nicht 
durchführbar gewesen, solange der Patient unter dem Druck seiner krank- 
haften Selbstanklagen stand. Die richtige Tiefenanalyse hätte nach Lockerung 
dieser Spannung erst einsetzen müssen, wären die unaufschiebbaren Forderungen 
des Lebens inzwischen nicht stärker geworden. Der junge Mann entzog sich 
der weiteren Hilfeleistung als ein Mensch, der allein nur aktuelle Interessen 
kennt und an ihnen vollauf Genüge findet. Seine Abhängigkeit vom Vater, die ihm 
■zutiefst eingeprägt ist, wird ihn auch weiterhin zwingen, in entscheidenden 
i Lebensfragen sich dem Spiel des Schicksals auszuliefern, das als höchste 

Vaterinstanz ungebrochen auf ihn einwirkt. 

Eingegangen im April 1^28. 



Analyse einer Konversionshysterie im Klimakterium 

Aus dem ^Technischen Kolloquium' am „Berliner Psychoanalytischen Institut' 

Von 

Barbara Lantos 

Berlin 

Ich möchte von der Analyse einer Konversionshysterie berichten, die mir 
einerseits durch ihr instruktives Material, andererseits durch die Zeitpimkte 
des Auftretens der Krankheit, Pubertät und Vorklimakterium mit einer 
dazwischenliegenden Latenzzeit, lehrreich erscheint. Es handelt sich um eine 
52jährige, unverheiratete Patientin, die ein Jahr lang in meiner Behandlung 
war. Bei Abschluß -der Analyse war die Patientin noch nicht symptomfrei, 
konnte sich aber zu einer regulären Berufsarbeit entschließen und war in 



Analyse einer Konversionshysterie im Klimakterium 115 

jeder Hinsicht aktiver und unternehmungslustiger geworden. Nach gründlicher 
Durcharbeitung, in der die Patientin Bedeutung, Genese und Rolle der 
Symptome, wie auch des Krankheitsgewinns akzeptierte, glaubte ich sie aus 
der Behandlung entlassen zu dürfen. Meine Hoffnung, daß sie eine Berufs- 
arbeit durchführen und ihre Symptome mindestens als weniger störend 
empfinden wird, hat sich, wie ich nach einigen Monaten erfuhr, als berechtigt 
erwiesen. Wenn die Symptome, deren Befriedigungscharakter in der Analyse 
recht deutlich wurde, nicht ganz verschwunden sind, so ist daran die reale 
Situation nicht unbeteiligt, Das Aufgeben der Symptome bedeutete für die 
52jährige, unverheiratete Patientin das Eintauschen phantastischer Ersatz- 
befriedigungen gegen eine relativ magere Realität. 

Die Beschwerden, die die Patientin zur Behandlung brachten, waren recht 
banale und paßten in kein organisches KrankheitsbUd. Das quälendste und 
älteste Symptom waren die seit 14 Jahren bestehenden Kopfschmerzen, Die 
Patientin hatte dabei das Gefühl, eine Wunde, ein Loch im Kopfe zu haben. 
Oft gesellte sich dazu eine Art Krampfgefühl in der Stirn, mit der Vor- 
stellung, die Augen seien hochgezogen; im Kopfe verspürte sie dann einen 
Druck. 

Ein zweites, ebenfalls sehr quälendes, etwa seit vier Jahren bestehendes 
Symptom waren ihre Rückenschmerzen. Sie war dadurch manchmal ganz 
steif; das Bücken verursachte ihr besondere Schmerzen, Die Schmerzen 
hinderten sie oft auch am Einschlafen. Der Schmerz war nicht fest lokalisiert, 
sondern trat an verschiedenen Stellen auf. 

Die Patientin litt seit frühester Jugend an zeitweise sehr hartnäckigen 
Obstipationen, die nur während der Kriegsjahre ausgesetzt haben. Schließlich 
hatte sie noch ein weniger lästiges, aber doch deutliches Symptom, einen 
zeitweise auftretenden, schwer definierbaren, an Blut und Metall erinnernden 
schlechten Geschmack im Munde, der weder mit Diätfehler noch mit Zahn- 
beschwerden in Zusammenhang zu bringen war. 

Die Patientin will bis zum Auftreten der Kopfschmerzen, also bis zu 
ihrem 58. Lebensjahre, ganz gesund gewesen sein, ein Tatbestand, der mit 
unserer Erfahrung, daß die Vorläufer neurotischer Erkrankungen in viel 
früherer Zeit aufzutreten pflegen, schlecht übereinstimmt. Im Laufe der Analyse 
erfuhr ich, daß die Patientin als junges Mädchen eine „Bleichsucht" gehabt 
hatte. Es war ein anhaltender Zustand von Müdigkeit, Appetitlosigkeit, zeit- 
weiliger Verstopfung, ab und zu Kopfschmerzen gewesen, ein Bild, das man 
wohl in das undeutliche Krankheitsbild einer jugendlichen Chlorose einordnen 
könnte, wobei bekanntlich organisch sehr oft gar nichts, nicht einmal eine 
anämische oder chlorotische Verschiebung des Blutbildes festzustellen ist. Ich 
kam während der Analyse zu der Annahme, daß es sich um eine Pubertäts- 
neurose gehandelt hat, mit leichten konversionshysterischen Symptomen, die 
aber als Zeichen einer bereits statuierten neurotischen Disposition aufgefaßt 
werden können. Diese Bleichsucht hielt bei dem in sehr gesunden Verhält- 
nissen lebenden Mädchen auffallend lange an. Sie verlor sich erst allmählich 
gegen Ende der zwanziger Jahre. In diesem Lichte gewann diese so spät 
auftretende neurotische Erkrankung ein anderes, unseren Erwartungen 
entsprechenderes Gepräge. Es handelte sich wohl um eine Hysterie, die sich 
in der Pubertät andeutete, allmählich abklang, um sich im Klimakterium 



Il6 Barbara Lantos 



deutlich zu manifestieren. Es waren keine lärmenden, auch keine seltenen 
und sonderbaren Symptome, vielmehr solche, die sich den häufigen, in 
Pubertät und Klimakterium an der Grenze des Physiologischen stehenden 
Erscheinungen annäherten. Eben deshalb schien mir der Fall geeignet, unsere 
Kenntnisse und Annahmen über Pubertät und Klimakterium im allgemeinen 
als instruktives, einfaches Beispiel zu bestätigen, von manchen Punkten her 
vielleicht neu zu beleuchten. 

Die Patientin war, als sie sich in meine Behandlung begab, 51 Jahre alt, 
für ihr Alter auffallend jugendlich und machte einen sehr sympathischen, 
ruhigen, geordneten Eindruck. Ihre Hoffnung, durch die Behandlung gesund 
zu werden, und ihr Wunsch nach Behandlung war so groß, daß man ev. 
Bedenken wegen des Alters zurückstellen konnte. Sie war vor etwa vier 
Jahren für ein paar Wochen bei einem Kollegen in Behandlung gewesen; 
diese wurde aus äußeren Gründen abgebrochen. Ein nennenswerter Erfolg ist 
damals nicht eingetreten. 

Da sich die Patientin in die Analyse aus bald durchsichtigen Gründen 
nicht mit historischem Material einführte, gewann ich von ihren Verhältnissen 
und ihrer Lebensgeschichte nur allmählich ein vollständiges Bild. Ich vyill 
davon im Folgenden eine Übersicht geben, wobei ich neben dem rein 
Historischen schon einige erst durch die Analyse aufgedeckte Zusammenhänge 
mitverwende. 

Die Patientin stammt aus einer gut bürgerlichen protestantischen Familie 
des gehobenen Mittelstandes, aus einem Milieu mit solider, geregelter Lebens- 
führung, wo am Überkommenen gewohnheitsmäßig festgehalten wird, doch 
auch für Neues und individuell Abweichendes Verständnis vorhanden ist, ein 
Milieu, das durch seine Ruhe und Gutmütigkeit sicher wenig Anlaß zu 
traumatischen Erlebnissen gab, und in das sich die Patientin mit einer 
selbstverständlichen Zufriedenheit eingeordnet hat, ohne unzugänglich oder 
verständnislos gegenüber anderen Lebensschicksalen zu werden. Ihr Vater war 
Industrieller, ihre Brüder und andere Verwandte sind zum großen Teil in 
akademischen Berufen. Sie selbst lebt zu zweit mit der seit 20 Jahren ver- 
witweten Mutter, die auch ihren Lebensunterhalt bestreitet. Ihr Vermögen ist, 
wie auch der Vermögensanteil der Patientin zum größten Teil in der 
Inflation verloren gegangen, so daß sie jetzt aus den bescheidenen Vermögens- 
resten der Mutter, hauptsächlich aber aus den Unterstützungen leben, die 
ihre Brüder der Mutter gewähren. Die Tatsache, Kind im Hause der Mutter 
zu sein, empfindet sie, trotz der Altersverhältnisse als sehr angenehm. Die 
durch den Vermögensverlust notwendig gewordene Einschränkung des Lebens- 
standards stört sie nicht besonders. Das Verhältnis zw^ischen Mutter und 
Tochter ist sehr vertraut und innig, ähnlich wie in einer Ehe — wie sich 
Patientin ausdrückt. Sie teilt alle Interessen mit der Mutter, liest ihr die 
Zeitungen und auch Bücher vor, erzählt ihr von allem, was sie außerhalb 
des Hauses erlebt — Besuch, Kino oder Theater — viel ist das zurzeit 
allerdings nicht. Die Mutter hat ein rheumatisches Leiden und ist dadurch 
am Ausgehen gehindert, was die Patientin veranlaßt, ebenfalls zu Hause zu 
sitzen, wozu auch ihre eigenen Beschwerden beitragen. Den kleinen Haushalt 
versieht die Patientin zur beiderseitigen Zufriedenheit. Ihren Beruf — sie 
hat das Lehrerinnenexamen gemacht — übt sie in nur sehr beschränktem Maße 



Analyse einer Konversionshysterie im Klimakterium 11/ 

aus, indem sie Privatunterricht gibt. Sie hatte den Beruf nur als Reserve 
für die Not, vsreniger zum Ausüben erlernt. Als aber nach der Inflation diese 
Notwendigkeit heranrückte, war es zu schwierig, nach so vielen Jahren als 
Lehrerin neu anzufangen, zumal sie damals auch schon durch ihre Kopf- 
schmerzen gehemmt war. Die Hemmung ihrer Aktivität hat in den letzten 
Jahren auch in Bezug auf geselliges Leben fortschreitend zugenommen und 
zur Einschränkung ihres früher regen Verkehrs mit Freundinnen und 
Bekannten geführt. Dieses Verhalten hat sich während der Analyse allmählich 
im Sinne einer wachsenden Aktivität geändert und auch der Plan, eine ihren 
Verhältnissen entsprechende Berufsarbeit aufzunehmen, wurde ernstlich in 
Angriff genommen. 

Was nun die Lebensgeschichte unserer Patientin anbelangt, war auch diese 
durch eine ruhige, ereignisarme Gleichmäßigkeit charakterisiert. In einer 
kleinen Universitätsstadt, wo ihr Vater ein sehr angesehener Bürger war, 
verbrachte sie inmitten einer stets wachsenden Geschwisterschar eine ungetrübte, 
frohe Kindheit. Sie war das dritte Kind, aber die erste Tochter von neun 
Geschwistern, sechs Brüdern und drei Schwestern. Zwei Brüder starben im 
zarten Alter, eine um ein Jahr jüngere Schwester im 20. Lebensjahr. Bis zu 
ihrem 14. bis 15. Lebensjahr war sie knabenhaft wild, ganz im Gegensatz 
zu ihrer etwas jüngeren Schvsrester. Sie war, von Kinderkrankheiten abgesehen, 
auch immer gesund und munter, bis zur Pubertät, wo sie der schon erwähnten 
Bleichsucht verfiel. Zu dieser Zeit wurde aus dem knabenhaften, wilden 
Kind ein auffallend stilles und zurückgezogenes Mädchen. Der Tod der 
Schwester, die an einer akuten Lungenerkrankung starb, ließ sie ganz gleich- 
gültig. In ähnlicher Weise ließ sie später auch der Tod des Vaters, der nach 
kurzem Krankenlager an einem Blasenkarzinom starb, verhältnismäßig gleich- 
gültig. Sie war damals 50 Jahre alt und stand mitten im Lehrerinnenexamen. Sie 
hatte nämlich ursprünglich nur das Lyzeum absolviert, da sie aber so wenig 
Lust zum Heiraten fühlte, hatte sie gegen Ende der zwanziger Jahre einem 
Rat des Vaters folgend, die Ausbildung zur Lehrerin begonnen. Ihre Gleich- 
gültigkeit dem Tod des Vaters gegenüber w^ar um so auffallender, als sie seit 
der Kindheit der bevorzugte Liebling des Vaters gewesen war. 

Ihre Jugend in der kleinen Universitätsstadt verlief im Zeichen eines recht 
gemütlichen, geselligen Lebens. Sie hatte auch Bewerber in genügender Aus- 
wahl, doch hatte sie, ohne besondere Begründung, alle bei der ersten 
Andeutung von sich gewiesen. Es gefiel ihr bei den Eltern — zumal 
inzwischen alle anderen Geschwister heirateten oder sonstwie vom Hause 
weggingen — so gut, daß es ihr mit einer Heirat gar nicht eilig war. Dazu 
sei immer noch Zeit, meinte sie. 

Nach dem Tode des Vaters und der Absolvierung ihres Examens zog sie 
mit der Mutter nach Berlin, was für ihre Lebensweise keine wesentliche 
Änderung bedeutete. Sie hatte einige Schüler und Schülerinnen ohne sich 
dabei besonders anzustrengen, hatte gesellschaftlichen Umgang und war im 
Ganzen zufrieden. Fünf Jahre nach dem Tod des Vaters, im Jahre 1911, zog 
sie für einige Monate zu einem dreieinhalb Jahre jüngeren Bruder nach einer 
kleinen Provinzstadt. Die Frau des Bruders war nämlich im Wochenbett 
gestorben und sie wollte sich seines Haushaltes und des Kindes annehmen. 
Dieser Bruder, den sie in der Analyse immer nur den „lahmen Bruder" 



11 8 Barbara Lantos 



nannte, da er infolge einer Kinderlähmung ein lahmes Bein hatte, -war seit 
früher Kindheit ihr Lieblingsbruder und Spielkamerad. Ob^yohl sich ihr 
Aufenthalt bei ihm sehr angenehm und harmonisch gestaltete, kehrte sie nach 
einigen Monaten nach Berlin zurück, um in der Nähe eines ihr gesell- 
schaftlich befreundeten Mannes zu sein, für den sie, das erstemal in ihrem 
Leben, ein starkes Interesse empfand. Davon durfte allerdings niemand etwas 
wissen. Dem Bruder und der Mutter sagte sie, sie reise ab, um zu vermeiden, 
daß sich der Bruder allzu sehr an sie gewöhne und dadurch eventuell einer 
neuen Ehe aus dem Wege gehe. Sie möchte auch nicht den Anschein 
erwecken, als ob sie die Rolle der Hausfrau im Hause des Bruders einnehmen 
wolle. Die Annahme, daß diese Begründung nur scheinbar der Außenwelt 
galt und in Wirklichkeit ein Ausdruck ihrer wahren Gefühle war, erwies 
sich in der Folge als richtig. Sie hatte erst im Hause des Bruders Verständnis 
für Mutterfreuden gewonnen. Bis dahin hatte sie weder für Haushalt noch 
für kleine Kinder ein bewußtes Interesse gehabt. In der Analyse wurde 
deutlich, daß sie sich im Hause des Bruders sehr stark an die Rolle der 
Hausfrau und Mutter des Kindes gewöhnt hatte und mit ihrer Abreise einer 
unbewußten Inzestsituation aus dem Wege ging. 

Mit ihrem ersten und einzigen Versuch zu einer nicht inzestuösen Objekt- 
wahl hatte sie aber kein Glück. Der Mann, ein Ausländer, von Beruf Künstler, 
hatte ihr nie andere Gefühle als freundschaftliche Zuneigung verraten und 
reiste auch, nach weiteren drei Jahren, kurz vor Kriegsausbruch endgültig 
von Deutschland weg. Eigentlich hätte sie diesen Ausgang selbst längst wissen 
müssen. Sie hatte den Künstler im Hause einer verheirateten Freundin kennen 
gelernt, und es war ein offenes Geheimnis, daß er für diese Freundin 
besonderes Interesse hatte. Sie ging aber der Wahrnehmung dieser Konstel- 
lation tendenziös aus dem Wege. Kein Zweifel, sie verstand unbewußt die 
Sachlage, und es war kein Zufall, daß sie ein untaugliches, an einer anderen 
Frau interessiertes Objekt wählte. Als ihr nach Abreise des Künstlers die 
Aussichtlosigkeit ihrer Hoffnungen klar bewußt wurde, verspürte sie große 
Traurigkeit. Doch konnte man den auch der Patientin auffälligen Eindruck 
gewinnen, daß ihre seelische Reaktion der Schwere des Verlustes durchaus 
nicht gerecht wurde. Es war der einzige Mann, dem sie im Leben sexuell 
zugeneigt war, und sie war bereits 58 Jahre alt, als sie des Verlustes gewahr 
wurde ; sie hatte noch kurz vorher einen ihr sympathischen Bewerber in der 
Hoffnung auf ihn ausgeschlagen. Daß man mit 58 Jahren manches schon 
versäumt, daß sie ihr Leben und ihren einzigen erotischen Versuch falsch 
angelegt habe, kam ihr nur sehr matt, vielleicht überhaupt nicht in dieser 
Form zum Bewußtsein. Es war zwar eine Enttäuschung, daß er ihr keinen 
Antrag gestellt hatte, auch phantasierte sie manchmal noch davon, daß er 
wiederkomme, doch setzte sie sich verhältnismäßig leicht über den Verlust 
hinweg und ließ niemanden, am allerwenigsten aber die Mutter, etwas von 
ihrer Enttäuschung wissen. Auch heute noch wäre es ihr entsetzlich, w^enn 
die Mutter von dieser Zuneigung auch nur etwas ahnte. In Ermangelung 
jeder realen Berechtigung dieses seelischen Schamgefühls muß man ver- 
suchen, die unbewußten Motive dieses Verhaltens zu verstehen. Ist die 
so häufige Scheu weiblicher Kinder, der Mutter von ihrem Sexualleben zu 
sprechen, auf die infantile Sexualeinschüchterung zurückzuführen, so darf man 



Analyse einer Konversionshysterie im Klimakterium 119 



wohl auch bei diesem Verheimlichen einer Verliebtheit an Schuldgefühle aus 
dem Ödipuskomplex denken; die heimliche Liebe wird wohl im Grunde die 
verbotene Liebe zum Vater sein, die man ja der Mutter am allerwenigsten 
eingestehen kann. 

Bald nach der Abreise des Künstlers unternahm sie selbst eine Reise zu 
einem Onkel. Während der Eisenbahnfahrt bekam sie sehr heftige Kopf- 
schmerzen. Mit diesem Schub, also im Sommer 1914, setzten die dauernden 
Kopfschmerzen, die sie jetzt zur Behandlung führten, ein. 

Die Frage, warum diese Reise krankheitsauslösend wirkte, blieb lange 
unbeantwortet. Daß in ihrer damaligen ungünstigen Libidosituation — Verlust 
eines begehrten Objektes — onanistische Erinnerungen durch die Eisenbahn- 
fahrt leicht mobilisiert wurden und dadurch die banale Reaktion des Kopf- 
schmerzes auslösten, ist schon an sich wahrscheinlich. Im Laufe der Analyse 
wurde uns auch die historische Bedeutung der Kopfschmerzen verständlich. 
Die Patientin träumte einmal, sie reist in der Eisenbahn, ein Mann lehnt 
seinen Kopf an ihre Schulter, sie sitzt ganz still da, um ihn nicht zu wecken, 
und empfindet eine starke Zärtlichkeit. In einem anderen Traumstück sieht 
sie sich mitten in einer Hochzeitsgesellschaft. 

Ihre Einfälle zu der Person des Mannes führten über den Bruder und 
Vater zum Künstler. Dieser hat einmal im Garten seinen Kopf in solcher 
Weise an ihre Schulter gelehnt. Der Traum drückte den Wunsch aus, mit 
ihm auf die Hochzeitsreise zu fahren. Meine Frage, ob in ihr während der 
Reise zum Onkel diese Gedanken nicht auftauchten, hatte sie zunächst ver- 
neint. Sie hatte im Gegenteil einen anderen Gedanken, nämlich den, daß der 
Künstler früher oder später in seine Heimat zurückkehren werde, und daß 
es vielleicht besser sei, daß er sie nicht geheiratet habe, sonst hätte sie ja 
dann mit ihm ins Ausland gehen müssen. Man konnte unschwer nachweisen, 
daß dieser bewußte Trostgedanke dem verdrängten unerfüllten Wunschgedanken 
entsprang. Während sie das Reisen mit dem Künstler bewußt als etwas 
Unerwünschtes hinstellte, lautete der verdrängte Gedanke: „Ich muß nun 
allein zum Onkel fahren, statt mit dem Künstler eine Hochzeitsreise zu 
machen." Der verdrängte Wunsch schaffte sich im Konversionssymptom der 
Kopfschmerzen Geltung, dessen spezifische Bedeutung uns zur Zeit dieses 
Traumes bereits bekannt war. Sie waren der verdichtete Symbol aus druck für 
Vergewaltigung, Koitus, Schwangerschaft. Doch gerade weil es sich um ein 
banales Symptom handelt, möchte ich mich nicht mit diesem sehr allgemein 
klingenden Deutungsresultat begnügen, sondern das beweiskräftige Material in 
einigen komprimierten Beispielen wiedergeben. 

Ehe ich aber die Besprechung der einzelnen Symptome beginne, möchte 
ich einiges über den Verlauf der Analyse in Bezug auf die Übertragung 
bemerken. Die rohe Symbolbedeutung der Symptome war nach einigen Stunden 
der Behandlung verständlich, da die bereits vorbehandelte Patientin, die eine 
gute Übung in der Assoziationstechnik hatte, die Deutungen oft selbst fand. 
Das infantile Material, das sie allmählich brachte, kam zunächst auch über- 
wiegend in dieser deutenden Form. Es war ein Ausdruck des Widerstandes, 
ein Ausweichen vor einem unmittelbaren Eingehen auf sie bewegendes Erleben. 
Als ihr vorbewußter Vorrat erschöpft war und die Assoziationen schleppender 
wurden, konnte ich ihr zeigen, daß sie die analytische Arbeit nun erst richtig 



120 Barbara Lantos 



heginnen und von sich selbst, von Empfindungen, Sorgen, auch gegenwärtigen 
Angelegenheiten sprechen muß. Auch konnte ich ihr nachweisen, — ohne 
ihre bisherige Arbeit zu entwerten, — daß sie mir durch ihre fast fertigen 
Deutungen ihre Selbständigkeit, vielleicht ihre Männlichkeit beweisen wollte; 
sie identifizierte sich dabei mit ihrem früheren Analytiker. Nach einiger Zeit 
konnte sie auf meine Aufforderung, die Analyse nicht als eine Assoziations- 
übung, sondern als unmittelbare Aussprache zu betrachten, auch eingehen. Die 
Analyse verlief dann im wesentlichen in einer gefügigen positiven Über- 
tragung und brachte auch bald aktuelles und historisches Material, in dessen 
Rahmen die Symboldeutungen erst ihren Sinn bekamen. Der Widerstand 
äußerte sich vorwiegend in passagerer Verstärkung der Symptome, die sie 
zeitweilig zwang, einige Stunden auszubleiben. Die erwähnte Form der Über- 
tragung spiegelte ihre Einstellung zur Mutter wider. Sie hatte für die Mutter 
eine gleichmäßige, etwas selbstverständliche, nicht sehr in die Tiefe gehende 
Zärtlichkeit. Diese Art der Übertragung hatte den Vorteil, wenig Schwierig- 
keiten zu machen, den Nachteil, nicht viel Deutungsmaterial zu geben. Das 
wesentlichste Hilfsmittel der Analyse war die Traumdeutung. In der Traum- 
produktion war die Patientin unerschöpflich. Neben den Träumen vermittelten 
ihre Phantasien, insbesondere ihre Onaniephantasie, das Verständnis ihrer 
Krankheit. Ihr Schicksal war im wesentlichen, trotz seines ruhigen und 
zufriedenen Verlaufs, ein neurotisches Ausweichen vor dem Leben gewesen. 
Ihr Verhältnis zu Menschen und das Verhalten Ereignissen gegenüber war 
immer farblos, auffallend affektschwach. Daß die Analyse in Träumen und 
Phantasien verlief, war die Wiederholung der Tatsache, daß ihr Leben nichts 
weiter als Träumen und Phantasieren gewesen war. „Ich legte mich zeit- 
lebens ganz früh zu Bett, um zu phantasieren und zu träumen", gestand sie 
einmal unter großen Widerständen. 

Das Problem dieser Krankengeschichte war auch nicht, warum die 58 jährige 
Virgo nach einer realen Liebesenttäuschung in eine Konversionshysterie flüchtete. 
Das Problem war vielmehr, warum das körperlich gesunde, hübsche, wohl- 
habende Mädchen bis in das Alter von 35 Jahren der Ehe einfach aus dem 
Wege ging, um dann erst ein erstes Objekt zu wählen, wobei sie die Wahl 
von vornherein ungünstig anlegte. Ich will auf diese Frage bei der Besprechung 
der Symptome und des Materials eingehen. Sie ist das eigentliche Problem 
einer Libidoökonomie, die schließlich zur hysterischen Erkrankuug führte. 

* 

Die Kopfschmerzen der Patientin, ihr wesentlichstes und frühestes Symptom, 
setzten vor vierzehn Jahren ein. Schon früher hatte sie oft die Angstvorstellung 
gehabt, am Kopf verletzt zu werden. Wenn sie friedliche Handwerker sah, 
die zufällig einen Hammer oder sonst ein Werkzeug in der Hand hatten, 
hatte sie die Vorstellung, diese könnten damit auf ihren Kopf einschlagen. 
Ein Spazierstock bei einem Manne genügte, solche Vorstellungen zu wecken. 
Wenn sie Kopfschmerzen hat, sei es wie ein Mühlrad, wie ein Uhrwerk, der 
Kopf sei mit Blut gefüllt, man müsse eine Wunde schlagen, damit das Blut 
abfließe. Oft hat sie das Gefühl, eine Wunde, ein Loch im Kopf zu haben. 
Sie phantasierte oft davon, wie groß das Loch im Kopf von Zeus gewesen 
sein mag, aus dem Athene heraussprang. Zum Ausdruck dieser Vergewaltigungs- 



F 



Analyse einer Konversionshysterie im Klimakterium I2t 

und Schwangerschaftsphantasien konnten die Kopfschmerzen durch ein Er- 
eignis aus dem siebenten Lebensjahre werden: Sie wurde damals von zwei 
ihrer Brüder in einem Wägelchen geschoben, das plötzlich umkippte, wobei 
sie hinausfiel und sich an einem scharfen Stein die Stirn so verletzte, daß 
sie blutete. Sie wurde nach Hause gebracht, ins Bett gelegt, das ganze Haus 
kümmerte sich nur um sie und sie war sehr stolz auf ihren blutenden Kopf. 
Sie erinnerte sich, daß ihr Blutungen auch später sehr imponierten, z. B. 
v?enn eine Kameradin Nasenbluten hatte. 

Das Lustvolle dieser blutigen Erinnerungen muß wohl daran liegen, daß 
die Blutung ein Zeichen des Erwachsenseins war, das „wie die Mutter sein" 
bedeutete. Die Auffassung des Geschlechtsaktes als blutige Angelegenheit zieht 
sich wie ein Faden durch alle Träume und Phantasien. Die Vorstellung des 
Erblindet-, Erschossen-, Gestochenwerdens kleiner Mädchen taucht in ihren 
Träumen immer wieder auf, wobei die Verletzung immer auf den Kopf ver- 
legt wird. Dabei haben diese Träume selten eine ängstliche, oft eine sehr 
zufriedene Note, entsprechend jener Schicht der infantilen Libidoentwicklung, 
wo die Kastration = Vergew^altigung durch den Vater einem Wunsch ent- 
spricht. Dies bestätigt eine ihrer Lieblingsphantasien, die sich an die Er- 
zählung einer Freundin anlehnt. Die Freundin erzählte, sie hätte mit ihrem 
Vater einem Schaf einen sogenannten Drehwurm herausgenommen; dazu sei 
der Schädel des Tieres aufgemeißelt w^orden. Das war schon zur Zeit ihrer 
Kopfschmerzen und die Freundin fragte sie: „Würdest du dir nicht auch den 
Schädel aufmeißeln lassen? Sie antwortete: „Gerne, wenn es nur etwas 
hilft." Seitdem phantasiert sie immer wieder, wie die Freundin und ihr Vater 
den Schädel des Schafes aufmeißeln. Sie identifiziert sich dabei mit dem 
Schaf, läßt sich vom Vater kastrieren (aufmeißeln) und das Kind (Drehwurm) 
herausnehmen. 

Außer diesem Sinn einer passiven Vergewaltigungs-, Schwangerschafts- und 
Gebärphantasie hatten die Kopfschmerzen auch eine aktive Bedeutung. Die 
Patientin hatte oft das Gefühl, die Augen (Augäpfel) seien krampfartig, steif 
hochgezogen. Ihre Einfälle gingen auf einen Hampelmann, dessen Arme und 
Beine steif hochgezogen sind. Dann fiel ihr ein Verschen ein, das sie als Kind 
oft von dem Dienstpersonal hörte: „Die Buben haben einen Hampelmann, 
sie spielen stundenlang daran." Die Augen sind das männliche Glied, der 
Kopf der Leib, speziell die Vagina. So koitiert sie sich selbst mit den Augen 
in dem Kopfe. Damit steht wohl in gutem Einklang, daß sie sich zeitlebens 
ihrer Kurzsichtigkeit schämte und diese zu verheimlichen suchte. Die Kurz- 
sichtigkeit war die Minderwertigkeit der Augen, das Kastriertsein. Der Ein- 
fall vom Hampelmann enthüllt auch den Zusammenhang der Kopfschmerzen, 
der hochgezogenen Augen mit der infantilen Onanie. 

Von den Rückenschmerzen ließ sich schon durch die ersten Einfälle er- 
kennen, daß sie mit ihren Männlichkeitstendenzen zusammenhängen. „Wenn 
der Rücken schmerzt, kann ich mich nicht bücken, ich bin wie steif," er- 
klärte die Patientin. Dabei fiel ihr eine Szene aus dem zehnten Lebensjahr 
ein, wo der älteste Bruder ihr sein Glied zeigte. Sie erinnert sich, gefragt 
zu haben, warum es so steif sei. Der Bruder antwortete, das sei so, wenn 
man aufgeregt ist. Der steife Rücken bedeutet das männliche Glied. Die 
Rückenschmerzen wanderten von einer Stelle zur anderen, besonders häufig 




123 



Barbara Lantos 



gegen das Steißbein, wo ein anderer Bruder, der , lahme", oft Schmerzen 
hatte. Die Rückenschmerzen waren also eine Identifizierung auch mit diesem 
Bruder. Bei der Besprechung der Rückenschmerzen trat bei ihr wiederholt 
ein heftiger Harndrang auf. Dazu fiel ihr eine kleine Begebenheit aus ihrem 
fünften Lebensjahre ein: Sie sah zu, wie der kleine, drei Jahre jüngere 
Bruder, der damals eine Kinderlähmung durchmachte, gebadet wurde. Die 
Mutter war sehr besorgt, weil er nicht urinieren konnte. Ihr Urindrang — 
und ihr Urinieren vor und nach der Stunde — will also beweisen : Ich kann, 
was der Bruder nicht konnte, ich bin noch männlicher als er. Ich erwähnte 
schon, daß die Patientin bis zur Pubertät ein knabenhaft wildes Madchen 
war, das nur mit Buben spielte. Von ihrem damaligen starken Penisneid gibt 
folgende kleine Äußerung der Patientin beredtes Zeugnis. Sie ärgert sich in 
einer Analysenstunde darüber, daß Eltern immer Knaben haben wollen. Sie, 
ihrerseits, würde sich immer Mädchen wünschen. Auf meine Frage, warum, 
antwortet sie: „Knaben sind ja unartig." „Zum Beispiel?" frage ich, worauf 
die Patientin prompt antwortet: „Wie unartig sie z. B. auf der Straße in 
großem Bogen urinieren!" So hat sie ihren einstigen Neid in Verachtung 
umgekehrt. Ein anderes Mal träumt sie, ein kleines Mädchen — sie selbst ■ — ■ 
hocke auf der Landstraße, an eine Mauer gelehnt, und schreibe auf ihre 
Schiefertafel. Gleichzeitig verrichte sie ihr kleines Bedürfnis. Dazu fällt ihr 
ein, daß der Vater einmal lachend erzählt hat, wie er ihren älteren Bruder, 
auf der Straße hockend, seine Schulaufgaben schreiben sah. (Diese Erinnerung 
spielt in ihrem sechsten Jahre.) Im Traume schreibt sie wie der Bruder auf 
der Straße, uriniert gleichzeitig, d. h. sie möchte nicht nur wie der Bruder 
schreiben, sondern auch wie der Bruder urinieren. 

Auch die Tatsache, daß sie sich in ihrer Kindheit mit besonderer Liebe 
gerade an den lahmen Bruder anschloß, scheint durch ihren Penisneid er- 
klärlich. Der lahme Bruder war doch ein sympathischerer, weil weniger ge- 
fährlicher Rivale. Die Identifizierung mit ihm in Rückenschmerzen und Urin- 
drang hieß dann auch noch: Ich bin ein Mann, wenn auch ein verstümmelter. 

Von der entgegengesetzten, weiblichen Bedeutung der Rückenschmerzen 
gewann ich ein eindrucksvolles Bild, als ich die Patientin anläßlich einer 
starken Grippe, die sie nicht zur Stunde kommen ließ, aus besonderen 
Gründen in ihrer Wohnung aufsuchte. Sie klagte mir, daß sich ihre „Grippe" 
besonders durch Rückenschmerzen auszeichne. Die Rückenschmerzen seien sehr 
schlimm, kaum auszuhalten. Sie kämen schubweise, beginnen beiderseitig in 
der Kreuzgegend und zögen sich nach unten vorn, hätten den Charakter eines 
Reißens. Sie setzte sich mir gegenüber auf das Sofa, nahm dabei eine halb 
sitzende, mehr liegende Haltung ein, beugte in einem etwas steifen Bogen 
den Oberkörper nach hinten, stemmte die Arme steif nach hinten und stützte 
sich auf die Fäuste. Sie bot ganz das Bild einer Gebärenden, ihre Beschreibung 
von den Schmerzen erinnerten an typische Eröffnungsschmerzen. Ihr Anblick 
erinnerte auch an den arc de cercle des großen hysterischen Anfalles, der 
unter diesem Gesichtspunkte neben der von Freud beschriebenen Bedeutung 
vielleicht noch einen neuen Sinn bekommt. Das Hinzukommen der weiblichen 
Bedeutung der Rückenschmerzen zu den oben beschriebenen männlichen stehen 
im Einklang mit den Sätzen Freuds über „Hysterische Phantasien und ihre 
Beziehung zur Bisexualität", in denen über das hysterische Symptom gesagt 




Analyse einer Konversionshysterie im Klimakterium 



123 



wird: „Ein hysterisches Symptom ist der Ausdruck einerseits einer männ- 
lichen, andererseits einer weiblichen unbewußten sexuellen Phantasie, und 
weiter: „Bei der Behandlung solcher Fälle bedient sich der Kranke der Be- 
quemlichkeit, während der Analyse der einen sexuellen Bedeutung fortwährend 
in das Gebiet der konträren Bedeutung auszuweichen. 

Im selben Aufsatz heißt es bei F r e u d, daß die bisexuelle Determiniertheit 
desselben Symptoms die höchste Stufe der Kompliziertheit eines hysterischen 
Symptoms zu sein scheint, und man kann also nur bei langem Bestände einer 
Neurose und bei großer Organisationsarbeit innerhalb derselben dieses Phä- 
nomen erwarten. Diese Bedingung, nämlich der lange Bestand der Neurose, 
ist bei der Patientin jedenfalls erfüllt. 

Die zeitweise hartnäckigen Obstipationen der Patientin erklärten sich aus 
reichlichem Material als Schwangerschafts- und Geburtsphantasien. Orale und 
anale Geburtstheorien waren dabei miteinander verwoben. Nach einer Stunde, 
in der wir von ihrer Geburtsangst sprachen, litt die Patientin, obwohl gar 
kein Diätfehler vorlag, tagelang an einer quälenden Obstipation. Als sie end- 
lich Stuhl hatte, war er so hart und sie konnte so schlecht damit fertig 
werden, daß sie schließlich ein Stück Pappe nahm, um die Kotstange heraus- 
zuholen. Dabei ging es ihr durch den Kopf, es fehle nur noch, daß sie eine 
Zange heranhole. Es war die deutliche Darstellung einer schweren Geburt. 

Die einzige Zeit, wo die Patientin nie an Verstopfung litt und auch guten 
Appetit hatte, war in der Kriegs- und Inflationszeit. Auf meine Frage nach 
dem möglichen Grunde meinte sie: „Da gab es ja nichts Anständiges zu essen." 
Das hieß: Es verlohnt sich nicht, dieses Zeug zu behalten. In der Kriegszeit 
mußte man außerdem hauptsächlich auf Fleisch und Eier verzichten — auf 
die Speisen, gegen die sie seit der Kindheit eine Aversion hatte. In einem 
anderen Zusammenhang fragte ich sie einmal, ob sie als Kind etwas davon 
hörte, daß schwangere Frauen gute Nahrung haben müßten. „Gewiß, ant- 
wortete sie, „die Mutter aß, wenn sie schwanger war, zum Frühstück extra 
Eier, zum Abend extra Schinken." Wenn man also Fleisch und Eier nicht 
zu sich nahm, — Krieg, — wurde man nicht schwanger, hatte keinen Grund, 
zurückzuhalten, konnte also leichten Stuhlgang haben. 

Neben dieser genitalen Verwendung extragenitaler Zonen spielt aber bei 
der Verstopfung auch eine direkte anale Befriedigung eine wesentliche Rolle. 
Sie gab zu, bei den Verstopfungen Lustgefühle zu haben; der Typus ihrer 
Onanie — Anspannung der Beckenmuskulatur, niemals manuell — förderte 
die Miterregung der analen Zone. Nicht unwesentlich war noch der Umstand, 
daß sie, als sie in der Bleichsuchtperiode besonders stark an Verstopfung litt, 
immer wieder von der Mutter nach ihrem Stuhlgang gefragt wurde und oft, 
eine Zeitlang regelmäßig, Klistiere von der Mutter bekam. Das so hart- 
näckige Festhalten an der Obstipation entspricht dem Wunsch, sich die Für- 
sorge der Mutter zu sichern. Ihre in gewissen Beziehungen (z. B. Geldfragen) 
passiv-homosexuelle Einstellung zur Mutter steht damit wohl in Zusammen- 
hang. Folgender Einfall weist darauf hin: „Man heiratet vielleicht, um die 
Mutter wiederzufinden, man möchte, daß die Mutter für einen die Geschäfte 
besorgt. Da das „Geschäftebesorgen" im eigentlichen Sinne nicht Sache der 
Mutter ist und ich danach fragte, wie sie das eigentlich meine, antwortete 
sie: „Nun, da dachte ich wohl an Geschäfte im anderen Sinne." 



r 



124 



Barbara Lantos 



Ich komme jetzt zu dem letzten Symptom, dem schlechten Geschmack, der 
zeitweise auftrat und etwas von Fleisch, Blut und Blei hatte. Als sie eines 
Tages über besonders quälenden Geschmack klagte, ergab sich folgendes: Sie 
hatte am vorhergehenden Tage Spargelsuppe gegessen. Zu Spargel fiel ihr ein, 
einmal einen Traum gehabt zu haben, in dem sie in einem Topf Spargel 
züchtete. Der Spargel sah aus wie das Glied eines kleinen Jungen. Die Ver- 
dichtung des eßbaren Spargels und des Gliedes entsprach unbewußten Fellatio- 
phantasien. Bald nach dieser Deutung hatte sie folgenden Traum: Sie befindet 
sich auf ihrer eigenen Hochzeit. Auf einer Schüssel liegt ein Stück Fleisch, 
ganz eigenartig, es sieht aus uiie ein Organ, vielleicht eine Niere, es ist läng- 
lich, in der Mitte durch die Längsachse zieht sich etwas wie Stahl, eine Frau 
redet ihr zu: „Das ist ja nicht so schlimm, Sie müssen es nur schlucken, dann 
ist es geschehen." Sie hat große Angst und denkt: „Das wird mir doch im 
Halse stecken bleiben, es ist dock viel zu groß für mich." 

Ich glaube, hinter diesem Fellatiotraum steckt einerseits eine orale Be- 
fruchtungsphantasie, andererseits ist er eine nach oben verschobene Darstellung 
des genitalen Aktes. Die Angst, das Fleisch sei für sie zu groß, ist die infantile 
Angst, die sich aus dem Vergleich des großen Penis des Vaters mit ihrem 
eigenen kleinen Genitale ergab. Daran, daß diese Fellatiophantasien zum Teil 
auf den Bruder, in der tieferen Schicht auf den Vater zurückgingen, ließen 
zahlreiche Träume und Einfälle keinen Zweifel. 

Zur Frage der Onanie kann ich nunmehr kurz zusammenfassen: Aus der 
Kindheit bewahrte die Patientin eine Schaukelerinnerung mit genitaler Er- 
regung, die mit Kastrationsangst endete, femer zwei andere Erinnerungen 
vom Onanieren und von deutlichen Onanieschuldgefühlen. Als Erwachsene 
hat sie selten, vielleicht einigemal im Laufe der Jahre, onaniert, hauptsäch- 
lich im Anschluß an Lektüre. Sie übt aber dauernd eine nach oben ver- 
schobene verkappte Onanie, und zwar folgendermaßen : Sie kann abends häufig 
wegen eines merkwürdigen Druckes in der Magengegend nicht einschlafen. 
Da muß sie sich auf den Bauch legen und drückt mit den Fäusten gegen die 
Magengegend. Nach einiger Zeit legt sie sich auf den Rücken und muß den 
Magen massieren. So schläft sie allmählich ein. Sie stellt also bei dieser 
verkappten Onanie den Geschlechtsakt männlich und weiblich dar. — Das 
Wesentliche bei der Onaniefrage ist natürlich ihre Onaniephantasie. Diese 
lautet mit absoluter Monotonie: Ein junges Mädchen wird von einem alten 
Mann vergewaltigt. Auch ohne manifeste Onanie kommt sie auf diese Phantasie 
immer wieder zurück. Was sie an Lektüre erregte, war stets desselben Inhalts. 
Von Jugend an hatte sie ein besonderes gruselndes Interesse für Zeitungs- 
meldungen, Klatschgeschichten dieser Art, besonders auch, wenn Lehrer ihre 
Schülerinnen vergewaltigten. Die Personen waren übrigens in der Phantasie 
niemals deutlicher geworden, „sie selbst war es nie". Diese Verneinung ist 
wohl der Beweis für das Gegenteil, sie ist die Bedingung der Zulassung der 
Phantasie zum Bewußtsein gewesen. Ihre Onaniephantasie ist der Schlüssel 
zum Verständnis der Struktur ihrer Krankheit. Ich möchte diese im Zu- 
sammenhang mit der Würdigung ihrer ObjektfiKierungen, ohne die ihre Onanie- 
phantasie nicht verstanden werden kann, jetzt darzustellen versuchen. 



Analyse einer Konversionshysterie im Klimakterium 125 



Am einfachsten ist das Verhältnis der Patientin zu ihrem Bruder, bzw. 
ihren Brüdern zu verstehen. Es steht im Zeichen eines sowohl ihre Früh- 
kindheit wie die Latenzzeit beherrschenden Peniswunsches, den sie sich durch 
Identifizierung mit den Brüdern als erfüllt phantasiert. Durch solche Identi- 
fizierung kann sie der ursprünglichen feindseligen Einstellung gegen die 
Brüder ausweichen. Es sei an die erwähnte Szene aus ihrem fünften Lebens- 
jahre erinnert, wo sie zusieht, wie der kleine Bruder nicht urinieren kann, 
dann an den Traum mit der Schiefertafel und dem Urinieren im Anschluß 
an den Einfall von dem unartigen Knaben, wie an ihr knabenhaftes Benehmen 
in der Latenzzeit überhaupt. In dem frühkindlichen Peniswunsch und der 
diesen Peniswunsch fortsetzenden Jungenhaftigkeit ihrer Latenzzeit scheint mir 
eine Bestätigung der Auffassung von K. Horney zu liegen, die von einem 
primären und einem späteren, bereits in Reaktion auf den Odipuswunsch ge- 
bildeten sekundären Penisneid spricht. 

Vom Odipuswunsch will die Patientin wenig wissen, ganz im Gegensatz zu 
ihren männlichen oder gar homosexuellen Tendenzen, die sie mit verdächtiger 
Bereitwilligkeit zugibt. Von jeder Theorie abgesehen, weist aber ihre Onanie- 
phantasie gebieterisch auf dieses Gebiet hin. Sie hat eine Erinnerung «us dem 
vierten Lebensjahr, die wohl als eine Deckerinnerung aufzufassen ist: Sie ist, 
weU die Mutter im Wochenbett liegt, beim Onkel zu Besuch. Sie sitzt auf 
einer Schaukel, erinnert sich deutlich des angenehmen Schaukelgefühls, sie 
schläft ein, erwacht aber mit schrecklicher Angst : auf ihrer Schürze sieht sie 
zwei ekelhafte Raupen, sie bricht in ängstliches Geschrei aus, der Onkel 
kommt heran, nimmt sie auf den Arm, um sie zu beruhigen. Es ist übrigens 
derselbe Onkel, den sie besuchen wollte, als sie unterwegs ihre ersten Kopf- 
schmerzen bekam. 

Ich muß hier bemerken, daß die Patientin eine sehr ausgesprochene Raupen- 
scheu hat und die Raupen mit ihren merkw^ürdigen Bewegungen in zahlreichen 
Träumen und Einfällen mit dem Penis identifiziert. Ich glaube, daß es sich 
in der Schaukelszene um onanistische Erregungen aus der Odipuszeit handelt 
und daß die Raupen in doppelter Hinsicht den Penis bedeuten. Ihr Schreck 
in dieser Szene galt einerseits dem Penis des Vaters, den sie in der Phantasie 
auf sich eindringen sah, andererseits ist es ein Kastrationsschreck wegen ihres 
eigenen für die Onanie abgeschnittenen Genitales. Der Onkel, der sie zärtlich 
und beruhigend auf den Arm nimmt, ist der Vertreter des Vaters. 

Ein aus viel späterer Zeit stammendes, ebenfalls als Deckerinnerung im- 
ponierendes Erlebnis spricht eine noch deutlichere Sprache und beleuchtet 
auch die Beziehung der Patientin zu ihrer Mutter. Sie war schon ein größeres 
Mädchen, die Mutter lag schlafend auf dem Sofa, am Tisch lag ein Zettel eben 
mit ein paar Zeilen der Mutter: „Ich danke dir für alles" . . . Ohne zu über- 
legen, ob es ein Brief, ein Vers oder sonst ein Gekritzel sein könnte, kommt 
ihr plötzlich der Gedanke, die Mutter habe sich das Leben genommen. Sie 
sieht aber die Mutter gar nicht näher an, sondern eilt zum Vater ins Geschäft, 
um ihn zu rufen. Unterwegs sieht sie zwei koitierende Hunde, und denkt 
sich: „Wie böse bin ich, so etwas zu bemerken, wenn die Mutter sterben 
will. Gleichzeitig kommt ihr der Gedanke: „Wie schrecklich muß die Ehe 
sein, wenn man sich das Leben nimmt, um aus ihr zu fliehen." 

Ich glaube, die Erinnerung besagt: Wie böse bin ich, daß ich die Mutter 



126 Barbara Lantos 



wegwünsche, damit ich selbst die Urszene (Hunde) erlebe; dann kommt die 
Abwehr, die Reaktion auf diesen Wunsch: Nein, ich will es gar nicht, die 
Liebe des Vaters (die Ehe) ist etwas Schreckliches. 

Der zweite Gedanke, der der Abwehr, wird zum bewußten Leitmotiv 
ihres Lebens. Die Ehe ist eine gewalttätige, schreckliche Angelegenheit, man 
geht ihr am besten aus dem Weg. Sie läßt, ohne besondere Gründe zu haben, 
einen Bewerber nach dem anderen abfallen. „Es ist doch viel schöner zu 
Hause." Unter großen Widerständen gestand sie in einer Analysenstunde, daß 
sie bei dem Abweisen der Bewerber einen Hintergedanken hatte, eine ge- 
heime Hoffnung, daß sich endlich einer nicht abweisen lassen, sondern mit 
allen Mitteln seinen Wunsch durchsetzen und selbst vor einer Vergewaltigung 
nicht zurückschrecken würde. Dieser wird dann der Richtige sein — und auf 
diesen Richtigen wartet sie noch heute. Sie wartet also heute noch auf den 
Vater. Ihr Verhalten heißt: Von den Jammerlappen, die sich abweisen lassen, 
lasse ich mich nicht kastrieren, denen zuliebe bin ich nicht Weib. Nur wenn 
der Vater kommt, will ich mich geben. Der Richtige, der Kastrierende, ist 
eben der Vater. 

Sie findet nicht nur: „Zu Hause ist es viel schöner," sondern auch: „Zum 
Heiraten habe ich noch lange Zeit genug; solange man nicht verheiratet ist, 
hat man es viel schöner. Mit der Ehe beginnt das Kinderkriegen; je später 
ich heirate, um so weniger Kinder kriege ich." 

So lautet die bewußte Stellungnahme, die aber ein von Schuldgefühlen 
diktierter Verzicht auf die Kinder (mit dem Vater) ist. Während sie nämlich 
so denkt, hat sie bei den verschiedenen Geburten in ihrer Familie (Schwester, 
Schwägerin usw.) den ärgerlichen Gedanken: „Die verdient es gar nicht, 
Kinder zu kriegen." Sie möchte selbst alle diese Kinder zu sich in Erziehung 
nehmen. Am deutlichsten wird diese infantile Einstellung der verheirateten 
Schwester gegenüber. Sie ist der Meinung, daß die Schwester von ihrem 
Manne nicht gut behandelt werde, und redet ihr — allerdings ohne Erfolg 
— zu, sich von ihrem Manne scheiden zu lassen und mit den Kindern nach 
Hause zu kommen. Sie werde ihr schon helfen, die Kinder zu erziehen. — 
Die Schwester wurde durch ihre Verheiratung zur Vertreterin der Mutter. 
Ihre unglückliche Ehe gab den rationalisierten Anlaß, auf die Trennung der 
Schwester vom Manne (Vater) zu drängen, um dann die Kinder für sich 
behalten zu können. 

In der Vorpubertätszeit brach ihr Gebämeid in einer deutlich erinnerten 
Szene durch: Die Mutter ist mit dem jüngsten Bruder schwanger. Die 
Patientin bekommt — gerade zu ihrem zwölften Geburtstag — Halsschmerzen, 
bleibt im Bett liegen, wünscht sich als Geburtstagsgeschenk — eine Puppe 
und zwei Bälle. Die Puppe ist das Kind, die BäUe die Brüste. 

Die Patientin kam mit der Behauptung in die Analyse, daß sie ihren 
Vater niemals vermisse und ihn bei seinem Tode nicht besonders betrauert 
habe. In der Analyse erwachte plötzlich eine tiefe Vatersehnsucht, eine Liebe 
und Zärtlichkeit dem Vater gegenüber, mit dem Schuldgefühl, sie hätte ihn, 
den Liebsten und Besten auf der Welt, verleugnet. Ihre Gleichgültigkeit bei 
seinem Tode konnte in der Analyse als die Folge einer Kränkung aufgeklärt 
werden. In seinen letzten Augenblicken, bei getrübtem Bewußtsein, hatte er 
der sechs Jahre jüngeren Schwester den Segen erteilt, obwohl die Patientin 




Analyse einer Konversionshysterie Im Klimakterium 127 

immer sein bevorzugter Liebling gewesen war. Sie hatte diesen Vorfall nicht 
als Kränkung im Bewußtsein behalten, doch ihre Gleichgültigkeit zeigte, daß 
sie diese Gefühlsreaktion nur verdrängte. Für die eben erwähnte wie auch 
für die anderthalb Jahre jüngere Schwester hatte sie, ganz im Gegensatz zu 
ihren Brüdern, niemals Zärtlichkeit übrig. Der Tod der anderthalb Jahre 
jüngeren Schwester in ihrem zwanzigsten Jahre ließ sie auch auffallend kalt. 
Diese Einstellung war verständlich: Sie war die erste Tochter nach zwei 
Brüdern, wurde vom Vater (der eine Vorliebe für Töchter hatte) mit großer 
Freude empfangen und hatte immer eine von allen anerkannte Vorzugsstellung 
bei ihm, den Knaben gegenüber ganz unbestritten, wogegen sie mit den 
Schwestern die Liebe des Vaters teilen mußte. So waren ihr diese als höchst 
überflüssige Rivalinnen vorgekommen. 

Ihre Vorzugsstellung wurde übrigens nicht nur von den Geschwistern, 
sondern auch von der Mutter anerkannt, sogar wiederholt hervorgehoben und 
ausgenützt. Die Mutter schickte sie oft in das Geschäft zum Vater, um Geld 
für den Haushalt zu holen, da der Vater erfahrungsgemäß das gewünschte 
Geld am leichtesten ihr aushändigte, w^ährend er sonst ab und zu an der 
Höhe der Summe etwas auszusetzen hatte. Eine Erinnerung, die oft wieder- 
kehrt und auch in Träumen eine Rolle spielt, beweist, daß der Vater auch 
an ihrem körperlichen Wohlergehen ein besonderes Interesse zeigte. Bei einem 
Ballbesuch, während ihrer Menstruation, nahm er ihr die Tanzkarte aus der 
Hand, beschrieb die meisten Tanznummern mit fiktiven Namen, ließ nur 
einige übrig und meinte, das müsse genügen. Sie verstand, daß das mit Rück- 
sicht auf ihre Menstruation geschah. Auch sonst achtete er darauf, daß sie 
sich während der Menstruation nicht anstrenge. Der Vater hatte sich so an 
ihrer Blutung interessiert gezeigt; vielleicht trägt diese Tatsache zur regressiven 
Belebtmg jener Erinnerung aus dem siebenten Jahre bei, wo sie sich den 
Kopf verletzte und so stolz auf ihren blutenden Kopf war. 

Aber auch die Fixierung an die Mutter erhielt nach der Pubertät durch 
das Verhalten der Mutter neue Verstärkungen. Die ständige Sorge der Mutter 
um ihren Stuhlgang, die Verabreichung der Klistiere — eine anale Onanie — 
bestärkte sie in ihrer passiv-homosexuellen Einstellung zur Mutter, die sich 
in dem tatsächlichen Erhaltenlassen durch die Mutter, in der Übertragung 
durch eine passive Gefügigkeit, deutlich ausdrückten. 

Ihre Einstellung zu beiden Eltern wird sehr anschaulich durch folgende 
zufällige Begebenheit illustriert, die sie in der Analyse als „wunderschöne 
Phantasie" bezeichnete. Sie hatte tags zuvor eine „reizende junge Dame" zu 
Besuch; sie mußte den ganzen Tag voller Glücksgefühle an diesen Besuch 
denken. Mit der Dame war auch ein zweijähriges Adoptivkind ihres Bruders 
mitgekommen. Das Glücksgefühl an diesem Besuch war ihr selbst ganz uner- 
klärlich, da sie ja gar keüie näheren Beziehungen zu ihren Gästen hatte. Von 
den Verhältnissen der reizenden Dame weiß sie folgendes: Sie ist 51 Jahre 
alt, hat einen sehr reichen, verheirateten älteren Freund ; sie wohnt zusammen 
mit ihrer Mutter und führt mit dieser einen großen Haushalt. Die Mutter 
weiß von ihrer Beziehung, betont aber immer wieder, der Betreffende sei 
ein väterlicher Freund ihrer Tochter, sexuelle Beziehungen kämen gar nicht 
in Frage. So läuft also das Verhältnis mit Wissen der Mutter, ohne von ihr 
beanstandet zu werden. 




128 Barbara Lantos 



Wodurch war nun diese banale Geschichte für die Patienten so „schön" ? 
Sie war die Realisierung des Ödipuswunsches in einer Konstellation, die die 
Schuldgefühle abzuschwächen geeignet war. Für das Unbewußte stellt sie ein 
Verhältnis mit dem Vater dar, das von der eigenen Mutter unterstützt wird. 
Die Tochter ernährt durch dieses Verhältnis die Mutter, wie die Mutter sie 
wirklich um Geld zum Vater schickte. Alle negativen Gefühle des Ödipus- 
komplexes werden auf die Fremde, die Ehefrau des Freundes, übertragen, und 
das Verhältnis zur Mutter wird nicht gestört. — Eine gewisse Rolle hat auch 
das mitanwesende Adoptivkind des Bruders gespielt. Das vom Bruder an- 
genommene Kind könnte das heimliche Kind der Dame und ihres Freundes 
sein ; somit hätte sie ein Kind vom Vater, das auch zugleich das des 
Bruders wäre. 

Unsere letzte Frage ist nun, warum die inzestuöse Fixierung, die im letzten 
Grunde ausschlaggebend für ihr Lebensschicksal wurde, nicht überwunden 
werden konnte. Vielleicht erleichtert ein konstitutionell geringer Grad von 
Temperament die Regression auf Phantasien an Stelle des realen Erlebens. 
Besonders wichtig scheint es mir aber, daß das Elternhaus für sie besondere, 
tatsächliche Befriedigungen bieten konnte. Die liebevolle, jeder Strenge ent- 
behrende Einstellung der Eltern, das eindeutig Gute, was sie im Elternhaus 
erlebt, die wohlwollende Akzeptierung ihrer Vorzugsstellung beim Vater durch 
die Mutter, tragen hierzu wesentlich bei. Das Interesse der Eltern an ihrem 
körperlichen Wohlergehen (des Vaters Interesse an ihrer Menstruation, die 
Sorge der Mutter um ihre Verdauungstätigkeit) gewähren ihr eine hohe 
narzißtische Befriedigung. Vielleicht wirkt neben ihrer von jedem anerkannte 
Vorzugsstellung die Harmonie des Elternhauses als fixierendes Moment an 
beide Elternteile. 

Wenn sie ihre Pubertät mit dem Trostgedanken begann: „Es ist eigentlich 
ganz schön, ein Mädchen zu sein, dann kann man zu Hause bleiben, während 
die Buben weggeschickt werden", so ist das bereits das Zeichen ihrer neuro- 
tischen Fixierung. Den Peniswunsch der Latenzzeit überwindet sie ganz nach 
dem Vorbild des infantilen primären Peniswunsches durch die Objektliebe. Nur 
daß sie dazu nicht — wie es zur normalen Entwicklung nötig wäre — 
reale Objekte nimmt, sondern auf die inzestuösen zurückgreift und damit auf 
die reale genitale Befriedigung verzichten muß. Sie scheitert an der zwei- 
zeitigen Objektwahl. 

Doch der Trostgedanke verrät, daß der Verzicht auf die Knabenhaftigkeit 
und das Mädchenseinwollen nicht ohne Schwierigkeit vor sich geht. In ihrer 
Bleichsuchtsperiode rafft sie sich einmal auf, um diese „weibliche Schwäch- 
lichkeit" zu überwinden. Sie hat keine Menstruationsbeschwerden, es ist also 
bemerkenswert, daß sie die Bleichsucht als „weibliche Schwäche bezeichnet. 
Das brachte mich auf den Gedanken, daß es sich dabei wirklich um eine 
weiblich-trotzige Reaktion — vielleicht könnte man es weiblichen Protest 
nennen — handeln könnte. Muß ich nun schon menstruieren, muß ich ein 
Weib sein, dann schon ganz : dann bin ich eben ein schwächliches, ein kastriertes 
Wesen. Vielleicht würde es etwas fruchten, jugendliche Neurosen ohne nach- 
weisbare organische Grundlage unter diesem Gesichtspunkt des weiblich- 
trotzigen Protestes zu untersuchen. Diese meine Vermutung steht mit einer 
Äußerung von Freud im Einklang. Am Schluß des Aufsatzes „Allgemeines 



Analyse einer Konversionshysterie im Klimakterium 129 



über den hysterischen Anfall" heißt es: „Man kann es häufig beobachten, 
daß gerade Mädchen, die bis in die Jahre der Vorpubertät bubenhaftes Wesen 
und Neigungen zeigten, von der Pubertät an hysterisch werden. In einer 
ganzen Reihe von Fällen entspricht die hysterische Neurose nur einer exzes- 
siven Ausprägung jenes typischen Verdrängungsschubes, vsrelcher durch Weg- 
schaffung der männlichen Sexualität das Weib entstehen läßt." Was ich hin- 
zufügen möchte, ist nur, daß die jugendliche Chlorose in vielen Fällen eine 
solche Hysterie sein dürfte und das Zeichen eines schweren, sich ungünstig 
abwickelnden Konfliktes ist. 

Mit dieser jugendlichen Neurose, die durch Schwächeanfälle ihrer Kastra- 
tionskränkung, durch Appetitlosigkeit, Verstopfung, Kopfschmerzen ihren oralen 
und analen Befruchtungs-, Geburts- und Vergewaltigungsphantasien Ausdruck 
gibt, richtet sich unsere Patientin im Elternhause ganz gut ein. Die jugend- 
liche Neurose klingt ab, die Patientin bleibt das einzige Kind im Hause, 
fühlt sich wohl und zufrieden. Nach dem Tode des Vaters, dem realen Verlust 
des Inzestobjektes, erwacht ihr Interesse an einem realen Objekt. Der Auf- 
enthalt und die Kinderpflege beim Bruder wirken wohl fördernd auf die 
Veränderung ihrer Libidoökonomie. Doch das reale Objekt versagt, — natürlich 
nicht zufällig, — sie steht im Vorklimakterium und der Ausweg in eine 
manifeste Hysterie ist folgerichtig gegeben. Das zweite akzidentelle Moment 
dieser Periode, das Zusammenleben der Patientin mit der Mutter, beeinflußt 
insofern das Bild, als es durch Identifizieriuig mit dem Vater ihre männliche 
Komponente verstärkt. Diese Identifizierung erklärt wohl auch zum Teil das 
Gefühl, daß sie den Vater gar nicht vermisse; sie sagte einmal: „Mir kommt 
es vor, als wäre der Vater immer bei uns." 

Die Konflikte zwischen männlichen und weiblichen Tendenzen, das phanta- 
sierte Festhalten an den genitalen Funktionen unter Verwendung von extra- 
genitalen Zonen, das reaktive Aufflackern aller Wünsche und Ängste 
des Ödipuskomplexes, ist der wesentliche psychische Inhalt der typischen 
klimakterischen Schwierigkeiten, die sich an die vorhandene organische Basis 
anlehnen.' Es ist aber auch der wesentliche Inhalt der hysterischen Symptome 
unserer Patientin, relativ unbeeinflußt vom individuell variierenden Erleben 
des erwachsenen Alters. Wenn wir von ihrem einzigen Erlebnis mit dem 
Künstler — das auch mehr Folge war als Ursache — absehen, handelt es 
sich um eine reine Dispositionsneurose, wobei die sexuelle Konstitution nur 
im Sinne einer vielleicht mitgebrachten Temperamentlosigkeit wirkt, so daß 
das viresentliche Moment auf das infantile Erleben fällt, das seinerseits selbst 
ziemlich banal ist. Darin liegt, wie ich glaube, das Instruktive des Falles. Es 
ist eine reine, von akzidentellem Beiwerk fast völlig freie Ödipusneurose, 
mit einem verpfuschten Leben und konversionshysterischen Ausbrüchen in 
Pubertät und Klimakterium. 

Zum Schluß ein paar Worte über die Aussichten der Gesundung. Ich 
erwähnte schon, daß die Patientin für ihr Alter auffallend jugendlich und 
erfreuhch hoffnungsvoll ist. Es gibt Menschen, die von der Neurose zerfressen 
werden; sie scheint durch ihre Neurose jung geblieben zu sein. Sie hat noch 

i) Helene Deutsch: Psychoanalyse der weiblichen Sexualfunktionen. (Neue 
Arb. z. axzü. PsA., Bd. V), Wien 1925. ^ 

Int. Zeitachr. f. Paychoanalyse, XV/i 




130 Barbara Lantos 



nicht gelebt, fühlt sich unverbraucht. Von einem altjüngferlichen, verbitterten 
Wesen hat sie nichts an sich. Sie ist das ewige Kind im Elternhause geblieben. 

Der Erfolg der Bemühung, sie zum Aufgeben ihrer üppigen Phantasie- 
befriedigungen zu bringen, ist dadurch erschwert, daß man ihr nur wenig 
dafür geben kann. Sie muß ja nunmehr nicht nur auf ihre Männlichkeit, 
sondern auch auf ihre Weiblichkeit verzichten. (Die Menopause ist während 
der Analyse eingetreten.) Sie muß nicht nur auf die Inzestobjekte, sondern 
auch auf eine Hoffnung auf reale Objekte verzichten. Ihre Jugendlichkeit ist 
für die Prognose nicht nur positiv, sondern in gewissem Sinne auch negativ 
zu bewerten. Wenn die Patientin einmal meinte: „Ich dachte heute, ich werde 
doch gesund. Aber da fiel mir ein: „Wenn du gesund wirst, mußt du bald 
sterben", so hat sie mit einer kleinen Ergänzung recht. Sie wUl sagen: „Wenn 
du gesund wirst und versuchen willst, etwas anzufangen, siehst du erst, daß 
du vieles versäumt hast und inzwischen alt geworden bist. Es ist ein Stück 
Realangst vor der durch diese Verspätung aussichtsarm gewordenen Realität. 
Ihre Neurose mit ihren aus dem Infantilen stammenden Phantasien und phan- 
tastischen Ersatzbefriedigungen ist dagegen die Verleugnung des Alters. 

Der Abbau dieses sekundären Krankheitsgewinns ging natürlich nicht ohne 
objektiv schmerzhafte Auseinandersetzungen vor sich und bildete den Haupt- 
inhalt der Durcharbeitungsperiode. Daß es dabei vorübergehend ein stärkeres 
Aufflackern der im ganzen abgeschwächten Symptome gab, ist wohl nicht 
weiter verwunderlich. Das reale Verhalten der Patientin zeigte aber, wie 
eingangs erwähnt, eine zunehmende Realitätsangepaßtheit und gab die Berech- 
tigung, von einem Erfolg der Behandlung zu sprechen. Sie hat das Stuben- 
hocken aufgegeben, verabredete sich mit früheren Freundinnen, ging mit ihnen 
ins Cafe, ins Theater, überwand die Rücksichtnahme, bzw. die Schuldgefühle 
der allein zu Hause bleibenden Mutter gegenüber, beabsichtigte, sich ständig 
einem Kreis geistig regsamer Bekannten anzuschließen. Sie überlegte sich die 
Berufsfrage nach allen Seiten hin, sah ein, daß sie sich doch nicht ewig auf 
das Zusammenleben mit der Mutter einrichten kann, entschloß sich, sich als 
medizinische Hilfsarbeiterin auszubilden, traf dazu die nötigen Vorbereitungen 
und begann — wie ich später erfuhr — den Kursus tatsächlich; so hat sie 
die Berufsarbeit energisch aufgenommen. 



PSYCHOANALYTISCHE BEWEGUNG 



Außenposten der Psydioanalyse 

In dem Nachruf, den S i m m e 1 als Vorsitzender der Deutschen Psycho- 
analytischen Gesellschaft in einer Sitzung dieser Gesellschaft auf den ver- 
storbenen San.-Rat Wanke (Friedrichroda) hielt, wies er darauf hin, daß 
mit dem Tode W a n k e s ein Außenposten der Psychoanalyse verwaist sei, 
dessen Verlust außerordentlich bedauerlich sei. Die Psychoanalyse habe nicht 
viel derartige Außenposten, müsse aber auf ihre Vermehrung bedacht sein. 

Dies gibt mir Veranlassung, von meinen Erfahrungen aus meinem Tätig- 
keitsgebiet, dem des Fürsorgearztes, soweit sie mit der Psychoanalyse zusammen- 
hängen, kurz zu berichten. In der Mittelstadt von etwa 25.000 Einwohnern, 
deren einziger beamteter Fürsorgearzt ich als Stadtarzt bin, liegen mir alle 
Zweige der Fürsorge ob, die in größeren Städten von besonderen Fachleuten 
wahrgenommen werden. Ich habe daher nicht die Zeit, regelrechte Analysen 
zu machen; was ich aber kann, ist, zu versuchen, meine ganze Tätigkeit 
psychoanalytisch zu orientieren. Aus der Fülle der Gesichtspunkte, die sich 
dabei ergeben, kann ich nur einzelne als Beispiele herausgreifen. 

In der Säuglingsfürsorge steht ein reichhaltiges Beobachtungsmaterial an 
normalen und „nervösen" Kindern zur Verfügung, an dem man alles bestätigt 
finden kann, was die Psychoanalyse über die psychischen Verhältnisse beim 
Säugling ausgesagt hat. Es ist oft nicht zu übersehen, erschließt sich uns aber 
auch sonst leichter, da die Mütter wissen, daß sie uns mit allen Nöten und 
Schwierigkeiten kommen dürfen. Die Fragen der Onanie, der Stellung der 
Geschwister zueinander mit ihrer Eifersucht, der „Unarten" auf polymorph- 
perverser Grundlage müssen oftmals besprochen werden, und das geschieht 
natürlich auf dem Boden der Psychoanalyse. Ich sage „wir" und schließe 
damit die beiden Fürsorgerinnen ein, mit denen ich zusammen arbeite. In 
den Jahren unserer jetzt über sechsjährigen gemeinsamen Arbeit habe ich sie 
eingehend in alle grundlegenden Fragen der Psychoanalyse einführen können; 
ich lasse nach Möglichkeit keine Gelegenheit vorübergehen, an Hand des 
einzelnen Falles die psychoanalytische Auffassung dazu darzulegen, und ich 
kann mit Freuden feststellen, daß ich auf volles Verständnis gestoßen und 
durch die Versicherung belohnt worden bin, daß sie die Vertiefung ihrer 
Arbeit dankbar empfunden hatten. 

Die Kleinkinder sehe ich weiter im Kindergarten mit seinen neuen An- 



132 Psydioanalytische Bewegung 

forderungen an die Kinderpsyche, ich sehe die Kinder weiter während ihrer 
ganzen Schulzeit und habe oft Gelegenheit, über Kinder, die Schwierigkeiten 
machen oder „nervös" sind, mit Schulleitern und Lehrern zu sprechen. Da 
meine psychiatrische Ausbildung in allen Schulen bekannt ist, bekomme ich 
die irgendwie nervös auffälligen Kinder fast vollzählig in die Sprechstunde 
zugeschickt, und hierin liegt ein Hauptstück meiner psychoanalytisch gerichteten 
Tätigkeit. Wie wertvoll ist es, Eltern und Lehrern psychoanalytische Ein- 
sichten über Unarten, Lernschwierigkeiten, neurotische Symptome zu ver- 
mitteln, den Kindern zweckmäßigere, affektfreiere Behandlung zu verschaffen, 
ihnen selbst einmal die Bedeutung einzelner Erscheinungen vor Augen zu 
führen, natürlich in einer Sprache, die den Beteiligten verständlich ist! 

Die Beratung der Kinder anläßlich der Schulentlassung und Berufswahl 
ergibt mitunter überraschende Einblicke in die Tiefenpsychologie des Berufs- 
wunsches. In der Berufsschule geben die Vorträge über Geschlechtsleben und 
-krankheiten Gelegenheit, dieses Gebiet vom psychoanalytischen, d. h. natür- 
lichen Standpunkt aus zu betrachten. 

Wie wertvoll psychoanalytische Kenntnisse in der Alkoholkrankenfürsorge 
sind, brauche ich nicht erst zu betonen, aber auch in den anderen Fürsorge- 
zweigen, wie z. B. Lungenkrankenfürsorge, kommen sie gut vonstatten, in 
der Eheberatung sind sie überhaupt nicht zu entbehren. 

Dem Vertrauensarzte für Versicherungsamt und Kriegsbeschädigtenfürsorge 
stellen sich die Unfalls- und Kriegsneurotiker vor, auch vor den Gerichten, 
vor denen ich oft als psychiatrischer Sachverständiger und Gutachter fungieren 
muß, bietet sich oft genug die Möglichkeit, psychoanalytische Einsichten zu 
verwerten und zur Geltung zu bringen. 

Dem Fürsorgearzt liegt aber nicht nur die Fürsorgearbeit am Einzelnen 
ob, er muß auch durch Aufklärung und Belehrung auf einen größeren Kreis 
wirken. Wie man diesen Zweig seiner Tätigkeit in den Dienst der Verbreitung 
psychoanalytischer Forschungsergebnisse stellen kann, davon will ich noch 
einige Beispiele aus meiner nunmehr über sechsjährigen Tätigkeit berichten 
(ohne mir Illusionen über die schließliche Wirkung derartiger Tätigkeit zu 
machen). Ein Vortrag vor einer ärztlichen Gesellschaft (Frankfurt a. O., Mai 
1926, mit Bezug auf Freuds 70. Geburtstag) behandelte „Psychoanalytische 
Gesichtspunkte zur Frage der traumatischen Neurose", ein anderer beleuchtete 
in der „Vereinigung für polizeiwissenschaftliche Fortbildung" „Die Sittlich- 
keitsvergehen vom medizinischen und strafrechtlichen Standpunkt". Ein Kurs 
von sechs Doppelstunden vor sämtlichen Lehrern der Stadt und des ländlichen 
Schulkreises gab Gelegenheit, an drei Tagen der ganzen Lehrerschaft „Sexual- 
probleme der Jugend" nahezubringen. An einem „Mütterabend fand ein 
Vortrag über „Kinderunarten und unartige Kinder" dankbare Zuhörerinnen. 
Mit den Erzieherinnen eines unweit gelegenen Heilerziehungsheimes, dessen 
Hausarzt ich bin, gab es eine Zeitlang Aussprache- und Leseabende über 
psychoanalytische Themen; Aufsätze der „Zeitschrift für psychoanalytische 
Pädagogik", die ich dorthin ständig überweise, geben oft Veranlassung zu 
Meinungsaustausch. In der nächsten Zeit bin ich zu folgenden Vorträgen auf- 
gefordert, die ich vom Standpunkte des Analytikers zu halten zugesagt habe: 
Vor einer Bezirkskonferenz von Alkoholgegnem über „Psychologie des Trinkers* 
und vor einer Fürsorgerinnenvereinigung über „Verwahrlosung . 




Psydioanalytisdie Bewegung 



t33 



In kulturpolitischen Vereinigungen konnte ich eine Vortragsreihe über die 
, Naturgeschichte der Seele", über „Gehirn und Seele", „Schlaf und Traum", 
, Hypnose und Suggestion" durchführen, an die sich später ein Referat über 
den „Gott des Urmenschen" nach „Totem und Tabu" anschloß. 

Man sieht, auch im verhältnismäßig kleinen Wirkungskreis gibt es genug 
Möglichkeiten, psychoanalytisch zu wirken. Ich finde, die psychoanalytische 
Durchtränkung der Tätigkeit gibt ihr erst die richtige Wirksamkeit, und ich 
kann mir für meine Person fürsorgerische Arbeit ohne Psychoanalyse nicht 
mehr vorstellen. Ich würde deswegen die — ideale — ■ Forderung berechtigt 
finden, daß, wenn schon nicht alle Ärzte, so doch w^enigstens der Fürsorge- 
arzt weitgehend mit der Psychoanalyse vertraut, am besten analysiert und 
psychoanalytisch ausgebildet sein soll. Wie segensreich könnte ein so ausge- 
bildeter Arzt als Schularzt, Jugendpsychiater, Fürsorgearzt wirken, w^ieviel 
Ausstrahlungen könnten von ihm ausgehen. Und deshalb an den Nachwuchs 
die Mahnung: Besetzt auch solche Außenposten der Psychoanalyse, sie können 
vielleicht dieselbe Befriedigung bieten wie die Ausübung der reinen Psycho- 
analyse. Man wird das Pfund, das man von der Psychoanalyse erhalten hat, 
zwar nicht in den reinen Goldstücken („dem reinen Gold der Analyse" nach 
Freud) zurückerstatten, aber zwanzig einzelne Silbermark haben schließlich zu- 
sammen doch den gleichen Wert wie das goldene Zwanzigmarkstück. 

Vollrath (Fürsten walde-Spree) 



Spanien 

Die illustrierte Beilage des „ABC" vom 28. Oktober 1928 bringt über einen 
Madrider Vortrag von Dr. S. Ferenczi folgenden Bericht: 

„Der ungarische Gelehrte, Psychiater und Neurologe Dr. Sändor Ferenczi, 
der treueste und zugleich originellste Schüler Sigmund Freuds, hat gestern 
abend in der Residencia de Estudiantes (Sociedad de Cursos y Conferencias) 
einen interessanten Vortrag gehalten über das Thema ,Einführung in die 
psychoanalytische Technik und Charakteranalyse'. 

Der Schöpfer der ,Genitaltheorie erfreut sich eines wohlverdienten inter- 
nationalen Rufes. Seine Werke sind in viele Sprachen übersetzt und seine 
Vorträge in den Vereinigten Staaten waren sehr gut besucht. Auch bei seinem 
gestrigen Vortrag war ein ausgewähltes Publikum von Intellektuellen und 
Damen der Aristokratie anwesend. Unter anderen sah man die Herren 
Dr. Marafion y Pittaluga, Salaverria, Luzuriaga, Väsquez Diaz usw. 

Wir haben an dieser Stelle nicht genügend Raum, um in noch so knapper 
Weise die interessanten Themen zu erklären, die der ungarische Gelehrte 
behandelte. Wir können hier nur sagen, daß er mit Autorität, Klarheit und 
Feinheit darüber sprach, wie man die Analyse erlernt, was nicht nur für 
Arzte wichtig ist, sondern für alle diejenigen, die sich mit der menschlichen 
Seele beschäftigen, und darüber, wie die Psychoanalyse, indem sie dem Analy- 
•ierten die Zusammensetzung seiner Persönlichkeit aufdeckt, diesem die Mög- 
lichkeit gibt, sich vollkommener der Wirklichkeit anzupassen. Der Vortrag 
des Gelehrten fand großen Beifall." 



REFERATE 



Aus den Grenzgebieten 

Scharnke, A.: Über Beziehungen zwischen den eide- 
tischen Phänomenen und den Sinnestäuschungen. 
— Sitzungsberidite der Gesellsdiaft zur Förderung der gesamten 
Naturwissensdiaften zu Marburg, YJ. Heft I927, Berlin I927. 

Der durch die Eidetik gewonnene neue Erfahrungsreichtum verlockt dazu, 
sich mit der Lehre von den Sinnestäuschungen, wie sie die Psychiatrie 
geschaffen hat, auseinanderzusetzen. — Zur selben Zeit eiber ist die Psychiatrie 
im Begriff, ihrerseits ihre Ansichten über das Wesen der Sinnestäuschungen 
einer Revision zu unterziehen, die unter Schröders Führung in letzter 
Konsequenz zur Relativierung der alten Begriffe, wie Halluzination, Illusion, 
Pseudohalluzination, führt, die zu Sammelbegriffen für eine Fülle phänomeno- 
logisch grundverschiedener Erscheinungsgruppen werden mögen, ähnlich, wie 
wir das mit dem Begriff der Schizophi-enie erlebt haben. Die vorliegende, 
von skeptischer Vorsicht getragene Arbeit will den Boden für die kommende 
Auseinandersetzung zwischen Eidetik und Psychiatrie bereiten helfen. 

Den Sockel der Arbeit bildet eine Beweisführung, die uns Psychoanalytiker 
besonders interessiert, denn sie belegt mit einer Reihe guter Argumente die 
Freudsche Hypothese der Zweizeitigkeit des Wahmehmungsvorgangs, wie 
sie in der Arbeit „Notiz über den Wunderblock" niedergelegt ist. Scharnke 
schreibt: Jan seh, der Begmnder der Eidetik, nimmt an, daß „Wahr- 
nehmung und Vorstellung . . . die Endpunkte einer ganz normalen Entwicklung 
aus der gemeinsamen Wurzel der Anschauungsbilder heraus (seien) . . . Wir 
(aber) müssen prüfen, ob es wirklich fließende Übergänge zwischen Wahr- 
nehmung und Vorstellung geben kann ... Es gibt nun . . . sehr gewichtige 
Gründe für die Annahme, daß die Empfindungen, bzw. Wahrnehmungen 
einerseits und die Vorstellungen, bzw. Erinnerungen andererseits nicht an 
die gleichen Hirnelemente, bzw. Hirnterritorien gebunden sein können . . . 
Die Elemente der Kaikarina müssen, wenn die Funktion des Empfindens 
und Wahrnehmens ungestört ablaufen soll, blitzschnell in den Zustand vor 
der Empfindung zurückkehren, um zur Aufnahme der nächsten Empfin- 
dung bereit zu sein ; es läßt sich schwer vorstellen, daß sie außerdem 
zum dauernden Festhalten einer Empfindung geeignet sein könnten. 

Die für die Aufnahme und Konservierung der Vorstellungen, bzw. Erinne- 
rungen bestimmten Elemente, bzw. Himterritorien dagegen sind in ihrer 



¥ 

w 



Referate 135 



Funktion einer photographischen Platte vergleichbar; denn sie sollen ja 
festhalten, was sie einmal aufgenommen haben, und sie halten ja auch viel 
mehr fest, als man gemeinhin anzunehmen pflegt ... Es läßt sich wirklich 
sehr schwer vorstellen, daß dieselben Hirnelemente für das Wahrnehmen 
intakt, für das Behalten und Wiedervorstellenkönnen aber schwer geschädigt 
sein sollen und ebenso schwer ist es, sich vorzustellen, daß dieselben Hirn- 
elemente blitzschnell zu jeder neuen Empfindung, bzw. Wahrnehmung bereit 
sein und dabei doch die eben empfangenen Empfindungen und Wahrnehmungen 
als Erinnerungen sollen konservieren können. Denn wir wissen aus der 
Pathologie vieler krankhafter Hirnzustände, z. B. aus der nach Gehirn- 
erschütterungen mit großer Häufigkeit, ja fast Regelmäßigkeit sich einstellenden 
retrograden Amnesie, daß das Engraphieren ofi'enbar Zeit braucht. Wir 
würden es ja sonst nicht verstehen können, daß bei einer Gehirnerschütterung 
oder bei mißglücktem Erhängungsversuch eine mehr oder weniger große 
Menge des kurz vor der Hirnschädigung, also bei noch gesundem Himzustand 
Erlebten, für immer aus der Erinnerung ausgelöscht ist und bleibt, geradeso 
als ob es niemals erlebt worden wäre. " — Es erübrigt sich hier die Parallele 
dieser Gedankengänge zu der Arbeit Freuds mit Zitaten aus dieser zu belegen. 

Da nun also das Charakteristikum der Sinnestäuschung die Wahrnehmung 
ist, während es sich beim eidetischen Phänomen um eine Vorstellung handle, 
glaubt Scharnke zwischen den beiden Erscheinungskomplexen durchweg 
einen prinzipiellen Unterschied feststellen zu können. Er kommt zum Schluß, 
daß man keine Beziehungen annehmen dürfe zwischen Anschauungsbildem 
und Halluzinationen, „denn die Anschauungsbilder sollen ja nach Jan seh 
fließende Übergänge besitzen zu den Vorstellungen hin, während die Halluzina- 
tionen gesehen und für reale Objekte gehalten werden, also von den Vor- 
stellungen streng zu trennen sind . 

Der Lösungsvorschlag, durch Einordnung der diskutierten Seelenvorgänge 
unter die zwei Begriffe Vorstellung und Wahrnehmung eine eindeutige 
Diskussionsvoraussetzung zu schaffen, will uns angesichts der Reichhaltigkeit 
und Vielgestaltigkeit beider Phänomengruppen zu einfach erscheinen, wie 
denn auch E. J ä n s c h in der anschließenden Diskussion auf die Tatsache 
hinweist, daß es nicht nur „vorstellungsnahe", sondern auch „nachbildnahe 
Anschauungsbilder gebe, welch letztere den Wahrnehmungen sehr nahe 
stünden; eine Tatsache, die schon allein methodologische Bedenken gegen 
Scharnkes Versuch weckt. B a II y (Berlin) 

Katz, O.: Psychologische Probleme des Hungers und 
Appetits. Der Nervenarzt, Jg. I, H. 6. 

Es ist ein erfreuliches Zeichen, daß die Psychologen endlich für die vitalen 
Probleme Interesse zeigen. Bis jetzt sind Erscheinungen wie etwa Hunger und 
Appetit von ihnen ziemlich ungeachtet geblieben. Katz greift das Problem 
in richtiger, lebendiger Weise an. Er betont, daß für das Verständnis des 
Appetitproblems nicht künstlich herauspräparierte Empfindungen maßgebend 
sind, sondern vitale, komplexe Erlebnisse, wie Speise, „Rost", Nahrung. Im 
Hunger, im Appetit sind erlebnismäßig Spannungen mitgegeben, die nach 
Ausgleich drängen. Nicht statische Empfindungen, etwa von der Art der Ge- 
sichtsempfindungen, sind charakteristisch für Hunger und Appetit, sondern ihre 



f 



136 Referate 

ausgesprochene dynamische Struktur. Bei der Dynamik des Hungers und 
Appetits ist auf physiologischer Seite der Tätigkeit der Speicheldrüse und der 
Sekretionstätigkeit des Magens zu gedenken. Es besteht eine weitgehende 
Parallele zwischen der psychologischen und der physiologischen Dynamik der 
Hunger- und der Appetitvorgänge. 

Verfasser betont die Wirkung affektiver Momente auf die Vorurteile bei 
der Ernährung. Er meint, daß unzählige Speisevorschriften, Speisegebote und 
-verböte magische Wurzeln haben und nicht rationell abgeleitet werden können. 
Beobachtungen an seinen eigenen Kindern lehrten Katz, daß eine derartige 
magische Handlung bei der Nahrungsaufnahme auch spontan dem kindlichen 
Verhalten entspringen kann. Eines seiner Kinder verlangte einmal den Hals 
des Huhnes zu essen, wie es selbst begründet, damit es besser atmen könne. 
Das Kind klagte in der Zeit über Atmungsschwierigkeiten, es behandelte 
offenbar den Hals als Atmungsorgan. Auch das Herz des Geflügels wurde von 
den Kindern sehr begehrt. Sicher war auch dabei die Annahme der Kinder, 
daß die Eigenschaften des als Nahrung einverleibten Tieres dem, der es ißt, 
als Charakter verbleiben, maßgebend. 

Schließlich meint Ratz, die Beobachtungen an seinen Kindern legen es nahe, 
gewisse Beziehungen zwischen Körperkonstitution und Geschmacksneigung an- 
nehmen zu können. Gero (Wien) 

Döring, Oskar Woldemar: Psychoanalyse und Individual- 
psychologie. Charles Coleman, Lüheck, I928, IO5 S. 

Der Autor gibt in dem Büchlein sechs Vorträge, von ihm in Lübeck ge- 
halten, wieder. Er erscheint darin als ein gründlicher Kenner der „Vorlesungen 
zur Einführung in die Psychoanalyse", die er seiner kurzen, im wesentlichen 
bejahenden, sehr klaren Darstellung der psychoanalytischen Ergebnisse zu- 
grunde legt. Auch die zugehörigen Beispiele für Fehlleistung, Traum und 
neurotisches Symptom sind den „Vorlesungen" entnommen. Nur dem Ödipus- 
komplex und der „Überschätzung" der Bedeutung der Sexualität für das Seelen- 
leben gegenüber wird der sonst zur Analyse so positiv eingestellt erscheinende 
Verfasser vorsichtig. Er schlägt vor, anzunehmen, 50 Prozent der von Freud 
genannten Fälle seien auf Konto des Geschlechtstriebes zu setzen; auch dann 
bleibe der Kern der Freudschen Lehre unangetastet. Für die restlichen 
50 Prozent springt ihm die Individualpsychologie Alfred Adlers rettend ein, 
die die Ichtriebe als Veranlasser der Neurose betrachtet, während die Sexualität 
eine untergeordnete Rolle spiele. Der Verfasser vermißt bei Freud ohnehin 
die „stärkere Herausarbeitung des Gedankens der Einheitlichkeit des mensch- 
lichen Seelenlebens". Freud vertrete eine dualistische Auffassung des Seelen- 
lebens. Der Verfasser läßt hier außer acht, daß die Doppeldarstellung der 
psychologischen Vorgänge eine Notwendigkeit aus der Existenz des Unbe- 
wußten ist, die er doch vorher voll anerkannt hat. Auch scheint ihm die 
Betonung der vereinheitlichenden organisatorischen Tätigkeit des Ich in den 
letzten Freudschen Schriften entgangen zu sein. Diesen angeblichen Mangel an 
der Freudschen Lehre fülle wiederum Alfred Adler aus, der im Begriffe der 
Individualität, d. h. der Einheitlichkeit und Einzigartigkeit der menschlichen 
Persönlichkeit, den Grundbegriff der Psychologie sehe. Mit der gleichen Wärme 
und Begeisterung für eine neue Lehre, die die Darstellung der Analyse kenn 



Referate 



137 



zeichnen, wird Adlers Theorie entwickelt. Der Verfasser findet zwischen 
Freuds und Adlers Theorie keinen Widerspruch, sondern „Übereinstimmung 
und Gegensatz", den Gegensatz erklärlich aus der „unerschöpflich reichen 
individuellen Gestaltung des Seelenlebens". Ridiard Sterba (Wien) 

Aus der psychiatrisch-neurologischen Literatur 

Jung, C. G.: Die Beziehungen zwischen dem Ich und 
dem Unbewußten. Reidil- Verlag, Darmstadt I928. 
Dieses Buch zeigt deutlich die Linie, auf der sich Jung — wie wir 
glauben, vom unmittelbaren Verständnis für die realen Tatbestände weg — 
entwickelt hat. Die Schrift stellt den Niederschlag der Erfahrungen Jungs an 
den modernen -Neurosenformen dar, wie wir sie alle in unserer Praxis immer 
mehr die alten verdrängen sehen. Die Krankheitsbilder in ihrem ganzen viel- 
gestaltigen Aufbau werden mit psychologischem Scharfblick geschaut; auch hat 
Jung ein therapeutisches Vorgehen ausgebildet, das Parallelen mit unserer 
Ichanalyse aufweist. Dagegen entwickelt er an Stelle einer fruchtbaren libido- 
genetischen und ökonomischen Anschauung eine Betrachtungsweise, die in eine 
dämonologische Verpersönlichung gewisser Anteile unserer Psyche mündet. 

Bally (Beriia) 

Hilger, W.: Die Suggestion. Gustav Fischer, Jena I928, 

Der Verfasser stellt sich durch die sittlichen und religiösen Wertungen, 
mit denen er sein Buch erfüllt, von Anfang an außerhalb des Bodens der 
Psychologie und betritt ihn auch im Verläufe seiner Untersuchung kaum je- 
mals. Eine Abgrenzung der suggestiven gegenüber anderen Einwirkungen der 
Außenwelt ist nicht getroffen; so wird die Wirkung der Kunst, der Land- 
schaft, der Architektur als eine suggestive bezeichnet. Dagegen ist der Ver- 
fasser ängstlich bemüht, zu zeigen, daß die Religion keine Suggestion sei, der 
religiöse Glaube vielmehr ein „ursprüngliches Postulat der Seele". So ist ihm 
das „servitium dei -prima libertas" . Trotzdem wird als therapeutischer Behelf 
neben der Suggestion durch den sittlichen Zuspruch des Arztes und durch die 
schöne Natur auch die suggestive Wirkung der Teilnahme am gemeinsamen 
Gottesdienst der Gemeinde, der telephonischen Übertragung des Orgelspieles 
an das Krankenbett und des Gesanges einer Konfirmandenklasse empfohlen. 
In einem solchen Rahmen bleibt freilich für psychoanalytische Erkenntnis und 
Therapie kein Raum. Ridiard Sterba (Wien) 

Krisch, Dr. Hans: Die hysterische Reaktionsweise. 
Urban und Sdiwarzenberg, Berlin- Wien I928. 

Das Buch, das sich speziell mit der diagnostischen Abgrenzung des hyste- 
rischen Symptoms gegenüber dem organischen Leiden und gegenüber der 
Simulation eingehend beschäftigt und dem Nervenarzt wertvolle praktische 
Winke für das Krankenmaterial der Ambulanz und der Sprechstunde gibt, ist 
von analytischer Neurosenauffassung deutlich beeinflußt. So spricht der Ver- 
fasser von einer teleologischen Definition der hysterischen Reaktion und von 
Willensvorgängen als Triebfedern derselben, er kennt die Affektdynamik der 



138 Referate 

Neurose u. dgl. m. In der Einleitung meint er: „Eine Hemmung, die ich zu 
überwinden hatte, ist die, daß ich zu der Psychoanalyse Stellung nehmen 
muß, da ich zu der Ansicht gekommen bin, daß an den psychoanalytischen 
Ergebnissen nicht nur nicht alles falsch ist, die von mir als richtig aner- 
kannten Kernstücke der Psychoanalyse vielmehr sogar wertvolle Fortschritte 
darstellen. Die Stellungnahme des Verfassers ist aber im weiteren freilich 
eine solche, daß von der Analyse nichts übrig bleibt als die Korrekturen, die 
Stekel an der Freudschen Lehre vorgenommen hat, während die Lehre selbst 
bis auf ganz weniges teils mißverstanden, teils abgelehnt wird. Es sei „ein 
großer Fehler, die Verhältnisse so darzustellen, als wenn in erster Linie die 
sexuellen Konflikte die pathogenen wären. Diesen Fehler vermeidet Stekel, 
. . . der die Freudsche Lehre vom Unbewußten und der Libido ablehnt . . ., 
die infantilen Traumata nicht überwertet ..." Der „populäre" Begriff „unbe- 
wußt für die Motive hysterischer Reaktionen könne nur für verhältnismäßig 
wenige Persönlichkeiten mit einer Intelligenzschwäche (!) angewendet werden. 
In der Therapie sei der Begriff der Übertragung „zumindest überflüssig". Die 
Analytiker „brauchen bei ihrer Therapie nur deshalb so viel Zeit, weil sie 
ihre falschen Theorien beweisen, oder aber das erblich Determinierte psycho- 
logisch angreifen wollen". Aber dafür wird dem Therapeuten das ganze Rüst- 
zeug aus dem Stekelschen Arsenal anempfohlen; es werden ihm „Anhiebs- 
heilungen geschildert, er habe bei Jugendlichen auf den Onaniekomplex, bei 
verheirateten Frauen auf Ehekonflikte zu „tipen" usf. Die vom Verfasser als 
„richtig anerkannten Kernstücke" der Psychoanalyse sind also meist solche, 
die die Analyse im Freudschen Sinne ablehnt. Richard Sterba (Wien) 

Flatau, Georg: Neue Anschauungen über die Neurosen 
und ihr Einfluß auf die Therapie. Abh. aus d. Gebiete der Psycho- 
therapie u. med. Psydiologie, H. 7. Enke, Stuttgart I928. 
Die 52 Seiten starke Broschüre gibt ein gutes, bei aller Knappheit doch 
übersichtliches Bild der herrschenden Neurosenlehren. Im Zentrum der 
Darstellung steht die Frage der traumatischen Neurose; an ihr wird die 
Problemstellung und die Formulierung der differenten wissenschaftlichen 
Meinungen am deutlichsten. Man kann an dieser referatartigen Wiedergabe 
der verschiedenen Neurosentheorien sehen, wie die Konfliktlehre der Analyse 
in breitesten Forscherkreisen befruchtend gewirkt hat. Ein eigenes Kapitel ist 
dem „Sexualleben und seiner Bedeutung für die Neurosenforschung" gewidmet. 
Hier kann der Verfasser nicht gut ein Eingehen auf die Analyse vermeiden. 
Aber man merkt, er entschließt sich zu einer Darstellung der Freudschen 
Lehre nur ungern: „Eine Darstellung wie die vorliegende kann natürlich 
nicht an der Freudschen Lehre vorbeigehen. Man hat allerdings das Gefühl, 
sich entschuldigen zu müssen, wenn man die Unzahl der auf Freud 
bezogenen Arbeiten noch vermehrt." (Gesperrt vom Ref.) Der Verfasser gibt 
gleich im Anschluß an die Wiedergabe der analytischen Theorie eine Erklärung 
für ihre Verbreitung: „Dem Eindringen der PsA. in die Fachwissenschaft, 
aber sonderlich in die Kreise des gebildeten Laientums günstig war ihre 
scheinbare (!) Folgerichtigkeit, die Fähigkeit, für alles und jedes, für jeden 
Einwand eine Erklärung zu geben, ihre Befriedigung des Erklärungsbedürf- 
nisses. Bestechend und blendend wirkte auch die Anlehnung an gewisse der 



Referate 



139 



sogenannten Vulgärpsychologie angehörige, durch Verallgemeinerung gewonnene 
Überzeugungen. Nicht zu übersehen ist auch, daß zur Zeit des ersten Auf- 
tretens eine gewisse Stagnation in der Erforschung und Behandlung der 
Neurosen eingetreten war. " Wie überall, begegnet auch bei Flatau die Freudsche 
Libidotheorie den schwersten Widerständen. Er wendet sich gegen die „Über- 
treibungen der Sexualtheorie", hat sehr schwere Bedenken gegen die „an- 
genommene Sexualität der frühen Kindheit" und findet die „pansexualistische 
Einengung des Trieblebens" unberechtigt. In Bezug auf die Therapie der 
Neurosen meint der Autor mit Frank, der Psychotherapeut müsse „Eklektiker 
und Kombinator" sein. Er empfiehlt eine Reihe von therapeutischen Methoden, 
so die beruhigende, seelisch führende Behandlung nach Oppenheim, Jod und 
Thyreoidea nach Dattner, die Hypnose als kalmierendes Mittel, die Psychagogik 
nach Kronfeld. Als Therapie wird die Psychoanalyse nicht genannt, doch 
schließt das Büchlein mit einer eindringlichen Warnung: „Noch eines geht 
aus allem mit Sicherheit hervor: Psychotherapie ist lediglich Arztsache ; Laien- 
behandlung ist abzulehnen; ganz verfehlt ist m. E. die psychoanalytische 
Laienbehandlung." Aus dem letzten Satz ist wohl auch eine Ablehnung der 
Analyse als Therapie herauszulesen. Ridiard Sterba (Wien) 

Mette, Alexander: Über Beziehungen zwischen Sprach- 
eigentümlichkeiten Schizophrener und dichterischer 
Produktion. Dion-Verl. Liebmann und Mette, Dessau I928. 

Es fäl^' nicht leicht, diese überaus differenzierte und subtile Arbeit in ein 
paar Sätzen zu erfassen. Sie kommt, das ist kein Zweifel, zu einem Endergebnis, 
das den Analytiker nicht befriedigen kann. Daß sich in der Sprache Schizo- 
phrener wie auch in der der Dichter (wir dürfen vielleicht hinzufügen, gewisser 
Dichter) Regression und Introversion dokumentieren, ist uns nichts Neues. 
Die Auskunft, daß es die sensibeln und emotionalen Elemente seien, die in 
beiden Fällen zum Gestalten drängen, kann für uns nur eine vorläufige sein, 
hinter der wir den verdrängten homosexuellen Konflikt vermuten. 

Dieses Endergebnis läßt aber keineswegs eine negative Kritik an der Arbeit 
zu. Es ist im Gegenteil einer gerechtfertigten Vorsicht vor zu frühen Schlüssen 
zu verdanken, denn der Verfasser hat sich seine Aufgabe nicht leicht gemacht. 
Er ist der Materie auch an den Stellen nicht aus dem Wege gegangen, wo 
ein Eindringen kaum gewonnene Positionen relativiert, und ist bei jedem 
Schritt bemüht, alte Ansichten neuen Einsichten weichen zu lassen. So ist 
das Büchlein eine Arbeit geworden, die in jedem Satz, in jeder Zeile 
Anregungen bietet. Baliy (Berlin) 



Aus der psychoanalytischen Literatur 

Hollos, Istvan: Hinter der gelben Mauer. Von der Be- 
freiung der Irren. Hippokrates -Verlag, Stuttgart, 1928. 

Während sonst im Berufspsychiater unter dem Einfluß der Psychoanalyse 
eine langsame Amalgamierung abläuft, eine zu langsame, kommt es in der 
in beiden Wissenschaften so versierten Persönlichkeit von Ho 116s zu einer 



140 



Referate 



Explosion I Ihm geht es nicht nur um die Wissenschaft, ihm geht es auch 
um die Menschlichkeit. Er widmet dieses Buch „der Schulpsychiatrie in 
ehrlicher Gegnerschaft". 

In gemeinverständlicher Form, in gefälligen kleinen Aufsätzen entrollt der 
Verfasser die Entsetzlichkeiten einer typischen Provinz-Irrenanstalt, der Ein- 
lieferung und Absperrung, der Zwangsjacke und des Wärterelends mit den 
Wärtern, denen das Irren warten nur Zufallsberuf ist. Angst vor den Gewalttaten der 
Irren bedrückt ihn nicht, denn er beruft sich auf seine Erfahrung : „Je mehr 
Freiheit wir den Kranken gaben, desto weniger Schauertaten ereigneten sich." 
Die Psychoanalyse, die hier eindrucksvoll in ihren Hauptzügen dargestellt 
wird, ist das Heil auch für die Irren. „Geisteskrankheit ist Rückzug" (Re- 
gression). „Jeder hat im Kindesalter eine Urzeit durchlebt mit wunderbaren 
Allmächtigkeiten, halluzinatorischen Wunscherfüllungen, da man Gott, König 
und Held war. Wer diesen Traum verwirklichen kann, der ist ein Held, 
wer ihn beschreiben kann, ein Dichter, wer endgültig in diesen Traum 
zurücksinkt — ist der Geisteskranke . . . Ich habe nur ein Sehnen: den 
Geisteskranken zu befreien I Und dazu müßte man ihn verstehen." Hollös 
schlägt vor, die Geisteskranken zu analysieren und, wenn sie abschließungs- 
bedürftig sind, in kleine Pflegehäuser unterzubringen. Von dort gelangt der 
Kranke in das freie Leben, doch in den Schranken der ärztlich kontrollierten 
und verständnisvollen „Familienpflege"; schließlich kehrt er zurück in seine 
Familie. Denn es sei zweifellos, daß der Kranke den Konflikt, der ihm in der 
Kindheit die verhängnisvolle Wunde beibrachte, in famüienhafter Situation 
wieder erleben und restlos lösen müsse. 

Man kann diesem Buch voll Mut und Glut nur die weiteste Verbreitung 
"»wünschen! Hitschmann (Wien) 

Symons N. J.: On Throwing Dishes from a Window in 
Dreams. Internat. Journal of Ps.-A., VIII., I. 

An einem Traum, in dem Schüsseln zum Fenster hinausgeworfen werden, 
weist die Deutung ganz in Übereinstimmung mit Freud nach, daß die 
Schüsseln Kinder bedeuten. Der Autor fragt sich, was wohl das tertium 
comparationis zwischen Schüsseln und Kinder sein möge, und findet 
folgende Antworten: i) Schüsseln sind ein wichtiges Inventar des Hauses. 
2) Da Essen Sexualsymbol ist, können Tischgeräte leicht Kindersymbole 
werden. 5) Diese Symbolik wird durch die orale Schwangerschaftsphantasie 
verstärkt. 4) Insoferne Schüsseln Hohlgegenstände sind, die Inhalte in sich 
aufnehmen, können sie durch die Darstellung durch das Gegenteil auch 
Inhalte von Hohlräumen symbolisieren. 5) Schüsseln und Kinder sind „leicht 
zerbrechlich". 6) Schüsseln und Kinder müssen gewaschen werden. 7) Die 
Zerbrechlichkeit der Schüsseln erinnert an die Defloration, die Schüssel 
erhält die Kindbedeutung auch auf dem Umweg über die Hymenbedeutung. 

Fenichel (Berlin) 




KORRESPONDENZBLATT 

DER 

INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN 

VEREINIGUNG 



Redigiert von Anna^^Freud, Zentralsekretärtn 



Mitteilungen des Zentralvorstandes 



I 



l) Sdiweizer ärztlidie Gesellsdiaft für Psydtoanalyse 

Am 7. Januar 1928 hat der langjährige Vorsitzende der Schweizer Psycho- 
analytischen Vereinigung, Dr. Emil Oberholze r, nach vorhergegangener 
Niederlegung seines Amtes mit einer Reihe von ärztlichen Mitgliedern unserer 
alten Schweizer Zweigvereinigung (Dr. med. H. Baenziger, Privatdozent Dr. med. 
R. Bj-un, Dr. med. A. Großmann, Dr. med. A. Löpfe, Dr. med. M. Müller, Frau 
Dr. med. M. Oberholzer und Dr. med. H. J. Schmid) eine neue psychoanalytische 
Vereinigung gegründet, die „Schweizer ärztliche Gesellschaft für Psychoanalyse". 
Im Februar 1928 hat nun die heue Gesellschaft den Zentral vorstand 
der IPV um ihre Aufnahme in unseren Verband angesucht, dieses Gesuch 
in einem längeren Memorandum motivierend. Der Zentralvorstand der IPV sah 
sich nach reiflicher Prüfung des Sachverhaltes genötigt, dieses Gesuch abzulehnen, 
weil die angeführten Motive, welche die Neugründung zu rechtfertigen suchten, 
ihm nicht ausreichend zu sein schienen und weil er es vor allem sehr bedauerlich 
empfand, daß kein anderer Weg als die Spaltung einer alten Gruppe hatte 
gefunden werden können, um eingetretene Schwierigkeiten zu überwinden. 
Ein neuer Vorstand, an dessen Spitze der Kollege Dr. med. Ph. Sarasin 
steht (neben ihm die Herren Zulliger, Dr. med. E. Blum, Dr. med. H. Behn- 
. Eschenburg und Pfarrer Pfister), übernahm die Leitung der alten Schweizer 
Gruppe imd ging mit verheißungsvollem Ernst an die Belebung und Vertiefung 
der Arbeit in der Vereinigung. 



142 Korrespondenzblatt 



2) Sociedade Brasileira de Psychoanalyse in San Paulo (Brasilien) 

Ende vorigen Jahres ist in San Paulo die „Sociedade Brasileira de Psycho- 
analyse" gegründet worden, mit dem Zweck, die psychoanalytischen Studien 
in Brasilien zu zentralisieren und das Interesse für unsere Lehre in den 
wissenschaftlichen Kreisen dieses Landes zu verbreiten. Der provisorische 
Vorstand der neuen Vereinigung setzt sich aus folgenden Herren zusammen: 
Präsident: Prof. Dr. Franco da Roche, Prof. i. R. der Psychiatrischen Klinik 
der medizinischen Fakultät von San Paulo, Gründer und ehemaliger Direktor 
des Hospitals von Juquery; Vizepräsident: Prof. Dr. Raul Briquet, Professor 
der obstetrischen Klinik der medizinischen Fakultät von San Paulo; Kassen- 
wart: Prof. Lourenco Filho, Professor der Psychologie an der Akademie 
des höheren öffentlichen Unterrichts von San Paulo ; Schriftführer: Dr. Durval 
Marcondes, Psychiater der ärztlichen Schulinspektion von San Paulo. Der 
Schriftführer der neuen Vereinigung hat dann auch sehr bald in der kollegialsten 
Weise Beziehungen zu der IPV angeknüpft. Seither hat die neue psycho- 
analytische Gesellschaft auch ein eigenes Organ, die „Revista Brasileira de 
Psychoanalyse", das in vielversprechender Weise und mit schönem Elan der 
neuen Gesellschaft zu dienen sich anschickt. 

3) XL Internationaler PsydioanalytisAer Kongreß 

Laut Beschluß unseres letzten, des X. Psychoanalytischen Kongresses in 
Innsbruck findet der nächste Kongreß in England statt, und zwar in Oxford 
vom 27. bis 51. Juli 1929. Mit Rücksicht auf den diesmaligen früheren 
Termin des Kongresses bitten wir die Kollegen, geplante Vorträge bis spätestens 
1. März 1929 beim Vorsitzenden der IPV anmelden zu wollen. 

M. Eitingon, Anna Freud 



Dr. Georg Wanke f 

Am 18. Oktober 1928 starb in Friedrichroda im Alter von 62 Jahren 
Sanitätsrat Dr. Georg Wanke, langjähriges Mitglied unserer Gesellschaft. 

Dr. Wanke war einer der ältesten und treuesten Anhänger der Psycho- 
analyse. Von seinen philosophischen Studien her ganz unter dem Einfluß 
Spinozas stehend, lernte er schon im Jahre 1896 Freuds Schriften kennen 
und erkannte deren außerordentliche Bedeutung für Psychologie und Psycho- 
therapie, denen er sein Interesse zugewandt hatte. Wie er in der Einleitung 
seiner populären Darstellung der Psychoanalyse selbst erzählt, war es insbesondere 
ein Satz in Spinozas Ethik, der ihn den geradlinigen Weg zur Psychoanalyse 
finden ließ : „Affectus qui passio est, desinit esse passio, simulatque ejus claram 
et distinctam formamus ideam." „Ein Affekt, der ein Leiden ist, hört auf 
ein Leiden zu sein, sobald wir eine klare und deutliche Vorstellung von ihm 
bilden." Seine Liebe für Spinoza hat er auch in seiner späteren, analytischen 
Zeit bewahrt. 1927 hielt er auf dem internationalen Spinozistenkongreß im 
Haag einen Vortrag über „Spinoza und die Psychoanalyse" und arbeitete seit 
vielen Jahren an einem größeren Werk über dasselbe Thema, dessen VoU- 
■endung ihm nicht mehr vergönnt war. 



Korrespondenzblatt 



143 



Dr. Wanke hat sich um die Verbreitung der Psychoanalyse große Ver- 
dienste erworben. Schon im Jahre igoi hielt er im Ärzteverein Gotha einen 
Vortrag (abgedruckt im Reichsmedizinalanzeiger 1902), in dem er für die 
damals noch so junge Psychoanalyse eintrat. Aus einem zweiten Vortrag, der 
am selben Orte 21 Jahre später stattfand, ging seine volkstümliche Schrift 
„Psychoanalyse. Geschichte, Wesen, Aufgaben und Wirkung. Für Arzte, 
Geistliche und Juristen sowie für Eltern, Lehrer und Erzieher" hervor. Das 
Buch erschien 1924, fand insbesondere in Lehrer kreisen eine rasche Ver- 
breitung und erlebte bereits nach zwei Jahren eine zweite Auflage. — ■ Drei 
Vorträge, die Dr. Wanke noch in den Vorkriegsjahren in der Mitteldeutschen 
Psychiater- und Neurologenversammlung in Leipzig, Halle und Dresden hielt, 
blieben damals noch gänzlich ohne Wirkung. Ein späterer Vortrag in der- 
selben Versammlung im Jahre 1925 in Jena fand bereits willige Zuhörer 
und eine lebhafte — inoffizielle — Diskussion. — 1919 veröffentlichte 
Dr. Wanke eine kleine Broschüre „Jugendirresein , für Ärzte, Juristen und 
Erzieher. Femer sind von ihm im Laufe der Jahre einige kleine Beiträge 
zur analytischen Kasuistik erschienen. 

Der Schwerpunkt der analytischen Tätigkeit Dr. Wankes lag in seinem 
ärztlich- therapeutischen Wirken. Seine seit vielen Jahren bestehende Kur- 
anstalt w^ar eine der ersten, in die die analytische Therapie Eingang gefunden 
hatte. 

Infolge der räumlichen Entfernung hatte Dr. Wanke nur selten, in der 
letzten Zeit immer seltener Gelegenheit, sich an den Sitzungen unserer Gesell- 
schaft zu beteiligen. Unsere älteren Mitglieder haben ihn meist noch persön- 
lich gekannt und brachten seinem gütigen und freundlichen Wesen aufrichtige 
Sympathie entgegen. 

Dr. Wanke stand zeitlebens auf einem „Außenposten" der psychoanal5rtischen 
Bewegung. Es ist ihm geglückt, diesen Posten, den er einst als einsamer 
Bannerträger unserer Wissenschaft bezogen hatte, seither durch seine uner- 
müdliche und von echter Überzeugung durchdrungene Tätigkeit in Ehren zu 
behaupten. 

Deutsdie Psydioanalytisdie Gesellsdiaft 



Prof. M. A. Reußnerf 

Am 5. August dieses Jahres starb infolge eines Magenkrebses im Alter von 
60 Jahren Prof. M. A. Reußner, einer der Begründer der russischen 
psychoanalytischen Gesellschaft. 

Prof. Reußner begann seine wissenschaftliche Tätigkeit als Dozent der 
Rechts- und Staatstheorie an der Universität zu Tomsk. Infolge seiner anti- 
monarchistischen Gesinnung wurde er von der zaristischen Regierung verfolgt 
und war gezwungen, ins Ausland zu ziehen. Dort nahm er an der deutschen 
sozialdemokratischen Bewegung Teil und trat nach seiner Rückkehr in die 
Heimat im Jahre 1905 in die bolschewistische Partei ein. Im Jahre 1907 
kehrte er als Dozent der Petersburger Universität zu seiner wissenschaftlichen 
Tätigkeit zurück. 

Prof Reußner war einer der aktiven Teilnehmer der Oktoberrevolution 
und des Bürgerkrieges. Er war der Verfasser des ersten Gesetzes über die 



*44 Korrespondenzblatt 



Scheidung der Kirche vom Staate, einer der Redakteure der Sowjetkonstitution 
und Begründer der kommunistischen Akademie in Moskau. Gleichzeitig wirkte 
er als Professor der ersten Staatsuniversität zu Moskau. 

Prof. Reußner verfaßte eine Reihe von grundlegenden Arbeiten auf 
dem Gebiete der Staats- und Rechtsphilosophie. In den letzten Jahren widmete 
er seine Aufmerksamkeit soziologischen Fragen, insbesondere der Soziologie 
und Psychologie der Religion. Diese Fragen bildeten das Thema, das ihn 
zur Psychoanalyse brachte. In den Arbeiten: „Freud und die Freud sehe 
Schule^ über die Religion" und „Sozialpsychologie und die Freud sehe 
Schule hob er die Bedeutung des Unbewußten, der Sexualität und der von 
Freud entdeckten psychischen Mechanismen für die Religionswissenschaft 
hervor.^ Zugleich war er bemüht, die Freud sehe Religionstheorie mit der 
marxistischen Religionsauffassung in Einklang zu bringen. 

Mit besonders großer Begeisterung begrüßte er das Erscheinen von Freuds 
„Zukunft einer Illusion", als das einer tapferen nüchternen Stimme im 
heutigen religiösen Wirrwarr. 

Prof. Reußner starb inmitten reger Arbeitspläne und auf dem Höhe- 
punkte seiner Arbeitsfähigkeit. 

Russisdie Psydioanalytisdbe Gesellsdiaft